FuckUp sichere Unternehmenskultur? – Scheitern und Fehler als Ressource

by Annecilla Sampt

Die FuckUp Nights finden in zahlreichen Ländern statt und bieten die Gelegenheit, wertschätzend von unternehmerischem oder beruflichem Scheitern und Fehlern anderer zu lernen. Denn: Nur wo wirklich gearbeitet wird, passieren auch Fehler. Experimente und Wagnisse machen den Kern jeder Innovation aus. Jutta Jerlich hat die FuckUp Nights in Basel initiiert. Als Moderatorin wird sie Executive Arenas zum Thema „Fehlerkultur in Unternehmen“ beim Confare CIO SUMMIT 2019 am 3. und 4. April 2019 leiten. Im Bloginterview verrät sie, was eine Unternehmenskultur ausmacht, die Fehler als Chance zu lässt und was man tun kann, um eine innovationsfreundliche Kultur im Unternehmen zu fördern.

Wer Innovation will, muss es möglich machen, von Fehlern zu lernen. Woran erkennt man eine innovationsfreundliche Fehlerkultur im Unternehmen?

Genau! Innovativ sein heißt, Neues auszuprobieren, Risiko einzugehen und zu experimentieren. Das bedeutet per Definition ja schon, dass nicht alles funktionieren wird. Es gehört zum Experiment, dass man die Dinge, die nicht funktioniert haben, analysiert und genau unter die Lupe nimmt, um darauf aufbauend das nächste zu starten. Das Lernen gehört also, genauso wie die Fehler, zum Experiment.

Für mich ist das immer schon total selbstverständlich gewesen. Ich bin neugierig und habe schon als Kind Fragen über Fragen gestellt, um zu verstehen, wie die Natur oder technische Zusammenhänge funktionieren. Ich liebe es, Neues zu lernen und Dinge auszuprobieren, die ich noch nie gemacht habe. Denn niemand kann alles wissen. Natürlich hat jeder so seine Expertise, die man sich über die Jahre und Jahrzehnte seines Lebens aufbaut. Trotzdem kann jeder jeden Tag immer noch etwas Neues lernen. Und jedes Lernen beginnt mit einem Fehler oder einer neugierigen Frage.

Es geht also um einen ganzheitlichen Ansatz, eine Einstellung zum Fehler. Darum möchte ich die Frage etwas verändern: Woran erkennt man eine innovationsfreundliche Kultur im Unternehmen?

Für mich geht es um die Kultur an sich, und nicht nur um eine Fehlerkultur. Um lernen zu können, muss man sich offen mit Fehlern auseinander setzen, diese analysieren und verstehen, was schief gelaufen ist. Das bedingt einen offenen Umgang mit dem Thema – man muss also darüber sprechen können. Ignorieren, verstecken, tot schweigen oder schlimmer noch, Schuldzuweisungen austeilen, sind das Gegenteil davon.

In Gesprächen mit Führungskräften oder Mitarbeitern von Unternehmen erkennt man also sehr schnell, welche Kultur in einem Unternehmen in Bezug auf Fehlermanagement gelebt wird. Die Antworten auf meine Fragen nach gescheiterten Projekten und den involvierten Personen zeigen das ganz deutlich – hier nur eine der Fragen:

Gibt es Beispiele aus Ihrer Organisation, wo Personen, aufgrund oder trotz eines signifikanten Fehlers und wie sie diesen bewältigt haben, befördert wurden?

In einer gelebten, offenen Kultur, in der Fehlermanagement ganz eindeutig seinen Platz im Wertesystem des Unternehmens hat, kann diese Frage beantwortet werden.

Ich kenne kaum Unternehmen, die sich nicht als innovativ bezeichnen. Ich kenne nur wenige Unternehmen, die diese Frage beantworten können.

Unternehmen haben lange anders funktioniert. Fehler waren verpönt. Was bedeutet so ein Mindset für den Erfolg eines Unternehmens im Digitalen Zeitalter?

CIO Summit - Jutta JerlichIm digitalen Zeitalter angekommen, spüren wir immer mehr, wie Änderungen Teil unseres Alltags werden. In dieser Zeit der konstanten Veränderung sind Fehler und Rückschläge Teil eines jeden Entwicklungsprozesses geworden. Je nach Industrie finden diese Veränderungen schneller oder langsamer den Weg auf unsere Liste der zu bewältigenden Aufgaben. Wir haben keine Wahl, die Veränderungen kommen ganz sicher – früher oder später.

Der positive Umgang mit Fehlern ist natürlich nicht so einfach wie es klingt, da für uns Menschen Fehler immer mit Schmerz, Verlust, mit Emotionen wie Enttäuschung, Frust, Wut, aber auch Angst und Scham verbunden sind. Wenn wir es schaffen, die ausgelösten Gefühle zuzulassen und damit loszulassen, ist der gebührende Abstand da. Plötzlich wird es möglich, das „Ding“ solange zu drehen und zu wenden, bis die positive Seite und damit der Lerneffekt evident wird.

Jeder, der dies nicht so sieht, steht vor einem wirklichen Problem. Die Fähigkeit, mit Fehlern konstruktiv umzugehen, und diese als Vorteil und Ressource zu sehen, wird mehr und mehr zur Überlebensfrage werden. In der digitalen Revolution ist diese Fähigkeit DIE entscheidende Kompetenz.

Denn nur wer schnell lernt, innovativ bleibt und dem Konkurrenten eine Nasenlänge voraus ist, kann im globalen Wettbewerb bestehen. Warum ist das so? Märkte verändern sich und die logische Folgerung ist, dass Ihr Business von heute vielleicht morgen schon nicht mehr in der Form existiert. Ein Produkt oder eine Dienstleistung, die heute ihr umsatzstärkstes ist, mit dem ihr Unternehmen seinen Profit erwirtschaftet, kann vielleicht morgen schon nicht mehr marktrelevant sein. Märkte brechen ein, Industrien verändern sich, werden von neuen Technologien ersetzt oder verschwinden ganz.

Experimentieren, um das Geschäft von morgen zu finden, sollte bereits heute Teil Ihrer Aktivitäten sein. Wer sich zulange auf das Heute verlässt, und keinen Vorbereitungen für morgen trifft, geht ein sehr großes Risiko ein. Und es kann sehr schnell gehen. Auch sehr große Unternehmen stehen plötzlich vor dem Aus. Beispiele gibt es mittlerweile genug: Nokia und Kodak sind wohl die bekanntesten Unternehmen.

CIO Summit 2019 - Talente bewegen

Bedeutet eine Fehlerkultur mutwillig zu scheitern?

Es geht gar nicht um mutwilliges Scheitern. Es geht darum, Fehler und Scheitern als Teil der Gleichung auf dem Weg zum Erfolg zu akzeptieren. Es gibt keinen Weg, ohne Fehler etwas Neues zu entwickeln. Fehler sind wie die Schwerkraft: Allgegenwärtig, damit unvermeidlich, und voller Antriebskraft. Ob als Führungskraft oder Teammitglied in einem Startup, einem wachsenden Unternehmen oder einer etablierten Organisation, wir müssen alle akzeptieren, dass Fehler von heute unsere Lektion für ein besseres Morgen sind.

Die globale Bewegung der FuckUp Nights bringt die Auseinandersetzung mit Fehlern auf eine gesellschaftliche Ebene, sie soll im Bewusstsein aller ankommen. Die OrganisatorInnen in mehr als 250 Städten weltweit, in denen regelmäßig Fuckup Nights stattfinden, haben sich entschieden, Fehler den wertschätzenden Rahmen zu geben, den sie verdienen. Als Gründerin der Fuckup Nights Basel ist es mir wichtig, damit meinen Beitrag für die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen zu leisten.

In welcher Form lässt sich denn von Fehlern lernen? Welche Formate bieten sich an?

CIO Summit - Jutta Jerlich BlogZuallererst müssen Sie zurück an den Startpunkt: Die Definition von Fehlern. Ein schier unerschöpfliches Thema. Wenn sie die Bedeutung der Worte „Fehler“ und „Scheitern“ auseinander nehmen, insbesondere wenn sie andere Sprachräume miteinbeziehen, finden sie eine Vielfalt von Begriffen, die mehr und weniger negativ behaftet und unterschiedlich in ihrer Bedeutung sind.

Die Beantwortung der Frage, was sie als Fehler oder Scheitern definieren, ist der erste Schritt auf dem Weg, aus Fehlern zu lernen. Warum? Wenn nicht genau definiert ist, was in Ihrem Kontext, ihrer Industrie, ihrem Unternehmen als Fehler angesehen wird, dann kann auch kein System entwickelt werden, wie in diesen Fällen vorgegangen wird. Spätestens an diesem Punkt wird es klar, dass es keine Patentrezepte oder Standardlösungen gibt.

Hier ist nun auch die Abgrenzung zum klassischen Qualitätsmanagement notwendig, wo ein Fehler als Nichterfüllung, als Nichtkonformität einer festgelegten Anforderung definiert ist. Da geht es um das Produkt und die Prozesse. Es geht hier nicht um das Verhalten der Menschen, deren Auftreten und Umgang mit bestimmten Situationen, der Kommunikation und der Zusammenarbeit.

Eine positive Fehlerkultur zu schaffen, erfordert einen Perspektivenwechsel, ein Mindset Change, wie man so schön sagt. Die Formate und Modelle, einen kulturellen Wandel in einer Organisation zu initiieren, sind nicht neu. Es gibt auch einiges an neuer Literatur dazu. Eines der Konzepte, das auf hunderten Interviews mit CEOs und Unternehmensgründern basiert, ist der Failure Value Cycle. Was bei Ihnen im Unternehmen funktionieren wird, braucht jedoch viel mehr als ein Konzept oder ein Format – sie werden ein Gespür davon bekommen, wie dies in der Praxis aussehen kann, wenn Sie die Executive Arena besuchen. Garantiert!

Was kann man tun, um eine neue Fehlerkultur aufzubauen?

Die Entscheidung, eine Fehlerkultur aufzubauen, muss ganz klar von der Unternehmensführung kommen. Entstehen und zum Leben erwacht Kultur, so auch die Fehlerkultur, in der Teamarbeit. Sein Bestes geben ist jedermanns Sache.

Rezept gibt es keines. Garantiert brauchen werden Sie Ehrlichkeit, Offenheit Authentizität, Bescheidenheit und Herzblut für das, was sie tun. Wozu es auf jeden Fall führt ist Transparenz. Ohne Garantie für sanktionsfreies Melden wird es nicht gehen.

Eine konstruktive Fehlerkultur lässt sich nicht per Anweisung einführen. Jeder ist Teil der Organisation und damit der Organisationskultur, die es zu verändern gilt.
Fehlerkultur lebt in der Kommunikation auf Augenhöhe: Mitarbeiter oder Führungskraft – es kommt auf jeden einzelnen an.

Schwierigkeiten werden kommen. Sie sind jedoch auf dem richtigen Weg. Mit einer Unternehmenskultur, die offen mit Fehlern umgeht und diese als Chance zur Verbesserung sieht, steigen ihre Erfolgswahrscheinlichkeiten beträchtlich. Denn befreit von bewussten und unbewussten Ängsten, wie die Angst zu versagen oder die Stelle zu verlieren, gibt es keine Notwendigkeit mehr, an einmal getroffenen Entscheidungen unbedingt festzuhalten oder vor der Einführung von Neuerungen zurückzuschrecken.

Beim Fehlermanagement ist es wie im Fußball: je öfter man auf das Tor schießt, desto öfter trifft der Ball auch ins Netz.

Treffen Sie Jutta Jerlich auf dem 12. Confare CIO SUMMIT am 3./4. April 2019 in Wien und seien Sie dabei, wenn die besten IT-Manager des Jahres gekürt werden.

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