KI fühlt nicht: Warum menschliche Selbstkompetenz unersetzbar bleibt

by Cansu Karacan

Claudia Di Chio: KI fühlt nicht – warum menschliche Selbstkompetenz unersetzbar bleibt

Die technologische Transformation schreitet rasant voran, doch das menschliche Erleben lässt sich nicht durch Algorithmen simulieren. Im exklusiven Confare Interview teilt die Echo-Resilienztrainerin und Herzschätzerin® für eine gesunde Arbeitskultur Claudia Di Chio ihre Perspektive auf das Zusammenspiel von Technologie und menschlichen Fähigkeiten.

Warum wird Selbstkompetenz in Zeiten von KI und permanenter Veränderung immer wichtiger?

Die Künstliche Intelligenz zeigt uns sehr deutlich, welche menschlichen Fähigkeiten sie nicht vollständig ersetzen kann und besonders wertvoll bleiben. Dazu zählt auch die Selbstkompetenz. Sie hat in Zeiten von KI nicht an Bedeutung gewonnen oder verloren, da sie schon immer eine wichtige Fähigkeit ist, um im Leben eine gute Beziehung zu sich und zu anderen Menschen zu haben. Durch die KI wird vielen Menschen aber sicher bewusster, welchen Wert sie hat.

Kurz gesagt umfasst die Selbstkompetenz die regelmäßige Reflexion der eigenen Bedürfnisse, Gefühle, Wünsche und des Handelns.

Mein Eindruck ist, dass heute offener darüber gesprochen wird und daher der Rückschluss gezogen werden kann, dass sie ein immer wichtiger werdendes Thema ist.

In Zeiten von KI merken wir Menschen immer mehr, dass Selbstkompetenz eine besondere menschliche Fähigkeit ist. Eine KI kann uns Tipps geben und uns unterstützen, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten können. Sie kann Informationen verarbeiten und Wissen mit uns teilen. Sie kann aber nicht fühlen oder spüren, was in einem Menschen vorgeht.

Selbst wenn ein Mensch der KI mitteilt, wie es ihm geht, muss er das benennen können. Das heißt, auch wenn die KI dahingehend unterstützen kann, braucht der Mensch weiterhin seine Selbstkompetenz, weil er wahrnehmen können muss, was in ihm vorgeht  und wie er das ausdrückt.

Sich wahrzunehmen, sich im Innersten zu reflektieren, Emotionen und Gefühle wahrzunehmen, sie zu benennen und zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, kann eine KI nicht für Menschen übernehmen.

Eine KI hat kein Bewusstsein, keine Emotionen, keine Lebensgeschichte und keine erlebten zwischenmenschlichen Erfahrungen. Sie kann zwar so trainiert werden, dass sie empathisch reagiert und als empathisch wahrgenommen wird, erlebt aber keine Emotionen und keine Höhen und Tiefen, die ein Mensch in seinem Leben durchlebt.

Da eine KI nicht fühlen kann, bleiben das Fühlen, das Erleben und das Reflektieren etwas, das uns Menschen ausmacht.

In Zeiten von KI und permanenter Veränderung wird vielen Menschen immer bewusster, welche Bedeutung die Fähigkeit hat, eigenverantwortlich und selbstständig zu handeln. Diese menschliche Fähigkeit sollten wir uns wie einen Schatz bewahren, weil sie ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Was die Geschwindigkeit technologischer Fortschritte betrifft, ist sie heute so hoch, dass Menschen das Gefühl bekommen können, nicht mehr mithalten zu können. Um mit den vielen, schnellen Veränderungen im privaten und beruflichen Leben umgehen zu können, ist es sehr wesentlich, sich seiner selbst bewusst zu sein und seine Bedürfnisse und Werte zu kennen. Auch das ist Selbstkompetenz.

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Welche Missverständnisse gibt es rund um Resilienz und Selbstwirksamkeit?

Das größte Missverständnis in Bezug auf Resilienz ist wohl, dass sie mit Unerschütterlichkeit, Durchhalten und Hart-im-Nehmen-sein verstanden wird.

Resilienz bedeutet, widerstandsfähig zu sein und auf Konzepte, Strategien und Ressourcen zurückgreifen zu können, um mit Krisen und belastenden Lebensereignissen besser umgehen zu können und sich nach schwierigen Zeiten wieder stabilisieren zu können.

