Michael Ghezzo (Confare): Data is the toxic waste of the future – und andere unbequeme Gedanken aus Barcelona

Der letzte Tag des Gartner Symposiums begann mit einer bemerkenswerten Gast-Keynote. Die Plätze im Auditorium waren diesmal leichter zu bekommen – viele Teilnehmer:innen waren bereits auf dem Heimweg. Michelle Dickinson, Nanotechnikerin, Forscherin und unermüdliche Vermittlerin von Wissenschaft an junge Menschen – insbesondere Mädchen – eröffnete ihren Vortrag überraschend direkt: „Irgendjemand erfindet gerade die Zukunft.“
Unter dem Titel Rewiring the Brain for the Future sprach sie darüber, was Menschen wie Elon Musk, Steve Jobs oder Sam Altman tatsächlich ausmacht. Bemerkenswert nüchtern stellte sie klar: Keinem dieser Tech-CEOs – mit denen sie selbst gearbeitet hat – würde sie ihre Kinder anvertrauen. Und doch sind sie erfolgreich, nicht aufgrund von Herkunft, Ausbildung oder Skills, sondern aufgrund einer einfachen Haltung: Sie lösen Probleme – und zwar sofort.
Während die meisten bei einem Problem denken „Da sollte sich jemand drum kümmern“, sagen sie: „Da sollte sich jemand kümmern – und warum nicht ich?“
Dass Unternehmen sich immer weniger auf echtes Problemlösen konzentrieren, sieht sie als eine der größten Gefahren. Veränderungsbereitschaft fällt schwer – neurologisch, kulturell, organisatorisch. Ihr Gegenrezept: den Spieltrieb nutzen und wieder lernen, Fragen zu stellen. Unser System trainiert uns systematisch ab, neugierig zu sein: Ein dreijähriges Kind stellt rund 107 Fragen pro Stunde. Nach Schuleintritt sind es noch 2,5. Ab dem elften Lebensjahr: 0,0002.
Wenn wir mit AI Erfolg haben wollen, so Dickinson, müssen wir uns genau diese Fähigkeit zurückholen: spielen, fragen, hinterfragen.
Dieser Gedanke tauchte im Lauf der Konferenz mehrfach auf – manchmal offen, manchmal zwischen den Zeilen. Ebenso das Thema Fehlerkultur: In Organisationen, in denen Fehler und Fragen als Schwäche gelten, entstehen keine mutigen Ideen. Keine Transformation. Kein Fortschritt.
Das ist bestimmt kein Fehler: Ein Besuch beim Confare CIOSUMMIT Wien am 25.–26. März 2026 in der METAStadt. HIER anmelden.
Seven Disruptions you might not see coming
Weiter ging es mit einem Format, das für mich jedes Jahr ein Highlight ist: Leigh McMullens traditionelle „Seven Disruptions“. Sein Fokus liegt normalerweise auf Cybersecurity – und meine Hoffnung, dass es diesmal weniger um AI gehen würde, erfüllte sich nur begrenzt. Nicht nur ich, viele hatten inzwischen eine gewisse AI-Müdigkeit. Gibt es wirklich keine anderen Themen mehr?
Gartner betont: AI ist nicht nur ein Thema unter vielen. Es ist derzeit das Feld, in dem CIOs aktiv werden müssen – und das gleichzeitig von Vorständen und Geschäftsführungen am stärksten eingefordert wird.
Die sieben möglichen Disruptionen, die wir vielleicht zu wenig kommen sehen:
- Quantum Attire – Kleidung, die digital veränderbar ist: heute rot, morgen blau, morgens Nike, abends Gucci.
- The AI-free Trust Revolution – „Menschgemacht“ wird zum Qualitätsmerkmal; notwendig sind Trust-Systeme, die das verlässlich bescheinigen.
- AI Sovereignty – AI unter US-Hegemonie, Halbleiter aus Asien – wie sichern wir europäische Souveränität?
