Europa bietet die perfekten Rahmenbedingungen für AI-Startups

by Bianca Bogad-Frey

Petra Augustyn - Europa bietet die perfekten Rahmenbedingungen für AI-Startups

Petra Augustyn ist Geschäftsführerin eines Europäischen AI-Startups. Sie berichtet darüber, was es braucht, damit aus seiner guten technologischen Idee ein erfolgreiches Unternehmen wird.  

Dies ist der zweite Teil unserer Blogreihe. HIER FINDEN SIE DEN ERSTEN PART.

Du bist selbst Geschäftsführerin eines Tech-Startups. Wie verändert die Unternehmerperspektive Deinen Blick auf AI, Innovation und Risiko?

Meine Firma ktchng.com arbeitet seit Jahren, vielfach unter dem Radar, an KI-Weltmodellen im Computer Vision Segment mit klarem Fokus auf Objekterkennung in der realen Welt. Weltmodelle sind Systeme die Konsequenzen der Handlungen voraussehen (prediction). LLMs tun das derzeit nicht. LLMs haben keine Weltmodelle, sie können keine Konsequenzen von Handlungen voraussehen. Sie agieren einfach ohne zu denken. Das wird das nächste Kondratieff in der Entwicklung klar zeigen, dass die von LLMs erzeugten Strings ohne einer entsprechenden Softwarearchitektur wenig wert sind. Die Modelle müssen an Objekte und Zustände in der realen Welt gebunden sein, und genau diese Verknüpfung und Orientierung in räumlichen Dimensionen erschafft ktchng.com. Die ersten Jahre sammelten wir Daten, entwickelten unsere erste eigene Plattform und erste lineare Modelle. Die Version in den App Stores tut immer noch nichts anderes. Im Hintergrund arbeiten wir an einer neuen Plattform. Es ist faszinierend, wie sich auch das Programmieren innerhalb der letzten Jahre zum Positiven verändert hat. Der B2B Ansatz, der sich für ktchng.com ergeben hat liegt vor allem im Robot-Softwarebereich. Unser B2C Ansatz mit einer europäischen Plattformtechnologie bleibt hierfür unangetastet bestehen und dient sogar den B2B Kunden. Darin kann eine kleine Firmen wie ktchng.com flinker und effizienter Plattformen bauen und Modelle schneller trainieren, die Industrie Konzerne dann nutzen. Mich interessiert dabei weniger die Frage “wie ersetzen wir einen menschlichen Arbeiter durch einen humanoiden Roboter in einem bestehenden Fabrikprozess”, sondern “wie sähe ein Fertigungsprozess aus, der von Anfang an für Mensch-Roboter-Kollaboration gedacht ist”.

 

Vor zehn Jahren schrieb ich bereits Artikel über KI, den ethischen Einsatz und wie es die Welt verändern wird und weshalb es so wichtig ist, dass die Gesellschaft angstfrei an dieses Thema herangeht. Bei der Politik in Europa stieß ich zu dieser Zeit auf taube Ohren. Oftmals wurde ich ausgelacht, das übliche Loos der Gründerin in der Technologiewelt. Heute sehen wir viel Angst zum Thema KI – etwas das man präventiv hätte vermeiden können. Eine Gesellschaft in Angst macht weder gute Politik noch gute Produkte, noch formt es einen Sinn stiftende Gesellschaft oder erschafft Konjunktur und baut Wohlstand weiter aus. Nicht KI ist die Gefahr, die Gefahr heute geht von Kräften aus, die den Konformitätsdruck aufrechterhalten wollen, koste es was es wolle zum Nachteil der Bürger und des Wohlstandes. Diese Form der KI, die wir derzeit sehen ist lediglich eine inkrementelle Verbesserung bestehender Prozesse und Produkte, also mehr Evolution statt Revolution. Menschen und Märkte sind Gewohnheitstiere und reagieren oft skeptisch auf radikale Veränderungen. Das Wort Innovation wird gerne, vor allem von Beratern, überstrapaziert und als Etikett verwendet für etwas, was eigentlich Iteration, Kombination oder gute Umsetzung ist. Echte, disruptive Innovationen verändern oft ganze Märkte, Verhaltensweisen oder Technologien grundlegend. Erst die nächste Generation der neuromorphen KI-Weltmodelle, also die echte Verbindung der KI mit der Realität, woran ktchng.com fokussiert und konzentriert weiterarbeitet, werden echte Neuerungen bringen. Für mich faszinierend, wie die Welt bereits jetzt in hysterische Schwafflerits verfällt. Nicht gut für das Ganze, aber eben ein breites Feld für Hypes. Intelligenz ohne Bewusstheit ist keine Intelligenz.

