
Petra Augustyn ist Entrepreneur und Gründerin von ktchng.com, einer Technologiefirma die an KI-Weltmodellen im Computer Vision Segment mit klarem Fokus auf 3-6D Objekterkennung in der realen Welt arbeitet und beschäftigt sich seit gut einem Jahrzehnt mit dem Thema ethischer Zielfunktionen in KI.
Du sagst sehr deutlich: „Digitale Souveränität ist eine Falle.“ Was meinst Du damit?
Die Begriffe „digitale Souveränität“ und „digitale Autonomie“ sind in Europa derart in Mode gekommen, dass sie von allen Seiten als Ausgangspunkt für die unterschiedlichsten Forderungen und Agenden herangezogen werden. Der CEO von Axel Springer Mathias Döpfner sagt, dass Europas KI-Zukunft davon abhängt, stärkere Technologieallianzen aufzubauen: “Ich glaube absolut nicht an die Idee europäischer Souveränität, wenn es um Technologie geht. Die einzige Frage ist: Wer sind unsere Verbündeten?” Gemeinsam sind wir stärker. Umarme Amerika. Nimm Indien an. Nimm Japan an. Gemeinsam künstliche Intelligenz gestalten.“ Döpfners Haltung ist a-typisch dafür, warum europäische Unternehmen international kaum skalieren. Das Problem ist, dass Europa KEINE Infrastruktur besitzt oder kontrolliert. Wir sind dazu gezwungen einen anderen Souverän zu dienen. In Döpfners Weltsicht sogar bereitwillig. Umarme es, so viel du willst, Europa muss wieder seine eigenen Vermögenswerte und digitalen Wertschöpfungsketten aufbauen und stärken, sonst dient Europa zukünftigen vielen Souveränen auf anderen Kontinenten nur nicht sich selbst. Klassische Wirtschaftsspionage somit sehr leicht gemacht. Das Ziel sollte sein, Kapital zu mobilisieren, um europäische Technologie und Innovationen zu stärken und den Anteil der europäischen Nachfrage zu erhöhen, anstatt Umarmungsstrategien medial zu propagandieren. Das bedeutet weder Protektionismus noch Autarkie noch den Ausschluss außereuropäischer Anbieter.
Die wahre Absurdität ist, dass wir immer noch die Europäische Kommission als “Eckpfeiler-Investor” brauchen, obwohl Europa reich ist und professionelle Investoren sich medial gerne als sehr fähig darstellen. Am Ende reicht es nur dazu die Kamille herumzureichen. Wir können Staatsfond über Staatsfonds machen und wir können die Mittel syndizieren. Echte Kapitaldynamik erzeugen und die Renditen europäischer Technologie Scaleups steigern geht nur durch Wertschöpfung und Wachstum. Europa befindet sich derzeit in einer Situation starker Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern in mehreren Schichten seines digitalen Stacks, und dies untergräbt Fähigkeit, seinen eigenen technologischen Weg, die Richtung der Innovation, das Produktivitätswachstum, die Industriestrategie und letztlich seinen geopolitischen Einfluss selbst zu bestimmen.
Eine andere Dystopie ist die Idee „Europa muss Vereinbarungen mit Hyperscalern treffen, um seine zukünftige Souveränität zu stärken“. Die Lösung liege daher in einem kriegsähnlichen Ausbau der Rechenkapazitäten auf europäischem Boden, wozu auch Vereinbarungen mit US-amerikanischen Hyperscalern gehören, deren Rechenzentren in Europa (und damit formal unter europäischer Gerichtsbarkeit) angesiedelt werden sollen, im Austausch für den Zugang zu bahnbrechenden LLM-Modellen, die letztlich den Launen Washingtons unterliegen. Die vermeintlich heilsbringenden Hyperscaler wollen jedoch etwas dafür. Sie fordern Anreize, die zur Deckung der zu erwartende europäische Nachfrage erforderlichen Rechenkapazitäten dienen. Dazu zählen rasche Genehmigungen und Zugang zu günstigerer überschüssiger französischer Kernenergie. So eine Haltung und Ausverkauf seitens Europas ist erschreckend. Europa weiß selbst, wie man Rechenzentren baut. Viele europäische Firmen können und tun dies bereits. Das Problem ist nicht die Finanzierung, es gibt reichlich Mittel für den Bau in Europa, sofern ob die echte Nachfrage da ist. Solange sich keine Nachfrage konkretisiert, gehen europäische Bauherren Risiken ein, denen US-Hyperscaler nicht ausgesetzt sind, da sie sich bereits ganze Wälder von GPUs gesichert haben und jederzeit Kapazitäten bereitstellen können, um ihren riesigen, festen Kundenstamm in den USA und im Ausland zu bedienen. Wer in Europa Rechenzentren haben will, sollten sie von Europäern bauen lassen. Dies nicht zu tun, bedeutet einen weiteren Rückschritt in Sachen Souveränität.
