Entrepreneurship Mindset für Führungskräfte – gewünscht, gefordert, gefürchtet

by Bianca Bogad-Frey

Exklusiv in der Kolumne mit Markus Czerner: Entrepreneurship Mindset für Führungskräfte – gewünscht, gefordert, gefürchtet

Markus Czerner - Entrepreneurship Mindset für Führungskräfte – gewünscht, gefordert, gefürchtet - Beitragsbild

Ich höre es in fast jedem Briefing-Gespräch. “Wir brauchen Führungskräfte, die unternehmerisch denken.” “Wir wünschen uns mehr Eigeninitiative.” “Wir wollen Menschen, die Verantwortung übernehmen und neue Wege gehen.”

Ich nicke. Lächle. Und denke mir meinen Teil.

Denn was Unternehmen sagen und was sie wirklich wollen, sind zwei völlig verschiedene Dinge.

 

Das Entrepreneurship Mindset — eine schöne Idee

Wer wirklich unternehmerisch denkt, trifft unbequeme Entscheidungen. Er geht Risiken ein, die im Jahresbericht schlecht aussehen. Er bricht Regeln — nicht aus Trotz, sondern weil er erkannt hat, dass manche Regeln Fortschritt verhindern. Er hinterfragt Prozesse, die seit Jahren niemand mehr in Frage gestellt hat. Er sagt Dinge, die niemand hören will — aber alle wissen müssen.

Das ist Entrepreneurship Mindset. Nicht die gebügelte Version aus dem Führungskräfte-Seminar. Sondern die echte, unbequeme, manchmal chaotische Variante.

Und genau die wollen die meisten Unternehmen gar nicht.

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Was sie wirklich wollen

Was Unternehmen tatsächlich meinen, wenn sie “unternehmerisches Denken” fordern, ist ungefähr das hier: Mehr Engagement. Mehr Eigeninitiative. Mehr Ideen. Aber bitte im Rahmen. Bitte abgestimmt. Bitte genehmigt. Und bitte nichts, das den Vorstand in Erklärungsnot bringt.

Das ist kein Entrepreneurship Mindset. Das ist Mitarbeitermotivation mit einer neuen Verpackung.

Ein echter Unternehmer schläft schlecht, weil er weiß, dass eine falsche Entscheidung alles kostet. Er hat kein Sicherheitsnetz. Kein Gehalt, das am Ersten kommt, egal was passiert. Keinen Betriebsrat, der ihm den Rücken freihält.

Eine Führungskraft in einer Festanstellung hat das alles. Und das ist völlig legitim — ich sage das ohne jeden Vorwurf. Aber es prägt das Denken. Es prägt die Risikobereitschaft. Es prägt die Entscheidungsgeschwindigkeit.

Wer noch nie wirklich alles verlieren konnte, entscheidet anders als jemand, der es kann.

 

Das Dilemma der Sicherheit

Ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, ohne Netz zu arbeiten. Tenniskarriere weg mit 19. Traumjob in der Formel 1 gekündigt — ohne Plan B. 2020 das Business über Nacht verloren. Jedes Mal stand ich an einem Punkt, an dem echte unternehmerische Entscheidungen nötig waren. Nicht die abgesegneten. Nicht die risikooptimierten. Sondern die, die wehtun — und trotzdem richtig sind.

Das lässt sich nicht in einem Führungskräfte-Workshop vermitteln. Das lässt sich nicht anordnen. Und es lässt sich schon gar nicht verordnen in einem System, das Sicherheit als höchstes Gut behandelt.

Wer Sicherheit bietet, bekommt sicheres Denken. Das ist keine Kritik — das ist Psychologie.

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Was Unternehmen wirklich brauchen

Ich glaube trotzdem daran, dass echtes Entrepreneurship Mindset in Unternehmen möglich ist. Aber nicht durch Appelle. Nicht durch Workshops. Und schon gar nicht durch neue Leitbilder an der Wand.

Es entsteht dort, wo Führungskräfte wirklich Verantwortung tragen dürfen — und die Konsequenzen spüren. Wo Fehler nicht bestraft, sondern ausgewertet werden. Wo unbequeme Wahrheiten nicht im Meeting versanden, sondern gehört werden. Wo Regeln hinterfragt werden dürfen — ohne dass jemand seinen Job riskiert.

Das erfordert eine Unternehmenskultur, die das aushält. Die Reibung aushält. Die Unsicherheit aushält. Die manchmal auch aushält, dass jemand Nein sagt — obwohl die Präsentation schon fertig ist.

Die wenigsten Unternehmen schaffen das. Nicht weil die Menschen es nicht wollen. Sondern weil das System es nicht zulässt.

 

Mein Fazit — unbequem, aber ehrlich

Hört auf, Entrepreneurship Mindset zu fordern, wenn ihr eigentlich engagiertere Angestellte meint. Das ist keine Kleinigkeit — das ist ein fundamentaler Unterschied.

Wer wirklich unternehmerisch denkende Führungskräfte will, muss bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Unbequeme Entscheidungen. Neue Wege, die vielleicht nicht funktionieren. Regelbrüche, die im ersten Moment irritieren — und im Nachhinein als mutig gelten.

Das ist kein Seminar. Das ist eine Haltungsfrage.

Und die muss zuerst ganz oben beantwortet werden.

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