 

Innovation ist etwas sehr Seltenes und wenig glamourös. Die meisten bahnbrechenden Ideen sahen anfangs unplausibel, unwirtschaftlich oder schlicht falsch aus (zb.: Wright-Brüder, frühe Neuronale Netze in den 1980ern) und das widerspricht wie Kapital und Reputation typischerweise vergeben werden. Wir sehen also viel Rekombination, neue Verbindungen bereits existierender Bausteine, nicht grundlegend neue Prinzipien. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es ist etwas anderes als das, was man unter echter Innovation versteht. Ich sage immer ktchng.com arbeitet an Zukunftstechnologie und setze voraus, dass mein Gegenüber (Investoren, Kunden etc.) es automatisch auch so sehen. Es ist als Gründerin meine Aufgabe es so runterzubrechen, dass es verstanden wird. Das gelingt mir manchmal besser, manchmal gar nicht. Der Philosoph Martin Heidegger nannte das die ontologische Trägheit der Welt. Diese Welt, in der wir leben und wirtschaften ist von eingespielten Praktiken, Werkzeugen und Bedeutungen geprägt. Der Weg des geringsten Widerstands, das Bestehende hat den Vorteil der Stabilität. Eine fundamentale Neuerung würde diese Ordnung komplett bedrohen. Deshalb machen uns Innovationsprozesse in der Wirtschaft, Gesellschaft Angst. Innovationen, die außerhalb dieser Grammatik liegen, werden zu Beginn meist nicht einmal verstanden. Und wenn sie dann verstanden werden, sind sie keine Innovationen mehr, sondern Rekombinationen. Wahre Innovation verlangt den Rahmen des bisher Denkbaren komplett zu verlassen. Europa der Kontinent der Denker, Wissenschaftler, Philosophen, Erfinder und Maschinenbauer konnte das früher in einer Art Selbstverständnis. Über die Jahrhunderte wurde es uns wunderbar abtrainiert. Wir sollten uns dieses Selbstbewusstsein wieder zurückholen.

 

Hätte ich gewusst, dass meine gesamte berufliche Laufbahn aus Risiken, dessen Einschätzung, deren Minimierung und Auslotung von Wahrscheinlichkeiten für Investoren, Mitarbeiter und mich selbst besteht, hätte ich dem Thema Risiko in meiner Ausbildung mehr Gewicht gegeben. Als Unternehmer lernt man das Risiko des Scheiterns zu akzeptieren und damit zu leben. Einen Trend sollte man aus dem Scheitern allerdings nicht machen. Es ist ein Akt zur Freiheit für sich selbst. Echte Innovatoren müssen diese existenzielle Angst aushalten können, dazu zählen nicht nur Gründer, auch Investoren, mutige Manager und sonstige Entscheidungsträger, die es mögen über den Tellerrand hinauszudenken. Diese Menschengattungen sind selten. Das Alte können wir kontrollieren, die alte Welt gleichzeitig zu verlernen und eine neue Welt zu erschaffen ist nun mal ein Risiko. Es ist ein Akt gegen die Bequemlichkeit, ein Sieg über die eigenen Ängste, gegen den sozialen Konsens und gegen die Natur unseres eigenen Gehirns, das logischerweise Energie sparen will, indem es das Bekannte wiederholt, selbst dann noch, wenn es uns in den Untergang navigiert. Gesichert ist lediglich, dass die Evolution diejenigen belohnt, die Risiken eingehen.

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Was braucht es, damit aus einer guten technologischen Idee ein erfolgreiches Unternehmen wird?

Aus meiner Sicht gibt es nicht nur eine einzige gute Idee, sondern ein erfolgreiches Unternehmen diversifiziert sich durch mehrere Ideen. Es sind unterschiedliche Technologien, die in Produkte wirken. So wie ein gutes Portfolio eines Investmentfonds nicht nur eine Aktie beinhaltet, sondern sich divers aufstellt, um Hebelwirkungen zu erwirtschaften. Eine überlegene Technologie verliert manchmal gegen ein schlechteres Produkt mit besserem Marktzugang. Nokia zum Beispiel. Die Idee 1865 war Papier, daraus entstanden eine Fusion mit einem Gummiwerk, daraus wurden Fahrradschläuche, die legendären Nokia Gummistiefel und Autoreifen. Danach entstand die Mobilfunkschiene und daraus entstanden die ersten Mobiltelefone und dann kam das iPhone. Der Rest ist Geschichte. Die Fähigkeit Märkte zu lesen, Kunden tatsächlich zu erreichen Vertriebskanäle, Partnerschaften, Vertrauen bei Investoren, Entscheidern und Manager, die nicht über sich selbst stolpern, sind oft der entscheidende Faktor, nicht die Technik selbst. Eine Idee ist ein Moment, ein Unternehmen ist tausende Entscheidungen über Jahre. Die Fähigkeit, konsistent gute operative Entscheidungen zu treffen, Priorisierung, Kapitalallokation und Kundenverständnis trennt meist stärker zwischen Erfolg und Misserfolg als die ursprüngliche Idee.