Meine Linie ist klar: Brüssel hat in den vergangene 15 Jahren nichts dazu getan. Die digitale Regulierung war ein Nichtsnutz, und das war schon lange vor der aktuellen US-Regierung der Fall. Brüssel hatte niemals einen Plan, eine Tech-Industrie aufzubauen. Wo war die BUILD-Abteilung? Ich sehe nur Wettbewerbs- und Durchsetzungsträume, die zu nichts führten. Also nein, für echte Souveränität musst du finanzieren, bauen, weiterentwickeln, nicht hastig verkaufen, sondern kaufen und wieder bauen und das aggressiv, oder Du bleibst ein Vasall. Ehemalige Regulierungsbehörden, Politiker und Medienlenker, die jetzt fromm in Sachen Souveränität sind, das ist eine Falle.
Europa möchte bei AI unabhängiger von den USA und China werden. Wo ist das realistisch – und wo sollten wir stärker auf unsere tatsächlichen Stärken setzen?
Falsch und gefährlich sind Aussagen wie „Europa wird niemals eine souveräne KI-Supermacht sein“ oder „Europa kann das Wettrennen um souveräne KI niemals gewinnen“. Es ist schon schlimm genug, wenn uninformierte Amerikaner so etwas von sich geben. Wieso aber Europäer so etwas sagen, ist mir rätselhaft. Es hört sich an wie eine Mischung aus Schadenfreude über den Zustand Europas, was ein weltweit verbreitetes Problem ist gepaart mit einer Prise Selbstgefälligkeit, Neunmalweltklugheit und uncoolen Silicon Valley Mindset.
Zunächst ist es wichtig klarzustellen: Souveränität ist nicht gleichbedeutend mit „KI-Souveränität“. Keine sinnvolle Diskussion über digitale Souveränität oder Autonomie beginnt und endet mit KI. KI ist ein Anwendungsfall: Cloud + Software + Daten. KI, die auf der Cloud-Infrastruktur von Hyperscalern außerhalb Europas aufbaut, nicht nur für das Modelltraining, sondern auch für die Inferenz, d. h. die Rechenleistung für den Modelleinsatz, ist nicht souverän. Wir sollten uns über Wunschdenken und Grenzen im Klaren sein. Derzeit wird die Unsicherheit hinsichtlich der Angemessenheit des Schutzes für europäische Daten in die USA übertragen (auf die sich derzeit über 3.600 US-Unternehmen, die europäische Daten verarbeiten, verlassen). Nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA (SCOTUS) in der Rechtssache „Trump gegen Slaughter“ stellt das ein weiteres Risiko für europäische Vorstände, Manager etc. dar und motiviert die Suche nach Alternativen. Noch bis vor wenigen Wochen war in Brüssel und in den meisten europäischen Ländern die Annahme zur Selbstverständlichkeit geworden, dass Europa als Nachzügler bei der Entwicklung eigener Modelle, sich den Pionierlabors der Vereinigten Staaten im Bereich der großen Sprachmodelle (LLM) unterwerfen müsse oder andernfalls mit wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Untergang rechnen müsse. Der Bericht „Europe 2031“ und die darin zu Wort kommenden KI-Maximalisten empfahlen, dass Europa um garantierten Zugang zu den symbolträchtigen amerikanischen Modellen betteln solle im Gegenzug dafür, dass man den Hyperscalern Zugeständnisse mache, damit diese ihre Infrastruktur durch Errichtung von Rechenzentren auf dem gesamten Kontinent ausbauen könnten. Da ist, wie oben beschrieben, eine Falle.
