Die Illusion der Unverwundbarkeit: Wenn die C-Level-Rolle den Menschen verschlingt

by Cansu Karacan

Jeanie Bäder: Die Illusion der Unverwundbarkeit – Wenn die C-Level-Rolle den Menschen verschlingt

Dauerhafter Hochleistungsdruck führt oft in eine gefährliche Spirale aus reaktiven Entscheidungen und schleichendem Selbstverlust. Jeanie Bäder ist Mentorin für Spitzenführungskräfte unter Hochleistungsdruck. Gemeinsam blicken wir hinter die Fassade von scheinbar unerschütterlicher Stärke auf der Management-Ebene. Erfahren Sie, wie bewusste Selbstwahrnehmung die Führungskompetenz nachhaltig stärkt und den Weg zu langfristiger Resilienz ebnet.

Warum fällt es vielen Führungskräften schwer, über mentale Belastung offen zu sprechen?

Es sind vor allem tief verankerte Glaubenssätze, die hier wirken: “Ich muss stark sein”, “Ich muss funktionieren”, “Ich darf keine Schwäche zeigen”.

Diese Überzeugungen wurden oft über Jahre, manchmal Jahrzehnte aufgebaut und haben viele Führungskräfte überhaupt erst in ihre Position gebracht. Hinzu kommt, dass sich CEOs ihrer Verantwortung extrem bewusst sind – für ihre Mitarbeitenden, für das Unternehmen, für Stakeholder. Sie wollen dieser Verantwortung gerecht werden und glauben, dass Stärke bedeutet, alles alleine tragen zu müssen.

Dabei dürfen wir verstehen: Über Herausforderungen zu sprechen löst Druck, macht einen Perspektivenwechsel möglich und fördert persönliches Wachstum. Es ist nicht das Zeichen von Schwäche, sondern von Reife und Selbstführung. Die reale Angst vor Konsequenzen kommt noch dazu: Wer zugibt, an seine Grenzen zu kommen, riskiert in vielen Unternehmenskulturen als nicht belastbar zu gelten. Diese Sprachlosigkeit kostet nicht nur persönlich, sondern wirkt sich unmittelbar auf die gesamte Organisation aus.

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Welche Muster beobachtest Du bei Menschen in Führungsrollen besonders häufig?

Aus meiner Erfahrung sticht ein Muster besonders hervor: Menschen laufen unter Dauerstrom, bis der Körper sich meldet oder es einfach nicht mehr geht. Sie funktionieren auf Autopilot, ignorieren alle Warnsignale und fahren die Strategie “Augen zu und durch”. Viele brauchen tatsächlich den großen Schlag – den Zusammenbruch, die Diagnose, die Krise – um überhaupt in Betracht zu ziehen, dass es andere Herangehensweisen geben könnte.

Ein zweites Muster: Die Identifikation mit der Rolle verschwimmt komplett. Die Grenze zwischen “Ich bin Geschäftsführer” und “Ich bin Mensch” löst sich auf. Wenn dann Kritik an Entscheidungen kommt, wird sie persönlich genommen, weil die Person sich nur noch über ihre Funktion definiert.

Ab wann beginnt hoher Leistungsdruck die Qualität von Entscheidungen zu beeinflussen?

Der Kipppunkt liegt dort, wo das Nervensystem dauerhaft im Alarmmodus läuft. Unter chronischem Stress übernimmt das emotionale Gehirn – unser limbisches System, in dem auch der Überlebensmodus sitzt – die Kontrolle. Der präfrontale Kortex, unser Zentrum für strategisches Denken, rationale Abwägung und Weitsicht, wird regelrecht abgeschaltet. Das ist evolutionär sinnvoll, wenn ein Tiger vor uns steht, aber fatal im Boardroom. In diesem Zustand werden Entscheidungen reaktiver, impulsiver, oft schwarz-weiß. Nuancen gehen verloren, Kreativität stirbt.

Konkret sehe ich das oft daran, dass wichtige Entscheidungen entweder aufgeschoben oder überstürzt getroffen werden – beides Zeichen dafür, dass nicht mehr aus Klarheit, sondern aus Überlebensmodus agiert wird. In meiner Arbeit geht es genau darum: Menschen wieder in einen Zustand zu bringen, in dem sie Zugang zu ihrem vollen kognitiven und emotionalen Potenzial haben.

Warum wird mentale Stabilität in Unternehmen oft unterschätzt?

Weil sie sich nicht in Quartalszahlen abbilden lässt – bis es zu spät ist. Unternehmen messen Output, nicht inneren Zustand. Mentale Stabilität wird als “nice to have” betrachtet, als Wellnessthema, nicht als Business-Critical-Factor. Dabei ist sie die Grundlage für alles: für Innovationskraft, für Krisenresilienz, für die Fähigkeit, komplexe Transformationen zu steuern. Was Unternehmen übersehen: Ein mental instabiler C-Level kostet sie nicht nur durch Fehlentscheidungen Millionen, sondern prägt durch sein Verhalten die gesamte Organisationskultur. Toxische Führung beginnt oft mit überlasteten Führungskräften.

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Welche Auswirkungen hat dauerhafte Anspannung auf Zusammenarbeit und Kommunikation?

Dauerhafte Anspannung verengt den Wahrnehmungsraum massiv. Teams spüren, wenn ihre Führungskraft unter Druck steht – auch wenn nichts gesagt wird. Die Kommunikation wird rein aufgabenbezogen, es geht nur noch um Abarbeiten, nicht mehr um Menschen. Vertrauen bricht weg, weil Mikromanagement zunimmt.