CHRONOS VERSUS KAIROS: Viele Technologien brauchen länger bis zur Marktreife, als Investoren oder Gründer ursprünglich einplanen. Ich achte bei den Investoren die ich zu ktchng.com lasse immer darauf, ob ich es mit einer mit Verlaub Exitschleuder zu tun habe, oder mit Investoren die langfristig an Renditen arbeiten und echte, selbstverdiente Deep Pockets für Kapitalpuffer mitbringen. Nicht der Exit ist das Ziel, sondern langfristig am Markt zu reüssieren, nachhaltig Arbeitsplätze zu schaffen und Regionen aufzuwerten. Wer zu wenig Kapitalpuffer hat oder zu früh Kompromisse eingehen muss, oder sich falsche Investoren an Board holt bei Produktentwicklungen, Preis, Positionierung, verliert oft nicht an der Technik, sondern an der Finanzierungsstruktur. Deshalb sagt man, die besten Investoren sind die ohne Uhr am Handgelenk, weil sie es schon geschafft haben, Zeit haben und niemanden mehr etwas beweisen müssen.

COWBOYS STATT PIRATEN: Frühphasen-Teams brauchen andere Fähigkeiten als Skalierungs-Teams. Es kann zwischen diesen Phasen schon mal passieren, dass man als Gründer plötzlich wieder allein dasitzt. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Davor waren auch die Besten nicht gefeit. Am Ende mussten sie ohne Gründerteam hochskalieren, Elon Musk, Jeff Bezos, Jensen Huang, Bill Gates, Sam Altman, Marc Zuckerberg, Didi Marteschitz. Investoren, die mit dem Marketingclaim des ach so wichtigen Gründerteams daherkommen, haben offensichtlich noch nie erlebt, wenn sich in kritischen Phasen Gründer plötzlich untereinander wegrationalisieren, oder einfach die Luft raus ist. Manche Scaleup Investoren wollen die Gründerteams loswerden, zumindest Teile davon, weil drei Gründer teurer sind als einer. Solche Zustände gehen oft einher mit frühzeitigem Abbau eines Teams, bevor die Runway komplett im Keller ist. Muss man durchstehen. Die anfängliche Haltung von Regeln brechen, Systeme angreifen, alles oder nichts, kurzfristig rasch Versionen entwickeln ändern sich in Wachstumsphasen. Man entledigt sich der Piraten und baut ein neues Team mit stärkeren Charakteren auf, den Cowboys. Ich mag eigenständige Teams in Einheiten nicht größer als 6-9 Leute mit viel Ausdauer, Disziplin, langfristiges Überleben in unerschlossenem technologischem Terrain. Cowboys sind Einzelkämpfer mit Verantwortung, lose verbunden und stark in der Gemeinschaft. Sie erschließen unwirtliches Land, bauen etwas auf (eine Ranch, ein Territorium), tragen dabei aber einen klaren Ehrenkodex und müssen langfristig in einer rauen Umgebung überleben, nicht nur einen Überfall überstehen, sondern stetig Land dazugewinnen. Cowboys schaffen klare Linien und passen kulturell besser in die neue Zeit als das abgehalfterte Piratenbild aus dem Silicon-Valley-Move-fast-and-break-things-Ansatz im luftleeren Raum. Wir sind eine große Familie, tragen alle das gleiche T-Shirt, Hoody und Sneakers, nehmen unseren Hundestreichelzoo von zu Hause mit ist in der neuen Zeit zuwenig. Eine Unternehmung ist keine Familie oder Selbsterfahrungsgruppe. Ein Arbeitsplatz sollte als ein Ort verstanden werden, wo sichtbare Erfolge entstehen, woran Investoren und Mitarbeiter beteiligt sind und nicht als Haushalt. Auch sind Chefs keine Kumpels oder beste Freunde denen man alles erzählen muss. Es ist eine bewusste Abkehr vom abgenutzten Piratenklischee, das in der Startup-Welt inzwischen fast zur Karikatur geworden ist und im jeden zweiten Pitch referenziert wird. Cowboy als Gegenbild trifft es präziser was eine Firma wie ktchng.com anstrebt: aufbauend, diszipliniert, in unerschlossenem technologischem Terrain skalierend bei gleichzeitig europäischer Positionierung. Cowboys aus Europa verstehen sich als eigenständiger Souverän denn als Beute- und Übernahmekandidat.