Doch plötzlich haben chinesische Labore Open-Weight-Modelle auf den Markt gebracht, die bei den Aufgaben, die viele Unternehmen tatsächlich ausführen, eine Leistung nahe der Spitzenklasse erzielen zu einem Bruchteil des Preises. Von DeepSeeks V4 über Moonshots Kimi3 und Zhipus GLM-5.2 bis hin zu Tencent, Baidu und MiniMax reichen die Preise von weniger als einem Bruchteil eines Dollars pro Million Token bis zu einigen Dollar. Im Gegensatz dazu liegen die Preise der amerikanischen Flaggschiff-Modelle mit geschlossenen Gewichten bei 5 US-Dollar pro Million Eingaben und 25 bis 30 US-Dollar pro Million Ausgaben für Claude Opus und GPT-5.5. Die Preisunterschiede bei vergleichbaren Produktionsaufgaben werden daher je nach Arbeitsaufwand auf etwa den Faktor 20 im Flaggschiff-Segment und bis zu 200 im Budget-Segment geschätzt. Über Einzelheiten lässt sich streiten, aber entscheidend ist die Größenordnung.
Daraufhin vollzog Mistral, der europäische Vorzeigehersteller von Modellen, am 11. August 2026 eine strategische Wende. Am bedeutendsten war die Bildung einer Koalition aus wichtigen Unternehmenskunden, die die Infrastruktur über ein neues Instrument finanzieren: die „European Compute Units“ (ECUs), die als mehrjährige, im Voraus bezahlte Rechenkapazitätsverpflichtungen definiert sind. Das öffentlich erklärte Ziel sind 200 Megawatt Rechenleistung in Europa bis Ende 2027 und 1 Gigawatt bis Ende 2030, finanziert durch Investitionen in Höhe von rund 3Milliarden Euro. Amadeus, ASML, Capgemini und der Investor CMA CGM werden als Ankerpartner der Koalition genannt. Die Bündelung verstreuter Unternehmensnachfrage zu einem bankfähigen Ankerkunden, dem ECU, ist eine Form der nachfrageseitigen Industriepolitik, die die europäischen Institutionen im Bankwesen, im Zahlungsverkehr und in der Cloud nicht umgesetzt haben und den Mistral nun auf der Rechenebene investitionsfähig gemacht hat. Die Bereitstellung von GLM-5.2 neben den eigenen Modellen von Mistral auf europäischer Infrastruktur macht im Wesentlichen deutlich, dass die Herkunft der Modelle nicht länger eine Frage der Souveränität ist und wir sollten europäische Modelle nicht im Namen der Souveränität zum Fetisch erheben. Wichtig zu verstehen ist nur, dass die Hauptinvestoren von Mistral aus den USA stammen, dazu zählen nach der Series-D vom 8.09.2026 mehrere Blackrock Fonds und die bestehenden Andreessen Horowitz, Nvidia, Salesforce Ventures.
Parallel dazu versuchen die etablierten US-amerikanischen Unternehmen mit geschlossenen Gewichten, in alle Richtungen neue Wege zu beschreiten, da ihre wirtschaftliche Lage im Inland zunehmend unsicher wird. Am 24. Juli 2026 führten Nvidia, Microsoft und Meta eine Koalition aus 25 Unterzeichnern in einem offenen Brief mit dem Titel „Open Weights and American AI Leadership“ an, in die offenen Modelle als zentral für die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit gelobt wurden. OpenAI unterzeichnete am nächsten Tag, Anthropic hat noch nicht unterzeichnet, Google und Amazon unterzeichneten bei der Veröffentlichung. Der Brief liest sich wie eine Art Absicherung: Jeder Amtsinhaber geht auf Nummer sicher, da keiner von ihnen weiß, wie sich die nächsten zwölf Monate entwickeln werden. Gleichzeitig unternehmen Pionierlabore erhebliche Anstrengungen zur „Regulatory Capture“ und üben Druck auf das Weiße Haus aus, um die Tür hinter sich zu verschließen: die Executive Order 14409 „Promoting Advanced Artificial Intelligence Innovation and Security“ vom 2. Juni 2026 führte bei der National Security Agency ein geheimhaltungsgeprägtes Benchmarking-Verfahren ein, um unter die Regelung fallende Pioniermodelle zu benennen. Das Handelsministerium erwog separat, chinesische KI-Labore auf die Entity List zu setzen, und die FCC verbot am 28. Juli aus Gründen der nationalen Sicherheit neue chinesische humanoide Roboter und Wechselrichter.
