
Die digitale Welt ist kein neutraler Raum. Algorithmen auf TikTok und Roblox sind darauf programmiert, Aufmerksamkeit zu binden – oft um jeden Preis. Im zweiten Teil unseres Gesprächs mit der Autorin und DigiFö-Initiatorin Ludmila Schindler gehen wir einen Schritt weiter.
Es geht um die emotionale Abhängigkeit von Jugendlichen, die schleichende Radikalisierung in Gaming-Communities und die Frage, warum Bildungspolitik und Tech-Unternehmen bisher zu wenig entgegensetzen.
Haben Sie den Einstieg verpasst? In Teil 1 des Interviews analysiert Ludmila Schindler die konkreten Gefahren im „Tatort Kinderzimmer“.
Welche Rolle spielen soziale Medien und Gaming-Plattformen bei der Radikalisierung oder emotionalen Abhängigkeit von Kindern?
Weltweite Warnungen vor offenen Spieleplattformen wie „Roblox“ als gefährlichen und zu lange unterschätzten digitalen Spielort für Kinder, vor der Droge „TikTok“, das auf erschreckende Art und Weise im Rekordtempo süchtig macht, vor der Ausbeutung kindlicher Emotionen durch Techkonzerne, vor Snapmaps, die den Standort jedes Kindes lokalisieren können und vor der künstlichen Intelligenz, die demnächst auch die Schulen erobern wird, überlasse ich Experten, die sich in den letzten drei Jahren immer öfters in der Öffentlichkeit zu Wort melden oder Initiatoren, die sich für eine Smartphone-freie Zeit bis zum neunten Pflichtschuljahr aussprechen.
Wir befinden uns mittlerweile in einer Zeit, in der verschiedene Elternbewegungen entstehen, um Unterschriften für Social-Media-Verbote für unter 16-Jährige zu sammeln oder wo ein Lehrer, der drei Wochen lang seine Schüler dazu brachte, ihre Smartphones zuhause zu lassen, eine Sensation darstellt und es bis in die Schlagzeilen im Fernsehen und in einer Tageszeitung brachte.
Diese für alle unbefriedigende Situation ist der Nährboden für radikale Entscheidungen, die Jugendliche in ihrer Orientierungslosigkeit und auf der Sinnsuche treffen und die nicht selten demokratiegefährdend sind, weil sie mit dem Begriff „Demokratie“ nichts anfangen.
Bildung schützt vor Indoktrination, Einflussnahme und Manipulation durch andere, die vielversprechende Lösungen versprechen.
Bildung schärft die Sinne für Produktivität statt für Destruktivität. Minderwertigkeitsgefühle entstehen bei jungen Menschen durch die Erkenntnis, nichts zu können und sich nicht gebraucht zu fühlen. Ohne jegliche Kompetenzen fehlt ihnen der Glaube an sich selbst, also beginnen sie an das zu glauben, was ihnen andere einsagen.
Die Fähigkeit zu unterscheiden, was falsch oder richtig ist, wird nicht durch Konsumation von digitalen Inhalten ausgebildet, sondern durch Erwachsene, die Werte vermitteln.
Wenn Kinder und Jugendliche in einem Zustand in die Schule kommen, der die Vermittlung dieser Werte nicht mehr ermöglicht, dann haben wir sie als nächste Generation verloren.
Welche Entscheidungen wird diese verlorene Generation für uns treffen? Wie wird sie die Gesellschaft verändern?
Wenn wir jetzt keine Entscheidungen treffen, dann übergeben wir die weitere gesellschaftliche Entwicklung in die Hände von Personen, die sich nicht um die Würde des Menschen kümmern, weil sie keine Prinzipien haben. Ethische Normen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt garantieren, verlieren ihre Gültigkeit.
