Kein Raum für Neues, wenn Bestehendes nicht funktioniert – Handlungsfähigkeit braucht IT

by Bianca Bogad-Frey

Franz Hillebrand - Kein Raum für Neues, wenn Bestehendes nicht funktioniert - Handlungsfähigkeit braucht IT

Franz Hillebrand ist CIO a. D. der SIGNA Group und heute Geschäftsführer von Tesofy FlexCo. Turbulente Zeiten sind für ihn nichts Neues. Erfahren Sie von dem Confare TopCIO, wie IT uns aus der Krise ziehen kann, was man in unsicheren Zeiten zu beachten hat und vieles mehr.

Welche Rolle spielen IT und Digitalisierung heute dabei, gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen?

Digitalisierung ist heute keine Innovationsfrage mehr, sondern eine Frage der Handlungsfähigkeit. Ich persönlich glaube nicht an einfache Rezepte für komplexe Herausforderungen – wohl aber an Orientierung, Haltung und Konsequenz.

In einer Welt permanenter Gleichzeitigkeit – wirtschaftlicher Unsicherheit, regulatorischer Verdichtung und geopolitischer Spannungen – entscheidet IT nicht mehr darüber, wie modern ein Unternehmen wirkt, sondern ob es überhaupt noch steuerbar ist. Organisationen stehen weniger vor der Herausforderung, Neues zu schaffen, als bestehende Komplexität zu beherrschen. Genau hier wird Digitalisierung zur kritischen Infrastruktur: Sie kann stabilisieren, Orientierung geben und Entscheidungen ermöglichen – oder, wenn sie falsch gedacht ist, zusätzliche Unsicherheit erzeugen.

Was dabei zunehmend auffällt, ist die wachsende Kluft zwischen öffentlicher Erzählung und operativer Realität. Während medial über Disruption, KI und exponentielle Effizienzgewinne gesprochen wird, spüren viele Unternehmen im Alltag davon nur wenig. In der Immobilien- und Projektentwicklungsbranche etwa ist das Geschäft langfristig, haftungsrelevant und stark reguliert. Digitalisierung zeigt hier ihren Wert nicht in spektakulären Innovationen, sondern in Nachvollziehbarkeit, Verlässlichkeit und der Fähigkeit, Risiken frühzeitig zu erkennen.

Der eigentliche Mehrwert von IT entsteht deshalb nicht durch immer neue Tools, sondern dort, wo sie hilft, Bezug herzustellen: zwischen Daten und Entscheidungen, zwischen Verantwortung und Transparenz, zwischen Menschen und Systemen. In diesem Sinne ist IT heute vor allem eines – ein Resilienzfaktor. Für Unternehmen, aber auch für gesellschaftliche Strukturen insgesamt.

Confare CIOSUMMIT Wien 2026 Banner Desktop

Wie Sie Bestehendes so effizient gestalten, um Neues schaffen zu können, erfahren Sie auf den Keynotes des Confare CIOSUMMITs Wien. HIER anmelden.

Welche Auswirkungen hat die aktuelle wirtschaftliche Lage auf Investitionen, Prioritäten und Erwartungshaltungen in der Unternehmens-IT?

Die aktuelle wirtschaftliche Lage ist angespannt, aber nicht chaotisch. Sie zwingt Unternehmen zu einer Ehrlichkeit, die in wirtschaftlich besseren Zeiten oft vermieden wird. Investiert wird weiterhin – allerdings deutlich vorsichtiger, selektiver und mit einer klaren Erwartung an Wirkung und Verantwortung. Besonders deutlich zeigt sich das in der Immobilien- und Projektentwicklungsbranche. Lange Budgetzyklen, mehrjährige Projektlaufzeiten und ein spürbarer Finanzierungsdruck lassen wenig Raum für Experimente. IT-Investitionen müssen sich hier nicht nur technisch, sondern auch zeitlich und wirtschaftlich erklären lassen. Der Anspruch ist derzeit Planbarkeit, Transparenz und Verlässlichkeit über Jahre hinweg.

Was sich dabei grundlegend verändert hat, ist der Maßstab, an dem IT bewertet wird:

 

Business Value schlägt Vision.

Nicht mehr die strategische Erzählung entscheidet, sondern der konkrete Beitrag zum Geschäft.

 

Stabilität schlägt Geschwindigkeit.

Systeme müssen auch unter Druck funktionieren – über Projektphasen hinweg, nicht nur zum Go-live.

 

Verständlichkeit schlägt technologische Eleganz.

Lösungen müssen erklärbar, leicht wartbar und übergebbar sein – gerade in Organisationen mit wechselnden Projektteams und externen Partnern.

 

IT wird damit nicht weniger wichtig, sondern stärker in die Verantwortung genommen. Sie wird aktuell daran gemessen ob sie Kosten transparent macht, Risiken reduziert und verlässliche Entscheidungsgrundlagen liefert. Projekte ohne klaren Nutzen, ohne realistische Umsetzbarkeit oder ohne klares Betriebskonzept verlieren zu Recht an Akzeptanz.

Für CFOs und CIOs rückt damit ein gemeinsamer Nenner in den Mittelpunkt: IT muss heute gleichzeitig steuerbar und tragfähig sein – wirtschaftlich kalkulierbar für den CFO und operativ verlässlich für den CIO.

Gelingt diese Balance nicht, wird IT entweder zum Kostenproblem oder zum Stabilitätsrisiko.

In dieser neuen (aktuellen) Realität ist IT wieder das, was sie lange nicht sein musste: eine Managementdisziplin, deren Qualität sich nicht an Visionen, sondern an Konsequenz und Wirkung misst.

Was bedeutet das für Tesofy? Wo setzt Ihr 2026 bewusst Schwerpunkte?

Für unser eigenes Unternehmen bedeutet diese Entwicklung vor allem eines: bewusste Fokussierung. In einem Umfeld, das von Unsicherheit und Ressourcenknappheit geprägt ist, entsteht Wert nicht durch Breite, sondern durch Klarheit. Wir haben uns daher sehr bewusst gegen „alles anbieten“ entschieden und setzen stattdessen auf wenige, aber wirkungsrelevante Schwerpunkte.

 

Ein zentraler Fokus liegt auf Stabilität und Betriebsfähigkeit von IT-Landschaften, insbesondere in komplexen, projektgetriebenen Organisationen. Viele unserer Kunden arbeiten mit gewachsenen Systemen, Excel-basierten Prozessen und einer Vielzahl spezialisierter Anwendungen. Unser Ansatz ist es nicht, diese Realität zu negieren, sondern sie strukturiert beherrschbar zu machen – durch Integration, klare Verantwortlichkeiten und transparente Datenflüsse.

Ein zweiter Schwerpunkt ist pragmatische Digitalisierung. Wir investieren bewusst in Lösungen, die bestehende Systeme verbinden, statt sie abzulösen. Schnittstellen, Workflows und einfache Automatisierung schaffen oft mehr Wirkung als große Transformationsprogramme. Digitalisierung muss entlasten, nicht zusätzlich erklären.

Drittens setzen wir stark auf Konsequenz im Betrieb. Projekte ohne klares Betriebskonzept, ohne Zuständigkeiten oder ohne realistische Übergabe führen langfristig zu Instabilität. Deshalb denken wir IT nicht vom Projektende her, sondern vom dauerhaften Betrieb – auch unter wirtschaftlichem Druck oder in Sondersituationen.

Gerade aus unserer Erfahrung mit Krisen- und Insolvenzszenarien wissen wir: IT zeigt ihren wahren Wert nicht im Idealzustand, sondern dann, wenn Strukturen unter Stress geraten. Diese Perspektive prägt unsere Entscheidungen für 2026 – mit dem Ziel, Organisationen nicht spektakulär digitaler, sondern nachhaltig handlungsfähig zu machen.

ConText Anmeldung Banner

Bleiben Sie immer auf dem Laufenden, wie Ihre Arbeit die Wirtschaft am laufen hält, mit einem kostenlosen Confare ConText Abo.  HIER Ihr kostenloses Abo abschließen.

Die geopolitische Unsicherheit hat viele Abhängigkeiten sichtbar gemacht. Was braucht es, damit Europa daraus einen nachhaltigen Innovations- und Digitalisierungsschub entwickelt?

Ich halte es für einen grundlegenden Denkfehler, dass Europa sich selbst immer als Getriebenen wahrnimmt – als Region, die Geschwindigkeit, Skalierung und Disruption kopieren müsse. Europas eigentliche Stärke liegt woanders: in Verlässlichkeit, Tiefe und kultureller Reife. Unsere Innovationskraft war historisch nie auf kurzfristige Effekte ausgelegt. Wir erfinden nicht jeden Tag einen neue Weinsorte – wir veredeln Bestehendes, kultivieren Qualität über Jahrzehnte und übernehmen Verantwortung für das, was wir schaffen. Genau diese Haltung fehlt in vielen Digitalisierungsdebatten.

Übertragen auf IT und KI bedeutet das: Europa muss nicht das schnellste System bauen, sondern das vertrauenswürdigste. Nicht die lauteste Plattform, sondern die belastbarste Infrastruktur. In einer Welt zunehmender Unsicherheit entsteht echter Fortschritt nicht durch Geschwindigkeit allein, sondern durch Systeme, auf die man sich langfristig verlassen kann – rechtlich, technisch und gesellschaftlich.

Gerade im Umgang mit Künstlicher Intelligenz liegt hier eine große Chance. Europäische Stärke könnte darin liegen, KI so zu gestalten, dass sie erklärbar bleibt, Verantwortung unterstützt und Menschen befähigt, statt sie zu ersetzen oder zu überfordern. Nicht als Kontrollinstrument, sondern als kulturell eingebettete Technologie. Wenn Europa aufhört, sich an fremden Maßstäben zu messen, und beginnt, seine eigenen Stärken konsequent auszuspielen, kann aus der aktuellen geopolitischen Unsicherheit ein nachhaltiger Digitalisierungsschub entstehen. Nicht getrieben von Tempo, sondern getragen von Vertrauen, Qualität und Langfristigkeit.

Gibt es technologische Entwicklungen, die 2026 den Markt tatsächlich prägen werden?

Ich glaube, 2026 wird weniger von neuen Technologien geprägt sein als von einer veränderten Nutzung bestehender Technologien. Der Markt bewegt sich weg vom Experimentieren hin zur Frage, was im Alltag tatsächlich tragfähig ist.

Ein zentrales Thema bleibt Künstliche Intelligenz – allerdings in einer deutlich nüchterneren Form. KI wird dort relevant sein, wo sie assistiert statt ersetzt, wo sie Informationen strukturiert, Zusammenhänge sichtbar macht und Entscheidungen vorbereitet. Systeme, die erklären können, warum sie zu einem Ergebnis kommen, werden dabei deutlich wichtiger als solche, die nur schnelle Antworten liefern.

Gleichzeitig werden Integration und Datenqualität zu entscheidenden Erfolgsfaktoren. Die größte technologische Hürde liegt in den nächsten Jahren nicht in neuen Algorithmen, sondern in fragmentierten Systemlandschaften, Medienbrüchen und unklaren Datenverantwortlichkeiten. Technologien, die bestehende Systeme verbinden, Daten konsistent halten und Prozesse über Applikationsgrenzen hinweg abbilden, werden 2026 mehr Wirkung haben als die nächste disruptive Plattform.

Ein weiteres prägendes Thema ist Cybersecurity – nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil jeder IT-Entscheidung. Sicherheit wird weniger sichtbar, aber allgegenwärtig sein. Wer sie erst am Ende mitdenkt, wird 2026 Schwierigkeiten bekommen, digitale Projekte überhaupt noch umzusetzen.

Was ich hingegen skeptisch sehe, ist der Glaube an vollständig autonome Systeme. Die nächsten Jahre werden zeigen, dass Verantwortung, Kontextverständnis und menschliche Einordnung nicht automatisierbar sind. Erfolgreich werden jene Technologien sein, die diese Realität akzeptieren und Menschen unterstützen, statt sie aus dem Prozess zu drängen.

Kurz gesagt: 2026 prägen nicht die lautesten Technologien den Markt, sondern jene, die unsichtbar funktionieren, Komplexität reduzieren und Vertrauen schaffen.

 

Zwischen Legacy-Systemen und moderner KI-Welt: Welche Orientierung gibt es für CIOs?

Der globale Diskurs rund um IT und KI ist stark von Geschwindigkeit, Skalierung und technologischem Vorsprung geprägt – eine Denkweise, die aus der Silicon-Valley-Kultur heraus entstanden ist. Diese Logik hat zweifellos Innovation hervorgebracht. Sie ist jedoch nicht universell übertragbar, insbesondere nicht auf europäische Unternehmensrealitäten, die stärker von Langfristigkeit, Regulierung und Verantwortung geprägt sind.

Meine Orientierung für CIOs basiert daher nicht auf dem Prinzip „schneller ist besser“, sondern auf tragfähig ist besser. In Europa bedeutet Digitalisierung vor allem, Systeme zu bauen, die über Jahre hinweg funktionieren, erklärbar bleiben und auch unter Druck verlässlich sind. Legacy-Systeme sind in diesem Kontext nicht bloß technischer Ballast, sondern oft integraler Bestandteil betrieblicher Stabilität und institutionellen Wissens.

Moderne Technologien – insbesondere Künstliche Intelligenz – entfalten ihren Wert nur dann nachhaltig, wenn sie in diese gewachsenen Strukturen eingebettet werden. KI darf nicht als Beschleuniger um jeden Preis verstanden werden, sondern als Assistenz, die Kontext schafft, Entscheidungen vorbereitet und Verantwortung unterstützt. Gerade in regulierten und haftungsrelevanten Umfeldern ist Transparenz wichtiger als maximale Automatisierung.

Europäische CIOs stehen daher vor einer anderen Aufgabe als ihre Kollegen in stark risikoorientierten Märkten: Sie müssen Innovation mit Verlässlichkeit versöhnen. Das erfordert klare Prioritäten, den Mut zur bewussten Langsamkeit an kritischen Stellen und die Fähigkeit, Nein zu sagen – zu Projekten, die technologisch faszinierend, aber organisatorisch nicht tragfähig sind.

Meine zentrale Orientierung lautet daher: Nicht jede neue Technologie ist ein Fortschritt, und nicht jedes bestehende System ein Hindernis.

Für CIOs – insbesondere im europäischen Kontext – entsteht Führung dort, wo technologische Möglichkeiten mit kultureller Verantwortung verbunden werden. Wer IT ausschließlich über Geschwindigkeit definiert, übernimmt fremde Maßstäbe. Wer sie über Verlässlichkeit, Erklärbarkeit und Wirkung steuert, schafft nachhaltigen Fortschritt. Gerade in einer Community wie jener der Confare geht es nicht darum, jedem Trend zu folgen, sondern Haltung zu zeigen: Systeme so zu gestalten, dass sie auch morgen noch tragen, Entscheidungen nachvollziehbar bleiben und Verantwortung nicht automatisiert, sondern bewusst wahrgenommen wird. Das ist keine Verlangsamung von Innovation – es ist ihre Reifung.

 

Welche Rolle spielt Tesofy mit Produkten und Dienstleistungen im CIO-Ökosystem?

Unsere Rolle im Real Estate IT Ökosystem lässt sich weniger über Produkte als über Haltung beschreiben. Wir bringen keine Patentrezepte mit, sondern Erfahrung aus Situationen, in denen Systeme, Organisationen und Menschen unter Druck geraten sind. Genau dort entsteht das Wissen, das man nicht aus Frameworks lernt.

Wir sehen hinter Prozessen und Systemen immer auch die Menschen, die mit ihnen arbeiten müssen – ihre Verantwortung, ihre Überforderung, ihre Unsicherheit. Digitalisierung scheitert selten an Technologie, sondern daran, dass sie an der Realität der Menschen vorbeigeht. Unsere Aufgabe ist es daher, zuzuhören, zu übersetzen und Komplexität so zu ordnen, dass sie wieder tragbar wird. Was wir weitergeben, ist keine abstrakte Expertise, sondern gelebtes Erfahrungswissen: aus Betrieb, aus Krisen, aus Situationen, in denen Entscheidungen Konsequenzen hatten. Dieses Wissen hilft Firmen, nicht nur bessere Systeme zu bauen, sondern klarer zu führen – mit mehr Ruhe, mehr Orientierung und weniger Aktionismus.

Wenn wir mit Unternehmen arbeiten, geht es oft um mehr als IT: Es geht um Prioritäten, um das bewusste Weglassen, um das Aushalten von Unvollkommenheit und um die Frage, was eine Organisation wirklich trägt. In diesem Sinne verstehen wir uns weniger als Lösungsanbieter, sondern als Begleiter auf dem Weg zu mehr digitaler Gelassenheit und Handlungsfähigkeit.

 

Was bedeutet das Motto der Confare CIOSUMMITs 2026 – Digitale Schöpfung: Create. Inspire. Own. – für Dich persönlich?

Für mich beschreibt dieses Motto weniger eine Aufforderung zum Gestalten als eine Haltung zur Verantwortung.

Digitale Schöpfung bedeutet nicht, ständig Neues zu produzieren, sondern bewusst etwas zu schaffen, das trägt – technisch, organisatorisch und menschlich.

Create heißt für mich, Lösungen zu entwickeln, die aus der Realität entstehen und nicht aus dem Wunsch nach Perfektion. Schöpfung beginnt dort, wo man Komplexität annimmt, Bestehendes respektiert und dennoch den Mut hat, Dinge besser zu machen.

Inspire verstehe ich nicht als Begeisterung durch Visionen, sondern als Ermutigung zur Klarheit. Menschen zu inspirieren bedeutet, ihnen Orientierung zu geben – gerade in Zeiten, in denen Unsicherheit, Überforderung und Veränderungsdruck allgegenwärtig sind.

Own ist für mich der wichtigste Teil. Verantwortung zu übernehmen für Entscheidungen, für Systeme und für ihre Auswirkungen auf Menschen. Nicht auszuweichen, wenn es schwierig wird, sondern zu bleiben, hinzusehen und zu tragen, was man geschaffen hat.

Nach Jahren intensiver Erfahrungen in Betrieb, Transformation und Krise bedeutet digitale Schöpfung für mich daher vor allem eines: Technologie so zu gestalten, dass sie dem Menschen dient – und nicht umgekehrt. Wenn uns das gelingt, entsteht Digitalisierung mit Substanz, Wirkung und Sinn.

Für Sie ausgewählt

Leave a Comment