Klinik-IT gegen den Fachkräftemangel: Wie digitale Prozesse die Versorgung sichern

by Cansu Karacan

Confare ImpactAward Nominee Robert Mahnke (Universitätsklinikum Ulm): Klinik-IT gegen den Fachkräftemangel – Wie digitale Prozesse die Versorgung sichern

Ein exklusiver Blick hinter die Kulissen der IT-Entscheider:innen: Robert Mahnke, CIO beim Universitätsklinikum Ulm, im Confare Interview. Als Nominee für den Confare ImpactAward zeigt er, wie Prozessautomatisierung und KI die Fachkräfte im Gesundheitswesen entlasten können. Welche Voraussetzungen müssen bei Datenqualität und IT-Architektur geschaffen werden, damit digitale Abläufe die Teams in Pflege und Medizin im Alltag unterstützen?

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Michael Ghezzo:
Du bist CIO des Universitätsklinikums Ulm. Kannst du uns das Klinikum und deine Rolle kurz vorstellen?

Robert Mahnke:
Sehr gerne.

Das Universitätsklinikum Ulm ist mit 30 Kliniken, mehr als 16 Instituten, rund 1.500 Planbetten und 300 Reha-Betten der größte Maximalversorger in unserer Region. Wir behandeln jährlich rund 60.000 stationäre und mehr als 270.000 ambulante Patientinnen und Patienten. Durch die Nähe zur bayerischen Landesgrenze reicht unser Einzugsgebiet weit über Baden-Württemberg hinaus.

Als CIO verantworte ich alle operativen und strategischen Themen rund um IT, Kommunikationstechnik und Infrastruktur. Das umfasst ein sehr breites Spektrum – von den klassischen IT-Services bis zur strategischen Weiterentwicklung unserer digitalen Landschaft.

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Michael Ghezzo:
Das Gesundheitswesen steht derzeit vor mehreren großen Herausforderungen. Der Fachkräftemangel verschärft sich, gleichzeitig steigt der Bedarf an medizinischer Versorgung.
Welche Rolle spielen Digitalisierung und IT, um diese Entwicklung zu bewältigen?

Robert Mahnke:
Das ist aus meiner Sicht eine der zentralen Fragen der kommenden Jahre.

Über den Fachkräftemangel wird seit Jahrzehnten gesprochen. Als junge Führungskraft hatte ich den Eindruck, dass dieses Problem noch weit entfernt ist. Es gab viele Bewerbungen und der Wettbewerb um Fachkräfte war deutlich geringer.

Heute erleben wir eine völlig andere Situation. Das betrifft nicht nur die IT, sondern genauso die Pflege, die Ärzteschaft und viele weitere Berufsgruppen im Gesundheitswesen.

Wenn wir uns anschauen, wie viele Menschen in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen und wie viele nachkommen, wird schnell klar: Wir werden diese Lücke nicht allein durch neue Mitarbeitende schließen können.

Deshalb müssen wir unsere Prozesse deutlich effizienter gestalten. Automatisierung und Digitalisierung sind dabei keine Option mehr, sondern eine Voraussetzung, um die medizinische Versorgung langfristig auf dem heutigen Niveau zu sichern.

Unser Ziel ist es, Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte von administrativen Tätigkeiten zu entlasten, damit sie mehr Zeit für ihre eigentliche Aufgabe haben – die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Genau darin sehen wir eine der wichtigsten Aufgaben der IT.

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Michael Ghezzo:
AI, Automatisierung und digitale Assistenzsysteme versprechen genau diese Entlastung. Wo siehst du heute bereits konkrete Fortschritte?

Robert Mahnke:
In einzelnen Bereichen haben wir bereits sehr gute Beispiele. Vor allem in der bildgebenden Diagnostik unterstützt AI heute schon zuverlässig. Dort gibt es etablierte und zertifizierte Lösungen, die im klinischen Alltag eingesetzt werden.

Die größere Herausforderung liegt allerdings im gesamten Behandlungsprozess. Hier haben wir in Deutschland über viele Jahre erlebt, dass Digitalisierung zwar neue Möglichkeiten geschaffen hat, gleichzeitig aber immer neue regulatorische Anforderungen hinzugekommen sind. Dadurch wurde ein Teil des erzielten Nutzens wieder aufgezehrt. Das hat vielerorts zu einer gewissen Ernüchterung geführt.

Wenn Mitarbeitende erleben, dass neue Systeme zusätzliche Dokumentationspflichten mit sich bringen, statt den Arbeitsalltag zu erleichtern, entsteht verständlicherweise Skepsis. Diese Ausgangssituation macht digitale Transformation nicht einfacher – weder für die Anwenderinnen und Anwender noch für die IT-Teams, die solche Lösungen einführen.

Michael Ghezzo:
Trotzdem hast du den Eindruck, dass wir heute an einem anderen Punkt stehen.

Robert Mahnke:

Ja. Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz wurden in Deutschland erhebliche Investitionen in die Digitalisierung ermöglicht. Viele Krankenhäuser haben in den vergangenen Jahren Portale, digitale Kurven, Interoperabilitätsplattformen und zahlreiche weitere Systeme eingeführt.