Die Auswirkungen der digitalen Welten, in denen sich Kinder und Jugendliche stundenlang bewegen und die stundenlang aufgesaugt werden, zeigt sich im Umgang miteinander, sowohl in den Klassen als auch auf dem Weg zur Schule und nach Hause
Wichtig ist, dass sich Eltern untereinander austauschen. Hier habe ich das Gefühl, dass der Umgang mit der eigenen Überforderung oder Ratlosigkeit in den Familien wie ein Geheimnis behandelt wird. Jede Familie will so kompetent wie möglich im Umgang mit digitalen Sehnsüchten ihrer Kinder dastehen. Doch diese Sehnsüchte können sich schnell zu einer Sucht entwickeln. Deshalb schauen die Eltern zu lange weg und es kommt zu einer Verdrängung der Problematik, die immer größer wird und sich nicht nur auf das Zuhause beschränkt. Die Eltern schauen so lange weg, bis das Kind keine Kontrolle über das eigene Verhalten im Umgang mit digitalen Medien hat. Spätestens dann haben auch die Eltern keine Kontrolle über das Kind. Dann entstehen angespannte Situationen, die zu einer Tragödie führen können, wie wir es mittlerweile aus Medienberichten kennen.
In Gesprächen mit Betroffenen: Was hat Dich emotional am meisten bewegt oder überrascht?
In Gesprächen mit digital traumatisierten Kindern:
Ihre Gewaltfantasien gegenüber Familienmitgliedern, ihre Empathielosigkeit gegenüber ihren Mitschülern und Klassenkameraden, ihre emotionalen Störungen im Umgang mit sich selbst, ihre Einstellung zu sexuellen Themen, ihre Gleichgültigkeit gegenüber ihren Lehrer:innen und der Schule, ihr Desinteresse am Lernen neuer Dinge, ihre Panikattacken mitten im Unterricht, ihre chronischen Ticstörungen während der gesamten Volksschulzeit, ihre fehlende Freude, ihr Mangel an Selbstwahrnehmung.
In Gesprächen mit Eltern:
Verantwortungslose Eltern und Erziehungsberechtigte, die entweder bei Elternsprechtagen ihren 3 bis 4-jährigen Kindern ein Smartphone in die Hand druckten, obwohl ich Spiel- und Fördermaterial im Raum liegen habe und Eltern, die sich ihrer Verantwortung nicht bewusst sind, dass sie mit ihren digitalen Geschenken massiv in die gesunde Entwicklung ihrer Kinder eingreifen.
Während meiner Berufstätigkeit in Klassen:
Während des Unterrichts sind für mich die nicht zu übersehenden Verhaltensprobleme der Kinder das, was mir am meisten Sorgen bereitet, weil ein Schuljahr nicht reicht, um all die bereits bestehenden Schuldefizite aufzuholen. Da zuerst beim täglichen Umgang mit digitalen Medien angesetzt werden muss und parallel dazu ein Kinderpsychologe – bzw. psychiater für das Kind und ein/e Erziehungsberater:in für die Eltern engagiert werden müssen, um die ganze Familie von der digitalen Sucht zu befreien und das Verhalten miteinander neu zu gestalten.
Sind wir wirklich so machtlos gegenüber dieser digitalen Entwicklung? Haben wir verlernt, selbst gegenzusteuern und autonome Entscheidungen zu treffen, was zu geschehen hat? Ist die Ohnmacht gegenüber dem digitalen Fortschritt so groß, dass wir gelähmt sind und nicht wissen, in welche Richtung wir ausweichen können? Unsere Passivität geht auf Kosten unserer Kinder. Je länger die Erwachsenen kein Erziehungskonzept für sich finden, umso länger bleiben unsere Kinder vor den Bildschirmen sitzen. Die Anleitungen für den Alltag der Kinder kommen aus der virtuellen Welt. Die Avatare auf den Bildschirmen teilen mit, wo es entlanggeht, während sich die Eltern mit sich selbst, ihrem Handy und dem Verlust ihrer Verantwortung beschäftigen. Genau davon handelt dieses Buch.
Haben wir auf unsere Kinder vergessen?
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Du arbeitest als Autorin und Expertin sehr nah an realen Fällen. Wie schaffst Du es, professionell zu bleiben und gleichzeitig Empathie zu bewahren, ohne Dich selbst zu überfordern?
Empathiefähigkeit hat man oder nicht. Ein ehemaliger Studienkollege von mir, Dr. Claus Lamm Pionier der Empathieforschung an der Universität Wien, hat auf meine Einladung hin, vor kurzem darüber referiert.
