KI als Superkraft – Gemeinsam lernen, schneller verändern

by Ella Engl-Wurzer

Sindre Wimberger: KI als Superkraft – Gemeinsam lernen, schneller verändern

KI als Superkraft - Gemeinsam lernen, schneller verändern

Sindre Wimberger ist als Innovationsmanager bei der Stadt Wien tätig und begleitet Menschen und Organisationen dabei, künstliche Intelligenz sinnvoll in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Daneben ist er als Keynote Speaker und Autor unter dem Namen The Promptfather unterwegs.

Beim Confare CIOSUMMIT Salzburg bringt Sindre Wimberger seine Perspektiven auf die Chancen von KI und die Zukunft von Verwaltung und Arbeitswelt auf die Bühne. Jetzt anmelden und live dabei sein!

Was begeistert dich an künstlicher Intelligenz und welche Rolle spielst du dabei?

Was mich bei KI antreibt, ist tatsächlich dieses Gemeinschaftliche. Ich sehe KI als Riesenchance. Es ist wahrscheinlich eine der mächtigsten Technologien, die wir Menschen zur Verfügung haben. Jetzt geht es stark darum, wofür wir sie nutzen.

Ich merke einfach, dass wir zu langsam sind, wenn jeder für sich allein im stillen Kämmerchen lernt und versucht. Das Gemeinsame gehört stärker in den Vordergrund: gemeinsam lernen, gemeinsam scheitern, gemeinsam schlauer werden. Das gilt auf ganz vielen Ebenen – im Team, in Organisationen und Unternehmen, wahrscheinlich auch regional und auf europäischer Ebene. Wenn wir hier nicht stärker ins Gemeinsame kommen, wird es aus meiner Sicht schwierig.

Genau das versuche ich auch bei der Stadt Wien. Ich bin dort im Innovationsmanagement tätig und betreibe gemeinsam mit meinem Kollegen Günter Siebenhaar seit drei Jahren unsere interne KI Community of Practice. Wir versuchen, die Leute mitzunehmen, zu inspirieren und ins Denken zu bringen, damit sie auf Ideen kommen, wie KI ihnen im Arbeitsalltag helfen kann.

Am Ende geht es auch um Verhaltensänderung. Wenn KI ein zentraler Bestandteil der Arbeit werden soll, muss sich das Arbeitsverhalten verändern. Sonst probiert man es dreimal aus, stellt fest, dass es funktioniert, und im Arbeitsalltag ist so viel Stress, dass man doch wieder nicht dazu kommt. Diese Veränderung braucht Begleitung.

Ich arbeite deshalb sehr viel mit Menschen und versuche, ihnen ihre KI-Superkraft zu zeigen. Ob sie diese dann annehmen und nutzen, ist wieder die nächste Frage. Aber zunächst einmal geht es darum zu zeigen, welche Möglichkeiten sie persönlich mit KI haben. Das fasziniert mich sehr.

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„Gemeinsam.Besser.Machen.“ Warum ist dieser Gedanke beim Einsatz von KI heute so wichtig?

Wenn wir gemeinsam daran arbeiten, uns austauschen, Best Practices und Prompts teilen, können wir auf sehr vielen Ebenen voneinander profitieren und viel schneller zu den spannenderen Themen kommen. Viele scheitern noch an grundlegenden Dingen. Die müssen wir nicht hundertmal wiederholen oder jeder für sich selbst lösen. Wir könnten sie gemeinsam schneller überwinden und endlich über die wirklich spannenden Dinge sprechen.

 

Welche Erfahrungen habt ihr mit dem WienBot gesammelt?

Der WienBot ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie Innovation in der Verwaltung funktionieren kann. Er ist tatsächlich aus einer Idee und einem Prototyp entstanden. Man hat sich getraut, etwas auszuprobieren und relativ früh Feedback einzuholen. Dann hat man gesehen, dass das wirklich gut angenommen wird, und daraus ein richtiges Produkt gebaut.

So sollte man es im Innovationsmanagement eigentlich machen, traut sich aber oft nicht. Der WienBot zeigt, dass dieser Weg auch in der Verwaltung funktionieren kann: wenn man ihn zulässt, Durchhaltevermögen hat und sich traut, nicht von Anfang an alles perfekt planen zu wollen.