Aus NLP-Perspektive verlieren wir unter Stress den Zugang zu unseren Ressourcen. Wir kommunizieren aus eingeschränkten Zuständen heraus. Die Karte ist nicht das Gebiet – aber wenn man ständig unter Druck steht, kann man kaum noch eine andere Sicht einnehmen. Man bleibt in der eigenen Landkarte gefangen, nimmt andere Perspektiven nicht mehr wahr. Unsere Sprache wird enger, weniger flexibel. Die Fähigkeit zu echter Verbindung leidet massiv.

In meinen Workshops arbeite ich genau damit: Wie können Führungskräfte auch unter Druck bewusst kommunizieren, ihre Zustände steuern und Räume schaffen, in denen Zusammenarbeit gedeiht statt nur zu funktionieren?

Was bedeutet Leistungsfähigkeit ohne Selbstverlust für Dich konkret?

Es bedeutet, dass Leistung aus Klarheit entsteht, nicht aus Kampf. Konkret: Sie kennen Ihre Grenzen und kommunizieren sie. Sie treffen Entscheidungen aus Ihrer Wertestruktur heraus, nicht aus Angst oder Erwartungsdruck. Sie bleiben in Kontakt mit dem, was Ihnen persönlich wichtig ist – auch wenn es gerade nicht der Business-Case ist.

Leistungsfähigkeit ohne Selbstverlust heißt auch: Sie können am Sonntagabend in den Spiegel schauen, ohne sich fremd zu sein. Es geht nicht darum, weniger zu leisten, sondern anders – aus einer inneren Stabilität heraus, die nachhaltig trägt und nicht auf Raubbau am eigenen System basiert.

Welche Rolle spielen Vertrauen und Vertraulichkeit in Deiner Arbeit mit Executives?

Sie sind die absolute Grundlage – und gleichzeitig zwei meiner persönlich höchsten Werte: Ehrlichkeit und Vertrauen. Ohne radikale Vertraulichkeit gibt es keine echte Arbeit. Executives sind es gewohnt, sich strategisch zu präsentieren, Schwäche zu kaschieren. Erst wenn klar ist, dass nichts nach außen dringt – nicht ins Unternehmen, nicht ins Netzwerk –, entsteht der Raum für Wahrhaftigkeit.

Ich arbeite oft mit Menschen, die zum ersten Mal seit Jahren wieder sagen, was wirklich ist. Vertrauen entsteht nicht durch Versprechen, sondern durch Haltung: Ich bin nicht hier, um zu bewerten oder zu optimieren. Ich bin hier, um zu verstehen und zu begleiten. Diese Vertraulichkeit ist auch der Grund, warum Transformation überhaupt möglich wird.

Wie verändert sich Führung, wenn Menschen ihren eigenen inneren Zustand bewusster wahrnehmen?

Sie wird präziser und menschlicher zugleich. Führungskräfte, die ihren inneren Zustand kennen, können besser unterscheiden: Ist das gerade meine Angst, die spricht, oder eine valide Risikoeinschätzung? Reagiere ich aus Erschöpfung oder aus strategischer Klarheit?

Diese Selbstwahrnehmung führt zu einer radikal anderen Präsenz: weniger reaktiv, mehr gestaltend. Teams erleben solche Führungskräfte als berechenbarer und gleichzeitig authentischer. Interessanterweise steigt auch die Entscheidungsgeschwindigkeit – weil weniger innere Konflikte ausgefochten werden müssen. Bewusste Führung ist effiziente Führung.

Welche Warnsignale werden von Führungskräften häufig zu lange ignoriert?

Schlafstörungen werden heruntergespielt. Zunehmende Gereiztheit als “stressige Phase” abgetan. Der Verlust von Freude an Dingen, die früher erfüllt haben. Körperliche Symptome wie Verspannungen, Verdauungsprobleme, Herzrasen. Soziale Isolation – man zieht sich zurück, weil alles zu viel ist. Und das gefährlichste Signal: die innere Gleichgültigkeit, wenn nichts mehr wirklich berührt.

Was viele vergessen: Der Körper ist immer unser Feedbackinstrument. Er zeigt uns präzise, wo wir stehen – wir müssen nur lernen, ihm wieder zuzuhören. Viele kommen erst, wenn mehrere dieser Signale gleichzeitig auftreten. Dabei wäre der ideale Zeitpunkt viel früher – wenn die ersten Anzeichen auftauchen, nicht wenn das System bereits im roten Bereich läuft.

Was braucht es, damit Verantwortung nicht dauerhaft zur Überlastung wird?

Drei Dinge: Erstens, eine realistische Selbsteinschätzung der eigenen Kapazität – nicht was theoretisch möglich ist, sondern was nachhaltig tragbar ist.

Zweitens, der Körper muss zur Priorität werden. Ein fitter, gesunder und leistungsfähiger Körper ist nicht optional, sondern die Grundlage für langfristige Leistungsfähigkeit und Resilienz. Ohne körperliche Stabilität gibt es keine mentale Stabilität.

Drittens braucht es Strukturen der Regeneration, die nicht verhandelbar sind. Keine “Ich-mache-das-wenn-ich-Zeit-habe”-Ansätze, sondern feste Rituale.

In meiner Arbeit gehen wir Themen ganzheitlich an – nicht nur auf rationaler Ebene, sondern mit tiefer Ursachenforschung. Wir wissen ja theoretisch viel, was wir für uns tun sollten. Die eigentliche Frage ist: Warum setzen wir es nicht um? Was blockiert uns wirklich? Dort, in den unbewussten Mustern und Überzeugungen, passiert echte Veränderung.

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