Zeitgleich wird der Berg an Investitionsausgaben, der hinter den amerikanischen Closed-Weight-Labors stehen fällig. Die Infrastrukturausgaben der Big Five-Hyperscaler werden für 2026 auf über 600 Milliarden US-Dollar prognostiziert – ein Anstieg von 36 Prozent gegenüber 2025. Davon entfallen rund 75 Prozent auf KI. Amazon spricht von 200Milliarden US-Dollar, Alphabet von 180 Milliarden US-Dollar, Microsoft rechnet mit 90 bis 95 Milliarden US-Dollar, wovon bis zu 80 Prozent auf KI entfallen. Um dies zu finanzieren, nahmen die US-Hyperscaler im Jahr 2025 Schulden in Höhe von 108 Milliarden US-Dollar auf, wobei Prognosen zufolge das Emissionsvolumen in den kommenden Jahren 1,5 Billionen US-Dollar übersteigen wird. Diese Verbindlichkeiten werden indirekt durch öffentliche Rentenfonds, allgemeine Konten von Lebensversicherungen und die Verbriefung von Studentenkrediten besichert. Die Kommodifizierung von Token unter dem Druck chinesischer Open-Weight-Veröffentlichungen bedeutet, dass der zur Bedienung dieses Stapels benötigte Umsatzanstieg, wenn überhaupt, zurückgeht. Staatsfonds, private Kreditgeber, Versicherer und Pensionsverwalter haben still und leise begonnen zu erkennen, dass sie möglicherweise für die Rückzahlung bürgen.
Diese Diskussion ist längst überfällig und etwas, wofür Europa wirklich die Augen öffnen muss. Es gibt mehrere Restgläubiger an einem Paket, das Europa zur Miete angeboten wird.
20 Jahre Confare, 20 Jahre voller Geschichten, 20 Jahre drastische Veränderung der CIO-Rolle. Lassen Sie uns die Geschichte von Confare und die Geschichte der CIO-Rolle der letzten 20 Jahre Revue passieren. Der krönende Abschluss: das Confare Motto des kommenden Jahres. Jetzt für das LinkedIn-Event anmelden!
WO BLEIBT DENN NUN EUROPA?
In Europa gibt es derzeit keine vergleichbaren Bemühungen im Bereich des Modelltrainings, denn, obwohl es sich wie eine wirtschaftliche Supermacht verhält, hat es eine ganze Generation lang geschlafen und sich darauf beschränkt, die US-Technologiegiganten zu regulieren, anstatt selbst etwas aufzubauen. Doch die Fixierung auf Modellgewichte verschleiert ein tiefes liegendes Problem. Europa besitzt auch nicht die Infrastruktur, auf der diese Modelle laufen. Der Betrieb von Anthropic-Agenten, OpenAI-Schlussfolgerungsmodellen oder einer Reihe industrieller Anwendungen auf der Rechen-, Speicher-, Netzwerk- und Sicherheitsinfrastruktur sowie den Kontrollebenen von US-Hyperscalern bedeutet nicht, dass ein nennenswerter Anteil an der Wertschöpfungskette erobert wird, sondern vertieft vielmehr die Abhängigkeit. Chinesische Labore könnten, sobald sie eine Verbreitung erreicht haben, ausbeuterisch werden, so wie es jedes etablierte Technologieunternehmen letztendlich tut durch übliche Lockvogelangebot. Natürlich muss Europa gegenüber allen Abhängigkeiten wachsam sein. Doch eine Strategie, bei der das Training europäischer Pioniermodelle mit knappem, öffentlichen und Rentenkapital finanziert wird, ist eine schlechte Nutzung von Mittel im Vergleich zum Besitz der Rechen-, Inferenz- und Datenschicht, auf der die Modelle aller anderen laufen müssen.