- Shifts in Work break Workforces – Die Geschwindigkeit des Wandels wird zur Belastung der Mitarbeitenden; Einstiegsjobs verschwinden, Remote Work verändert Kultur.
- Borrowed Intelligence – AI übernimmt Aufgaben, bevor Kompetenz aufgebaut wird; die Talent-Pipeline versiegt.
- Real-Time Cyber Risk Intelligence – Risiken werden bewertet, bevor Entscheidungen getroffen werden.
- Autonomous Business Platforms – autonome Unternehmen, die ohne Menschen auskommen, könnten zu den wertvollsten Organisationen der Welt werden.
Zwischen Ecosystemen und Cybersecurity-Radar
Ein Vortrag über KI in China zeigte eine Welt, die bei uns kaum sichtbar ist: mächtige, schnell wachsende Ecosysteme, vielfach Open Source – und damit völlig andere Spielräume für CIOs als bei proprietären US-Plattformen.
Nach einem Lunch mit österreichischen CIOs aus Industrie und Finanzsektor folgte Leigh McMullens Cybersecurity Radar 2026. Seine zentrale These: Wir setzen AI im Cyberbereich an der falschen Stelle ein.
Statt Routinearbeiten zu automatisieren, sollte AI:
- Schwachstellen bereits bei der Implementierung erkennen,
- False-Positive-Raten senken,
- die Zusammenarbeit der Security-Teams verbessern,
- und die Kosten von Angriffen reduzieren.
Er nennt das „tactical AI“.
Die Herausforderungen bleiben Skalierung und Kontrolle – AI kann sich nicht selbst überwachen.
Und natürlich rüsten Angreifer ebenfalls auf.
Quantencomputing wird neue Angriffsflächen schaffen. Datenschutz wird so teuer, dass Unternehmen personenbezogene Daten eher löschen als schützen werden. „Data is the toxic waste of the future.“
Die Verschmelzung von IT und physischer Welt verstärkt die Risiken zusätzlich: Eine GenAI-Fehlerquote von 25 % mag bei E-Mails tolerierbar sein – bei Robotern in Produktionslinien nicht.
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Ein Blick hinter die Slides
Es waren dichte Tage in Barcelona. Viele Inhalte, viele Gespräche – und Vorträge auf einer Flughöhe, die oft mehr über die Unsicherheit der Zeit erzählten als über klare technologische Trends. Wirtschaft, Politik und Technologie bewegen sich gleichzeitig und in ungewohnter Unruhe. AI dominiert das Programm so stark, dass andere Themen kaum sichtbar bleiben – bedingt durch Studien, aber auch durch Sponsoren, die das Thema auf jede Bühne drücken.
In vielen Gesprächen war eine gewisse Ernüchterung zu hören: Kaum ein Unternehmen ist wirklich zufrieden mit dem Wert, den KI bisher liefert. Die Erwartungen sind enorm, die Ergebnisse häufig überschaubar. Die Stimmung pendelt zwischen Aufbruch und Müdigkeit.
Was mir aus den CIO-Gesprächen bleibt:
Die Rolle wird gerade neu geformt. Sie wird breiter, schneller, unberechenbarer – aber damit auch zu einer der wenigen Funktionen, die echte Gestaltung ermöglichen. Und genau hier schließt sich der Kreis zu unserem Motto der kommenden Confare CIOSUMMITs:
Digitale Schöpfung – Create. Inspire. Own.
Dieses Motto trifft die Realität vieler CIOs präziser als jeder AI-Trendbericht.
Es geht nicht um Plattformen. Es geht nicht um Modelle.
Es geht darum, Gestaltungskraft zu nutzen. Verantwortung zu übernehmen. Probleme zu lösen, statt Technologie um der Technologie willen einzusetzen.
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke dieser Tage:
Nicht darauf zu warten, dass Technologie die Richtung vorgibt – sondern selbst zur gestaltenden Kraft zu werden. Fragen zu stellen. Perspektiven zu öffnen. Und Dinge zu schaffen, die Wirkung entfalten.