Mein 86-jähriger Vater erzählte mir zu meinem Geburtstag im Februar, dass ich immer einen besonderen Blick, man kann es auch Intuition nennen, für die Bedürfnisse anderer hatte. Sei es für Kinder oder für Tiere (im Streichelzoo mit Wasser versorgen). Ich spürte immer, was wer wann braucht. Während meiner beruflichen Tätigkeit liegt mein Fokus auf der Sachebene. Wird es mir zu viel, weil auch ich mit dem Tempo an gravierenden Entwicklungsrückständen bei einer großen Anzahl an Schüler:innen nicht immer als Sonderpädagogin im Schulalltag mithalten kann und immer öfters Eltern zur sonderpädagogischen Beratung einladen muss, schreibe ich meine Beobachtungen nieder. Das Resultat dieser Notizen ist dieses Buch „Tatort digitales Kinderzimmer“.
Wenn Du drei klare Regeln formulieren müsstest, die jedes Elternteil sofort umsetzen sollte – welche wären das?
- Legen auch Sie Ihr Handy weg und übernehmen Sie Verantwortung für die ersten Lebens- und Entwicklungsjahre Ihres Kindes. Damit stärken Sie Ihr Kind in seiner Persönlichkeitsentwicklung und es wird widerstandsfähiger und kritischer im Umgang mit sich selbst und anderen.
- Sprechen Sie mit Ihrem Kind und lesen Sie ihm Bücher vor, um die Sprachentwicklung bereits vor Schulbeginn zu fördern.
- Gehen Sie so oft es geht mit ihrem Kind spazieren oder in den Park und bewegen Sie sich regelmäßig gemeinsam mit Ihrem Kind. Bewegte Körper produzieren gesunde Gedanken. Das ist ein natürliches Präventionsprogramm, das vor psychischer Belastung und Übergewicht schützt und glücklich macht. Danach besprechen Sie die gemeinsamen Erlebnisse, damit das Kind auch in der Schule die Fähigkeit beherrscht, zu erzählen, was es am Wochenende gemacht hat, außer nur „am Handy spielen“.
Was wünschst Du Dir von Politik, Tech-Unternehmen und Gesellschaft, damit das digitale Kinderzimmer ein sicherer Raum wird?
Das Schulsystem kann entlastet werden, wenn es sich Aufgaben widmet, die das Kind auf seinen weiteren schulischen Weg begleiten und nicht, wenn es an Entwicklungsrückständen arbeitet, die nur noch von Sonderpädagogen, Heilstättenpädagogen, Sprachheilpädagogen, Schulpsychologen, Sozialarbeitern und Beratungslehrern repariert werden können.
Statt milliardenschwerer Digitalisierungsoffensiven, die eigentlichen Probleme lösen, die in den letzten Jahren verschlafen wurden. Was nützen Tablets in Klassenzimmern, wenn deren sinnvoller Einsatz nicht stattfindet, da entweder kindergerechte Konzepte fehlen oder das pädagogische Personal selbst nicht ausreichend digitale Kompetenzen beherrscht? Das erlebe ich immer wieder im Schulalltag. Obwohl viele neue Lehrkräfte deutlich jünger sind als ich. Wie will man die neue Kinder- und Jugendgeneration im Umgang mit digitalen Medien schulen, wenn die Pädagog:innen mit der digitalen Transformation im Schulsystem nicht mehr mitkommen?
Die Bildungspolitik muss dafür sorgen, dass alle Lehrkräfte digital kompetent sind und eine vernünftige Medienpädagogik im Klassenzimmer umsetzen können. So wie Pädagog:innen die Eltern bezüglich Schulnoten informieren, so müssen sie – ob sie es wollen oder nicht – auch bezüglich des richtigen Umgangs mit digitalen Medien mit den Eltern sprechen und hier Aufklärung betreiben. Die Gesellschaft muss sich gemeinsam was überlegen. Die Politik allein kann nicht in jedes Klassen- oder Lehrerzimmer schauen. Auch nicht in die Wohnzimmer der Erziehungsberechtigten. Es muss sich jeder für die jetzige Generation verantwortlich fühlen und das geht nur gemeinsam. Wir müssen lernen lösungsorientiert zu denken und zu handeln, statt nur mit dem Finger auf jeweils den anderen zu zeigen. Das bringt den Kindern, für deren Schutz wir alle verantwortlich sind, nichts und so verlieren sie sich täglich im digitalen Dschungel.
Die Basis für dieses Gespräch bilden die erschütternden Beobachtungen aus dem Alltag einer Sonderpädagogin. Erfahren Sie in Teil 1, wie digitale Verwahrlosung bereits im Kinderwagen beginnt.
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