THINK BIG OR GO HOME: Es braucht eine klare Antwort darauf, warum die Technologie nicht in 18 Monaten von einem kapitalstärkeren Wettbewerber kopiert oder durch einen Open Source /Open Weight Baustein ersetzt werden kann.  Ohne einen echten Burggraben, der den Firstmover Advantage auch für Investoren garantiert, Daten, Netzwerkeffekte, regulatorische Vorteile, exklusive Partnerschaften, tiefe Integration bleibt und ausreichend Kapital bleibt selbst brillante Technologie nur ein Feature. Die Idee entscheidet über die Startchance, aber Timing, Vertrieb, Ausführung, Kapitalstruktur, Team-Evolution und ein unaufhörliches Dranbleiben entscheiden über den langfristigen Erfolg eines Unternehmens. Denkt groß, das Umfeld, der Markt, der Kontinent, auf den man sitzt und nicht zuletzt die Schwerkraft bremsen einen sowieso aus. Es spiegelt einen Wandel in der Art und Weise wider, wie Kapital eingesetzt wird. Heute können schlankere Teams weitaus mehr abdecken, sodass sich das Risiko umgekehrt hat: Es geht nicht mehr darum, den Ehrgeiz zu zügeln, sondern darum, ob Gründer groß genug denken.

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Wie gut sind die Rahmenbedingungen in Europa heute, um AI-Startups aufzubauen und international zu skalieren?

Die Zeiten waren noch nie besser für Europa, um endlich wieder technische Infrastruktur zu bauen. Europa ist immer noch eine wirtschaftliche Supermacht, und keine Mittelmacht, wie viele es gerne sehen würden. Und als solche kann es Ressourcen mobilisieren. In dem Fall Kapital. Allerdings mit mehr Eigeninitiative und Dringlichkeit und viel weniger Regulierung. Es gibt zahlreiche alternative Architekturen zu den aktuellen Skalierungsgesetzen für große Sprachmodelle (LLMs), und die Europäer können wieder etwas aufbauen. Wir neigen dazu, allen anderen die Schuld zu geben, nur nicht uns selbst: „Oh, aber wissen Sie, bei diesen großen, bösen, großen Tech-Unternehmen wachsen die Start-ups nicht.“ Es liegt nicht an Amazon oder Microsoft, dass unsere Start-ups nicht wachsen. Das liegt daran, dass wir sie nicht ausreichend finanzieren und das sich Investoren ihr Geld in Brüssel samt Förderstellen doppelt absichern lassen wollen. Das schafft Abhängigkeiten. Europa ist reich – wir sparen 1,4 Billionen Euro pro Jahr im Vergleich zu den USA 0,7 Billionen Dollar. Das ist doppelt so viel. In Pensionsfonds und Versicherungsgesellschaften sitzen hochbezahlte, behäbige Administratoren auf 14 Billionen Euro verwaltetem Vermögen. Was machen sie damit? Finanzieren sie europäische Technologie? Nein, sie schicken es an Altenheime, Immobilien, Banken und Anleihen. Der Rest wäre zu riskant. Risikominderung ist wichtiger als Fortschritt und Innovation am eigenen Kontinent.

Parallel dazu schickt Europa 300 Milliarden Euro zu den US-Technologien, um sie zu finanzieren. Europa ist ein guter Kunde. Es sind nicht die Amerikaner, die uns etwas antun. Wir sind es selbst. Diese Denkweise, die Schuld und Angst auf jemand anderen zu schieben, überdecken die Tatsache, dass wir in Europa mutige Erwachsene. Wir brauchen die CEOs großer Unternehmen, anstatt zu Ursula von der Leyen zu gehen und ein Lobby-Dinner zu machen und sie zu bitten, sie soll doch Milliarden hinter europäische Technologien legen. Nennen wir die Dinge beim Namen. Die Aktionen kommen nicht nur aus Brüssel, der Bürokratie, den wahnhaften Regulatoren allein. Es sind deren Selfie- Groupies, den Think Tanks, den Professoren, oder Nobelpreisträger sie sich gleichsam anbiedern. Unsere Unternehmensbefürworter lobbyieren nur für Deregulierung, zeigen jedoch keinerlei Patriotismus für Europa. Es geht darum, dass Unternehmen wieder echte Kapitalallokatoren sind, Institutionelle Geldgeber verstecken sich hinter “wir brauchen Risikominderung”, während sie den KI-Kreislauffinanzwahnsinn in den USA finanzieren. Hört auf, den Oligarchen und den USA die Schuld zu geben. Fangt endlich an Infrastruktur zu finanzieren und aufzubauen. Das gegenseitige Motivationspushen auf Konferenzen reicht nicht aus. Erfolg und Wohlstand beruhen auf Wachstum und Wertschöpfung – um nichts anderes geht es.

