Confare Blog Interview mit Maria Gleie-Königs (Schenker): Mein Weg als Frau in die IT – was früher eine Ausnahme war, darf heute Normalität werden
Maria Gleie-Königs ist Head of Global Quality Management bei Schenker. Die Informatikerin berichtet in ihrem Blogbeitrag über die Herausforderungen, mit denen Frauen wie sie in der IT konfrontiert werden und wie Begeisterung für die Technik sie trotzdem durchhalten lässt.

Du hast eine klassische „Männerausbildung“ als Frau in der IT hinter Dir: Fachinformatikerin. Bemerkenswert und sehr spannend, Du hast Dich als einzige Frau in der Klasse nicht vertreiben lassen. Was hat Dich bewogen diesen Bildungsweg zu gehen und wie konntest Du durchhalten?
Ich wollte etwas Technisches machen. Ich wollte schon als Kind immer verstehen, wie die Dinge funktionieren und hab oft Ärger bekommen, wenn ich beispielsweise den Fernseher verstellt habe oder das Innenleben von Geräten untersuchen und verstehen wollte. Damals gab es noch nicht so viele technische Berufe, in denen Frauen gerne gesehen waren. Mir wurde oft gesagt: Da musst du zu schwer heben, da wirst du dreckig. Oder auch: Da passt du nicht rein. Oder: Du wirst ja bestimmt bald schwanger, also wozu willst du so einen komplexen Beruf lernen? Informatik ging dann aber irgendwie.
Ich habe es durchgehalten, weil ich es wirklich wollte, weil es mich interessiert hat. Ich denke, das haben die anderen auch bemerkt. Anfänglich war es schwer, oder um es genauer zu sagen, es war merkwürdig. Merkwürdig, die einzige Frau zu sein und immer aufzufallen und anders zu sein als die anderen. Mit der Zeit hat es dann gut funktioniert und ich habe viele liebe Freunde gefunden, mit denen ich bis heute Kontakt habe. Ich würde es wieder so machen und denke bis heute, es war richtig so.
Du hast mir erzählt, du hast immer ausprobiert ohne Scheu, ist das Dein Antrieb? Nach dem Motto immer weiter, immer besser, immer mutiger?
Ja, ein bisschen schon. Ich muss nicht immer die Erste oder Beste sein. Ich muss nicht immer alles in der Hand haben. Mich spornt es an, etwas Neues zu lernen und zu verstehen; etwas, was ich vorher noch nicht wusste. Es ist für mich komplett okay, die dümmste im Raum zu sein, solange ich etwas lernen kann.
Das heißt im Umkehrschluss, dass ich mir immer wieder Gelegenheiten suche, in denen ich von Menschen umgeben bin, die auf einem Gebiet schon mehr wissen als ich, und dann Fragen stelle. Fragen, die mich weiterbringen. Ich hoffe und wünsche mir immer, dass ich Menschen finde, die Spaß daran haben, mir etwas beizubringen.
Treffen Sie Maria Gleie-Königs persönlich – melden Sie sich für das Confare Female IT-Mentoring Zürich an oder empfehlen Sie es einer Frau, die sich eine Zukunft in der IT vorstellen kann. Alle Infos hier.
20 Jahre in der IT bei DB Schenker, erzähl von Deinen Anfängen. Wie konntest Du Dich entwickeln?
Zu Schenker bin ich auch so gegangen, als jemand der lernen möchte, viel Respekt vor der Aufgabe und vor den Menschen, die diese Aufgabe bereits beherrschen. Und dann habe ich alles gelernt, was ich lernen konnte. Ich habe mich immer wieder hinterfragt und überlegt: Was kann ich noch besser machen? Hinterher habe ich auch meine Aufgaben und dann meine Teams immer wieder hinterfragt. Wachstum entsteht da, wo man Dinge neu denkt und nicht ständig das Gleiche macht.
Du hast schnell Teams geführt, gleich international, viel mit Interkulturalität zu tun gehabt. Das ist fachlich eine Herausforderung und eine gesellschaftliche. Wie bist Du herangegangen?
Zuerst war mein größtes Problem, dass mein Englisch nicht gut genug war. Da musste ich sehr stark dran arbeiten. Ich habe viele Fehler gemacht und habe vieles einfach ausprobiert. Ich denke, ein ganz kritischer Punkt ist die Fähigkeit zuzuhören. Nicht immer überall sofort den Ton angeben zu wollen, sondern offen zu sein. Offen dafür, dass Menschen eigene Sichtweisen und Meinungen haben.
