Das Ende des Big Bang: Wie CIOs Legacy-Systeme schrittweise und ohne Risiko ablösen

by Cansu Karacan

Legacy-Systeme sichern das Geschäft, bremsen aber oft die Innovation. Als Partner des Confare CIOSUMMIT Wien zeigt SQUER, wie die Transformation ohne riskante „Big Bang“-Szenarien gelingt. Manuel Klein (Co-Founder und Geschäftsführer bei SQUER) erklärt im Confare Interview, warum wahre Agilität in der Architektur beginnt, wie KI die Individualentwicklung revolutioniert und warum es heute keine Digitalstrategie mehr gibt – sondern nur noch Strategie in einer digitalen Welt.

Welche Rolle spielt Software auf dem Weg des Unternehmens zu digitaler Reife – und wie verändert sich diese Rolle, wenn Legacy-Systeme modernisiert und in die Cloud überführt werden?

Software spielt heute in nahezu jedem Unternehmen – unabhängig von Branche oder Größe – eine zentrale Rolle. Insbesondere in großen Organisationen dient sie nicht mehr nur der Abbildung von Geschäftsprozessen oder als operatives Rückgrat, sondern ist häufig selbst Teil des Leistungsportfolios und der Wertschöpfungskette. Ein einfaches Beispiel sind Banken: Digitale Kanäle sind heute nicht mehr wegzudenken. Digitale Produkte ergänzen nicht nur das Kerngeschäft, sondern haben das Serviceangebot vieler Unternehmen in den letzten Jahren grundlegend verändert.

Die Modernisierung von Legacy-Systemen bringt aus meiner Sicht drei zentrale Vorteile. Erstens wird durch die Ablöse technischer Altlasten ein erheblicher Teil der technischen Schulden abgebaut, was die Entwicklung neuer Funktionalitäten deutlich beschleunigt. Zweitens eröffnen moderne Architekturen die Möglichkeit, völlig neue Lösungen und Services zu integrieren. Ein aktuelles Beispiel: Die Allianz hat kürzlich eine Kooperation mit Anthropic bekannt gegeben. Wäre das Unternehmen technologisch nicht in der Lage, solche Services schnell und nachhaltig einzubinden, entstünde ein klarer Wettbewerbsnachteil.

Drittens wird es zunehmend schwieriger, am Arbeitsmarkt Talente zu finden, die mit und an Legacy-Systemen arbeiten wollen oder können. Dieses Problem wird sich weiter verschärfen. Hier kann KI zwar unterstützen – etwa beim Verständnis und der Dokumentation von Legacy-Code – langfristig ist jedoch eine moderne Systemlandschaft entscheidend, um attraktiv und innovationsfähig zu bleiben.

Wie siehst du heute die Balance zwischen Standardsoftware, Individualentwicklung und der schrittweisen Ablöse gewachsener Legacy-Landschaften?

Ich empfehle Unternehmen mit komplexen Systemlandschaften ausdrücklich, Big-Bang-Ablösen zu vermeiden. Eine schrittweise Modernisierung ist sowohl mit individuell entwickelten Lösungen als auch mit Standardsoftware möglich – und in der Praxis meist eine Kombination aus beidem. In Ablöseszenarien lässt sich selten die gesamte gewachsene Funktionalität mit einem einzelnen Standardprodukt abbilden. Häufig entsteht vielmehr ein Ökosystem aus mehreren Standardlösungen, die gezielt ergänzt werden.

Grundsätzlich glaube ich, dass durch den zunehmenden Einsatz von KI die Stückkosten von Individualsoftware in den kommenden Jahren stark sinken werden. Das könnte dazu führen, dass maßgeschneiderte Lösungen in bestimmten Situationen deutlich attraktiver werden als Standardsoftware. Wenn sich die Kosten für Individualentwicklung und die Konfiguration von Standardlösungen annähern, werden Entscheidungen häufiger zugunsten individuell entwickelter Systeme ausfallen – insbesondere dann, wenn sie strategische Differenzierung ermöglichen.