 

Die Chancen waren noch nie so gut wie heute. In den USA werden die KI-Investments der vergangenen Jahre schlagend. Die Investoren wollen Renditen und ihr Geld zurück. Zu diesen Zweck will Nvidia die eigenen Halbleiter zur neuen Anlageklasse an der Wall Street machen. Konzernchef Jensen Huang macht dafür gemeinsame Sache mit sechs Finanzriesen: Apollo, Blackrock, Blackstone, Goldmann, KKA, Brookfield. Gemeinsam sollen sie mehr als 500mrd Dollar mobilisieren. Das Prinzip ist einfach. Wer Rechenzentren baut und Nvidia Hardware kauft muss das nicht mehr aus der eigenen Tasche bezahlen, sondern leiht sich das Geld. Die Chips dienen als Sicherheit. Ähnlich wie bei Gewerbeimmobilien. Bisher galten Halbleiter als Ware die schnell an Wert verliert. Das soll sich künftig ändern. Blackrock Chef Larry Fink zeigt sich begeistert. Dies sei der Beginn einer neuen Ära und so bedeutend wie die Hypothekenpapiere in den 70s. Ob Fink diesen Vergleich mit dem damit einhergehenden Risiko gemacht hat, ist unklar. Fakt ist. Das Geschäft mit Hypotheken boomte für Jahrzehnte bis darin Kredite steckten, die niemand mehr prüfte und die Finanzwelt 2008 ins Chaos stürzte. Die europäischen Gründer sind erstaunlich, und sie sind besonders beeindruckend, wenn sie sich von den bürokratischen und wirtschaftlichen Fesseln Europas befreien. Europäische Gründer haben außerhalb Europas Billionen von Dollar an Unternehmenswert geschaffen – der USP: intellecutal property. Derzeit haben die USA und China die Arbitragemöglichkeit für sich genutzt, wenn sie die oft subventionierten und fast immer günstigeren europäischen Wissenschaftler, Forscher und Gründer in Europa haben und das Front Office in den USA. Dieses Spiel kann Europa schnell umdrehen mit cleveren Entscheidungsträgern. Wir sind nur ein bisschen erschüttert von der weitreichenden technologischen Transformation, an der wir kaum teilnehmen wollen und den 40 Jahren Globalisierung mitsamt zivilisatorischen Sprung Chinas zum wahren Exportweltmeister. Wir bleiben ein reicher Kontine. Auf bizarre Weise mangelt es nur an Handlungsmacht und Führungsqualitäten, die gegen Institutionen auflehnen, die uns als wirtschaftliche Supermacht frustrieren.

 

Was können etablierte Unternehmen von Startups lernen – und was unterschätzen Startups umgekehrt an großen Organisationen?

Was mir seit vielen Jahren auffällt ist, dass die heutige Generation von startups immer gleich an große Organisationen anbiedern, oftmals ist es auch schon bei der Gründung eine Exitstrategie. Persönlich finde ich so eine Einstellung enorm langweilig. Bedenkt man, dass wir Gründer Generationen in den 90s, wo Elon Musk, Peter Thiel auch Marc Andreesen dazuzählen, mit voller Überzeugung angetreten sind nicht nur Großkonzerne zu disrupten, sondern sogar eine ganze Wirtschaft zu erneuern. Die New-Economy, konsolidiert durch einen Crash und 9/11, lernte den Gleichklang. Heute sieht man Sneakers und Hoodie tragende Versicherungsmanager und Banker. Wenn das das Ergebnis ist, ist es an der Zeit dieses Zusammenspiel neu zu verhandeln. Die erfolgreichsten Konstellationen entstehen oft nicht durch reines Startup-Denken kopieren, oder Konzernstrukturen übernehmen, sondern durch bewusste Partnerschaften oder Corporate Ventures, die versuchen, beide Stärken zu kombinieren, ohne die jeweiligen Schwächen zu importieren.

