
Bernd Preuschoff ist Confare Impact Award-Preisträger und Geschäftsführer von CodeCamp:N. Im Bloginterview mit Confare-Gründer Michael Ghezzo geht es um die Rolle der IT & KI bei der Nürnberger Versicherung, wieso man doch nicht um die guten, alten Hausaufgaben herumkommt und vieles mehr.
Das gesamte Interview ist als Teil eines on demand Webcast sehen zum Thema „Zwischen Legacy und Leadership – IT-Entscheidungen, die den Finanzsektor bewegen“. An das Video gelangen Sie HIER.
Michael Ghezzo:
Viele kennen die Nürnberger Versicherung, aber CodeCamp:N vielleicht noch nicht. Könntest du uns ein bisschen über euch erzählen?
Bernd Preuschoff:
Du hast es schon angedeutet: Die Nürnberger Versicherung kennt in Deutschland fast jede und jeder – das Unternehmen wurde 1884 gegründet und ist sozusagen die Erfinderin der Berufsunfähigkeitsversicherung.
CodeCamp:N wurde dann 2017 als eigenständige Tochtergesellschaft gegründet – mit zwei Zielen:
- Als Produktinkubator für digitale Services der Nürnberger zu wirken
- und gleichzeitig als Talentinkubator eine zweite moderne Arbeitgebermarke innerhalb des Konzerns aufzubauen.
Das hat auch lange gut funktioniert – klassisch als Costcenter, ausgestattet mit einem strategischen Budget, um Dinge auszuprobieren. Aber die Zeiten haben sich geändert: Für Versicherungen insgesamt und für die Welt sowieso. Vor diesem Hintergrund hat der Konzern 2022 entschieden: Aus dem Costcenter muss ein Profitcenter werden.
Das war ein ziemlich harter Weg. Ende 2023, Anfang 2024 wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, die Geschäftsführung zu übernehmen und diese Transformation voranzutreiben, basierend auf meinem beruflichen Hintergrund sowohl auf der Dienstleistungs- als auch auf der CIO-Seite. Seit 1. März 2024 bin ich nun offiziell in der Rolle.
Heute arbeiten wir in den maßgeblichen Transformationsprojekten der Nürnberger – haben aber gleichzeitig einen stetig wachsenden Drittmarktanteil von derzeit über 35 %. Das heißt: Wir arbeiten auch für andere Versicherer, Banken, Finanzdienstleister und zunehmend für den gehobenen Mittelstand, der davon profitiert, wenn sein Partner für Prozessautomatisierung, KI und digitale Services Regulierung wirklich versteht.
Das gesamte Interview ist als Teil eines on demand Webcast sehen zum Thema „Zwischen Legacy und Leadership – IT-Entscheidungen, die den Finanzsektor bewegen“. An das Video gelangen Sie HIER.
Das Geschäftsmodell Versicherung im Wandel
Michael Ghezzo:
Versicherungen gelten als datenintensiv und waren früh bei EDV und Automatisierung. Gleichzeitig sieht man: Zwischen Vision und Umsetzung klafft oft eine Lücke. Wie nimmst du den Status quo wahr?
Bernd Preuschoff:
Aus meiner Sicht ist das Geschäftsmodell Versicherung im Moment enorm im Wandel. Zum Einen gibt es große Effekte wie den Klimawandel. Der zwingt Versicherer zu Fragen wie:
- Welche Objekte und Risiken können und wollen wir überhaupt noch versichern?
- Was passiert, wenn Schäden häufiger und teurer auftreten als früher angenommen?
Wir kennen alle Beispiele aus den USA, wo ganze Regionen kaum mehr versicherbar sind. Und wenn etwas nicht versicherbar ist, ist es meist auch nicht mehr finanzierbar – da hängen viele Dominosteine dran. Das klassische Modell „Prämien vereinnahmen, Geld anlegen, Schäden regulieren“ funktioniert in dieser Form nicht mehr so einfach:
- Schäden treten häufiger ein als ursprünglich angenommen.
- Die Regulierung wird teurer – egal ob Gebäude, Kfz oder Gesundheit.
