Digitale und Persönliche Transformation- Was man aus einer Transition über Führung lernen kann

by Bianca Bogad-Frey

Michelle Mangiapane - Digitale und Persönliche Transformation- Was man aus einer Transition über Führung lernen kann

Michelle Mangiapane – CIO von Palm – spricht im Confare Bloginterview über ihre Transition, das Segeln und was Sie dadurch an Führungskompetenz gewonnen hat. Genauer beschreibt sie ihre Erfahrungen in ihrem Buch „Kurswechsel: Segeln in ein neues Leben – eine Coachingfabel“.

Du beschreibst Veränderung als etwas zutiefst Erlebtes – was war der Moment, in dem dir klar wurde: Jetzt gibt es kein Zurück mehr?

Es gibt Momente im Leben, in denen das Alte einfach nicht mehr funktioniert – nicht, weil es „falsch“ war, sondern weil man selbst nicht mehr derselbe Mensch ist. Für mich war das kein plötzlicher, dramatischer Moment, sondern eine stille Erkenntnis. Ich stand mitten in einem Leben, das auf dem Papier gut aussah – beruflich erfolgreich, im Außen stabil – und spürte gleichzeitig eine Leere, die ich nicht mehr ignorieren konnte.

Ich hatte so lange versucht, „funktionierend“ zu bleiben, dass ich den Kontakt zu mir selbst fast verloren hätte. Der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab, war der, an dem ich nicht mehr gegen dieses innere Wissen ankämpfen konnte. Ich wusste: Wenn ich bleibe, verrate ich etwas Wesentliches in mir. Von da an ging es nicht mehr darum, wie ich weitermache, sondern wer ich eigentlich sein will.

Viele sprechen über Transformation, wenige gehen sie existenziell. Was hat dich deine persönliche Transition über echte Veränderungsfähigkeit gelehrt?

Echte Veränderung ist kein Workshop, kein Prozessdiagramm, kein Zielzustand. Sie ist ein inneres Aushalten – der Zwischenraum zwischen dem, was man war, und dem, was man noch nicht ist. In meiner eigenen Transition habe ich gelernt, dass Wachstum sich oft erst wie Zerfall anfühlt.

Man verliert Sicherheiten, Zugehörigkeit, Selbstbilder. Es fühlt sich an, als würde man alles verlieren – bis man versteht, dass man gerade dabei ist, sich selbst zu finden. Veränderungsfähigkeit heißt nicht, ständig Neues zu suchen, sondern die Unsicherheit auszuhalten, die entsteht, wenn das Alte geht und das Neue noch nicht da ist.

Diese Erfahrung hat mich demütig gemacht. Ich bewerte heute niemanden, der zögert oder Angst hat. Ich weiß, wie viel Mut es braucht, sich selbst zu begegnen, ohne Schutz, ohne Etikett, einfach als Mensch in Entwicklung.

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In deinem Buch fällt die gewohnte Rolle an Bord weg. Was passiert mit Menschen – und Führung – wenn Titel und Funktionen keine Orientierung mehr geben?

Dann zeigt sich, wer wir wirklich sind. Rollen geben Struktur, aber sie können auch zur Rüstung werden. Wenn die wegfällt, bleibt das Wesentliche: Haltung, Menschlichkeit, Charakter.

Ich habe in meiner Arbeit – und auch in mir selbst – beobachtet, wie sehr wir uns über Funktionen definieren. „Wer bin ich, wenn ich keine Rolle habe?“ ist eine unbequeme, aber entscheidende Frage. Denn erst wenn ich darauf eine Antwort finde, kann ich authentisch führen.

In Organisationen bedeutet das: weniger Status, mehr Substanz. Gute Führung entsteht nicht aus Macht, sondern aus Präsenz. Aus der Fähigkeit, da zu sein, zuzuhören, Orientierung zu geben – gerade, wenn Strukturen wanken. Wenn Menschen spüren, dass du nicht nur deinen Job machst, sondern mit ihnen Mensch bist, entsteht Vertrauen.

Auf hoher See ist Vertrauen überlebenswichtig. Wie entsteht Vertrauen unter Druck – und was bedeutet das für Organisationen im Wandel?

Vertrauen entsteht nicht in der Theorie, sondern im Erleben. Es wächst dort, wo man sich in schwierigen Momenten begegnet, ohne Maske. Ich habe gelernt: Vertrauen ist kein Versprechen, dass nichts schiefgeht – es ist die Gewissheit, dass wir auch dann miteinander umgehen können, wenn es schiefgeht.

Unter Druck wird sichtbar, ob Vertrauen wirklich da ist. In Organisationen passiert das Gleiche. Wenn Veränderung kommt, entstehen Unsicherheit, Widerstand, Angst. Wer in solchen Phasen Vertrauen geben kann – statt Kontrolle und Druck zu erhöhen – schafft Raum für Verantwortung.

