Confare Swiss CIOAWARD-Preisträgerin 2014 im Weltvorstand: Ursula Soritsch-Renier über moderne IT-Führung

Im Jahr 2014 sicherte sich Ursula Soritsch-Renier als erste Frau den Confare Swiss CIOAWARD, die höchste Auszeichnung für IT-Führungskräfte in der Schweiz. Damals wie heute zeigt ihr Weg, welche strategische Bedeutung die IT-Funktion auf höchster Managementebene einnimmt.
Heute verantwortet sie als Chief Information and Digital Officer und Vorstandsmitglied beim globalen Baustoffkonzern Saint-Gobain die Transformation des Operating Models für rund 160.000 Mitarbeitende. Anlässlich des 15-jährigen Jubiläums des Confare Swiss CIOAWARDs spricht sie im Interview mit Michael Ghezzo über den Wert externer Anerkennung, die Transformation tradierter Konzerne und den Grund, warum Frauen ihre Erfolge aktiv zeigen sollten.
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Michael Ghezzo:
Ursula, du warst die erste Frau, die den Confare CIOAWARD in der Schweiz gewonnen hat. Die höchste Auszeichnung für IT-Führungskräfte. Was war das für ein Gefühl, auf der Bühne zu stehen und den Preis entgegenzunehmen? Hast du damit gerechnet oder war es eine Überraschung?
Ursula Soritsch-Renier:
Es war schon eine Überraschung. Natürlich hofft jeder, der dort sitzt, dass er gewinnt. Aber es war auch deshalb besonders spannend, weil ich damals meines Wissens nach die erste Frau war, die eine solche Auszeichnung im deutschsprachigen Raum erhalten hat.
Ich habe immer in Industriebereichen und in der Technologie gearbeitet. Das waren damals sehr männerdominierte Umfelder. Wenn man bedenkt, dass das inzwischen fast zwölf Jahre her ist, dann war das schon etwas sehr Besonderes.
Ich hoffe auch, dass es für andere Frauen wichtig war. Ich erinnere mich noch gut: Damals gab es eine Liste der Top 40 CIOs in der Schweiz, und ich war die einzige Frau darauf. Wenn man sich in diese Zeit zurückversetzt, dann hatte diese Auszeichnung eine besondere Bedeutung.
Michael Ghezzo:
Ich glaube auch, dass du für viele ein Role Model warst und bist. Wie wurde die Auszeichnung in eurer Organisation und darüber hinaus wahrgenommen? Welche Reaktionen hast du erlebt?
Ursula Soritsch-Renier:
Es ist interessant. Man erlebt natürlich auch ein wenig Neid, aber vor allem sehr viel Anerkennung.
Diese Anerkennung geht weit über die eigene Person hinaus. So etwas gewinnt man nicht alleine. Das ist letztlich ein Team-Award. Für die Organisation bedeutet das sehr viel, weil dadurch das gesamte Team sichtbar wird und eine externe Anerkennung erhält.
In der IT ist es oft so: Solange alles funktioniert, wird man kaum wahrgenommen. Das gehört irgendwie zum Job dazu. Deshalb ist eine externe Anerkennung besonders wertvoll. Sie zählt doppelt oder dreifach.
Für viele in der Organisation ist das auch ein Signal: Die IT-Funktion wird von aussen anerkannt und als besonders erfolgreich wahrgenommen. Das macht Eindruck.
Michael Ghezzo:
Deine Karriere hat danach einen beeindruckenden Verlauf genommen. Kannst du uns erzählen, wie es dir in den Jahren danach ergangen ist?
Ursula Soritsch-Renier:
Mein ganzes Berufsleben war eigentlich ein Privileg, weil ich immer lernen und wachsen durfte.
Sulzer war meine erste Group-CIO-Rolle. Dort kam zusätzlich die Verantwortung für Digitalisierungsthemen dazu. Wir haben beispielsweise Software zur Pumpenoptimierung entwickelt. Diese ersten fünf Jahre haben mir die Möglichkeit gegeben zu zeigen, was ich kann.
Davor war ich fünfzehn Jahre bei Philips Electronics und fünf Jahre bei Novartis. Insgesamt also zwanzig Jahre in sehr grossen Konzernen. Sulzer war im Vergleich dazu kleiner, aber dort hatte ich die Gesamtverantwortung. Dadurch konnte ich zeigen, dass ich sowohl in grossen Organisationen arbeiten als auch die Endverantwortung übernehmen kann.
