Behind the Badge mit Erik Händeler: Die nächste grosse Innovation ist der Mensch

by Cansu Karacan

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Behind the Badge mit Erik Händeler: Die nächste grosse Innovation ist der Mensch

Erik Händeler ist Zukunftsforscher, Wirtschaftsjournalist und einer der profiliertesten Vordenker, wenn es um Produktivität und Zusammenarbeit geht. Seine Thesen stellen klassische Digitalisierungsnarrative auf den Kopf und zeigen, warum die nächste grosse Innovation nicht technisch, sondern menschlich sein wird.

Was wir aus der Geschichte über Wandel lernen können, warum KI kein Allheilmittel ist und wie Führung in Zukunft wirklich wirkt – das alles lesen Sie in unserer neuen Ausgabe von Behind the Badge – Das Interview.

Treffen Sie Erik Händeler live auf allen Confare CIOSUMMITs im Herbst 2025:
10. September 2025 in Zürich
18. September 2025 in Salzburg
30. September 2025 in Frankfurt

Erik, was müsste auf deinem Badge stehen?

Da steht eigentlich immer noch nichts drauf, weil ich immer noch nachdenke. Meine Kunden wollen meist „Zukunftsforscher“ lesen, ich selbst sehe mich eher als freien Wirtschaftsjournalisten. Ich beschreibe die Situation, versuche Ängste zu nehmen und zu erklären, dass vieles, was gerade passiert, in der Geschichte normal war — nämlich immer dann, wenn ein Investitionszyklus zu Ende ging. Ausserdem erkläre ich, was die nächste „Dampfmaschine“ ist, also die nächste grosse treibende Innovation.

Du erklärst wirtschaftliche Entwicklungen anhand der sogenannten Kondratieff-Zyklen. Kannst du in wenigen Worten deine Grundthese beschreiben?

Produktivitätsentwicklung entscheidet über Konjunktur, aber sie verläuft nicht linear. Es gibt Schübe, ausgelöst durch grundlegende Erfindungen wie Eisenbahn, Dampfmaschine, elektrischen Strom oder den Computer. Wenn sich solche Innovationen verbreiten, wächst der Welthandel, Konflikte nehmen ab. Aber irgendwann ist die Eisenbahn gebaut, es gibt nichts mehr zu investieren, die Zinsen fallen auf null. Dann fliesst das Geld in Spekulation, es entsteht eine Blase, die platzt — danach folgt eine grosse Finanzkrise.

Diese Krisenphasen sind unangenehm, aber historisch normal. Während viele sagen, dass Digitalisierung oder KI die grossen Zukunftstreiber sind, glaube ich, dass die Phase, in der uns reine Digitalisierung grosse Produktivitätsreserven verschafft hat, vorbei ist. Die nächste Welle wird durch Menschenthemen bestimmt.

Gerade in KI wird aktuell massiv investiert. Warum siehst du darin nicht den entscheidenden Hebel für die Produktivität der Zukunft?

KI ist ohne Zweifel wichtig. Aber noch wichtiger ist der Mensch hinter der Technik — derjenige, der die richtigen Fragen stellt, Entscheidungen vorbereitet, andere einbindet, die Unternehmenskultur mitprägt.

Wenn zwei Abteilungsleiter nicht miteinander sprechen, fehlt entscheidende Information. Wenn in einer Firma keine offene Diskussionskultur herrscht, werden Fehler nicht früh erkannt.

Wir haben die letzten 200 Jahre materielle und energetische Prozesse effizienter gemacht, in den letzten Jahrzehnten strukturiertes Wissen optimiert — Buchhaltung, Datenanalyse, CRM, Robotersteuerung.

Jetzt aber geht es um unscharfes Wissen: planen, organisieren, beraten, Probleme lösen, mit Emotionen umgehen, unterschiedliche Perspektiven integrieren. Das kann keine KI übernehmen.

Treffen Sie Erik Händeler persönlich auf unseren Confare CIOSUMMITs im Herbst. HIER finden Sie eine Übersicht. Next Stop: Zürich.

Das passt gut zu dem, was wir in der CIO-Community oft diskutieren: Nicht Technologie setzt die Grenzen, sondern die Art, wie Menschen damit umgehen. Gleichzeitig spüre ich aber Pessimismus, weil Europa technologisch oft hinter USA und Asien liegt. Wie siehst du Europas Rolle?

Europa mag technologisch hinterherhinken, aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, wie wir Technologien nutzen.

Ein Beispiel: 1920 gab es in Deutschland etwa 100 Autofirmen, am Ende blieben fünf übrig. Gewinner war nicht unbedingt der Autohersteller, sondern der Bäcker, der ein Auto kaufte und mehrere Filialen aufbaute.