Was Europa aufbauen kann, ist der Stack zwischen den Gewichten und den Unternehmen: regionale Inferenzinfrastrukturen nach europäischem Recht, Orchestrierungs- und Steuerungsebenen, Sicherheits- und Compliance-Zertifizierungen, sektorale Industriedaten-Trusts sowie die Anwendungen für Unternehmen und den öffentlichen Sektor, die auf gehosteten offenen Gewichten aufbauen, heute noch chinesischen, später europäisch, sobald europäische Anbieter diese bereitstellen können. Das ist die realistische Darstellung des Stacks, den Europa für sich beanspruchen kann. Es handelt sich um einen europäischen Schritt zur Kommerzialisierung der Schichten oberhalb des Modells und unterhalb der Anwendung, so wie chinesische Forschungslabore das Modell kommerzialisiert haben, die genauso im Wettbewerb mit denselben fünf US-Hyperscalern und deren unter Kontrolle stehendem Chiphersteller sind. Das ist das Gegenteil dessen, was die Hyperscaler und ihre Stellvertreter den europäischen Staats- und Regierungschefs beim G7-Gipfel stillschweigend aufgezwungen haben: dass Europa für den garantierten Zugang zu den neuesten Technologien dankbar sein, darum betteln und alle Ansprüche auf den Aufbau einer eigenen Infrastruktur aufgeben solle – sonst sei es vorbei.
In Europa herrscht seit jeher die Vorstellung, dass es auf dem Kontinent an Innovation mangelt, und dass wir deshalb dort stehen, wo wir stehen. Das stimmt nicht! Europa verfügt über jede Menge Innovation, einschließlich Forschung und Start-ups, die jedoch nicht skaliert wird, da bekanntlich jährlich Milliarden an Ersparnissen an US-Risikokapitalgeber fließen, um in US-Technologie oder in europäische Start-ups zu investieren, nachdem diese abgewandert sind. Das ändert sich gerade: Da die europäische Nachfrage nach europäischen Produkten steigt, verbessern sich die Renditen, und Kapitalgeber erkennen die Skalierung als lohnendes Unterfangen an. Wir verfügen über erstaunliche Technologieökosysteme auf dem gesamten Kontinent, außergewöhnliches Talent und enorme Kapitalreserven. Kartellrecht/Regulierung waren der Aufgabe einfach nicht gewachsen und eine Irreführung. Der Aufbau eines größeren Anteils an unserer eigenen Technologieinfrastruktur ist das Ziel. Kein Protektionismus.
Kaufen, finanzieren, aufbauen. Darauf sollte sich Europa zielstrebig und entschlossen konzentrieren. Man darf nicht ständig alles an die Kommission und die Institutionen abwälzen. Dass Risikokapitalfonds in Europa zu einem Drittel von staatlichen Stellen finanziert werden, gegenüber 4 % in den USA. Die europäische Denkweise ist nach wie vor völlig abhängig von Brüssel ist und sich diesem unterordnet. Doch das muss nicht so sein. Abhängigkeit von der Bürokratie ist Geschäftsmodell für Bürokraten ohne Mehrwert. Es gibt eine riesige Lobbyindustrie, die die „Brüsseler Blase“ ausmacht und Energie in nutzlose Sitzungen und Unternehmungen verschwendet. Langweilige Veranstaltungen, runde Tische. Gipfeltreffen. Abendessen. All das ist eine Ablenkung, die Europas Mangel an tatsächlicher Handlungsfähigkeit aufrechterhält. Kann es funktionieren? Vielleicht, mit etwas Anstrengung. Nicht als Top-down-Plan der Kommission, der immer unzureichend sein wird, da er nicht ausreichend von Wirtschaft und Kapital geprägt und zudem unterfinanziert ist. Private Initiativen müssen in Gang kommen und Handlungsfähigkeit gewinnen. Die selbstgefälligen europäischen Eliten und dessen Erben sollten endlich in die Gänge kommen und diesen postmodernen Eurokommunismus etwas entgegenwirken. Das Leben in der europäischen Eliteeinheit und selbstgeschaffenen Work-Life Balance Kultur scheint immer noch zu angenehm. Viele Bürger sind da mittlerweile viel wachsamer und patriotischer als so manche Industriellenvereinigungen. Worauf wartet Ihr?
Du siehst gerade bei Industrial AI große Chancen für Europa. Was können wir hier besser als andere Regionen?