Die kann man nur verstehen, wenn man sich nicht durchgehend mit sich selbst beschäftigt. Menschen funktionieren nicht wie Technik. Ich beobachte das oft bei meinen Mentees. Die Idee ist, dass jemand fachlich gut ist und dann automatisch auch führen kann. Führung bedeutet aber, sich zu 100% auf das einzulassen, was andere Menschen tun und im Idealfall mit vielen verschieden denkenden Menschen ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Gleichzeitig hatte ich auch immer das beste Team der Welt, das ist ein sehr kritischer Faktor.
Du hast neben deinem schon sehr fordernden Job, über alle Zeitzonen hinweg, zwei Studien abgeschlossen. Was waren das für Studien und was hat Dich hier angetrieben?
Es war mein Wissensdurst. Ich wollte gerne etwas Neues lernen. Das erste Studium im interkulturellen Management war hier genau richtig. Ich habe gelernt, was ich beruflich schon mache. Dieser Studiengang hat bis auf die technische IT-Komponente einfach genau meine Realität abgebildet. Das theoretische Wissen, das zu 100% zu meiner Praxiserfahrung passt.
Im Psychologiestudium war es ein bisschen anders. Da musste ich mich oft zwingen, zu lernen, weil es sehr viel zu lesen gab. Aber es hat mir sehr viel gebracht. Ich werde oft gefragt, warum ich keinen klassischen MBA oder EMBA gemacht habe.
Die Antwort ist leicht: Weil es davon schon genug gibt. Aus meiner Sicht fehlt es ganz vielen Unternehmen an dem Verständnis für die psychologischen Zusammenhänge; insbesondere im IT-Bereich. Es wird fleißig Offshoring und Nearshoring betrieben, es werden immer wieder Transformationsprojekte durchgeführt, es werden Expats ins Land geholt und Teams werden global aufgestellt.
Der Faktor Mensch wird viel zu oft übersehen. Ich wollte über meine Studienabschlüsse einen Weg finden, genau diese Lücken zu schließen, und wissen, wie man es besser machen kann.
Du bist auf der einen Seite eine hardcore Technikerin, auf der anderen Seite hast Du Dir viel Wissen und Können zu den Themen Führung internationaler Teams angeeignet, kennst Dich unternehmerisch gut aus und kannst technische Themen kontextuell auch aus Business Sicht bewerten. Wohin möchtest Du Dich entwickeln?
Wenn ich es mir aussuchen kann, möchte ich weiter global arbeiten, mit Menschen und mit Technik. Ich möchte gerne etwas machen, was mich herausfordert, etwas mit Abwechslung, ich möchte weiter lernen. In meinem aktuellen Job habe ich mich sehr stark im Bereich EDI/EIA/API und Datenaustausch spezialisiert. Ich finde aber auch viele andere Themen, wie beispielsweise IT Security und alles, was mit KI zusammenhängt, spannend und wichtig. Ich denke, die Zukunft wird zeigen, was passiert, und ich bin bereit weiter zu lernen. Ich bin bereit für etwas Neues.
IT-Expertise auf internationalem Niveau gesucht? Beim Confare CIOSUMMIT Frankfurt treffen Sie die Elite der deutschen IT-Entscheider:innen.
Wie siehst Du die Rolle der digitalen Transformation in der Gestaltung der zukünftigen Gesellschaft und Wirtschaft? Was bedeutet “Digitale Transformation” für Dich über die Einführung neuer Technologien hinaus?
Ich denke, unsere Gesellschaft steht an einem wichtigen Umbruchspunkt. Die Ressourcen werden global immer knapper. Der Klimawandel lässt sich fast nicht mehr aufhalten. In nächster Zeit muss ein großer Kulturwandel stattfinden.
Es muss noch schneller reagiert werden auf technologischen Fortschritt. In der DACH-Region sind wir viel zu langsam mit dem Einsatz neuer Technologien. Hier ist uns Asien klar und meilenweit voraus. Wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen, müssen wir langsam aus unserem Dornröschenschlaf aufwachen und uns in Bewegung setzen.