ITERATIONEN:  Startups bringen oft ein Minimum Viable Produkt (Iterationen) auf den Markt und verbessern es dann basierend auf echtem Feedback, statt monatelang intern zu planen. Startups sind schnell nicht, weil sie chaotisch sind, sondern weil sie bewusst auf reversible Entscheidungen setzen: schnell testen, iterieren, aus Fehlern lernen, statt monatelang auf Konsens warten. Große Organisationen behandeln oft auch triviale, leicht rückgängig zu machende Entscheidungen mit demselben Absicherungsaufwand. Bei uns Startup Leuten ist das belastend, wenn wir sehen wieviel kostbare Zeit da vergeudet wird, ohne Umsetzungen.

SQUADS: Startups arbeiten in kleinen Einheiten. Ich bevorzuge Teams 6-9 Menschen mit kurzen Entscheidungswegen und direkter Umsetzung. Große Konzerne können das durch autonome Squads oder interne Innovationseinheiten nachbilden, die nicht durch fünf Hierarchieebenen müssen, um eine Entscheidung zu treffen.

FAIL FAST PLATTITÜDE:  Kein Scheitern ist kostenlos und ist oft eine Ausrede für schlechte Planung. Kein Mensch scheitert gerne. In Europa wird da zu viel Hype um das Scheitern gemacht. Speziell bei Hardware, erst recht bei Robotik kann ein schneller Fehlschlag ein Sicherheitsproblem oder verbranntes Vertrauen bei einem Pilotkunden, Investoren und im Team bedeuten. Fail fast als falsche Denkweise, importiert aus der Softwarewelt der 90s, wo Iterationszyklen und Rechenleistung billig waren. Im Vergleich dazu tun sich etablierte Unternehmen oft schwer Fehlschläge offen zu kommunizieren, was Innovation bremst, weil niemand Risiken eingehen will.

KAPITALEFFIZIENZ: Startups müssen mit begrenzten Ressourcen maximale Wirkung erzielen. Das ist die hohe Kunst und schärft den Fokus auf das Wesentliche. Niemand im Team hat Zeit für sich wiederholende, endlose Meetingschleifen. Als Kontrastprogramm dazu die oft aufgeblähten Budgets in Konzernen, wo Ressourcenknappheit selten der limitierende Faktor ist. Startups denken radikaler, weil sie nichts zu kannibalisieren haben. Etablierte Unternehmen zögern oft, eigene profitable Geschäftsbereiche selbst anzugreifen, bevor es ein Wettbewerber tut.

KLARE MISSION:  Viele Startups haben eine sehr fokussierte Mission, die alle Beteiligten antreibt. Große Unternehmen verwässern ihre Ausrichtung oft durch zu viele parallele Initiativen. Der Knackpunkt ist meist die Umsetzung: Viele Konzerne versuchen das über Corporate Venture Einheiten, Acqui-Hires oder Intrapreneurship-Programme zu erreichen mit unterschiedlichem Erfolg, je nachdem, wie viel echte Autonomie diese Einheiten tatsächlich bekommen.

PROZESSE: Was von außen wie träge Bürokratie aussieht, ist manchmal das Ergebnis jahrzehntelang gelernter Lektionen. Startups lachen oft darüber, bis sie selbst in einen regulatorischen oder Haftungsfall laufen und dann traurig sind, dass die Welt doch nicht so funktioniert wie man sich das im querfinanzierten Candy-Shop Mentalität des Silicon Valley vorstellt. Startups, die schnell skalieren, lernen diese Lektionen oft schmerzhaft neu und teuer, statt sie von etablierten Unternehmen zu übernehmen.

KOMPLEXITÄT: Es ist leicht zu sagen “die sind halt langsam”, aber eine Entscheidung, die zehn Abteilungen und internationale Niederlassungen betrifft, hat tatsächlich mehr legitime Interessen zu berücksichtigen als eine Zweier-Gründerentscheidung am Küchentisch.

GEDÄCHTNIS: Große Unternehmen wissen, meistens durch codierte Prozesse und Spezialisten warum zb.: in Zulassungsfragen, Materialwissenschaft oder Fertigungsprozessen etwas exakt so funktioniert. Startups wiederholen diese Fehler häufig, weil ihnen dieses institutionelle Wissen fehlt.