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Es heißt, im digitalen Zeitalter wird jedes Unternehmen auch ein Software-Unternehmen. Welche Skills, Rollen und Denkweisen braucht es dafür?

Ich glaube nicht, dass jedes Unternehmen zwangsläufig ein Softwareunternehmen wird. Aber jedes Unternehmen muss digitale Kompetenzen aufbauen und kontinuierlich weiterentwickeln. Ich verwende gerne den Satz: „Es gibt keine Digitalstrategie – es gibt nur Strategie in einer digitalen Welt.“ Das gilt für Großbanken genauso wie für den Friseur um die Ecke.

Gerade größere Organisationen profitieren stark davon, ihre Systeme selbst zu kontrollieren und aktiv zu gestalten. Neben klassischen technischen Rollen in Entwicklung und Betrieb gewinnen Produktdenken, Discovery-Kompetenzen und eine enge Verzahnung zwischen Fachbereichen und IT zunehmend an Bedeutung.

Insbesondere mit neuen Ansätzen wie „Spec-Driven Development“, bei denen nicht mehr primär Quellcode, sondern Spezifikationen und Prompts geschrieben werden, aus denen Code generiert wird, verändert sich die Zusammenarbeit grundlegend. Die Qualität der fachlichen Anforderungen und die Nähe zwischen Business und IT werden zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Der Weg von der Idee zum produktiven System verkürzt sich massiv – das erfordert neue Kooperationsmodelle, neue Rollen und ein gemeinsames Verantwortungsverständnis.

Legacy-Systeme sind oft geschäftskritisch. Wie gelingt Modernisierung, ohne Stabilität, Betrieb und Vertrauen im Unternehmen zu gefährden?

Legacy-Systeme, die modernisiert werden sollen, sind nahezu immer geschäftskritisch, da sie die Kernprozesse und zentralen Daten eines Unternehmens tragen. Genau das macht ihre Ablösung so anspruchsvoll.

Unser Ansatz basiert auf einigen klaren Prinzipien. Wir vermeiden konsequent Big-Bang-Szenarien. Stattdessen denken wir Modernisierung immer im Zusammenhang mit Geschäftsprozessen – nicht ausschließlich aus technologischer Perspektive. Wir identifizieren klar abgegrenzte fachliche Bereiche, die wir aus dem Legacy-System herauslösen, parallel neu implementieren und anschließend schrittweise übernehmen.

Diese neuen Komponenten werden daten- und prozessseitig integriert, sodass alte und neue Welt über einen gewissen Zeitraum koexistieren können. Auch bei der Umstellung der Nutzer setzen wir auf graduelle Migration: Zunächst wird nur ein kleiner Nutzerkreis auf die neue Lösung umgestellt, der dann schrittweise erweitert wird. So lassen sich Risiken in Betrieb und Stabilität erheblich reduzieren.

Ein zusätzlicher Vorteil dieses Vorgehens ist, dass Unternehmen lernen, Modernisierung als kontinuierlichen Prozess zu begreifen – nicht als einmaliges Großprojekt. Das ist vor dem Hintergrund immer kürzerer Technologiezyklen entscheidend. Systeme müssen modular, austauschbar und evolvierbar sein, um langfristig anpassungsfähig zu bleiben.

Worauf sollte man bei moderner Software-Architektur achten, damit Cloud-Lösungen nicht zur nächsten Legacy werden?

Die wichtigsten Faktoren sind Modularität und Flexibilität. Moderne Systeme müssen so gebaut sein, dass einzelne Komponenten klar abgegrenzt sind, eindeutige Verantwortlichkeiten haben und unabhängig voneinander austauschbar bleiben.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Testbarkeit – insbesondere aus fachlicher Perspektive. Je besser sich Systeme automatisiert testen lassen, desto geringer sind die Hürden für Weiterentwicklung, Ablöse oder Migration.

