Confare LivinIT Trophy Preisträger – Demokratie auf Smartphone-Klick

by Cansu Karacan

Confare LivinIT Trophy Preisträger – Demokratie auf Smartphone-Klick

LivinIT_Parlament - Demokratie auf Smartphone-Klick

Mit der App „Mein Parlament“ vereint die Parlamentsdirektion transparente Information für Bürgerinnen und Bürger mit maßgeschneiderten Funktionen für den beruflichen Alltag von Abgeordneten und Mitarbeiterinnen. Live-Übersetzungen in Gebärdensprache, ID-Austria-Integration sowie eine flexible Rollenstruktur verbinden drei bisher getrennte Apps auf einer zentralen Smartphone-Plattform.

Für dieses Projekt gibt Peter Reichstädter, CIO / Head of ICT Strategy Department des Österreichischen Parlaments, Einblicke in die agile Transformation, barrierefreie Architekturen und die Einführung von SCRUM im Rahmen des Digitalisierungsprogramms „Bumblebee“. Peter und das Team sind mit diesem Projekt für die Confare LivinIT Trophy nominiert, die beim Confare CIOSUMMIT Salzburg verliehen wird.

Erleben Sie die nächste Verleihung live vor Ort: Sichern Sie sich bereits jetzt Ihren Platz für den Confare CIOSUMMIT Salzburg am 22. September 2027 und melden Sie sich jetzt an.

Drei voneinander unabhängige Apps sollten in einer modernen Anwendung zusammengeführt werden. Wie habt Ihr entschieden, welche Funktionen übernommen, neu gedacht oder bewusst nicht weitergeführt werden?

‚It is all about the user UND Impact – gemeinsam mit den Fachabteilungen!‘: Im Fokus stand die Nutzerperspektive mittels User-Storys. Nach einer Discovery-Phase in der Stakeholder aller relevanten Abteilungen involviert waren, wurde eine Roadmap erarbeitet – viele Funktionen wurden übernommen und optimiert (Funktionen wurden aber auch weggelassen) und mehre Funktionen wurden neu gedacht bzw. kamen als innovative Erweiterung dazu. In zweiwöchigen „Sprints“ wurden den Fachabteilungen neue Entwicklungen vorgestellt und notwendige Änderungen konnten umgehend in den Entwicklungsprozess einfließen. So konnte relativ rasch ein Prototyp entwickelt werden und schon sehr früh auch User-Testings starten, deren Ergebnisse ebenfalls sehr schnell berücksichtigt wurden.

Die App richtet sich zugleich an Abgeordnete und die Mitarbeitenden des Parlaments sowie an interessierte Bürgerinnen und Bürger. Wie gelingt es, diese sehr unterschiedlichen Erwartungen in einer gemeinsamen Anwendung abzubilden?

‚Usability rules / Parlament to Go‘: Die ‚Mein Parlament‘-App des österreichischen Parlaments bringt das Hohe Haus auf das Smartphone. Viele Kernfunktionen sind für alle Zielgruppen von Interesse (transparente, authentische Informationen, LIVE, …). Zusätzlich werden für Bürgerinnen und Bürger die Perspektiven der parlamentarischen Arbeit und Wissenswertes um/im Parlament aufbereitet sowie für Abgeordnete und Mitarbeitende durch Login mit ID-Austria differenzierte Funktionalität für den beruflichen Alltag bereitgestellt.

Die App ist ein innovativer, arbeitsunterstützender Avatar und Guide für alle Abgeordneten, Mandatare und Klubs aber auch für die Verwaltung und die breite Öffentlichkeit. Sie basiert auf der Zusammenführung von drei bestehenden Apps mit differenziertem Nutzen und verschiedenen Technologien: der Einläute-App, der Inbetriebnahme-App und der Parlaments-App – die Live-Funktion für Plenarsitzungen des National- und Bundesrats (mit Übersetzung in Gebärdensprache) ist das Kernstück der App. „Mein Parlament“ ist somit ein persönlicher Begleiter rund um das parlamentarische Geschehen. Interessierte erfahren alles über Plenarsitzungen, Mandatare und Mandatarinnen oder Termine wie etwa Parlamentsführungen oder andere Veranstaltungen und können durch Push-Nachrichten aktiv teilhaben.