- Und die Zinsen der Banken sind nicht mehr das, was sie einmal waren.
Jede Versicherung muss sich also heute sehr genau überlegen, wie dieses Geschäftsmodell in Zukunft funktionieren kann.
Persönlich trifft man IT-Expert:innen auf internationalem Niveau beim Confare CIOSUMMIT Frankfurt.
Die Möglichkeiten der Digitalisierung
Michael Ghezzo:
Welche Rolle spielen IT und Digitalisierung in diesem Bild?
Bernd Preuschoff:
Zum einen schauen derzeit natürlich alle auf Effizienz:
Welches Operating Model brauchen wir, um Prozesse sauber und kosteneffizient abzuwickeln?
Hier kommt Digitalisierung ins Spiel – Stichwort Dunkelverarbeitung: Prozesse, die im Hintergrund automatisiert ablaufen, ohne dass ein Mensch eingreifen muss. Zum anderen entstehen neue Geschäftsmodelle, zum Beispiel Prävention: Eigentlich möchte ich als Versicherer nicht Deinen Schaden regulieren – ich möchte dafür sorgen, dass er gar nicht erst eintritt. Auch das ist eng an Digitalisierung gekoppelt.
Und dann sind da die Kund:innen: Generation Z erwartet eine völlig andere Ansprache als frühere Kundengenerationen. Gleichzeitig gibt die Regulatorik manchmal Dinge vor – etwa, wenn Angebote physisch ausgedruckt vorgelegt werden müssen.
Dazu kommen durch KI neue Fragestellungen auf:
Wenn jemand einen Schaden meldet und ein Foto einreicht – wie stelle ich sicher, dass dieses Bild nicht von KI generiert oder manipuliert ist? Solche Themen gab es früher schlicht nicht.
Michael Ghezzo:
Du hast KI schon angesprochen. Sie soll Effizienz heben, automatisieren, günstiger machen. Wie weit seid ihr – und welche Rolle wird KI deiner Meinung nach spielen?
Bernd Preuschoff:
Für uns als CodeCamp:N spielt KI eine elementare Rolle. Wir sind oft in der Situation, dass Kunden bereits erste POCs gemacht haben und dann merken: „Das skaliert nicht, das funktioniert nicht so, wie wir dachten.“
Spätestens dann landen sie bei uns.
Wir haben eine gewisse Innovations-DNA: Wir schauen uns sehr genau an,
- was funktioniert,
- was nur gut klingt,
- und wie das trotz Regulierung funktionieren – gerade in einem hochregulierten Umfeld wie Versicherung und Finanzdienstleistung.
Ein wichtiger Punkt gerade bei generativer KI: Es gibt Bereiche, in denen 95 % Wahrscheinlichkeit nicht reichen.
Da braucht es 100 %. Das führt zur berechtigten Frage: Brauchen wir wirklich überall KI – oder reicht manchmal ein sehr guter „handgestrickter“ Algorithmus, um Dunkelverarbeitung zu erreichen?
Viele Unternehmen merken außerdem gerade: Es geht nicht um den nächsten POC, sondern um eine KI-fähige Architektur. Besonders dann, wenn ich nur eine kleine IT-Mannschaft und begrenztes Budget habe.
Und was oft unterschätzt wird: Ich halte es fast für wichtiger, wie die IT selbst arbeitet. Wenn du dir den Softwareentwicklungsprozess von Requirements bis Testing anschaust – da steckt enormes Effizienzpotenzial, wenn du ihn KI-infused oder KI-native denkst. Weniger manuelle Dokumentation, bessere Unterstützung in Ticketsystemen, mehr Fokus der Entwickler:innen auf echte Entwicklungsarbeit.
Das klingt leicht – ist es in großen Organisationen aber nicht. Da hängt viel Kultur dran: Wie arbeiten wir? Wie verstehen wir unseren Job?
KI-fähige Arichtektur
Michael Ghezzo:
Was verstehst du konkret unter einer „KI-fähigen Architektur“? Worauf sollten Organisationen achten?
