
Die technologische Entwicklung skaliert heute schneller als jede politische Regulierung und fordert ein radikales Umdenken in der Unternehmensführung.
Katja Nettesheim, CEO von Culcha und _MEDIATE, analysiert im Interview die aktuelle wirtschaftliche Lage und das enorme strategische Defizit im Umgang mit künstlicher Intelligenz. Sie zeigt auf, wie IT-Verantwortliche das Feld der unternehmensweiten Transformation besetzen und bestehende Roadmaps kritisch hinterfragen.
Welche Rolle spielen IT und Digitalisierung heute dabei, gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen?
Die größte – und ich meine das sehr bewusst.
Wir erleben seit Jahren, dass Politik und klassische Steuerungsmechanismen an Grenzen stoßen. Klimaziele werden formuliert, Produktivitätsprogramme aufgelegt, Fachkräftemangel beklagt. Doch die Umsetzung bleibt zäh. Technologie hingegen ist erst im Kleinen wirksam, aber sie skaliert. Sie wirkt nicht über Appelle, sondern über Systeme.
Digitale Lösungen – und zunehmend KI – können Zielerreichung so einfach machen, dass keine Regulierung nötig ist. Wenn Energieverbräuche intelligent optimiert werden, wenn Prozesse automatisiert ablaufen, wenn Daten in Echtzeit Transparenz schaffen, dann entsteht in den oben genannten Fällen das erwünschte Verhalten ohne regulatorischen Druck.
Gleichzeitig dürfen wir uns nichts vormachen: IT und Digitalisierung schaffen selbst eine hehre Menge neue Herausforderungen – Abhängigkeiten, Cyberrisiken, neue Machtkonzentrationen, Qualifikationslücken. Genau deshalb plädiere ich seit Jahren für systematischen Kompetenzaufbau. Technologie kann ein Hebel für eine bessere Welt sein. Aber nur dann, wenn man sie bedienen und kritisch hinterfragen kann.
Wie nimmst Du die aktuelle wirtschaftliche Lage wahr, und welche Auswirkungen hat sie konkret auf Investitionen, Prioritäten und Erwartungshaltungen in der Unternehmens-IT?
So schwierig war es in meiner knapp 20-jährigen Unternehmerinnenlaufbahn noch nicht. Wir sehen eine paradoxe Gemengelage: Investitionsbereitschaft sinkt, Erwartungshaltungen steigen, Prioritäten verändern sich im Monatsrhythmus, Manager sind teils sogar so überbeansprucht von den letzten sechs Jahren, dass ihnen die mentale Energie für Prioritäten fehlt. Für IT-Organisationen ist das eine extrem anspruchsvolle Situation. Sie sollen Stabilität garantieren, Kosten senken, Innovation liefern, Cybersecurity absichern – und gleichzeitig KI integrieren.
Das Ergebnis ist häufig ein Dauer-Ausnahmezustand. Die IT arbeitet am Limit, um den Status quo zu sichern. Für strategische Zukunftsthemen bleibt kaum Bandbreite. Gerade das halte ich für gefährlich, denn genau jetzt müssten wir strukturell investieren, um morgen wettbewerbsfähig zu sein.
Was bedeutet das für Eure eigenen Unternehmen? Wo setzt Ihr 2026 bewusst Schwerpunkte?
Für uns bedeutet es zunächst ganz pragmatisch: Projekte verzögern sich, Budgets werden zurückhaltender freigegeben, Entscheidungsprozesse dauern länger. Und wir müssen unsere Unternehmen dem anpassen.
Bei Culcha, unserer App für Verhaltensveränderung in Transformationen (B2B Software), zwingt uns die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung zu sehr kurzen Strategiezyklen. Wir prüfen inzwischen alle drei Monate, welchen konkreten Wertbeitrag wir mit unserem Angebot leisten können, welche neuen Inhalte und welche KI-Funktionalitäten hinzukommen müssen. Zwölfmonatige Planungshorizonte sind in diesem Umfeld kaum noch sinnvoll.
Bei _MEDIATE redesignen wir Organisationen für das KI-Zeitalter. Hier begleiten wir z.B. CEOs dabei, tragfähige KI-Strategien zu entwickeln. Denn KI ist keine reine IT-Optimierung, sondern mehr. Sie ist ein strategischer Wettbewerbsfaktor. Gleichzeitig sehen wir aber aus unseren Untersuchungen, dass es ein enormes strategisches Defizit gibt. Daher empowern wir die CIOs, das Feld der unternehmensweiten KI-Transformation selbstbewusst zu besetzen. Denn keine Transformation war bisher so technologielastig wie diese. Die CIOs sind also prädestiniert dafür, eventuelle strategische Defizite, weil die Chancen der KI-Transformation im General Management noch nicht so sichtbar sind, auszugleichen.
Die geopolitische Unsicherheit der letzten Jahre hat viele Abhängigkeiten sichtbar gemacht. Was braucht es aus Deiner Sicht, damit Europa daraus einen nachhaltigen Innovations- und Digitalisierungsschub entwickelt?
Ehrlicherweise: sehr viel. Wir brauchen signifikant mehr Kapital für Technologie, deutlich mehr Tech- und Go-to-Market-Talent und vor allem ein beherztes, schnelles Handeln – auch in der Politik. Europa darf sich nicht darauf beschränken, Regulierungsvorreiter zu sein. Wir müssen vielleicht nicht gleich Innovationsmotor, aber doch Transformationsmeister sein.
Letztendlich brauchen wir ein neues Wirtschaftswunder – und zwar ohne den gleichen Leidensdruck wie nach dem zweiten Weltkrieg.