FINANZIELLE AUSDAUDER: Große Unternehmen können Durststrecken, oder gescheiterte Produktlinien wegstecken. Ein Startup hat diesen Puffer meist nicht. Investoren wollen das eingesetzte Kapital nicht als Spielwiese und Werkstatt verstanden wissen, sondern sie wollen Cashflow sehen und ein skalierbares Produkt. Dieses Selbstverständnis ist in vielen großen Unternehmen daily business.

MARKEN: Das ist für mich immer wieder der wahre und zugleich faszinierende Vorteil. Bei sicherheitskritischen Produkten (z.B. Robotik, die physisch mit Menschen interagiert, ist der Vertrauensvorsprung etablierter Marken ein echter Wettbewerbsvorteil, der sich nicht über Nacht kopieren lässt. Die wahre Intelligenz steckt in der Verpackung, in der Marke. Manager von Konzernen sollten sich vielfach wieder darauf konzentrieren. Netzwerkeffekte, Skaleneffekte und die Marke bleiben von billiger Intelligenz weitgehend unberührt.

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AI verändert Tätigkeiten, Berufsbilder und Karrierewege. Wenn Einstiegs- und Routinetätigkeiten wegfallen, wie entwickeln wir die Expertinnen, Experten und Unternehmer von morgen?

Die klassischen Einstiegsjob, wie wir sie jetzt gewohnt sind werden wegfallen. Traditionell lernten Juniorkräfte ihr Handwerk und Urteilsvermögen genau durch die Routinetätigkeiten, die jetzt automatisiert werden. Die Junior-Developer fallen weg, das Code Review durch das Selbstschreiben von einfachem Code, wird nahezu komplett ersetzt. Manche KI-Programmierer rennen überhaupt gleich aus dem Beruf, werden Astrologe, oder eröffnen einen Smoothie laden. Auch bei den Juristen sieht man es, eigenes, juristisches Urteilsvermögen durch das Wälzen von Aktenbergen, oder das Erstellen von Finanzanalysen durch das Bauen einfacher Modelle. Nicht auszudenken, was auf die Arztausbildung zurollen wird, durch Einsatz von KI und Robotik in der Medizin. Das Meister Lehrling Prinzip ist erneut massiv in Schieflage geraten. Expertise in etwas entsteht, aus meiner Sicht, immer historisch. Etliche Recruiter werden lernen müssen, dass ihre mit Verlaub dämlichen Einstufungstest sortieren nach einem Mitarbeitertypus, den in fünf Jahren so keiner mehr braucht. Ich empfand dieses stumpfe Zurechtstutzen von Menschen auf Lebensläufe, die in vorgefertigte Raster passen immer zutiefst widerlich. Und nein, es ist nicht die „faule Generation Z“. Sie wollen, nur nicht mehr für ein System, das sie verheizt, bevor es sie ausbildet.

Genau darin liegt die Chance. Wer klassische Einstiegsjobs braucht, um sich anzupassen, hat schon verloren. Wer stattdessen lernt, selbst etwas aufzubauen zb.: ein Unternehmen, oder ein eigenes Urteilsvermögen gewinnt. KI übernimmt nur Fakten und Routinen. Was allerdings bleiben wird, ist das eigentlich Menschliche, die richtige Frage stellen (das was Michael Ghezzo gemacht hat), Kontext herstellen, ethisch abwägen und Verantwortung tragen. Alles Fähigkeiten, die sich nicht in den klassischen Curricula vermitteln lassen. Die Pädagogik und auch Universitäten haben in den letzten 30 Jahren nicht ein bisschen versagt, sie haben komplett versagt, weil sie Menschen fürs Auswendiglernen trainiert hat, anstatt fürs Denken und Studieren. Probleme lösen bedeutet Schlüsse ziehen können, Perspektiven wechseln und sich hierfür exekutiven Netzwerken bedienen. Das ist eine andere Intensität und obliegt ausschließlich den Menschen. Sapere aude!

Welche Rolle sollte der Staat im AI-Zeitalter übernehmen – und was kann er Unternehmern nicht abnehmen?