Das größte Missverständnis in Bezug auf die Selbstwirksamkeit ist meiner Erfahrung nach, dass sie mit Selbstvertrauen verwechselt wird. Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, dass man durch das eigene Handeln in einer konkreten Situation etwas bewirken und verändern kann. Sie entwickelt sich im Laufe der Zeit und durch die wiederholte Erfahrung, dass das Handeln zu gewünschten Veränderungen führt. Das wiederum wirkt sich auch positiv auf das Selbstvertrauen aus.

Warum erkennen viele Menschen ihre eigenen Grenzen erst sehr spät?

Das Erkennen von Grenzen setzt eine Selbstwahrnehmung voraus, die nicht selbstverständlich ist. Menschen wollen in der Regel den Erwartungen anderer und auch ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden. Zudem sind wir gesellschaftlich und auch im Job einem Leistungsdruck ausgesetzt. Sich abzugrenzen und Nein zu sagen, erfordert manchmal auch eine gewisse Portion Mut und Übung. In Gesprächen wurde mir bereits geschildert, dass Menschen als egoistisch bezeichnet wurden, wenn sie ihre Grenzen aufgezeigt haben.

Das trifft allerdings nicht zu, wenn man für sich gesunde Grenzen setzt. Sie sind wichtig, um mental und körperlich gesund zu bleiben. Sich zu verausgaben und non stop der Gebende oder die Gebende zu sein, kann eine schwere Last im Leben eines Menschen sein.

Hier sollte man sich mit der Angst vor Ablehnung, dem Wunsch, immer gebraucht zu werden, oder dem Gefühl, nicht Nein sagen zu dürfen, näher auseinandersetzen. Menschen, die gerne für andere da sind oder das Gefühl haben, immer gebraucht werden zu müssen, bemerken erst relativ spät, dass sie ihre Grenzen überschritten haben. Hier sind wir wieder beim Thema Selbstkompetenz. Denn es bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu kennen, sie zu benennen und verantwortlich mit sich selbst umzugehen. Wenn das einem Menschen gelingt, kann er auf gesunde Art und Weise für andere Menschen da sein und verantwortungsvoll mit sich umgehen. Das trägt auch positiv zur psychischen Gesundheit bei.

Welche Rolle spielt Selbstkompetenz für Führungskräfte und Teams im digitalen Arbeitsalltag?

Sie spielt eine ganz wesentliche Rolle. Wie es der Name schon sagt, führen Führungskräfte Menschen. Um andere Menschen gut führen zu können, sollte eine Führungskraft eine hohe Selbstkompetenz haben. Eine Führungskraft, die dauernd zweifelt, innere Unstimmigkeiten hat, sich selbst nicht kennt und sich nicht versteht, wird es schwer haben, andere Menschen zu verstehen. Zusätzlich kann eine Führungskraft ohne Selbstkompetenz und Menschenkenntnis eine Entscheidungsschwäche haben, weil sie beispielsweise Konflikte vermeidet, unangenehmen Situationen aus dem Weg geht oder impulsiv reagiert. Ich sage hier bewusst „kann“.

Mitarbeitende erwarten von ihren Führungskräften soziale Kompetenz. Sie wünschen sich menschliche und fürsorgliche Führungskräfte. Im digitalen Arbeitsleben ist das für Führungskräfte nicht einfacher, wenn die meisten Gespräche digital stattfinden. Da wir im digitalen Zeitalter leben, müssen sich sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeitende den aktuellen Gegebenheiten anpassen.

Die digitale Kommunikation und die digitale Zusammenarbeit stellen andere Anforderungen an den zwischenmenschlichen Umgang als der persönliche Austausch. Die Emotionen, die Reaktionen und auch die Konflikte sind über digitale Kommunikationswege wesentlich schwerer wahrzunehmen.

Hier spielt die Selbstkompetenz wieder eine wichtige Rolle. Menschen mit Selbstkompetenz setzen sich bewusster mit ihren Emotionen auseinander. Dadurch fällt es ihnen in der Regel auch leichter, die Emotionen und Reaktionen anderer Menschen besser wahrzunehmen und zu verstehen. Sie setzen sich mit sich auseinander. Menschen, die sich selbst besser verstehen, verstehen in der Regel auch andere Menschen besser.

Sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeitende sind in der Selbstkompetenz gefragt. Sich reflektieren zu können und bewusst mit den Gedanken und Emotionen umzugehen, hat einen Einfluss darauf, wie wir mit uns selbst und mit anderen umgehen, wie wir mit uns und anderen kommunizieren, wie wir handeln und das ein oder andere Mal auch etwas nachsichtiger sind, wenn es die Situation erfordert. Unser digitaler Arbeitsalltag braucht Menschen mit Selbstkompetenz.

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Was hilft dabei, auch unter Druck eine klare Haltung zu behalten?

