Zukunftsforscher Erik Händeler: Eine neue Arbeitswelt: Der Mensch ist wichtiger als die Digitalisierung

Im Confare-Gespräch: Visionär Erik Händeler. Der Bestseller Autor der „Geschichte der Zukunft“, Kondratjew Experte und Zukunftsforscher referiert am 21. März 2018 bei IDEE in Wien über Automatisierung, Robotics, Industrie 4.0 und warum gerade jetzt der Mensch hinter der Technik zählt.

Was sind die Eckpunkte einer neuen Arbeitskultur? Wie kann diese konkret aussehen?

Ist der Chef der Chef, oder ist die Wirklichkeit der Chef? Weil sonst die Mitarbeiter die Informationen so filtern, wie er es haben will, aber Millionen Euro schwere Investitionsentscheidungen abseits der Realität getroffen werden. Es geht um das produktive Anwenden von Wissen. Deswegen müssen die Hierarchien als Verantwortungsebenen zwar bestehen, aber Informationen durchlassen. Das wichtigste ist die Streitkultur: Es geht darum, um die bessere Lösung zu ringen, über die Verwendung von Ressourcen und über die Ziele zu streiten. Dafür braucht es eine bestimmte Kultur: Dass Ziele nicht nach egoistischen Kriterien, sondern aus der Perspektive des Gesamtnutzen verfolgt werden; dass fair gestritten wird, sachlich; dass Emotionen zugelassen und nicht als Schwäche des anderen ausgenutzt werden, aber doch vom Verstand her eingefangen; dass es trotz Unterschiede versöhnlich zugeht; dass das bessere Argument zählt und nicht Ansehen oder Beziehung zum Chef vom Sonntagnachmittag beim Golfen.

Welche Rolle spielen IT und Digitale Technologie?

Sie sparen Ressourcen und Zeit ein, wie schon immer in der Geschichte. Und es ist ein Prozess, der Jahrzehntelang läuft und schon einen großen Nutzen gebracht hat. IT und Digitalisierung sind wichtig, aber nicht die wichtigsten Themen: Am meisten bestimmt der Mensch hinter der Technik die Produktivität. Ich kennen kaum Unternehmer, die über einen Mangel an technischen Lösungen klagen – aber jeder Unternehmer klagt über mangelnde Fachkräfte, über unproduktive Streitereien, übersteigende Lohnnebenkosten. Da steckt der Mangel an Bildung, an guter Zusammenarbeit, an Gesundheit dahinter – und deshalb halte ich diese Themen für wichtiger als jene technische Sau, die gerade durchs Dorf getrieben wird.

Welche Bedeutung haben körperliche und geistige Gesundheit für den Wandel von Unternehmen?

Da ist einmal die Lebensarbeitszeit – wenn wir alle 90 Jahre alt werden, können wir nicht mehr mit 60 in Rente gehen. Aber bis 67, 70 oder gar 75 so arbeiten wie wir mit 37 gearbeitet haben, geht auch nicht. Das Geheimnis ist, dass wir weniger arbeiten werden, um länger arbeiten zu können. Wir brauchen eine Arbeitswelt, in der es möglich wird, gesund im Beruf alt zu werden. Wir müssen uns langsam zurückziehen statt von heute auf morgen in Rente zu gehen. Wir werden weniger Stunden arbeiten, Hierarchien herunterklettern, Verantwortung abgeben, vielleicht nur noch für bestimmte Projekte mit dabei sein. Das hält gesund, die Rente ist hochtoxisch. Und weil es nun in der Wissensgesellschaft um produktiven Umgang geht und in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen die seelischen Schichten berührt werden, wird die seelische, die psycho-soziale Gesundheit wichtig als Grundlage für den Wohlstand.

Welche Anforderungen ergeben sich an Führungskräfte?

In Anlehnung an Kennedy: Man muss so schlau sein, Leute einzustellen, die viel schlauer sind als man selbst. Es gilt, zwei Widersprüche zu vereinen: Klare Verantwortlichkeit auf der einen Seite, aber eben auch Informationsdurchlässige Hierarchien auf der anderen. Wenn es an Führung fehlt, jeder macht, wozu er gerade Lust hat, sich alle selbst organisieren, dann endet das höchst unproduktiv im zerstrittenem Chaos. Andererseits töten Hierarchien, die nicht zum mitdenken und kommunizieren anregen, jede Produktivität ab. Es geht darum, dass alle ihren Blick und ihre Kompetenz einbringen, dass das bessere Argument gilt und nicht Status oder Beziehung. Dafür müssen sich Menschen entfalten können und gemäß ihrer Persönlichkeit und Eigenschaften eingesetzt werden. Da es mehr auszudiskutieren gibt, halte ich die wichtigste Anforderung an Führungskräfte, für eine gute Streitkultur zu sorgen.

Treffen Sie Erik Händeler auf der Confare Konferenz IDEE am 21. März 2018 in Wien. Im Rahmen der Konferenz werden Unternehmen mit dem IDEAward ausgezeichnet, die sich erfolgreich den Herausforderungen der digitalen Transformation stellen.

Der Kunde im Mittelpunkt – Von Customer Experience, Big Data und der Rolle des CIO

0 comment

Für Sie ausgewählt

Leave a Comment

LinkedIn
Share