Jetzt beginnt aus meiner Sicht die eigentliche Arbeit. Die Technik ist vorhanden. Nun müssen wir sie so in unsere End-to-End-Prozesse integrieren, dass daraus ein spürbarer Nutzen für den klinischen Alltag entsteht.

Genau an diesem Punkt stehen wir heute. Es geht nicht mehr darum, weitere Systeme einzuführen. Es geht darum, die vorhandenen Lösungen so zusammenzuführen, dass sie Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte und letztlich auch die Patientinnen und Patienten wirklich unterstützen.

Michael Ghezzo:
Bevor neue Technologien wie AI ihr Potenzial entfalten können, braucht es bestimmte Voraussetzungen. Du sprichst in diesem Zusammenhang häufig über Datenqualität, Interoperabilität und IT-Architektur. Warum sind diese Grundlagen so entscheidend?

Robert Mahnke:
Technologie ist am Ende austauschbar. Wenn mir eine Anwendung nicht mehr gefällt, kann ich sie durch eine andere ersetzen. Der eigentliche Erfolgsfaktor liegt deshalb nicht in einem einzelnen Tool, sondern in den Daten und der Art, wie sie genutzt werden können.

Gerade im Gesundheitswesen haben wir sehr spät begonnen, Informationen zu standardisieren und konsequent zu digitalisieren. Deshalb liegen viele Daten heute noch nicht in einer Form vor, die Systeme automatisch verstehen und weiterverarbeiten können. Genau das müssen wir ändern.

Michael Ghezzo:
Was bedeutet das ganz konkret?

Robert Mahnke:
Nehmen wir einen einfachen Messwert wie den Puls. Der Wert allein sagt zunächst sehr wenig aus. Entscheidend ist der Kontext.

Wann wurde der Puls gemessen? Von wem? Unter welchen Bedingungen? War der Patient gesund oder krank? Lag er im Bett oder kam er gerade vom Gehen?

Erst diese Informationen machen den Messwert medizinisch aussagekräftig. Deshalb sprechen wir von semantischer Interoperabilität. Informationen müssen so beschrieben werden, dass andere Systeme ihren Inhalt eindeutig verstehen und weiterverwenden können. Nur dann lassen sich Daten sinnvoll miteinander verknüpfen und für Diagnostik, Versorgung oder AI-Anwendungen nutzen.

Michael Ghezzo:
Die Standards dafür existieren grundsätzlich bereits. Die Herausforderung besteht also darin, sie konsequent umzusetzen.

Robert Mahnke:
Genau. International gibt es dafür etablierte Standards. Deutschland hat an dieser Stelle Nachholbedarf.

Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, klinische Informationen standardisiert in gemeinsame Plattformen zu überführen. Dabei sprechen wir über sehr viele unterschiedliche Systeme.

In einem Universitätsklinikum entstehen Daten an unzähligen Stellen. Die Herausforderung besteht darin, diese Informationen so zusammenzuführen, dass sie überall dort genutzt werden können, wo sie gebraucht werden.

Die technische Basis dafür ist heute weitgehend vorhanden. Jetzt geht es darum, diese Architektur konsequent umzusetzen und verbindlich zu machen.

Michael Ghezzo:
Neben Technologie und Daten gibt es noch einen dritten Erfolgsfaktor: die Menschen. Wie gelingt es, Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte auf diesem Weg mitzunehmen?

Robert Mahnke:
Für mich beginnt das bereits bei der Auswahl einer Lösung. Wenn Anwenderinnen und Anwender den Nutzen nicht erkennen, wird ein Projekt nur schwer erfolgreich.

Deshalb binden wir die späteren Nutzerinnen und Nutzer möglichst früh ein. Sie helfen bei der Auswahl, begleiten die Einführung und bewerten später auch, ob die Lösung ihren Alltag tatsächlich verbessert. Mit diesem Vorgehen haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.

IT muss heute viel stärker Übersetzungsarbeit leisten. Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, Technik bereitzustellen. Wir müssen gemeinsam mit den Fachbereichen verstehen, wie klinische Prozesse funktionieren und wie digitale Lösungen diese Prozesse sinnvoll unterstützen können.

Die Kernaufgabe der Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte ist die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Sie können nicht nebenbei Prozessmodelle entwickeln oder Software konfigurieren. Genau deshalb braucht es diese enge Zusammenarbeit zwischen IT und Medizin.

Michael Ghezzo:
Digitalisierung entsteht also nicht dadurch, dass IT ein neues System einführt.

Robert Mahnke:
Genau. Sie entsteht dort, wo Technik und klinischer Alltag zusammenfinden.

Wenn wir Anwenderinnen und Anwender von Anfang an einbeziehen und den Nutzen gemeinsam entwickeln, verlaufen Projekte deutlich erfolgreicher. Digitale Transformation ist deshalb immer Teamarbeit. Und genau darin liegt für mich eine der wichtigsten Aufgaben moderner IT.

 

Wie es weitergeht, erfahren Sie im 2. Teil des Interviews.

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