Über Headhunter ergab sich dann die Möglichkeit, Group CDIO bei Nokia zu werden und später Group CDIO bei Saint-Gobain. Dort sitze ich heute auch im Vorstand.
Wenn ich zurückblicke, bin ich sehr dankbar für diese Entwicklung. Es ist ein Stück weit mein Traumjob geworden.
Michael Ghezzo:
Als Vorstandsmitglied eines Konzerns wie Saint-Gobain trägst du eine besondere Verantwortung. Saint-Gobain ist im deutschsprachigen Raum vielleicht nicht jedem bekannt. Kannst du das Unternehmen kurz vorstellen?
Ursula Soritsch-Renier:
Sehr gerne. Die Geschichte ist tatsächlich spannend.
Saint-Gobain wurde 1665 von Ludwig XIV. gegründet, weil Frankreich nicht von Venedig bei Spiegeln und Glas abhängig sein wollte. Für den Bau von Versailles wurden Spezialisten in das kleine Dorf Saint-Gobain im Norden Frankreichs geholt und dort begann die Glas- und Spiegelproduktion.
Heute ist Saint-Gobain ein Konzern mit rund 160.000 Mitarbeitenden weltweit und der grösste Baustoffkonzern der Welt.
Viele kennen unsere lokalen Marken wie Rigips, Weber oder Isover. Unter diesen Marken sind wir in vielen Ländern präsent.
Michael Ghezzo:
Hat deine Rolle im Vorstand deine Sicht auf die Rolle des CIO verändert?
Ursula Soritsch-Renier:
Ich habe immer aus der Business-Perspektive gedacht. Ich war nie ein Technology Pusher.
Für mich ist Technologie ein Mittel zum Zweck. Es geht darum, im Business konkrete Resultate zu erzielen. Deshalb habe ich damals beispielsweise auch begonnen, Software zur Pumpenoptimierung zu entwickeln.
Was sich durch die Vorstandsrolle verändert hat, ist die Breite der Perspektive. Man bekommt einen viel tieferen Einblick in Märkte, Trends und Themenbereiche, mit denen man vorher vielleicht nicht direkt zu tun hatte.
Dadurch kann man die eigene Funktion besser positionieren und den Beitrag der IT zum Unternehmen noch gezielter gestalten.
Michael Ghezzo:
Der CIOAWARD wird in der Schweiz heuer zum fünfzehnten Mal vergeben. In dieser Zeit hat sich die Rolle des CIO stark verändert. Was macht heute einen modernen CIO aus?
Ursula Soritsch-Renier:
Für mich beginnt alles mit der Frage: Was will das Unternehmen erreichen?
Davon hängt ab, wie Digitalisierung und IT ausgerichtet werden müssen.
Wenn ein Unternehmen beispielsweise dezentral bleiben möchte, braucht es andere Massnahmen als ein Unternehmen, das starke Synergien schaffen will.
Bei Saint-Gobain haben wir in den letzten fünf Jahren für rund 7 Milliarden Euro akquiriert und mehr als 175 Unternehmen integriert. Eine zentrale Aufgabe besteht darin, diese Unternehmen erfolgreich zusammenzuführen.
Gleichzeitig wollen wir Cross- und Upselling fördern. Wenn ein Kunde beispielsweise Rigipsplatten kauft, soll er auch Dämmstoffe, Mörtel oder weitere Produkte aus unserem Portfolio beziehen.
Die IT entwickelt dafür konkrete Strategien und unterstützt die notwendigen Prozesse. Deshalb berichten an mich auch die Business Process Owner. Es geht darum, Prozesse, Daten und Systeme bestmöglich zu integrieren und dadurch einen messbaren Beitrag zum Geschäftserfolg zu leisten.
Diese Arbeit war in den letzten Jahren ausgesprochen spannend. Gemeinsam entwickeln wir neue Arbeitsweisen und verändern das Operating Model eines sehr grossen Konzerns.
Michael Ghezzo:
Du engagierst dich auch in der Confare Female IT-Community. Warum ist dir das Thema so wichtig?
Ursula Soritsch-Renier:
Ich glaube, dass Frauen hervorragend für die IT geeignet sind und sich oft unterschätzen.