Man kann einen Proof of Concept machen, Bürgerinnen und Bürger früh einladen, ihn auszuprobieren und Feedback einzuholen. Das ist nicht immer möglich, aber der WienBot zeigt, dass dieser Weg erfolgreich sein kann. Mit inzwischen fast 20 Millionen Fragen ist er ein gutes Beispiel dafür, wie sinnvoll es sein kann, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben.

Damit hat der WienBot ein Stück weit vorweggenommen, was generative KI heute macht. ChatGPT und andere Systeme ermöglichen das inzwischen noch viel umfassender und direkt am Handy. Beim WienBot steckte damals noch sehr viel menschliche Arbeit dahinter. Aber das Prinzip war schon da.

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Welchen Impact wird KI tatsächlich auf Verwaltung und Organisationen haben?

Ich glaube, das gilt nicht nur für die Verwaltung, sondern auf ganz vielen Ebenen: für Unternehmen, für jeden persönlich und auch gesellschaftlich. Dazu kommt die Frage der Wettbewerbsfähigkeit im Rennen mit Asien und Amerika, die beide das KI-Rennen gestartet haben. Europa befindet sich da eher im Abseits.

Für die Verwaltung ist es natürlich noch einmal schwieriger, weil KI wahnsinnig viel verändert und Verwaltungen bei Veränderungen nicht immer die Schnellsten sind. Dazu kommt, dass es oft sehr große Organisationen sind. Aber auch große Unternehmen tun sich mit der Einführung von KI und der damit verbundenen Transformation schwer. Denn es ist eben nicht nur eine Technologie. Prozesse verändern sich, die Unternehmenskultur verändert sich und auch Berechtigungen werden hinterfragt: Wer darf was machen? Wer darf auf welche Daten zugreifen?

Organisationen sind heute im Wesentlichen so gebaut, dass Menschen darin möglichst effizient arbeiten können. Jetzt versuchen wir, KI in diese menschlichen Organisationsstrukturen hineinzubringen. Dann hören wir oft: Die KI ist jetzt ein Mitarbeiter und künftig gibt es hybride Teams.

Das ist aus menschlicher Sicht nachvollziehbar, weil wir versuchen, KI zu vermenschlichen. Aber wenn ich KI auf einen Mitarbeiter reduziere, beschneide ich sie eigentlich in ihren Fähigkeiten, weil sie nicht wie ein Mensch funktioniert und im Endeffekt viel mehr kann.

Aus Sicht der KI ergeben manche Organisationsgrenzen wahrscheinlich keinen Sinn. In unseren Prozessen ist heute genau geregelt, wer auf welche Daten zugreifen darf und wer was machen kann. Ein Mensch macht eben bestimmte Dinge. Wenn KI dagegen das Wissen aus unterschiedlichen Bereichen zur Verfügung hätte, könnte sie wahrscheinlich in vielen Bereichen effizienter arbeiten und auf Basis von mehr Daten auch bessere Dinge aufbereiten. Ich spreche hier ausdrücklich von Fach- und Prozesswissen, nicht von personenbezogenen Daten. Zweckbindung ist kein Effizienzhindernis, sondern der Grund, warum Bürgerinnen und Bürger einer Verwaltung überhaupt Daten anvertrauen.

Wenn man KI in die Zukunft denkt, ist sie vielleicht viel eher eine Art Basisbetriebssystem, das auf sehr viel mehr zugreifen kann. Darauf sind wir heute aber nicht vorbereitet. Wir denken weiterhin in menschlichen Prozessen und menschlichen Organisationsstrukturen.

Viele versuchen deshalb zunächst die hybride Variante und setzen KI quasi als Ersatz für einen Menschen in die bestehende Organisation. Der größere Schritt wäre aus meiner Sicht, zu einer AI-first Company zu werden, bei der KI die Basis für die Prozesse bildet. Erst dort kann KI ihre Stärken wirklich ausspielen. Wenn wir sie auf eine menschliche Mitarbeiterrolle reduzieren, funktioniert sie zwar auch, aber wir nutzen nur einen eingeschränkten Teil ihres Potenzials.

Für die Verwaltung ist das natürlich ein großer Druckpunkt, weil Organisationsentwicklung und Transformation gerade in großen Organisationen schwieriger sind. Kleine hybride Teams mit zehn oder zwanzig Leuten tun sich wesentlich leichter. Gleichzeitig entsteht daraus eine enorme Herausforderung für Leadership. Führungskräfte müssen damit umgehen, dass manche Mitarbeitende KI nutzen wollen und andere nicht, dass sich Prozesse verändern und möglicherweise auch Abteilungsgrenzen verschieben. Das bringt Führung stark unter Druck.

 

„Human in the Loop“ – Wie viel menschliche Kontrolle braucht KI in Zukunft?

Das ist eine sehr spannende Frage. Natürlich sind wir uns einig, dass es menschliche Kontrolle braucht. Auf welcher Ebene und in welchem Detailgrad das in Zukunft möglich sein wird, ist für mich aber eine Frage, die wir diskutieren müssen.

Die Vorstellung, dass über alles, was KI macht, noch einmal ein Mensch drüberschaut, ist beruhigend und nachvollziehbar. Ob sich das bei zunehmender Automatisierung in allen Bereichen aufrechterhalten lässt, bezweifle ich. Darüber redet man nicht so gerne, weil man sich dann auch anderen unangenehmen Fragen stellen muss. Klar ist dabei: Wo Entscheidungen Rechtswirkung für Menschen haben, bleibt die menschliche Verantwortung. Das ist rechtlich vorgegeben und aus meiner Sicht auch richtig so. Die Frage ist für mich nicht ob, sondern auf welcher Ebene Kontrolle ansetzt – beim einzelnen Ergebnis oder beim System, das die Ergebnisse erzeugt.

KI, die sich selbst kontrolliert, ist wahrscheinlich durchaus ein Weg, der gegangen wird. Wenn man heute automatisierte KI-Prozesse baut, gibt es bereits mehrere Feedbackschleifen, in denen unterschiedliche KI-Systeme sich gegenseitig kontrollieren und korrigieren. Das erhöht die Komplexität und auch die Kosten, weil ein Prozess mehrfach durchlaufen wird. Gleichzeitig kann es die Qualität erhöhen.

Deshalb können wir auch neue Ansätze dafür entwickeln, wie KI-Automatisierung funktioniert. Wir müssen nicht immer versuchen, einen menschlichen Prozess zu automatisieren. Man kann der KI auch die Aufgabe und das Ziel geben und ihr den Weg dorthin freier lassen, weil sie möglicherweise einen effizienteren Weg findet als den menschlichen.

 

Wo bleiben Aufgaben, bei denen Menschen einfach besser sind?

Ich sehe hier ein großes Thema, das ich immer die KI-Superkraft nenne. Ich darf mit sehr vielen Menschen arbeiten, ihnen KI näherbringen und sie inspirieren. Dabei sehe ich, wozu Menschen in die Lage versetzt werden, wenn sie diese Superkraft annehmen.

Ich sage bewusst überspitzt: Wenn ich als Mensch KI zur Verfügung habe, kann ich wahrscheinlich alles lernen, was ich will. Wenn ich den Willen habe, kann mir KI jedes Thema und jede Sprache beibringen. Sie kann Dinge personalisiert und individualisiert so erklären, wie ich sie am besten verstehe, und sie ist ewig geduldig.

Wenn wir das beispielsweise auf Kinder übertragen, die vielleicht keinen guten Zugang zu Schulbildung haben, könnten sie sich mit KI unglaublich viel selbst beibringen. Dieses Self-Empowerment, das KI für jeden Einzelnen bedeuten kann, ist ein enormer Shift.

Dann stellt sich viel stärker die Frage: Was wollen wir eigentlich? Was ist unser Ziel? Wenn wir irgendwann weniger in Nine-to-Five-Jobs und Arbeitszeit denken und stärker darin, was wir erreichen wollen, müssen wir auch wissen, wo wir überhaupt hinwollen.

Ich sehe darin eine Riesenchance für die Menschheit. Gleichzeitig wird es Spannungen geben, weil vieles von dem, was wir über sehr lange Zeit gewohnt waren, auf den Kopf gestellt wird. Das führt natürlich zu Widerstand. Nicht jeder Mensch ist für so starke Veränderungen gemacht. Themen wie Resilienz und die Bereitschaft zur Veränderung werden deshalb noch wichtiger.