Dazu gehört, die geistige Flexibilität, andere Wege zuzulassen. Darüber hinaus, das Ego zur Seite zu legen und Prozesse konsequent, auch im Großen (jenseits von Piloten), mal ganz neu zu denken. In diesem Zuge aus eingefahrenen Bahnen auszubrechen, vorbehaltlos Risiko zu akzeptieren und Geschwindigkeit an den Tag zu legen. Der Handlungsdruck ist hoch – eigentlich hätten wir gestern anfangen müssen.
Um diese neuen Wege konsequent zu gehen und die Theorie in messbare Ergebnisse zu verwandeln, braucht es den Austausch mit Gleichgesinnten. Diskutieren Sie beim Confare CIOSUMMIT Wien über skalierbare Strategien, systematisches Empowerment und die Verantwortung moderner IT-Führung. Jetzt Platz sichern.
Gibt es technologische Entwicklungen, von denen Du glaubst, dass sie 2026 den Markt tatsächlich prägen werden?
Ich sehe vor allem drei Entwicklungen:
KI wird selbstverständlicher Teil unser aller Arbeit:
Erstens wird generative KI selbstverständlicher Bestandteil von Wissensarbeit sein. Ferner werden KI-Copiloten in nahezu jeder Standardsoftware integriert sein – wer das nicht hat, ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Und drittens werden KI-Agenten zunehmend komplette Prozessketten automatisieren – nicht nur einzelne Schritte.
Bisherige Begrenzungen fallen weg:
Sich selbst erschaffende Software wird die bisherigen Limitationen des Codings hinwegfegen. Damit sind alle Gesetzmäßigkeiten dahin und jeder Sachverhalt, der bislang abgewiegelt wurde mit den Worten: „Ach Quatsch, das macht ja kein Mensch“ wird möglich.
Qualitativ neue Gefahrenlage in der Cybersicherheit:
Dementsprechend werden wir Angriffe sehen, die wir uns auch in der dunkelsten Stunde bisher nicht hätten ausmalen können. Die besten Modelle und ausgefuchstesten Use Cases müssen daher zuerst in der Cyberabwehr eine zentrale Rolle spielen.
Zwischen Legacy-Systemen und moderner KI-Welt, Stabilität und Transformation, Innovationsdruck und Cybersecurity: Welche Orientierung gibst Du CIOs, um in diesem Spannungsfeld Prioritäten setzen zu können?
Ich sehe drei klare Aufgaben.
Erstens: Stabilität sichern. Ohne verlässliche Systeme und robuste Cybersecurity gibt es offene Flanken und keine Transformationsbasis.
Zweitens: Konsequent modernisieren – und dabei den Sprung in die KI-Ära gleich mitdenken. Das bedeutet, bestehende Roadmaps zu hinterfragen: Langt das neueste vom Vendor angebotene Release, oder braucht es gleich mehr? Oder verzichten wir umgekehrt auf das neueste Release, weil die für uns richtige Konfiguration eher aus dem bisherigen Stand + selbst gebaute und angeschlossene Funktionalitäten besteht? Modernisieren allein entlang der bekannten Vektoren langt nicht mehr. In den nun unbegrenzten Möglichkeiten muss auf Basis der eigenen Bedürfnisse komplett neu gedacht werden.
Drittens: sich aktiv in die Unternehmensstrategie einbringen. IT-Entscheidungen sind heute strategische Entscheidungen. Unternehmenstransformationen sind vor allem technologiegetrieben. CIOs sollten nicht nur umsetzen, sondern strategische Optionen durch die Entwicklungsvektoren der Technologie mitgestalten.
Welche Rolle spielt Ihr dabei mit Euren Produkten und Dienstleistungen im CIO-Ökosystem?
Unsere Rolle ist zweigeteilt.
Mit _MEDIATE unterstützen wir bei dem Redesign der Organisation für die KI-Ära: Von der Entwicklung tragfähiger KI-Strategien und einem Operating Model für den Einsatz von KI im ganzen Unternehmen über Prozessverbesserungen bis hin zu einem kompletten Neudenken des Geschäftsmodells unter den neuen, KI-geprägten Marktbedingungen.
Mit Culcha sorgen wir dafür, dass die erarbeitete KI-Strategie nicht in Folien stecken bleibt, sondern in Verhalten übersetzt wird. Einerseits in das Verhalten der Führungskräfte, dass sie die KI-Nutzung in ihren Teams fördern und auch für ihre Führungsarbeit selbst verwenden. Andererseits in das erwünschte Verhalten der Mitarbeitenden, das Maximum aus der KI für ihre viel spezielleren Use Cases selbst herauszuholen. Denn Transformation scheitert selten an Technologie – sie scheitert an fehlender Umsetzung in der Breite.
Was bedeutet das Motto der Confare CIOSUMMITs 2026 – Digitale Schöpfung: Create. Inspire. Own. – für Dich persönlich?
Für mich bedeutet es, nie aufzuhören zu gestalten – und darauf stolz zu sein.
Create heißt, immer weiter Unternehmen, Lösungen und Systeme aktiv zu bauen. Bestehendes immer wieder umzubauen, um es zukunftsfähig zu halten – auch wenn es das zehnte Mal ist und man dessen müde geworden ist.
Inspire heißt, durch dieses Gestalten andere zu ermutigen. Denn man redlich und konsequent immer wieder neu gestaltet, entsteht Wirkung – und diese Wirkung inspiriert.
Own heißt schließlich, Verantwortung zu übernehmen – für die Zukunftsfähigkeit der Organisation, die einem anvertraut ist. Und sich klar darüber zu sein, dass man auch für Nichtstun eine Verantwortung trägt.