Die IT hat lange Zeit ein Imageproblem gehabt. Wenn ich vor fünfzehn Jahren erzählt habe, dass ich Group CIO bin, dann dachten viele Menschen, ich würde den ganzen Tag allein in einer Ecke programmieren.
Die Realität könnte kaum weiter davon entfernt sein.
Die Vielfalt an Themen und Aufgaben in der IT ist enorm. Viele schliessen dieses Berufsfeld aus, weil sie glauben, nicht technisch genug zu sein. Dabei geht es in der IT sehr stark um Veränderung.
Es geht darum, Unternehmensstrategien möglich zu machen. Die Technologie selbst ist selten das eigentliche Problem. Die Herausforderung liegt meist im Veränderungsprozess.
Themen wie Change Management, Datenmanagement, Cybersecurity oder Kundenerlebnisse spielen eine grosse Rolle. Gleichzeitig geht es um die Digitalisierung von Fabriken, Energieeffizienz, Digital Twins, Prozessoptimierung und viele weitere Bereiche.
Gerade deshalb halte ich die IT für eines der spannendsten Berufsfelder überhaupt.
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Michael Ghezzo:
Wir feiern nächstes Jahr 20 Jahre Confare und 15 Jahre Confare in der Schweiz. Was würdest du uns zu diesen Jubiläen ins Stammbuch schreiben?
Ursula Soritsch-Renier:
Ich finde grossartig, was ihr macht.
Ihr richtet den Scheinwerfer auf eine Funktion, die oft nur dann wahrgenommen wird, wenn etwas nicht funktioniert.
Ihr habt damit begonnen, als die Aufmerksamkeit für die IT noch deutlich geringer war als heute. Durch Themen wie GenAI hat die IT inzwischen eine ganz andere Position im Unternehmen erhalten, aber früher war das nicht selbstverständlich.
Die IT ist eine unglaublich spannende Funktion, weil sie nahezu alle Bereiche eines Unternehmens sieht: HR, Einkauf, Kundenbeziehungen, Produktion und vieles mehr.
Wir bilden die Prozesse ab, über die Unternehmen arbeiten. Das ist eine enorme Verantwortung. Wie effizient diese Prozesse funktionieren, hat direkten Einfluss auf den Unternehmenserfolg.
Ihr habt schon sehr früh begonnen, genau diese Bedeutung sichtbar zu machen. Das halte ich für ausgesprochen wertvoll.
Michael Ghezzo:
Gerade läuft die Nominierungsfrist für den CIOAWARD 2026. Was würdest du potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten mitgeben?
Ursula Soritsch-Renier:
Ich halte Anerkennung für wichtig.
Man sollte stolz auf das sein, was man erreicht hat, und auch darüber sprechen. Wir lernen voneinander. Niemand entwickelt sich alleine weiter.
Mir wurde ermöglicht zu lernen und zu wachsen, weil ich mit vielen Menschen zusammenarbeiten durfte. Genau deshalb sind Communities, Auszeichnungen und der Austausch so wertvoll.
Michael Ghezzo:
Insbesondere Frauen sind oft etwas zurückhaltender, wenn es darum geht, sich für solche Auszeichnungen zu bewerben. Warum sollte man es trotzdem tun?
Ursula Soritsch-Renier:
Ich glaube nicht, dass man Karriere macht, indem man still in einer Ecke sitzt und darauf wartet, entdeckt zu werden.
Wir müssen unsere Karriere selbst in die Hand nehmen und sichtbar machen, was wir erreicht haben.
Am Ende entscheidet eine Jury, wer ausgezeichnet wird. Aber warum sollte eine Frau nicht mitmachen? Ganz im Gegenteil: unbedingt.
Die Gewinnerinnen und Gewinner haben eine Vorbildfunktion. Sie zeigen anhand konkreter Beispiele, was möglich ist. Daraus kann die gesamte IT-Community lernen und sich weiterentwickeln.
Michael Ghezzo:
Vielen Dank für die spannenden Einblicke in deinen Konzern, deine Aufgaben und deinen persönlichen Weg.
Ursula Soritsch-Renier:
Danke dir. Ich freue mich auf das Wiedersehen und wünsche euch weiterhin viel Erfolg.


