
Wenn Infrastruktur funktioniert, fällt sie nicht auf. Genau das ist der Anspruch von WienIT – und zugleich ihre größte Herausforderung. Als zentraler IT-Dienstleister der Wiener Stadtwerke steht das Unternehmen hinter Mobilität, Energie, Netzen, Friedhöfen und vielen weiteren Services der Stadt Wien.
Im „Behind the Badge“-Interview spricht Gerald Stöckl, Geschäftsführer der WienIT, mit Michael Ghezzo über Führung, digitale Souveränität, Abhängigkeiten von Anbietern – und darüber, warum Europa jetzt ins Tun kommen muss.
Gerald, viele kennen euch nur indirekt. Was ist die Rolle der WienIT?
Wir sind eine hundertprozentige Tochter der Wiener Stadtwerke und der zentrale IT-Dienstleister hinter allen Services dieses Konzerns. Dazu gehören unter anderem die Wiener Linien, die Energiebereiche, Netze, Mobilität, aber auch Bestattungen und Friedhöfe – alles, was zur Infrastruktur der Stadt Wien zählt.
Unsere Aufgabe ist die Digitalisierung dahinter. Im Idealfall nimmt man uns gar nicht wahr – denn dann funktioniert alles. Wir decken als Full-Service-Provider die gesamte IT-Wertschöpfungskette ab und sind mit rund 1.000 Mitarbeitenden eines der größten IT-Häuser dieser Art in Österreich.
Das ist eine enorme Bandbreite. Wie gestaltest du deine Rolle als Geschäftsführer?
Diese Breite macht den Reiz aus – auch wenn sie natürlich herausfordernd ist. Für mich gibt es zwei zentrale Aufgaben.
Erstens: strategisch weit über den Tellerrand schauen. Wo wollen wir in fünf Jahren stehen, und wie verfolgen wir diese Ziele konsequent?
Zweitens – und das ist mir fast noch wichtiger – der Aufbau einer Führungskultur, in der Verantwortung dort übernommen wird, wo Entscheidungen getroffen werden. Ich glaube nicht an zentrale Kontrolle. Mir ist wichtig, dass Führungskräfte eigenständig entscheiden, Verantwortung tragen und wissen: Ich stehe dahinter. Meine Rolle sehe ich stark im Vorleben und Weiterentwickeln dieser Kultur.
Gemeinsam mit Lambert Sharwitzl und dem CIO der Stadt Wien, Klemens Himpele, werden wir diese Themen weiterdiskutieren, u.a. mit dem CIO der NATO, Manfred Boudreaux-Dehmer.
Einige Programm-Highlights finden Sie bereits jetzt HIER.
Welche großen Themen und Transformationen beschäftigen die WienIT aktuell?
Wir haben ein sehr breites Aufgabenfeld. Besonders wichtig ist mir, dass die Stadt Wien ihren Weg Richtung Klimaneutralität nicht verlassen hat. Energie, Mobilität, Dekarbonisierung – all das funktioniert ohne Digitalisierung nicht.
Ein zentraler Fokus liegt auf den Touchpoints zu den Bürgerinnen und Bürgern: Services einfacher, stabiler und besser nutzbar zu machen. Gleichzeitig beschäftigen wir uns intensiv mit einem Thema, das uns in den nächsten Jahren stark fordern wird: digitale Souveränität.
Wir betreiben selbst Rechenzentren, sehr viel Software und Infrastruktur. Dafür brauchen wir neue Strategien, neue Partnerschaften und neue Formen der Zusammenarbeit – sonst verlieren wir langfristig Steuerungsfähigkeit.
Warum hat digitale Souveränität für die WienIT so eine hohe Priorität?
Als Betreiber kritischer Infrastruktur müssen wir die Kontrolle behalten. Wenn wir geopolitischen Entwicklungen oder monopolartigen Anbieterstrukturen ausgeliefert sind, wird das gefährlich.
Digitale Souveränität bedeutet für uns nicht nur die Frage „Cloud oder eigenes Rechenzentrum“. Es beginnt bei Architekturentscheidungen, bei Datengovernance, bei Abhängigkeiten von Systemhäusern und Herstellern. In den letzten zehn Jahren hat Europa vieles ausgelagert – im Vertrauen auf stabile Partnerschaften, die es so nicht mehr gibt.
Digitale Souveränität ist Ihr Steckenpferd? Wir halten Sie in unserem Blog auf dem Laufenden, was die DACH-weite CIO-Community dazu denkt. HIER Ihr kostenloses Abo abschließen.
Ist der Markt für souveräne Alternativen schon ausgereift?
Er ist da – aber noch nicht reif genug. Gerade für große Organisationen ist Beschaffung oft schwierig. Trotzdem haben wir als große Auftraggeber eine Verantwortung, diesen Markt mitzuentwickeln. Das passiert nicht von selbst.
Und es braucht neue Allianzen. Digitale Souveränität ist zu komplex, um sie allein zu lösen – egal wie groß man ist. Kooperation wird entscheidend.
Was können CIOs konkret für digitale Souveränität tun?
Der erste Schritt ist eine ehrliche Standortbestimmung: Wo stehen wir? Wo sind unsere größten Abhängigkeiten? Welche Risiken gehen wir ein?
Wir haben dafür organisatorisch klare Verantwortung geschaffen und arbeiten gerade an einer detaillierten Roadmap. Wichtig ist: Man muss nicht überall maximale Souveränität anstreben. Aber man muss bewusst entscheiden, wo sie notwendig ist – und wo nicht.
Der zweite Schritt ist Zusammenarbeit. Wenn mehrere Organisationen dieselben Abhängigkeiten haben, kann man gemeinsam Druck auf Anbieter ausüben oder Exit-Strategien entwickeln. Allein ist man oft zu schwach.
Digitale Souveränität kostet Geld – wie geht die WienIT damit um?
Ja, digitale Souveränität kostet. Das muss man offen sagen. Es braucht Investitionen, und die müssen beziffert werden. Gleichzeitig heißt das für uns: an anderen Stellen effizienter werden, um diese Investitionen möglich zu machen.
Wichtig ist, ins Tun zu kommen. Nicht nur Bekenntnisse auf Folien, sondern echte Entscheidungen, echte Projekte, echte Budgets.
Welche Lehren zieht ihr für Architektur und Systeme?
Wir haben früher stark auf Standardlösungen gesetzt und vor allem das technische Zusammenspiel bewertet. Heute denken wir Abhängigkeiten von Anfang an mit.
Wenn ein Anbieter ausfällt oder aussteigt, darf das nicht das gesamte System gefährden. Diese Perspektive muss Teil jeder Architekturentscheidung sein – denn im Betrieb lässt sich das später kaum mehr reparieren.
Das Motto des Confare CIOSUMMIT lautet „Digitale Schöpfung – Create. Inspire. Own.“ Was bedeutet das für dich?
Der Begriff „digitale Schöpfung“ löst bei mir etwas aus. Er hat etwas Künstlerisches. Digitalisierung ist für mich kein Selbstzweck, sondern ein Gesamtkunstwerk: bewusst gestaltet, mit einer klaren Wirkung für Menschen.
„Own“ ist dabei neu – und entscheidend. Es zwingt uns, darüber nachzudenken, was wir selbst in der Hand behalten müssen und welche Konsequenzen es hat, wenn wir das nicht tun.
Gerald, danke für das Gespräch.
Sehr gerne. Ich freue mich, dass wir diese Diskussion beim Confare CIOSUMMIT weiterführen – und hoffe, dass wir damit den Gedanken digitaler Souveränität in der österreichischen CIO-Community weiter verankern können.
Das Interview als Video:


