Das Homeschooling-Fiasko – 7 Gründe, warum wir am Schulsystem verzweifeln

by Julia Hübsch

Ein guter Schulabschluss ist kein Indikator für Intelligenz, sondern von guter Anpassungsfähigkeit.
– Gerald Hüther, Neurobiologe

Das Homeschooling ist für alle Betroffenen beschwerlich. Lehrer, Eltern und Schüler sind damit befasst, das Beste daraus zu machen, aber so ein richtig zündender Erfolg ist es nicht. Confare-Founder Michael Ghezzo wirft die Frage in den Raum, ob es schlussendlich nur ein verlorenes Jahr für die Schüler ist oder ob nun bereits eine verlorene Generation entsteht, wie es in Medien, Blogs und Social-Media-Kommentaren zu lesen ist.

Schichtbetrieb in den Volksschulen und Gymnasien auf Basis regelmäßiger Tests wird die Lage nicht wirklich entspannen.

Doch es scheint mir zu kurz gegriffen, die technische Kompetenz von Lehrern und Schülern, die mangelnden Bandbreiten, Endgeräte und Lernplattformen, das Konterkarieren des Unterrichts durch die Social Medias oder mangelnden Einsatz der Beteiligten dafür verantwortlich zu machen.

»Wenn Sie einen Scheissprozess digitalisieren, dann haben Sie einen scheiss digitalen Prozess.«
– Thorsten Dirks, ehemaliger CEO von Lufthansa und Telefonica

Wir leben im Zeitalter der Digitalen Transformationen. Ganze Märkte werden disruptiv verändert. Aber an der Schule verändert sich wenig. Und bringt der Unterricht über Teams und Zoom jetzt den digitalen Wandel der Schule? Leider nein!

Digitalisieren bedeutet eben nicht, was man bereits analog gemacht hat über digitale Medien abzuwickeln. Es bedeutet Prozesse neu zu denken, um die Möglichkeiten der Technologie vorteilhaft zu nutzen. Eine wahre Digitale Transformation verlangt nicht nur unsere bewährten Vorgehensweisen zu hinterfragen, sondern auch, die dahinterstehenden Zielsetzungen zu hinterfragen.

7 Gründe, warum wir am Homeschooling verzweifeln:

1. Das Schulsystem, wie es heute besteht, hat seinen Ursprung in der Zeit der industriellen Revolution.

Es hatte zur Aufgabe Menschen hervorzubringen, die Befehle entgegennehmen und abarbeiten konnten. Eine schmale Elite sollte die Verwaltung übernehmen. Unternehmergeist, Kreativität, Innovationskraft oder Querdenken sind in der Schule nicht eingeplant. Das erste, was Kinder in der Schule lernen, ist das Stillsitzen. Der Spieltrieb, der unser entscheidender Lernmotor ist, wird in der Schule abgedreht. Das schulische Lernen ist im krassen Widerspruch zu den Ergebnissen der Hirnforschung – wir merken uns Dinge, wenn wir sie mit Freude erarbeitet haben, nicht wenn wir unter Druck stehen.

In den Unternehmen wird im Moment ganz etwas anderes verlangt. Wir brauchen Mitarbeiter, die kreativ, eigenständig und innovationsfreudig sind. Stattdessen werden im schulischen Anreizmodell Regeltreue und Konformität belohnt. Die Schule produziert also wirklich, wie es konservative Politiker formulieren, am Markt vorbei. Aber aus anderen Gründen, als sie es meinen. Nicht, weil zu wenig MINT gelehrt wird, sondern weil Leadership, Soft Skills und Pioniergeist zu kurz kommen. Kein Wunder, dass Tesla-Gründer Elon Musk sagt, das College wäre für den Spaß gut, aber nicht fürs Lernen.

„Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass das einzige das Verhalten signifikant beeinflussende Lernen das Lernen durch Selbst-Entdecken und Selbst-Aneignen ist.“
– Carl Rogers

2. Starre Hierarchien prägen das Schulwesen – „Fleiß und Ehrgeiz“ führen nach oben.

Die Hierarchie in der Klasse ist recht einfach – der Lehrer steht vorne und ist nicht zu hinterfragen. Wer fleißig und ehrgeizig ist, kann seine Wertschätzung erhalten und wird mit guten Noten belohnt. Wer sich nicht fügt, wird runtergestuft und als schlecht beurteilt: Nicht genügend lautet das Urteil. Kinder werden als „schlechte Schüler“ gestempelt.
In Unternehmen jedoch verschwimmen die Hierarchien zusehends. Die allmächtige Führungskraft hat weitgehend ausgedient. Entscheidungen werden agil und nach den Anforderungen der Realität getroffen.
Diese „Chefrolle“ ist für Lehrer sehr schwierig. Es bedeutet, dass der Lehrer immer die richtige Antwort haben muss, dass er immer gerecht ist und immer neutral. Aber das ist natürlich eine Illusion. Schule sollte einen Fokus auf Enablen statt auf Pauken und Aburteilen haben – es geht nicht, dass Schüler den Auftrag haben, Referate vorzubereiten, ohne dass ihnen vermittelt wird, was ein gutes Referat ausmacht.

“Könnte das Klassenzimmer nicht der Ort sein, wo begeistert gelernt wird, was wirklich mit dem Leben zu tun hat? Der Ort, wo der Lehrer vom Schüler und der Schüler vom Lehrer lernt?”
– Carl Rogers

3. Wissen statt Bildung, fachliche Qualifikation statt Leadership.

Schüler, die mit dem Internet groß geworden sind, sehen keinen Sinn darin, Daten und Fakten auswendig zu lernen. Während sie Lehrsätze abschreiben, entwickelt sich der Wissensstand in der Welt außerhalb der Schule tagtäglich. Die eigentliche Herausforderung für junge Menschen besteht inzwischen nicht darin, Wissen abzurufen, sondern es nach Richtigkeit und Relevanz zu beurteilen. Nicht die Jahreszahl einer Schlacht ist wirklich relevant, sondern ein Verständnis der Zusammenhänge, so dass man einen mangelhaften Wikipedia-Beitrag von einem wissenschaftlich korrekten unterscheiden kann.
Um diese vernetzte Sicht der Dinge zu lehren, reicht es nicht, sich auf die fachliche Qualifikation zu berufen, die man während des Studiums erworben hat. Es braucht Leadership und die Bereitschaft, zu hinterfragen.

Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass parallel zur fachlichen Qualifizierung Leadership-Trainings für Lehrer verpflichtend sein sollten.

4. Die sozialen Aspekte der Digitalisierung werden nicht verstanden und nicht hinreichend thematisiert.

Datenschutz und Privatsphäre werden beim Homeschooling zum Problem. In Deutschland haben bis zu 30% der Lehrer Probleme mit Datenschutzverstößen und Online-Angriffen. Für Jugendliche ist es genauso schwer, mit Video und Sprache am digitalen Unterricht teilzunehmen, wenn sie gleichzeitig ein Mitfilmen, Mobbing oder sonstige Angriffe aus dem Bereich der Cyber Kriminalität befürchten müssen. Die Sozialen Medien beherrschen den Alltag von Teenagern. Gleichzeitig haben weder Erziehungsberechtigte noch Lehrer einen tatsächlichen Einblick in die Welt von TikTok, Instagram und Co. Dabei sollte Medienkompetenz zu einem entscheidenden Lerninhalt werden. Dann wären die Sozialen Medien sogar eine tolle Ergänzung zum Lernen anstatt eine reine Ablenkung.

5. Für die Schule lernen wir, nicht fürs Leben.

Als im letzten Jahr Maturanten, die aufgrund der Corona-Regeln nicht mehr durchfallen konnten, nur leere Blätter abgaben, war für mich nicht die Frage, was bei denen falsch läuft, dass sie die Systemschwäche so kindisch ausnutzen. Ich habe mich gefragt, was das für ein Schulsystem ist, das Jugendliche nicht dazu motivieren kann, bei ihrer Abschlussarbeit ihr Bestes zu geben.

“Bulimie-Lernen” heißt es gemeinhin, wenn Schüler vor Prüfungen fleißigst büffeln, um in der Prüfungssituation die richtigen Antworten auszuspucken, die am Tag nach der Prüfung auch schon wieder vergessen sind.
„Wozu brauch ich das später?“, die klassische Ansage vermeintlich lernfauler Schüler. Aber warum schafft man es bis heute nicht, gute Gründe zu vermitteln? Die Folge ist, dass sich die Schüler darauf fokussieren, ihre Prüfungen zu bestehen und nicht darauf, Lerninhalte zu verstehen und anwenden zu können.

Von der Förderung des eigenen Gehirns bis zum Lösen der großen Probleme unserer Zeit gibt es genug Gründe, um Bildung wertzuschätzen. Diese müssen nur formuliert, kommuniziert und erlebbar gemacht werden.

„Jedes Mal, wenn wir unseren Kindern sagen, sie müssten den Anforderungen der Schule unbedingt gerecht werden, weil sie sonst keine Zukunft hätten, tötet das ihre innere Stimme und hindert sie daran, ihr Selbstgefühl zu entwickeln.“
– Jesper Juul

6. Standardisierung statt individueller Förderung, Schwächen statt Stärken.

„Das Gehirn entwickelt sich so, wie man es mit Begeisterung benutzt. Ein Kind verliert die Lust an Mathe, wenn ihm jemand deutlich macht, dass es zu blöd dafür ist – und dann entwickelt es sich in diesem Fach auch nicht weiter.“
– Gerald Hüther

Jedes Kind ist hochbegabt, schafft es doch in den ersten 3 Jahren eine unglaubliche Anzahl an Meisterleistungen. Es lernt gehen, sprechen, interagieren. Dieser Hochbegabung wird das Schulsystem nicht gerecht. Der Genetiker Markus Hengstschläger bringt es mit seinen Vorträgen und dem Buch zur „Durchschnittsfalle“ auf den Punkt. Die Schule setzt darauf, alle Schüler in jedem Bereich in derselben Zeit auf denselben Stand zu bringen. Wie falsch dieser Ansatz ist, kann man sehr anschaulich bei Hengstschläger lernen. Die Folgen sind aber drastisch. Nicht nur werden begabte Kinder zu Losern abgestempelt, weil man sich nur mit jenen Bereichen befasst, der ihnen gerade schwerfällt. Anstatt einen exzellenten kreativen Geist zu fördern, wird er mit Nachhilfe und Nachprüfung in Mathematik gequält. Der begabte Techniker wird im Sprachunterricht runter gemacht. Das Ergebnis ist Mittelmass an allen Enden. Dank Zentralmatura, zentraler Steuerung von Lerninhalten und standardisierter Prüfungen wird das auch noch administrativ gefördert.

„Jedes Kind ist Elite – nur eben jedes woanders. Unser Schulsystem konzentriert sich immer noch viel zu viel auf die Schwächen der Schüler.“
– Markus Hengstschläger

7. Die Schule funktioniert menschen- und familienfeindlich

Im Homeschooling werden Eltern zu Hilfslehrern, es geht weder vom Volumen, noch vom Lernstoff, noch von der Motivation her anders. Spricht man als Elternteil aber über die eigene Situation mit den Lehrern, sind diese überrascht. Dass die aktuelle Pandemie-Situation Menschen existenziell in prekäre Lagen bringt, ist dem Lehrkörper nicht bewusst, wohl auch zum Teil egal. Wichtiger ist es, den behördlichen Auflagen zu genügen.

„Kinder, schreibt mal kurz irgendwas in einem Mail an mich. Die Direktion erwartet, dass ich Euch frage, wie es Euch geht“, musste zum Beispiel eine mit uns befreundete Mutter im Postfach ihrer Tochter lesen.

Die Schule wird zum gemeinsamen Problem. Die wenige Zeit, die Online-Unterricht, Hausaufgaben und mein Berufsleben uns gemeinsam gönnen, ist oftmals überschattet mit Diskussionen und Streit über schulische Leistungen oder was noch abzugeben ist.

Übrigens hat kein einziger Lehrer meiner zwei Gymnasiasten das Thema Coronakrise und ihre Folgen besprochen. Ein Thema, für das es in so gut wie jedem Unterrichtsfach Anknüpfungspunkte gegeben hätte. Der leider unveränderte Lehrplan lässt das nicht zu.

“Soll die Schullaufbahn eines Kindes in sozialer wie in akademischer Hinsicht optimal gelingen, erfordert dies eine beständige und qualitätvolle Kommunikation zwischen LehrerInnen, Kindern und Eltern.”
– Jesper Juul

8. Die Potenziale der Technologie werden nicht ausgeschöpft

Frontalunterricht in Teams ist nicht digitales Lernen. Handys werden aus dem Unterricht verbannt, Soziale Medien verdammt. Dabei würde sich gerade jetzt anbieten, Kollaboration, Präsentation und Projektarbeit umzusetzen. E-Learning funktioniert einfach anders als Frontalunterricht. Es ist unsinnig, Arbeitsaufträge danach zu beurteilen, ob die Inhalte eh nicht aus Wikipedia abgeschrieben sind oder wenigstens umformuliert wurden. Es braucht einfach andere Arbeitsaufträge, die eben nicht mit einem kopierten Wiki-Beitrag zu lösen sind.
Eine Idee dazu: Die Verantwortlichen sollten intensiv den Austausch mit der Confare Digital Community suchen, um zu verstehen, dass da noch viel mehr geht.

Meine Inspirationen zu dem Beitrag:


Über den Autor:

Michael Ghezzo ist Experte auf seinem Gebiet. Seit 1999 befasst er sich erfolgreich mit Veranstaltungskonzepten in den Bereichen IT, Marketing & Vertrieb und Management.
Neben seiner beruflichen Laufbahn ist er auch Experte auf dem Gebiet Homeschooling, das ihn besonders mit 3 Kindern beschäftigt.

Michael Ghezzo

Michael Ghezzo
Confare-Founder

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2 comments

Anita F 4. Februar 2021 - 18:24

Der Artikel spricht mir (leider) aus der Seele.
Es ist doch traurig, dass die aktuelle Situation als Problem dargestellt wird.
Dieses Virus hat uns den Handschuh hingeworfen und uns herausgefordert. Leider stecken wir den Kopf in den Sand und hoffen, dass alles bald vorbei ist und wir wieder in den „Normalbetrieb“ zurück dürfen. Dabei wäre das jetzt doch eine Chance, über den Tellerrand zu denken und neue Wege zu gehen. Aber davon habe ich noch nichts gehört….

Reply
H. Petz 15. Februar 2021 - 13:54

Sei gegrüßt, oh Michael! Wenn ein Körper stark abnimmt – egal, ob Fett- und insbesondere Muskelmasse – kommt das Dahinterliegende bzw. Tragende zum Vorschein: Das Skelett. Die spontan vom Auftritt des Virus ausgelöste Situation hat ein schlagartiges Röntgenbild des österreichischen Ausbildungswesens (Schule ist m.E. zu eng gefasst) erzeugt. Das Blöde an unserer/dieser Wirklichkeit ist, dass sich ein Sekelett nicht so rasch wiez.B. ein Muskel ändern lässt: Lehrpläne, Lehrergewerkschaften, eingesetzte Menschen, Mittel oder Lernziele. Ich würde noch nicht von einer verlorenen Generation sprechen … wenn ein Kind gesundheitsbedingt ein halbes, ganzes Jahr aussetzen muss, wäre es dadurch auch nicht verloren. Die Frage ist, ob das für Bildung verantwortliche Ministerium bzw. die VertreterInnen der Bildungsumsetztenden willens sind, das Skelett substanziell a) verändern zu wollen und b) verändern zu können.

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