Als Science-Fiction-Fan denke ich dabei gerne an Star Trek. Vielleicht haben wir tatsächlich die Chance, uns ein Stück weit von diesem permanenten finanziellen Druck zu entfernen und stärker darüber nachzudenken, wie wir uns verwirklichen wollen und wie wir möglichst vielen Menschen diese Möglichkeit geben.

Die Chance ist da. Das heißt noch lange nicht, dass wir sie auch nutzen. Aber ich versuche, mich auf diese Chance zu konzentrieren.

 

Wie können wir einen fairen Zugang zu künstlicher Intelligenz schaffen?

Überspitzt formuliert müsste man fast sagen: Jeder müsste kostenlosen Zugang zu KI haben.

Wenn wir das nicht schaffen, kommen wir sehr schnell in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Der eine kann sich ein besseres Modell leisten, vielleicht ein Cloud-Modell für einige hundert Euro im Monat, und der andere muss mit einer günstigen Variante arbeiten. Dann entwickelt sich der eine noch schneller weiter, während der andere noch schneller zurückbleibt.

Der Grundzugang zu KI ist deshalb aus meiner Sicht essenziell.

Wir haben für ähnliche Fragen in der Vergangenheit bereits Lösungen gefunden. Nehmen wir Bücher. Nicht jeder konnte sich alle Bücher leisten. Also haben wir Bibliotheken geschaffen, in denen Menschen für sehr wenig Geld Zugang zu Wissen bekommen.

Warum entwickeln wir Bibliotheken nicht zu Orten weiter, an denen auch KI kostenlos verfügbar ist? Für mich ist KI ein Zugang zu menschlichem Wissen. Das würde sehr gut zusammenpassen. Dafür braucht es allerdings den politischen Willen.

 

Wie wichtig ist es, meinungsbildende Algorithmen zu verstehen?

Dazu gehört auch die Frage, wie bewusst ich selbst bin, um KI sinnvoll nutzen zu können. Wenn ich mich nicht selbst reflektieren und kritisch hinterfragen kann, dann ist es für KI natürlich leicht, mir irgendeine Meinung vorzugeben. KI kann dabei noch manipulativer sein als viele Menschen.

Deshalb ist die Frage so wichtig: Wie lernen wir den richtigen Umgang damit? Das Thema gab es natürlich schon mit Social Media. Es ist nicht völlig neu, aber durch KI wird es noch einmal verstärkt.

 

Welche Fähigkeiten brauchen Menschen im KI-Zeitalter?

Ich glaube, das gilt nicht nur für die Verwaltung. Die Frage betrifft uns alle: Welche Fähigkeiten brauche ich, um gut mit KI zu arbeiten?

Das Wichtigste haben wir gerade angesprochen: Selbstreflexion und kritisches Hinterfragen. Ich darf nicht einfach alles glauben, was KI sagt oder schreibt, nur weil sie sehr überzeugend klingt.

Gleichzeitig muss ich verstehen, dass ich selbst beeinflusse, wie sich die KI verhält. Wenn ich ihr sage: „Gib mir recht und erkläre mir, warum der andere schuld ist“, dann wird sie das sehr gut machen. Deshalb sage ich immer: Fordere die KI ausdrücklich dazu auf, kritisch zu sein. Aber dafür muss man auch selbst bereit sein, sich hinterfragen zu lassen.

Wir kommen in eine Zeit, in der ich mich nicht mehr automatisch auf meine Sinne verlassen kann. Jedes Video kann KI-generiert sein. Jedes Bild kann künstlich erzeugt sein, ohne dass ich es erkenne. Das verändert sehr viel.

Bei jüngeren Menschen habe ich allerdings manchmal das Gefühl, dass sie damit bereits natürlicher umgehen. Wer mit Social Media aufgewachsen ist, glaubt visuellen Inhalten vielleicht ohnehin nicht mehr so selbstverständlich wie Generationen, für die ein Foto lange etwas sehr Verlässliches war.

Trotzdem müssen wir Menschen dafür sensibilisieren.

Und das zweite große Thema ist für mich Neugier. Man muss bereit sein, sich zu verändern und Neues auszuprobieren.