Bernd Preuschoff:
Da kann ich nur sagen: Es bleibt bei den guten alten Hausaufgaben.
Wenn ich keine sauberen Prozesse und keine sauberen Daten habe, dann macht KI nichts Magisches. Das ist langweilig, aber wahr – und es unterscheidet sich nicht von früheren Themen wie E-Commerce oder CRM.
Du brauchst:
- eine einheitliche Datengrundlage,
- keine isolierten Silos,
- ein gemeinsames Verständnis von Begriffen wie Kunde, Bestellung, Auftrag.
Viele Unternehmen sind immer noch so organisiert, dass jede Geschäftseinheit ihre eigene Wahrheit hat – inklusive der Überzeugung, nur mit der eigenen Lösung arbeiten zu können. Das rächt sich jetzt. Die gute Nachricht:
Das lässt sich lösen – andere Branchen, etwa der Handel, haben das schon vor Jahren vorgemacht.
Und ja, es gibt noch viel Legacy – auch in Versicherungen und Finanzdienstleistung. Viele Systeme laufen z.B. nach wie vor auf IBM-Mainframes. Aber genau in der Ablösung oder schrittweisen Migration liegt eine Chance: Grundlegende Themen, die in der Alt-Landschaft kaum mehr zu klären sind, können im Zuge der Modernisierung sauber neu aufgesetzt werden.
Die Balance aus Historie und Start-UP
Michael Ghezzo:
Wenn man euch erlebt, merkt man sofort: CodeCamp:N hat eine starke Startup-Mentalität. Gleichzeitig seid ihr Teil eines regulierten Konzerns mit historisch gewachsenen Systemen. Wie bringst du das zusammen?
Bernd Preuschoff:
Nun ja, wir sind ja ehrlicherweise kein Startup (mehr), aber Du stellst natürlich eine wichtige Frage. Für mich beginnt das mit dem Ansatz, wie wir Regulierung verstehen.
Ich mag den Satz: „Wir innovieren nicht trotz, sondern wegen der Regulierung.“ Als Versicherungs- oder Finanzdienstleister verkaufst du kein Produkt im engeren Sinne, sondern Vertrauen. Wenn wir unseren Kunden zeigen, dass wir Regulierung immer wieder neu mit innovativen Methoden interpretieren und umsetzen, werden wir unserem Kernauftrag gerecht.
In Regulierung steckt aus meiner Sicht sehr viel Innovationspotenzial – sie ist nicht nur Grenze. Ähnlich sehe ich das bei Legacy: In diesen Systemen ist oft die DNA des Unternehmens eingeschrieben. Dort steckt das Wissen vieler kluger Menschen über viele Jahre.
Darum bin ich ein Freund von Re-Imagine oder Re-Invent: Nicht „alles Alte ist schlecht“, sondern: Was wäre das nächste Kapitel, wenn wir dieses Wissen in eine moderne Architektur übersetzen?
Michael Ghezzo:
Was heißt das konkret in der Zusammenarbeit? Was unterscheidet eure Arbeitsweise von klassischen Konzernmustern?
Bernd Preuschoff:
Ein Punkt ist die Art zu denken.
Wir arbeiten lieber mit Hypothesen als mit Gewissheiten:
Niemand von uns hat die bessere Glaskugel. Also formulieren wir „Was-wäre-wenn“-Szenarien, testen Hypothesen, lernen aus Ergebnissen – statt 28 Abstimmungsrunden zu drehen, nur um eine scheinbar unanfechtbare Entscheidung zu treffen, an der man dann zu lange festhält.
Das zweite ist radikale Kundenzentrierung. Klingt nicht neu, ist aber immer noch nicht überall Standard: Unter Kostendruck verfallen viele Organisationen in die intensive Innensicht. Es wird fast nur noch über interne Effizienzen gesprochen – und kaum darüber, was der Kunde eigentlich wollte. Der Kunde interessiert sich prinzipiell natürlich immer dafür, ob du etwas billiger machen kannst. Aber oft wäre er froh gewesen, wenn du es vor allem anders gemacht hättest – aber niemand hat ihn dazu je gefragt.
