MUSS FRAU FÜR KARRIERE MEHR ARBEITEN ALS MANN? EXPLEO ÖSTERREICH GESCHÄFTSFÜHRERIN SYLVIA RESETARITS ÜBER DIVERSITY, QUOTEN UND MUT

by Stephanie Ellemunter

Think bold, act reliable –  ist das Motto bei Expleo. Als umfassender Dienstleister rund um Software-Qualität und Software-Testing ist man sich bewusst: Empathie und Diversity gewinnen im Digitalen Zeitalter massiv an Bedeutung, wenn es um Softwarequalität geht. Denn schließlich soll die Digitalisierung ja den Menschen das Leben leichter machen. Bei Expleo setzt man daher sehr stark auf gemischte Teams und hat einen für die Branche ungewöhnlich hohen Frauenanteil in allen Bereichen. Wir haben also Geschäftsführerin Sylvia Resetarits im Zuge unserer Blogreihe Frauen in der IT nach ihrer Karriere, ihren Erfahrungen und ihre Ratschläge für Frauen gebeten, die eine IT-Laufbahn einschlagen wollen.

Persönlich trifft man Sylvia Resetarits und das Team von Expleo beim Confare CIOSUMMIT in Wien, mit mehr als 500 IT-Entscheidern Österreichs größtem IT-Treffpunkt.

Welche Bedeutung hat denn gender diversity für ein Unternehmen? Welche Vorteile bringt ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis? 

Aus meiner Sicht noch viel zu wenig Bedeutung. Aber ich bin der Meinung, es geht nicht nur um gender diversity, es geht um diversity generell. Und damit um Ausgewogenheit. Im Rahmen der Resilienzdebatte, die im letzten Jahr wieder besonders groß geworden ist, fällt auf, dass Heterogenität und Vielfalt der Homogenität in vielen Fällen langfristig überlegen sind. Das erfordert Individualität wahrzunehmen und damit umzugehen, Respekt, Anerkennung und Zuhören, um Mitarbeitende als Individuen zu schätzen und nicht nur als Arbeitskräfte. Innerhalb der Expleo Gruppe und gerade im traditionellen Österreich ist es für mich sehr wichtig, unterschiedliche Mitarbeitende in Teams zu bündeln. Wir haben Frauen in allen Ebenen bis zur Geschäftsführung. Wenn heterogene Teams eingespielt sind, bringen sie nachhaltigere und vielfältigere Lösungen und Ergebnisse. Die Zeiten, wo wir die Vorteile von Heterogenität argumentieren müssen, sollten vorbei sein. Es geht darum, Vielfalt an Persönlichkeiten und Fähigkeiten in Teams zu haben – und das sollte mittlerweile selbstverständlich sein.

Die IT-Branche ist immer noch männlich dominiert. Ist es hier besonders schwer, als Frau Karriere zu machen?Sylvia Resetarits Expleo

Vor 15 Jahren, als ich meine Kinder von der Schule abholen musste, sagte ich noch: „ich muss zu einem anderen Termin“. Ich imitierte damals männliches Verhalten und hatte immer das Gefühl mehr arbeiten zu müssen, als meine männlichen Kollegen. Vermutlich ist das mittlerweile etwas besser, die Themen sind allerdings viel tiefer gelagert. Heute ist es nicht mehr ungewöhnlich als Frau Karrierewünsche zu äußern (man denkt sich berufstätige Frauen sind „eh schon normal“), aber wenn sie keine Kinder möchten, wird das immer noch als fragwürdig gewertet.

Die Schwierigkeiten sind tatsächlich subtiler, das macht es aber nicht einfacher. Im Gegenteil, oft wird fälschlicherweise angenommen mit einer Frauenquote oder einer Informationskampagne für Technische Studienrichtungen wird Frauen die Welt der IT geöffnet aber es braucht deutlich mehr Bewusstseinsbildung bei Männern und bei Frauen (jung und alt) damit Wörter wie ‚männer- oder frauendominierte‘ Branchen eines Tages überflüssig werden.

Die jetzigen Herausforderungen sind auch deshalb so komplex, weil man ihre Legitimität erst erklären und verstehen muss. Zu sagen, Frauen haben ein Recht auf das Studieren, verstehen alle. Zu sagen, Frauen wählen seltener techniklastige Studienrichtungen, weil sie in ein System hineingeboren sind, dass ihnen aufgrund von 100ten von Jahren Menschheitsgeschichte mitgibt weniger qualifiziert zu sein als ihre männlichen Kollegen, ist schwerer zu verstehen. Dieses Verständnis können wir durch gesellschaftliches und politisches Engagement erreichen und damit allen Frauen und Mädchen Vertrauen in ihre Fähigkeiten verbessern.

Wie geht es Mädchen in der technischen Ausbildung? 

Ich glaube, dass Technik viele Mädchen immer noch einschüchtert. Technische Ausbildungen sind nach wie vor auf idealtypisch männliche Eigenschaften ausgelegt. Wobei der Begriff „idealtypisch männliche Eigenschaften“ auch kritisch zu betrachten ist. Woher wissen wir was idealtypisch männlich und weiblich ist – Frage was ist angeboren, was ist sozialisiert?