Wenn diese Neugier vorhanden ist, wird KI zu einem unglaublichen Werkzeug. Egal, ob ich Grafikerin werden möchte, Marketing lernen, ein Unternehmen gründen, ein Webbusiness aufbauen oder ein Haus planen will: KI kann mich bei all diesen Dingen unterstützen. Sie löst nicht alles für mich, aber sie erweitert massiv, was ich erreichen kann.

Deshalb ist Neugier für mich eine der wichtigsten Kompetenzen der Zukunft. Ich würde sie am liebsten in jedem Jobinserat der Verwaltung als Grundkompetenz sehen. Denn Neugier führt dazu, dass Menschen Dinge hinterfragen, ausprobieren und Veränderung zulassen.

 

Müssen wir Junior- und Senior-Rollen im KI-Zeitalter neu denken?

Das, was du beschreibst, ist wieder unser nachvollziehbares menschliches Denken. Wir haben Organisationen für Menschen gebaut und versuchen jetzt, KI in diese Strukturen hineinzusetzen. Vielleicht scheitern wir aber schon an unserer Vorstellungskraft.

Wir trauen KI oft nur Dinge zu, die wir selbst können. Dadurch limitieren wir sie auf menschliche Leistung.

Meine provokante These wäre deshalb: Jeder Junior kann heute mit KI bereits Senior sein.

Ich hatte vor Kurzem ein Gespräch mit einem jungen Kollegen, der mich gefragt hat, was er studieren soll. Ich habe ihm gesagt: Studier ruhig. Aber vielleicht nicht nur wegen des Wissens, das du dort auswendig lernst. Studieren kann Neugier fördern, kritisches Denken und die Fähigkeit, sich mit Dingen auseinanderzusetzen.

Die Inhalte selbst kannst du dir heute mit KI viel schneller erschließen.

Mit KI kannst du sehr schnell in Bereiche hineinlernen, in denen du vorher jahrelang Erfahrung gebraucht hättest. Das heißt nicht, dass du mit einem Prompt automatisch Senior bist. Aber wenn du den Willen hast, die richtigen Fragen stellst und KI intensiv nutzt, kannst du Fähigkeiten viel schneller entwickeln.

Vielleicht haben wir das Problem mit den Juniors deshalb gar nicht in genau der Form, wie wir es heute diskutieren.

 

Was können Unternehmen und öffentliche Verwaltung im Umgang mit KI voneinander lernen?

Für mich ist wieder das Gemeinsame der wichtigste Punkt. Wenn jetzt jeder seine kleinen KI-Projekte baut und für sich behält, weil er glaubt, darin liege sein großer Wettbewerbsvorteil, denken wir wieder zu klein.

KI ist aus meiner Sicht ein gemeinsamer Kraftakt auf allen Ebenen: persönlich, in Unternehmen, in der Verwaltung und auch auf europäischer Ebene. Die USA und Asien entwickeln sich in diesem Bereich extrem schnell. Europa beschäftigt sich dagegen noch sehr stark mit sich selbst.

Die öffentliche Verwaltung hat dabei einen Vorteil: Sie musste vieles schon immer teilen, weil ihre Arbeit öffentlich finanziert ist. Auf der operativen Ebene gibt es oft sehr wenig Vorbehalte gegen Zusammenarbeit. Da heißt es eher: Machen wir es gemeinsam, dann sind wir schneller, effizienter und sparen Steuergeld.

Davon könnte die Wirtschaft durchaus etwas mitnehmen. Wir sollten stärker über den gemeinsamen Wirtschaftsstandort nachdenken und weniger darüber, jede einzelne Idee zu schützen.

 

Was würdest du CIOs und anderen Führungskräften besonders mitgeben?

Mein größtes Thema ist: Wenn die Führungskraft KI nicht versteht, wird das Unternehmen mit KI Probleme bekommen.

Und mit verstehen meine ich nicht, dass jemand einmal einen Prompt geschrieben oder einen Agenten gebaut hat. Es geht darum zu verstehen, welche Veränderung KI für Organisationsentwicklung, Geschäftsprozesse und das gesamte Unternehmen bedeutet.

Das kann man nicht einfach an die IT-Abteilung auslagern.

Wenn ich als Führungskraft an meiner eigenen Vorstellungskraft scheitere und mir nicht vorstellen kann, was KI kann, werde ich auch nicht die richtigen strategischen Entscheidungen treffen.