Meine Position ist die Marktliberale. Mich interessiert nicht, ob der Staat eine Rolle hat, sondern wie viel Rolle er innerhalb eines Wirtschaftssystems hat. Staatliche Eingriffe, auch gut gemeinte, verzerren Innovationsgeschwindigkeit und Kapitalallokation. Innovation abwürgen, bevor man überhaupt weiß, welche Risiken real werden und dass sie paradoxerweise kleinere Player wie Startups stärker trifft als die großen, die sich Compliance-Abteilungen leisten können sind abzulehnen. Die europäische Technologie wird bei Festtagsreden nicht skalieren. Es braucht Investitionen mit hohen Summen, die können nur von Investoren und der Industrie kommen ohne Absicherung durch den Steuerzahler. Unsere Idee eines KI- und Quantenfond EUR 100mrd, wo der Staat mitpartizipiert, sich leverage und mitverdienen kann, anstatt bloße Risikominimierung zu geben, oder Cash-Cow für kapitalschwache Investoren zu sein. Und wir brauchen internationale Partner, die uns nicht mit dem Claim digitaler Souveränität über den Tisch ziehen. Die Technologiekooperation zwischen EU und Kanada zu intensivieren ist ein guter Schachzug. Europa und Kanada entwickeln sich von vertrauenswürdigen Partnern zu gemeinsamen Technologiepartnern. Ähnliche klare Kante braucht es auch innerhalb von Regierungen, die ihre Regierungssysteme weg von amerikanischer Technologie bewegen und aufhören für alles auf die USA oder China angewiesen zu sein. Hier ein paar mutige Vorzeigebeispiele:

  • Frankreich zieht bis 2027 2,5 Millionen Regierungsdesktops von Windows und tauscht Teams und Zoom gegen eine französische Plattform ein.
  • Das deutsche Unternehmen Schleswig-Holstein stellte 30.000 öffentliche Arbeitsplätze auf Linux und Libre Office um, wodurch die Lizenzgebühren um über 15 Millionen Euro pro Jahr gesenkt wurden. Das wäre doch mal eine Idee für die Stadt Wien.
  • Das dänische Ministerium für Digitalisierung stellte Microsoft Office zugunsten von Libre Office auf, direkt dahinter folgte Kopenhagen und Aarhus.
  • Das Europäische Parlament tauschte Google gegen eine europäische Suchmaschine auf seinen Computern ein.

Der Staat kann Förderungen geben, aber er kann keine Garantie für einen Product Market Fit ausstellen. Diese Unsicherheit, ob jemand kauft, was du baust, ist und bleibt unternehmerisches Risiko, das keine Politik wegregulieren kann. Die Entscheidung, wann ein Modell reif genug ist, wann ein Roboter sicher genug ist, wann man einen Kunden vertrauen kann, das bleibt unternehmerisches Urteilsvermögen, kein Formular kann uns das abnehmen. Kein Gesetz kann erzwingen, dass Menschen einem neuen Produkt vertrauen, das Elektroauto hätte ohne die Förderstütze des Staates kaum echte Marktpositionierung. Diese Form der Besessenheit geht sogar so weit, dass man eine ganze Industrie und damit Wohlstand in Europa untergraben würde. Anstatt sich in sinnloser Regulierung zu verlieren kann der Staat den Fokus auf Grundlagenforschung, die sich privatwirtschaftlich nicht rechnet, öffentliche Recheninfrastruktur, Bildungssysteme, Breitband/Energie als Voraussetzung für KI-Wirtschaft und vor allem kluge Steuerpolitik ohne Ideologie anstatt die übliche Umverteilungspolitik machen.

Noch ein letzter Gedanke:  die EU hofft, dass ihre KI-Gigafabriken Europas technologische Souveränität stärken werden, doch im Kern der Initiative gibt es eine wackelige Wette. Gigafabriken benötigen sehr große Kunden und erhebliche private Investitionen. Die Antwort der EU ist, öffentliche Beschaffungen zu nutzen, um einen Teil der Nachfrage zu sichern, das Investitionsrisiko zu verringern und privates Kapital auf eine Infrastruktur zu lenken, die zur Stärkung der europäischen Souveränität ausgelegt ist. Die Frage ist, ob dies tatsächlich die bestehende Dynamik umkehren kann, bei der der Ausbau von Rechenzentren in Europa von der Nachfrage von Hyperscalern und der Finanzierung globaler Investoren abhängt. Wessen Kapital wird mobilisiert, um die KI-Gigafabriken der EU zu bauen? Die des Steuerzahlers? Wie viel Hebel behalten die öffentlichen Behörden gegenüber den Investitionen, die sie risikomindern? Und wer wird letztlich diese Investitionen nutzen und davon profitieren? Indem die EU öffentliche Mittel für sehr große, rechenintensive Einrichtungen bereitstellt, trifft sie bereits eine Entscheidung darüber, welche Art von KI-Entwicklung sie unterstützen möchte. Die Erzählung Wettbewerb treibt Innovation, ausgerufen von Politikern ist kein Programm, sondern ein Weg in die postmoderne Planwirtschaft.

Petra Augustyn
KEIN KI-Text, nichts für schwache Nerven und Orthodoxe.

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