Meine Tochter belegt einen Programmierungs-Einführungskurs an der Technischen Universität Wien. Während der Kurs selbst eine deutlich höhere Anzahl an männlichen Teilnehmern aufweist, sind in den freiwilligen Übungsstunden mehr Frauen als Männer. Zwei Hypothesen: Frauen haben früher gelernt sich Hilfe suchen zu dürfen, Frauen trauen sich die Aufgaben weniger zu. Das zeigt nur, wie weit wir davon weg sind technische Studienrichtungen für alle Geschlechter gleich zugänglich zu machen. Nach den Erzählungen meiner Tochter hat sie sich in ihrem Hauptstudium Raumplanung (nicht technisch) ihren männlichen Mitstudierenden nie unterlegen gefühlt. Dies ist in dem Erweiterungsstudiengang schon der Fall. Das sind Themen an denen wir als Gesellschaft arbeiten sollten.

Confare #CIOSUMMIT Wien 2021

Welche Bedeutung haben Role Models und Vorbilder? 

Mich haben einige Biographien sehr motiviert, z.B. Simone de Beauvoir, Michelle Obama oder auch Marathon Woman von Kathrine Switzer (erste Frau, die einen Marathon gelaufen ist) – ich durfte sie 2019 in New York persönlich kennen lernen – sehr beeindruckend. Obwohl das nicht unmittelbar mit IT zu tun hat, können wir viel aus den Geschichten der Frauen ableiten und lernen.

Auch habe ich sehr viel durch Selbstreflexion gelernt, da gilt: es steckt alles in uns drinnen, wir müssen es nur finden.

Wenn Sie keines unserer Factsheets verpassen wollen, einfach den Confare Newsletter abonnieren. Wenn Sie an unseren Publikationen oder bei den Digital Confare CIO ThinkTanks mitwirken wollen, melden Sie sich bei melanie.vacha@confare.at

Was sind denn Ihre 3 wichtigsten Tipps an junge Frauen, die in der IT oder in der IT-Branche Karriere machen wollen? 

Mutig sein: Etwas Mut, mal auch ungewöhnliche Lösungen vorzuschlagen oder neue Wege einzugehen gehört dazu. In manchen Situationen ist es auch wichtig, über seine eigenen Regeln und Konventionen hinwegzusehen.

Selbstvertrauen mitbringen: Wir Frauen trauen uns oftmals viel zu wenig zu, das zeigt sich beim Melden für neue Aufgaben oder schon beim viel zu realistischen oder zu wenig „marketing-bestückten“ Bewerbungsschreiben. Traut euch, kann ich nur sagen, was soll schon passieren – das „Schlimmste“ ist ein „nein“ als Antwort zu bekommen.

Unterstützung: Suchen und geben – wir Frauen sollten nicht voller Neid andere bewundern, sondern uns gegenseitig unterstützen und auf den Weg bringen.

Wo gibt es denn aus Ihrer Sicht die größten Handlungsfelder in Unternehmen und in der Gesellschaft um diese Situation zu verbessern? 

Flexibilität ist aus meiner Sicht eines der größten Handlungsfelder. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich alle entfalten können. Z.B. Führungsarbeit kann auch im Teilzeitjob möglich sein. Das bedeutet: im eigenen Unternehmen handeln, Arbeitszeitflexibilisierung, Homeoffice-Lösungen, wertschätzender und lösungsorientierter Umgang miteinander. Führungskräfte müssen individuelle Lösungen für die Situationen der Mitarbeitenden ermöglichen.

Aber auch außerhalb des Unternehmens ist Flexibilisierung nötig. Unser Arbeitszeitgesetz z.B. war früher sicherlich zielführend, um einen gewissen Schutz vor Ausbeutung zu bieten, heute jedoch völlig überholt. Es muss den Müttern freigestellt sein, ob sie abends arbeiten wollen, um nachmittags Zeit mit den Kindern zu verbringen. Das gilt allerdings nicht nur für Mütter, sondern für alle Mitarbeiter*innen. Warum nicht am Nachmittag eine lange Sporteinheit einlegen und abends weiterarbeiten?

Neben der Flexibilisierung sind auch schon lange diskutierte Themen wie Änderung Rollenbild der Väter, Einkommensschere noch nicht vom Tisch, vielmehr müssen wir weiter an Lösungen und Verbesserungen arbeiten.

Welche Rolle spielen Mentoring und Coaching? Wo kann man sich Unterstützung suchen? 

Mentoring und Coaching Programme gibt es viele. Ich denke, die meisten sind gut. Auch Frauennetzwerke können helfen. Es kommt immer darauf an, was die Teilnehmerin damit und daraus macht. Innerhalb der Expleo haben wir Coaching Programme bei New-Joinern, anstehenden Weiterentwicklungen egal ob horizontal oder vertikal sehr erfolgreich implementiert.

Work Anywhere: Der Arbeitsplatz der Zukunft ist überall

Sharing is caring!

0 comment

Für Sie ausgewählt

Leave a Comment