Europa verfügt über großes Fachwissen in der Industrie und über Präzisionsdaten. Das ist zweifellos der Fall, und es ist ein großer Vorteil bei physischer KI und industriellen Anwendungen. Aber für sich genommen reicht das bei weitem nicht für einen Kontinent mit der Wirtschaftskraft Europas und wird uns sicherlich nicht „souverän in der KI“ machen. Irgendwie findet vor allem Deutschland und Österreich schwer in die KI-Software generierte Welt. Der Mangel an Massendaten macht es nicht einfacher. Seit fast 30 Jahren haben wir es nicht geschafft eine europäische B2C Plattformtechnologie aufzubauen. Der Besitz von Modellen, Infrastruktur und proprietären Daten ist wichtig, aber ein Wettbewerbsvorteil zeigt sich nur, wenn Organisationen diese in tatsächliche Arbeitsabläufe, Verantwortlichkeiten und Entscheidungen integrieren können. Genau hier sehe ich eine der größten Chancen Europas: die Kombination von Frontier-KI mit dem proprietären Wissen und den Daten, die bereits in der industriellen Basis verankert sind. Deutschlands und Österreichs Mittelstand ist ein großartiges Beispiel. Viele dieser Unternehmen verfügen über jahrzehntelange einzigartige Kunden-, Ingenieur- und Branchendaten. Aber diesen Vorteil in KI-gestützte Produkte und Dienstleistungen zu verwandeln, erfordert es mehr als nur Technologie. Es wird Führungskräfte erfordern, die die traditionelle Ingenieurwelt mit der neuen IT- und KI-gesteuerten Umgebung ökonomisch verbinden können. Meiner Ansicht nach wird diese Führungsfähigkeit für Europas Wettbewerbsfähigkeit genauso entscheidend sein wie die Technologie selbst.
Technologieoffenheit als Gefahr. China hat den Markt für Automotive nicht gewonnen, weil sie Technologie offen waren, sondern weil sie ultra fokussiert waren. Sie nehmen anderen Weltregionen, mit denen sie in Wettbewerb stehen, Wertschöpfung und Arbeitsplätze weg. Europäische Firmen zb.: Volkswagen, Bosch etc. verlagerten über Jahrzehnte die wertvollsten Jobs aus Deutschland nach China und das Ergebnis sehen wir jetzt. Designed in China, assembled in Europe, damit schützen wir unsere Produktionsjob, während wir unsere Entwicklungsjobs verlieren und werden zur Werkbank Chinas. Das Spiel muss sich wieder umkehren. Endprodukte bloß zusammenzubauen wird langfristig für Europa nicht reichen. Infrastruktur bauen, europäische Softwarezulieferer finden oder finanzieren, das macht jede Weltregion auch die USA, warum also nicht Europa.
Erster logischer Schritt: Mitgliedstaaten und auch europäische Konzerne entfernen sich zunehmend eigenständig von US-amerikanischen Lösungen. Einige Unternehmen und Betriebe beginnen Farbe zu bekennen. Airbus hat sich für Scaleway entschieden, die niederländische Nationalbank und zahlreiche andere für StackIt, und viele weitere experimentieren und planen Migrationen, oder entwickeln eigene Modelle und Software, die sich mittel- bis langfristig gut mit der Hardware, zb.: im Humanoiden Robotik Bereich integrieren lassen. Die technischen Kenntnisse sind in Europa immer noch deutlich höher, auch seitens der Forschung und es zeigt sich, dass sie die Grundlage dafür bilden, dass alles andere gut läuft. Manche Modelle sind wörtlich und präzise und tun genau das, was man von ihnen verlangt. Andere sind offener und kreativer. Da ein einzelnes Modell nicht beides sein kann, benötigen Unternehmen ein Portfolio statt eines Standardmodells. Der Wert liegt in der Verpackung, im Überbau nicht in der Intelligenz. Intelligenz ist mittlerweile nur noch ein Baustein, genauso wie es der Cloud-Speicher geworden ist. Deshalb konzentrieren sich die Forschungslabore auf den Maschinenraum und überlassen die Verpackungsarbeit, wo der echte Wert liegt den Unternehmen, die darauf aufbauend Produkte entwickeln. KI kann klassische Wettbewerbsvorteile nicht schlagen. Keine noch so große Anzahl von Programmieragenten wird Marken wie Adidas, Red Bull, BMW dazu bringen, nicht mehr Adidas, Red Bull, BMW etc. zu sein. Netzwerkeffekte, Skaleneffekte und die Marke bleiben von billiger Intelligenz weitgehend unberührt. Es wäre gut, wenn sich kluge Manager wieder auf die Wertschöpfung einer Marke besinnen und was das bedeutet.
DIES IST TEIL EINS UNSERES BLOG-ZWEITEILERS. DEN NÄCHSTEN PART FINDEN SIE HIER.