Jeder Mensch hat seine Grenzen und auch ein emotionales Ventil. Wenn man seine Belastungsgrenzen und Reaktionen auf bestimmte Situationen kennt, die Druck auslösen, kann man besser und situationsangemessener darauf reagieren. Hier kommt die Resilienz wieder ins Spiel. Resilienz bedeutet auch, mit schwierigen und herausfordernden Situationen angemessen umgehen zu können und nicht zu explodieren oder laut und schroff zu werden. Das zeigt in der Außenwirkung auch eine gewisse innere Stärke und Souveränität.

Jeder Mensch oder, um es nicht zu absolut zu formulieren, die meisten Menschen haben Ressourcen, die sie aktivieren können. Um diese Ressourcen erkennen und nutzen zu können, sind Selbstreflexion und eine bewusste Auseinandersetzung mit sich elementar. Wichtig finde ich an der Stelle noch zu erwähnen, dass es nicht die eine Methode gibt, die für jeden Menschen gleichermaßen funktioniert. Hilfreich ist aber, sich zu überlegen, was einem in schwierigen Situationen in der Vergangenheit schon geholfen hat. Auf diese Erfahrungen kann man dann gut wieder zurückgreifen.

Wie kann man Selbstkompetenz entwickeln, ohne in Selbstoptimierung zu verfallen?

Diese Frage finde ich besonders gut, weil Selbstkompetenz nicht selten mit Selbstoptimierung verwechselt wird oder in Zusammenhang damit gebracht wird. Hier möchte ich auch gerne die Selbstentwicklung ins Spiel bringen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Selbstoptimierung und Selbstentwicklung.

Bei der Selbstoptimierung läuft man Gefahr, sich endlos verbessern zu müssen und das Gefühl zu haben, nie gut genug zu sein. Noch produktiver werden zu müssen, noch mehr leisten zu müssen und beruflich immer mehr und noch mehr erreichen zu müssen. Man kommt aus dem Effizienzdenken nicht mehr raus, vergleicht und bewertet schneller, ist nie wirklich zufrieden und kommt nicht zur Ruhe.

Etwas anderes ist die Selbstentwicklung. Hier kann eine allmähliche und natürliche Entwicklung stattfinden. Dazu gehört auch, sich im Laufe der Zeit und aufgrund seiner Erfahrungen besser kennenzulernen und bewusster mit sich umzugehen. Das ist etwas anderes, als sich ständig optimieren zu müssen. Es ist also gut, zwischen persönlicher Entwicklung und endlosem Optimierungsdruck zu unterscheiden.

Welche Bedeutung haben Vertrauen und Fehlerkultur für persönliche Entwicklung?

Vertrauen und eine gute Fehlerkultur sind eine wesentliche Voraussetzung für die persönliche Entwicklung. Das ist schon bei Kindern gut zu beobachten und das zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben eines Menschen. Wenn Menschen für Fehler verurteilt und bestraft werden, ist das für die Entwicklung und für das Gefühl psychologischer Sicherheit nicht hilfreich. Das erschwert den Aufbau von Vertrauen, was sich nachteilig auf das Leben auswirken kann. Denn Vertrauen ist das Fundament, auf dem so vieles im Leben aufbaut.

Menschen sind nicht fehlerfrei. Weder in ihrem Verhalten noch in ihrem Charakter. Das liegt schon allein daran, dass ein Mensch nicht einmal einen Fehler machen muss und ein anderer das Verhalten oder eine Charaktereigenschaft als Fehler ansieht.

Natürlich gibt es auch Fehler, die sachlich betrachtet Fehler sind. Eine gut gelebte Fehlerkultur ist zwingend notwendig, damit Menschen keine Angst haben, gemachte Fehler anzusprechen oder Fehler zu machen. Eine nicht gelebte Fehlerkultur ist die Tragödie jeder Kreativität und jeder Eigenständigkeit.

Fehler sind auch dazu da, herauszufinden, was man in Zukunft anders machen sollte. Aus Fehlern lernt man. Das ist ein uralter Satz, der bis heute Bestand hat.

Was beobachtest du bei jungen Menschen im Umgang mit Druck und Unsicherheit?

Ich beobachte bei jungen Menschen, dass sie durch Social Media und die vielen äußeren Einflüsse, die auf sie einprasseln, einen sehr hohen Druck haben. Junge Menschen werden heute schon sehr früh den digitalen Einflüssen ausgesetzt. Aus meiner Sicht zu früh. Das meine ich nicht verurteilend, weil dahinter ein gesellschaftlicher Druck steht. Es ist schwer durchzusetzen, dass ein Kind mit sieben oder acht Jahren kein Handy bekommt, wenn in der Schule alle anderen Kinder schon eins haben. Dafür müsste sich gesellschaftlich etwas Grundlegendes verändern, damit Eltern nicht unter Druck geraten und Kinder nicht ausgegrenzt oder ausgeschlossen werden.