Produktiv ist eine Gesellschaft, wenn sie kooperativ ist. Wir brauchen Menschen, die ihre Gaben nicht nur für ihre eigene Karriere einsetzen, sondern für das Gesamtprojekt.

Europa hat historisch gelernt, mit Vielfalt und Unterschiedlichkeit umzugehen — sei es politisch, religiös oder kulturell. Das macht uns stark. Wir haben in Europa immer ausgehandelt, uns arrangiert, statt autoritäre Befehle zu akzeptieren.

Wir können produktiver sein, wenn wir diese kooperative Kultur weiterentwickeln. Drei mittelmässige Menschen, die gut zusammenarbeiten, sind produktiver als ein einsamer „Super-Crack“.

Dein Ausblick klingt optimistisch. Du schreibst gerade an einem neuen Buch: „Geschichtsschreibung für Optimisten“. Was ist deine zentrale Botschaft?

Der Titel lautet: „Warum das meiste früher schlechter war und in Zukunft besser sein wird“.

Kurzfristig wird es ungemütlich, weil nach dem Computerboom die grossen Produktivitätsfortschritte ausbleiben. Aber langfristig, wenn sich der Staub gelegt hat, wird die Welt besser sein.

Kriege müssen dabei nicht zwangsläufig sein. Kondratieff hat zwar beschrieben, dass es Kriege am Ende von Zyklen gab, aber ob das passiert, hängt von den Entscheidungen der Menschen ab.

Die Produktivität hängt heute davon ab, wie gut Menschen kooperieren. Technik ist weltweit verfügbar, Wissen kann ich überall abrufen. Entscheidend ist, wie wir vor Ort damit umgehen, wie wir streiten, verhandeln und gemeinsam Lösungen finden.

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Durch Homeoffice und verteiltes Arbeiten beobachte ich oft, dass Teams auseinanderdriften. Jeder arbeitet für sich. Wohin führt das?

Es hängt davon ab, welche Arbeit jemand macht und welcher Persönlichkeitstyp er ist.

Das Bild der „Stachelschweine im Winter“ beschreibt es gut: Sie rücken zusammen, pieksen sich, gehen wieder auseinander, frieren und kommen wieder zusammen.

Viele Führungskräfte empfinden Homeoffice als nachteilig, weil sie ihre Leute nicht mehr direkt erleben. Wahrscheinlich ist Homeoffice nicht das goldene Zeitalter, das viele sich vorgestellt haben.

Ein weiteres oft diskutiertes Thema: Macht KI viele Arbeitsplätze überflüssig? Müssen wir uns Sorgen machen?

Nein. Wenn Produktivitätsfortschritte Arbeitslosigkeit verursachen würden, wären heute 80 % der Menschen arbeitslos — früher arbeiteten 80 % in der Landwirtschaft.

Im Gegenteil: Nur weil wir produktiver werden, entstehen neue, bislang nicht rentable Tätigkeiten. Die Dampfmaschine hat mehr Arbeit geschaffen, nicht weniger.

KI ist ein nützliches Werkzeug, das uns mehr Zeit für Wesentliches verschafft.

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Viele deiner Thesen sind plausibel, aber gehen gegen den Zeitgeist. Wie gehst du damit um?

Ich leide manchmal darunter. Themen wie Arbeitskultur, Führung oder Persönlichkeitsentwicklung bleiben oft auf der Strecke.

Ich werde oft so wahrgenommen, als sei ich gegen KI — bin ich aber nicht. Ich sage nur, dass sie kein Allheilmittel ist.

Komplexe Antworten auf komplexe Fragen will niemand hören. Viele Menschen wollen einfache Lösungen, ohne sich selbst zu hinterfragen oder anzustrengen.

Ich frage Menschen gerne: „Wie tankst du auf, wenn du erschöpft bist?“ An der Antwort erkennt man den Persönlichkeitstyp.

Wer sagt „Ich gehe Holz hacken“, ist ein Macher. Wer sagt „Ich lese ein Buch“, ist eher inhaltsorientiert. Wer sagt „Ich mache Hausbesuche“, ist sozial orientiert.

Dieses Bewusstsein ist entscheidend und eine Investition in die Zukunft, ähnlich wie früher Investitionen in Eisenbahnen oder Computer.

Ich freue mich sehr, dass wir mit unserer Community und unseren Events dazu einen Beitrag leisten können.

Deswegen schätze ich euch auch.

Hier gibt’s das Behind the Badge mit Erik Händeler in voller Länge für Sie:

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