Und dann gibt es für mich noch eine dritte Dimension:
Ich nenne es eine Kultur der Verantwortung statt der Kontrolle. Viele Projekte sind von maximaler Kontrolle geprägt: Checklisten, Freigaben, Absicherungen. Entsprechend versuchen alle Beteiligten, sich vor allem selbst abzusichern. Wenn du stattdessen klare Rahmenbedingungen definierst – Budget, Regulierung, Ziele – und innerhalb dieser Guardrails Teams echte Verantwortung gibst, dann entsteht Geschwindigkeit. Dann brauchst du nicht für jede Entscheidung eine „Elefantenrunde“.
Leadership heißt gestalten
Michael Ghezzo:
Welche Rolle spielt Leadership in diesem Setup – gerade in deiner Funktion als CEO?
Bernd Preuschoff:
Wir haben als Führungskräfte zwei große Aufgaben:
- Richtung geben.
Auch wenn es windig wird, muss klar bleiben, wo „Norden“ ist. Wir können nicht jeden Tag die Richtung wechseln. - Kulturellen Wandel gestalten.
Wir stehen mitten in tiefgreifenden Veränderungen – in der öffentlichen Debatte, in der Gesprächskultur, zwischen Generationen und natürlich durch KI. Das berührt Menschen in ihren ureigenen Ängsten.
Das können wir nicht an HR delegieren. Wir müssen das als CEOs aktiv und sichtbar gestalten – und vorleben. Es reicht nicht, „Agilität“ zu verkünden und dann selbst im alten Muster zu bleiben. Ich bin außerdem überzeugt, dass wir eine Verantwortung über unser eigenes Unternehmen hinaus haben: für Themen wie Meinungsfreiheit, Diversity, verantwortungsvolle Digitalisierung.
Wir können uns heute in der IT nicht mehr darauf zurückziehen, „nur Tools bereitzustellen“. Wir sind diejenigen, die die letzten 10, 20 Jahre Digitalisierung gestaltet haben – und tragen deswegen Verantwortung dafür, wie es weitergeht.
Vom Cost- zum Profit-Center
Michael Ghezzo:
Ihr habt einen markanten Turnaround geschafft – vom Costcenter zum profitablen Dienstleister. Was sind für dich die wichtigsten Ergebnisse und nächsten Ziele?
Bernd Preuschoff:
Zahlen sind nicht alles, aber sie erzählen einen Teil der Geschichte:
Wir haben aus 1 Million Euro Verlust innerhalb von zwölf Monaten 1 Million Euro Gewinn gemacht. Wir performen aktuell den Markt aus – bei der Umsatzrendite liegen wir deutlich über dem, was im IT-Dienstleistungsmarkt üblich ist. Für eine kleine „Boutique“ wie uns ist das durchaus bemerkenswert.
Wir merken das auch am Markt: Wir bekommen sehr viele Bewerbungen von Menschen, die sagen: „Ich will da dabei sein.“ Unser strategisches Ziel für die Zukunft ist relativ klar – auch wenn es groß klingt: Wir wollen mittelfristig über 50% unseres Umsatzes am Drittmarkt machen und damit „unabhängig“ von der Nürnberger Versicherung werden. Unser Ziel ist es, das bis Ende 2026 zu erreichen.
Das heißt aber nicht, dass wir uns von unserer Konzernmutter abwenden – ganz im Gegenteil: Unsere Aufgabe in der Gruppe ist es, Fähigkeiten aufzubauen, die die Nürnberger morgen braucht – auch wenn sie sie heute vielleicht noch nicht voll nutzen kann. Indem wir aber mit anderen Kunden erfolgreich sind, schärfen wir genau diese Fähigkeiten. Wenn der Zeitpunkt kommt, an dem der Konzern diese Skills in vollem Umfang braucht, sind wir bereit.
Michael Ghezzo:
Bernd, vielen Dank für das Gespräch. Es ist immer wieder spannend zu sehen, welche Wege ihr geht.
Bernd Preuschoff:
Vielen Dank, lieber Michael. Schöne Grüße aus Nürnberg – im Zeichen der Burg.