Junge Menschen haben heute die Möglichkeit, sehr schnell und auf Knopfdruck an Informationen zu gelangen. Sie leben im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, die von jungen Menschen beim Lernen, Recherchieren und Verstehen von Inhalten genutzt wird. Dadurch eröffnen sich auch ganz neue Möglichkeiten. Durch die Digitalisierung und die sozialen Medien ist der Druck auf junge Menschen meiner Wahrnehmung nach jedoch sehr hoch. Das ist die andere Seite der Medaille.

Es ist fast unmöglich, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Wobei das Vergleichen nicht das Problem ist. Es ist die Bewertung, die beim Vergleichen stattfindet. Sich abzugrenzen und zu erkennen, dass andere auch nur mit Wasser kochen, ist generell schon nicht einfach. Für junge Menschen ist das meiner Erfahrung nach erst recht nicht einfach. Durch die sozialen Medien und Messenger findet auch weniger persönlicher Austausch statt, was zur Isolierung und Vereinsamung führen kann. Ich sage auch hier wieder bewusst „führen kann“. Wenn die eigene Identität noch nicht gefestigt ist und noch wenig Lebenserfahrung vorhanden ist, können die Herausforderungen für junge Menschen besonders groß sein.

Was ich noch beobachte, ist, dass junge Menschen sehr gut informiert sind und viel Wissen haben. Ich habe den Eindruck, dass das manchmal unterschätzt wird. Natürlich ist das keine Aussage, die pauschal gilt. Das ist meine persönliche Beobachtung, wenn ich mit ihnen spreche.

Ich habe großen Respekt vor jungen Menschen. Das wünsche ich mir auch gesellschaftlich. Sie sollten ernst genommen und nicht als faul abgestempelt werden. Ich sehe uns Erwachsene in der Pflicht und in der Verantwortung, jungen Menschen ein gutes Vorbild zu sein und sie, wo immer es geht, zu unterstützen, zu fordern und zu fördern.

Welche Gewohnheiten helfen dabei, langfristig resilient und leistungsfähig zu bleiben?

Gewohnheiten und Routinen sind wiederkehrende Verhaltensweisen und Abläufe im Leben eines Menschen, die Stabilität geben können. Vorausgesetzt, es sind Gewohnheiten, die einem Menschen guttun und zur Resilienz beitragen.

Was für mich eine hilfreiche Gewohnheit ist, kann für einen anderen Menschen allerdings keine hilfreiche Gewohnheit sein. Jeder Mensch ist anders. Daher ist es wichtig, dass jeder sein individuelles Resilienztraining hat. Damit meine ich, herauszufinden, woraus man seine Kraft schöpft. Zum Beispiel beim Sport, bei der Familie, bei Freunden, im Verein und so weiter.

Es ist auch sehr hilfreich herauszufinden, was einem in der Vergangenheit schon geholfen hat. Das heißt, auf frühere Bewältigungsstrategien und Bewältigungserfahrungen zurückzugreifen.

Was tut einem Menschen in welcher Situation gut? Sich immer wieder bewusst mit sich auseinanderzusetzen und regelmäßig zu reflektieren, ist ein wichtiger Bestandteil für die Resilienz. Dazu gehört auch, sich um eine soziale Verbundenheit zu kümmern, Grenzen zu setzen und Nein zu sagen, wenn man Nein meint. Sich an der frischen Luft zu bewegen, sich generell zu bewegen, Pausen zu machen und auf eine gesunde Schlafhygiene zu achten, ist genauso wichtig. Es gibt viele Möglichkeiten, sich in Resilienz zu üben, sich gute Gewohnheiten anzueignen und mit schlechten Gewohnheiten zu brechen. Das erfordert aber auch viel Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung.

Selbstbeherrschung wird meiner Erfahrung nach manchmal als etwas Unsympathisches gesehen. Sie ist aber ein Bestandteil, um Dinge langfristig verändern und erreichen zu können und auch leistungsfähig zu bleiben. Leistungsfähigkeit darf allerdings nicht mit Funktionieren verwechselt werden. Der Mensch braucht Aktivität und Regeneration. Daher ist es essenziell, seine Grenzen ernst zu nehmen, sich selbst wahrzunehmen, sich gut zu kennen und sich selbst ein guter Freund zu sein.

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