Für mich heißt das: Führung ist weniger ein Steuerungsakt als ein Beziehungsgeschehen. Es geht darum, spürbar zu machen: „Ich sehe dich, ich bleibe da, auch wenn es ruckelt.“

Du verbindest Abenteuerliteratur mit Coaching und Leadership. Welche Fragen sollten sich Führungskräfte stellen, bevor sie überhaupt „in See stechen“?

Ich glaube, Führung beginnt mit Selbsterkenntnis. Bevor man andere führt, sollte man sich selbst ein paar ehrliche Fragen stellen:

  • Was treibt mich wirklich an – Anerkennung oder Sinn?
  • Wie gehe ich mit Unsicherheit um?
  • Was passiert in mir, wenn ich Kontrolle verliere?
  • Und: Bin ich bereit, Verantwortung zu tragen, auch wenn der Weg unklar ist?

Diese Fragen sind unbequem, aber sie sind der Unterschied zwischen Management und Führung. Wer sie für sich beantwortet, führt nicht aus Ego, sondern aus Bewusstsein.

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Als CIO trägst du Verantwortung in komplexen Systemen. Wo helfen dir deine persönlichen Erfahrungen heute ganz konkret in deiner Führungsarbeit?

Ich habe gelernt, dass Systeme nicht funktionieren, wenn Menschen sich darin verlieren. Heute schaue ich in meiner Rolle stärker auf das Wie als auf das Was. Wie gehen wir miteinander um, wenn’s schwierig wird? Wie sprechen wir über Fehler? Wie bleiben wir verbunden, auch wenn die Meinungen auseinandergehen?

Meine persönlichen Erfahrungen helfen mir, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich sicher fühlen, echt zu sein. Ich weiß, dass Leistungsfähigkeit und Menschlichkeit keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Je authentischer wir miteinander werden, desto klarer können wir entscheiden, handeln und auch wieder loslassen.

Führung heißt für mich, Orientierung zu geben, nicht Kontrolle auszuüben. Ich verstehe mich heute eher als Ermöglicherin – jemand, die Strukturen schafft, in denen andere wachsen können.

 

Stürme sind im Buch wie im Leben unvermeidlich. Woran erkennst du, ob es Zeit ist, Kurs zu halten – oder bewusst neu zu navigieren?

Ich spüre das. Früher hätte ich gesagt: Ich analysiere es. Heute weiß ich, dass Daten und Erfahrung wichtig sind – aber die Entscheidung entsteht aus einem tieferen Wissen. Wenn sich etwas innerlich verhärtet, wenn Energie versiegt, wenn man merkt, dass man nur noch funktioniert, ist das oft ein Zeichen, dass der Kurs überprüft werden muss.

Kurs halten heißt nicht stur bleiben. Es heißt, dem übergeordneten Ziel treu zu bleiben, aber die Route anpassen zu dürfen. Ich glaube, wir verlieren oft Energie, weil wir gegen Realitäten segeln, statt sie als Wind zu nutzen. Die Kunst ist, zu unterscheiden: Ist das gerade ein Sturm, der mich prüft – oder einer, der mich woandershin ruft?

 

Viele Menschen verharren aus Angst in alten Sicherheiten. Was braucht es, damit der Aufbruch ins Unbekannte nicht als Risiko, sondern als Möglichkeit gesehen wird?

Es braucht innere Sicherheit. Kein noch so schönes Zukunftsbild hilft, wenn man im Inneren keine Stabilität hat. Ich glaube, wir müssen wieder lernen, uns selbst zu vertrauen.

Wer weiß, was ihn im Kern trägt – seine Werte, seine Haltung, sein Warum – kann Veränderung als Möglichkeit erleben. Dann wird das Unbekannte nicht bedrohlich, sondern lebendig. Angst verwandelt sich in Wachheit, Unsicherheit in Neugier.

Und ja, Mut gehört dazu. Aber Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Entscheidung, sich trotz Angst zu bewegen.

 

Wenn Leser:innen dein Buch zuschlagen: Welche innere Bewegung oder Entscheidung würdest du dir wünschen, dass sie ausgelöst wurde?

Ich wünsche mir, dass sie sich selbst wieder spüren. Dass sie innehalten und sich fragen: Was will ich wirklich?
Nicht im Sinne von „Was ist mein nächstes Ziel?“, sondern tiefer – Was ist mein nächster Schritt zu mir selbst?

Wenn jemand nach dem Lesen das Gefühl hat, sich selbst ein Stück nähergekommen zu sein, dann hat das Buch seinen Zweck erfüllt. Veränderung beginnt nicht im Außen, sondern in dem Moment, in dem wir uns wieder erlauben, ehrlich hinzuschauen – und loszugehen, auch wenn der Weg noch nicht klar ist.

Das Interview als Video:

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