Die Einreichungen und Nominierungen für die Confare LivinIT Trophy 2027 sind bereits geöffnet: Gestalten Sie die Auszeichnung mit und reichen Sie Ihr Projekt oder Ihr Favoriten-Team jetzt ein.

Im Rahmen des Projekts wurde in der Parlamentsdirektion erstmals mit SCRUM gearbeitet. Was war an dieser Umstellung ungewohnt – und wie hat die agile Arbeitsweise die Zusammenarbeit zwischen IT und Fachabteilungen verändert?

‚If you always do, what you always did, you will always get what you always got‘: Natürlich war es am Beginn neu und ungewohnt – das interdisziplinäre Team hat auf die agile Arbeitsweise vertraut, diese gelernt und sehr rasch beherrscht. Dadurch, dass die Entwicklung so engmaschig durch Präsentation und Review begleitet wurde, haben sich die Beteiligten mit dem Projekt identifiziert, entsprechend motiviert eingebracht und sich für die gesamte App verantwortlich gefühlt. Man wächst näher zusammen und bleibt nachhaltiger am Ziel dran – technisch innovativ und lösungsorientiert durch interdisziplinäres Know-how, definierte Vorgehensmodelle und technische Leitplanken hat dieser Prozess hier zwischen IT und Fachabteilungen herausragend funktioniert. Die im Zuge der App entwickelten Vorgehensmodelle und Grundlagen gelten als richtungsweisend für künftige, andere Projekte im Haus und haben so die digitale Transformation über die App hinaus im Parlament forciert und neue Türen und Wege geöffnet. Der daraus erzielte Mehrwert ist für die Organisation und vor allem die Kultur unbezahlbar.

Das Projekt war geprägt von hoher Komplexität, Unsicherheiten und Abhängigkeiten von anderen Projekten. Das Team hat den knappen Zeitplan eingehalten und konnte die grundlegend neue App zeitgerecht releasen. Das Projektteam bestand aus Developern, Technical Architects, Technischen Beraterinnen und Beratern (als Schnittstelle zu anderen Projekten), UX-Design, einer Projektkoordinatorin, Requirements Engineering, dem Product Owner und mehreren Wissensträgerinnen und -trägern aus den einzelnen Fachabteilungen der Parlamentsdirektion wie etwa Kommunikation, Nationalratsdienst und andere. Das Projekt(team) war Teil des Programms zur Digitalen Transformation des Parlaments „Bumblebee“.

Prototypen und User-Tests kamen bereits früh zum Einsatz. Welche Rückmeldung von Nutzenden hat die Entwicklung der App besonders beeinflusst?

‚Zusammenführen von bestehenden, guten Services / State of the Art Services!‘: Es kamen Rückmeldungen und User-Stories zu den Themen: -die wichtigsten Infos aus einer Hand zu bieten, -ansprechendes User-Design bzw. allgemein Usability, -wie Abgeordnete denken, dh einen der Kern-Prozesse im Österreichischen Parlament noch besser zu unterstützen.

Ausgangsforderung war auch das Fortführen von etablierten, stark genutzten Services, diese zu verbessern und die Verknüpfung mit bestehenden, etablierten Systemen (EULE 360° Media-Monitor, ID-Austria, …) zu bieten. Transparente Nachvervollziehbarkeit und Ausweitung des Push-Prinzips – nicht nur für das Einläutesignal zum Triggern des Abstimmprozesses, sondern auch für Themen und Personen, um diesen bei Interesse noch besser folgen zu können. Und natürlich der Barrierefreiheits-Ansatz, welcher durch die Integration der Gebärdensprache in die LIVE-Funktion realisiert wurde.

Gala Dinner & LivinIT Trophy – eine Nacht, in der Spitzenleistungen in der IT sichtbar, gefeiert und ausgezeichnet werden.

Barrierefreiheit, Datenschutz und die Anmeldung über ID Austria wurden von Beginn an berücksichtigt. Welche besonderen Anforderungen ergaben sich daraus für Konzeption und technische Umsetzung?