Natürlich ist das nicht leicht. Führungskräfte haben im Alltag sehr viele andere Entscheidungen zu treffen. KI braucht Zeit, wenn man wirklich verstehen möchte, was dahintersteht.

Prompt Engineering kann ich auslagern. Auch das Erstellen eines Agents kann jemand anderes übernehmen. Aber die Vorstellungskraft und die strategischen Entscheidungen kann ich nicht auslagern.

Wenn ich mich damit nicht beschäftige, investiere ich vielleicht in KI-Plattformen und stelle irgendwann fest: Es hat viel Geld gekostet, aber wir sind weder effizienter geworden noch haben wir etwas verändert. Dann entsteht Frust und irgendwann sagt jemand: „KI bringt uns eigentlich nichts.“

Das halte ich für gefährlich.

KI entwickelt sich aus meiner Sicht exponentiell. Wenn ich anfange, damit zu arbeiten, entwickle ich mich iterativ sehr schnell weiter. Wenn ich sage: „In fünf Jahren beschäftige ich mich damit“, fürchte ich, dass ich den Vorsprung anderer nicht mehr einholen werde.

Deshalb ist das Gebot der Stunde eigentlich gestern, spätestens heute: anders denken und die eigene Vorstellungskraft überwinden.

 

Welche Entwicklung im Bereich KI und Robotik haben viele noch nicht am Radar?

Für mich ist das ganz klar die Robotik.

Als kleiner Bub und Science-Fiction-Fan habe ich mir gedacht, wie großartig es wäre, irgendwann einen Roboter zu Hause zu haben. Ich hätte nie geglaubt, das noch zu erleben. Heute muss ich sagen: Das werde ich wahrscheinlich tatsächlich erleben.

Die Entwicklungen der letzten Jahre sind atemberaubend. In China kann man heute bereits humanoide Roboter kaufen. Wenn diese Systeme irgendwann in Massenproduktion gehen und die Preise deutlich sinken, kommen wir in eine Zeit, in der Roboter im Alltag und im Haushalt tatsächlich eine größere Rolle spielen werden.

Deshalb wäre ich auch vorsichtig mit dem Gedanken: „KI kann meinen Job nicht übernehmen.“ Vielleicht übernimmt irgendwann ein Roboter Teile davon. KI und Robotik entwickeln sich gemeinsam.

Und auch hier scheitern wir oft an unserer Vorstellungskraft. Wir denken beispielsweise: In einem alten Wiener Gebäude könnte ein Roboter niemals einen Installateur ersetzen, weil nichts standardisiert ist und niemand genau weiß, wo Leitungen verlaufen.

Aber vielleicht hat der Roboter irgendwann einen Röntgenblick und sieht durch die Wand besser als ein Mensch, wo eine Leitung liegt.

Dann wäre plötzlich genau die fehlende Standardisierung gar nicht mehr das Problem, das wir heute darin sehen.

Das zeigt für mich sehr schön: Wir müssen vorsichtig sein, wenn wir sagen, etwas werde technisch niemals möglich sein.

 

Welche drei Science-Fiction-Werke würdest du empfehlen?

Ich bin natürlich stark durch Star Trek geprägt worden. Raumschiff Enterprise mit Captain Kirk war wahrscheinlich die Serie, die mich als Kind am stärksten beeinflusst hat.

Das Zweite ist Star Wars. Als diese Filme damals erschienen sind, war vieles darin schlicht unvorstellbar. Vielleicht war genau das ein Teil der Faszination.

Und als Drittes würde ich Asimovs Foundation nennen. Manchmal hat man das Gefühl, dass dort schon die Grundlage für sehr vieles gelegt wurde, was später in Science-Fiction geschrieben wurde. Das fasziniert mich bis heute.

 

Über Sindre Wimberger: Innovationsmanager bei der Stadt Wien, Mitentwickler des WienBot und seit fast 20 Jahren in der digitalen Produktentwicklung. Als The Promptfather ist er Keynote Speaker und Autor, begleitet Unternehmen und Verwaltungen bei der Einführung von KI und schreibt den Newsletter „Unlimitierte Intelligenz“. Diese Tätigkeit übt er unabhängig von seiner Rolle bei der Stadt Wien aus, die im Interview geäußerten Ansichten sind seine persönlichen.

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