Aktuell beobachten wir zudem eine zunehmende Sensibilisierung für das Thema Vendor Lock-in. Geopolitische Entwicklungen führen dazu, dass sich viele Unternehmen fragen, wie sie im Ernstfall von einem Cloud-Anbieter zu einem anderen – etwa einem souveränen europäischen Anbieter – wechseln könnten. Viele Systeme wurden jedoch ohne diese Szenarien entworfen und nutzen tief integrierte native Services der Hyperscaler. Dadurch werden sie schwer portierbar.

Diese Fragestellungen werden uns in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen. Gleichzeitig sehen wir in Europa ein Window of Opportunity für den Aufbau eigener leistungsfähiger Cloud-Ökosysteme – etwa durch Initiativen wie StackIT der Schwarz Gruppe. Ob und wie sich diese Angebote etablieren, bleibt spannend.

Welche Rolle spielen Modularisierung, Entkopplung und Plattform-Ansätze bei nachhaltiger Modernisierung bestehender Anwendungen?

Modularisierung und Entkopplung sind zentrale Bausteine moderner Anwendungslandschaften. Zielgerichtete Modularisierung ermöglicht es, Systemteile flexibel auszutauschen und kontinuierlich an fachliche Anforderungen anzupassen. Gleichzeitig lassen sich dadurch klare Verantwortlichkeiten definieren und organisatorische Autonomie schaffen.

Ein weiterer Vorteil ist die selektive Skalierbarkeit: Nicht das gesamte System muss skaliert werden, sondern nur die tatsächlich relevanten Komponenten.

Plattform-Ansätze spielen vor allem in den Bereichen Standardisierung, Automatisierung und Governance eine wichtige Rolle. Ob Daten-, Integrations- oder Developer-Experience-Plattformen – sie verfolgen alle das Ziel, ihren Nutzern schnell Mehrwert zu liefern und manuelle Tätigkeiten zu reduzieren.

Wir beobachten insbesondere bei Developer-Experience-Plattformen erhebliche Produktivitätsgewinne. Gleichzeitig helfen sie, technologischen Wildwuchs einzudämmen, indem Standards nicht nur definiert, sondern technisch durchgesetzt werden.

Wie verändert Cloud-Transformation die Zusammenarbeit zwischen IT, Fachbereichen und externen Partnern?

Cloud-Transformation verändert die Zusammenarbeit grundlegend. IT wird vom reinen Umsetzer zum Enabler und Produktpartner. Fachbereiche erhalten schneller Zugang zu neuen Funktionen, können Ideen schneller testen und iterativ weiterentwickeln.

Dadurch verschiebt sich der Fokus weg von langfristigen, starren Projekten hin zu kontinuierlicher Produktentwicklung. Entscheidungen werden datengetriebener, Feedbackzyklen kürzer und Verantwortlichkeiten klarer.

Auch die Zusammenarbeit mit externen Partnern verändert sich: Statt klassischer Projektmodelle treten zunehmend produktorientierte, langfristige Partnerschaften. Externe Anbieter bringen nicht nur Umsetzungskapazität ein, sondern auch Methodenkompetenz, technologische Impulse und Best Practices aus anderen Branchen.

Welche Rolle spielt SQUER im Software-Ökosystem des CIO – insbesondere bei Legacy-Modernisierung und Cloud-Transformation?

SQUER versteht sich nicht als klassischer Implementierungspartner, sondern als strategischer Enabler für nachhaltige Transformation. Wir unterstützen CIOs dabei, ihre Systemlandschaften nicht nur zu modernisieren, sondern strukturell zukunftsfähig zu machen.

Unser Fokus liegt darauf, technologische Entscheidungen immer mit der Geschäftsstrategie zu verzahnen. Wir helfen, Modernisierung in handhabbare, risikoarme Schritte zu zerlegen, klare Zielbilder zu entwickeln und diese konsequent umzusetzen.

Darüber hinaus begleiten wir Organisationen dabei, neue Arbeitsweisen, neue Rollenmodelle und neue Plattformansätze zu etablieren. Unser Anspruch ist es, nicht nur Systeme zu bauen, sondern Fähigkeiten aufzubauen – damit Unternehmen langfristig selbst innovationsfähig bleiben.

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