‚Nobody left behind‘: Die Themen Barrierefreiheit, (Informations-)Sicherheit und Datenschutz wurden von Beginn an berücksichtigt und haben das Projekt laufend als Nordstern geguidet – dies ins besonders durch Integration der Gebärdensprache in der LIVE-Funktion. Begleitend hat die Projektumsetzung vor allem aber auch die Dimensionen Souveränität, Granularität und Interoperabilität in den Vordergrund gestellt. Dies bedeutet, Eingriffe und Ergänzungen in Architektur, geänderte Vorgehensweisen und Etablierung von Security by Design bzw. Zero Trust und natürlich den höchsten Anspruch an Datenschutz und Datensicherheit. Zertifizierungen sind dem Hohen Haus ganz besonders wichtig – nicht nur die EMAS-Zertifizierung als eines der ersten Parlamente in Europa sondern auch (digitale) Barrierefreiheits-Zertifizierungen und Nachhaltigkeitsmaßnahmen.

An Plenartagen wird die App intensiv für Livestreams genutzt, zugleich entwickelt sie sich zu einem internen Kommunikationskanal. Welche Nutzung hat Euch selbst überrascht – und welche Funktionen sollen als Nächstes hinzukommen?

‚Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.‘ Dies zeigt sich vor allem auch im 1. Quartal 2026 gestarteten Evaluierungsprojekt gemeinsam mit dem ORF, wo Übertragungs- und Informationswege quantenverschlüsselt werden und sukzessive integriert werden sollen in die Organisation und Prozesse. Aber im Detail zu internen Überraschungen besser gesprochen ‚Reflexionen und Wahrnehmungen‘: Rednerinnen- und Rednerliste bei Sitzungen, Whats Next (wieviel Zeit habe ich noch für Vorbereitung meines Redebeitrags), bilaterale SideTalks, Abstimmungsplanung, … . Für die Administrative Dimension: Mängel- und Fehlermeldungen im Parlamentsgebäude bzw. Umfeld erlaubt eine transparente Behandlung von issues und incidents UND was gibt es in der Cantina / im Kelsen zu essen heute Mittag (vor allem aus der externen Bürgerinnen und Bürger-Perspektive gefragt, aber auch intern) und immer wenn es organisatorisch möglich ist.

Themen wie KI, C2PA für authentische, gesicherte Kommunikation etc. und insgesamt Souveränitäts-Überlegungen auch hinsichtlich Resilienz stehen an – aber wie gesagt: zu den Usern hineinhören, User-Stories abholen und Roadmap machen (s.o.) 😉!

Was würde Euch die LivinIT Trophy bedeuten? Warum ist es wichtig, erfolgreiche IT-Projekte und die Menschen dahinter vor den Vorhang zu holen?

‚It’s all about people‘: Die Projektmitarbeiter und damit insgesamt auch das Projekt/die Organisation vor den Vorhang zu holen, würde den emotionalen und offiziellen Schlusspunkt dieser Phase des großartigen Projektes bilden. Der gemeinsame Erfolg schweißt ein Team zusammen und unterstreicht, dass Meilensteine qualitätsvoll nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit erreicht werden.  Wenn Erfolge sichtbar gefeiert und öffentlich anerkannt werden, etabliert das eine Kultur, in der Spitzenleistungen weiterhin angestrebt und geschätzt werden – dies möchten wir bei uns im Österreichischen Parlament weiterhin leben. Wir möchten auch gerne unsere Good Practices teilen: es wird darüber gesprochen, wie das Ziel erreicht wurde; andere Teams intern und extern können von diesen Methoden lernen – ‚Sharing & Learning‘.

Fazit: Im Rahmen des Digitalen Transformations-Programms ‚Bumblebee‘ wurde der Shift in der Organisation zu agilem Vorgehen vollzogen – agile Vorgehensweisen, Optimierung der User experience zeitnah und schnellere Time to Market. Insbesondere lag der Fokus in der Schaffung eines unternehmensweiten Vorgehensmodells und auch von technischen Leitplanken, um nicht im Rahmen eines Big Bang alles umstellen zu müssen, sondern entsprechend der Ressourcenplanung aber auch Innovationspotentiale berücksichtigend, sukzessive die zukünftige Service-Architektur bereit stellen zu können – von Legacy Systemen zu modularen, interoperablen, souveränen Systemen, welche insbesondere die Resilienz des österreichischen Parlaments unterstützen. Dieser beschriebene Ansatz wurde für das gesamte Digitale Transformations Programm der Parlamentsdirektion gewählt und stellt diesen Shift der Organisation gemeinsam mit den Fachbereichen auch in der Kulturdimension sicher.

„Aus Überzeugung für eine starke Demokratie!“

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