Ein paar Beispiele: Schon vor über 10 Jahren sind in Nanjing in China die Busse mit Solarzellen auf dem Dach ausgestattet worden, es gibt überall in der ganzen Stadt Fahrräder, die man mit einer App entsperren und für ein paar Cent nutzen kann. Ein elektrisch betriebenes Motorrad kostet dort um die 200 Euro. Technologie kann und muss eingesetzt werden, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Während wir uns hier darüber streiten, ob wir Elektroautos verwenden sollten oder nicht, wird in allen anderen Ländern der Welt fleißig investiert, geforscht und entwickelt.
Ein weiterer Punkt, der uns hier in der DACH-Region sehr schadet, sind die Lohnnebenkosten. Wir sind nicht wettbewerbsfähig. Es braucht dringend Strategien, die unseren Wirtschaftsstandort nachhaltiger und sicherer machen. IT-Jobs können in die ganze Welt verschoben werden. Es gibt keinen Grund, einen Programmierer in der DACH-Region zu beschäftigen. Für Unternehmen ist es ein klarer Kosten- und Wirtschaftsfaktor. Wenn ich einem deutschen Programmierer das Geld gebe, das ich einem indischen Programmierer gebe, bekomme ich massive Probleme. Keiner hier möchte für dieses Geld arbeiten.
Also stelle ich doch jemanden in Indien ein. Und die nächste Frage lautet: Warum sollten die Führungskräfte für diese Programmierer in der DACH-Region sitzen? Wenn alle Mitarbeitenden in Indien sind, kann auch das Management dorthin verschoben werden. Aus der Politik fehlen mir klare Strategien, wie wir uns im Weltmarkt positionieren.
Wie gestaltest Du die Rolle als Führungskraft? Auf welchen Werten basiert modernes IT-Leadership für Dich?
Ich folge ganz klar den Grundprinzipien der Transformationalen Führung. Ich kenne meine Werte und teile diese auch mit meinem Team, so dass jeder weiß, woran er ist, was von mir zu erwarten ist und in welche Richtung ich denke. Mir ist Vertrauen wichtig, Fairness, Transparenz, und ich möchte gerne mein Team dazu animieren mitzudenken.
Ich habe oft in der Vergangenheit nach Gegenargumenten gefragt, wenn wir im Team Entscheidungen getroffen haben. Manchmal kam nichts, dann musste ein Advocatus Diaboli benannt werden, um die Entscheidung stichfest zu machen. Ich brauche für mein Team und auch für mich selbst in meinem Arbeitsumfeld Psychologische Sicherheit. Ich möchte gerne, dass über Fehler und über fehlendes Wissen offen gesprochen wird. Ich möchte nicht von Ja-Sagern umgeben sein.
Und ja, ich habe einen Leistungsanspruch, ich möchte, dass das, was wir machen, gut wird. Ich möchte nicht irgendwo in der Masse mitlaufen, ich möchte ganz vorne dabei sein. Aber nicht um jeden Preis, nicht auf Kosten anderer, was ich erreiche, möchte ich gerne im Team schaffen.
Die IT-Branche durchläuft in den letzten Jahren eine beeindruckende Entwicklung: Sie wird flexibler, zukunftsorientierter und zunehmend weiblicher. Trotz dieser Fortschritte, sind Frauen in der IT nach wie vor unterrepräsentiert – insbesondere in Führungspositionen. Was ist Deine Erfahrung und Einschätzung dazu?
Ich sehe es leider genauso. Es gibt viel zu wenige Frauen in der IT, trotz aller Bemühungen und trotz aller laufenden Programme und Quoten. Ich denke, es ist nach wie vor einfach ein strukturelles Problem. Wir müssen dranbleiben und weitermachen. Jede Frau, die es schafft und die weiterkommt, ist eine Inspiration für eine andere, die sich vielleicht noch nicht traut und sich vielleicht nichts zutraut.
Mir haben Beispiele immer geholfen. Mir hat es auch immer sehr geholfen, wenn ich jemanden hatte, den ich Fragen konnte: Wie hast du das damals eigentlich gemacht? Dafür ist Mentoring da, deshalb ist es so unglaublich wichtig. In der Vergangenheit habe ich einen wichtigen Satz lernen dürfen von Frau Dr. Heike Kroll, einer für mich sehr inspirierenden Frau: „Wir müssen jeden Tag mindestens eine andere Frau für etwas Gutes loben“. Damit verändert sich unsere Wahrnehmung und wir können uns so auch gegenseitig unterstützen.
Mentoring wie wir es bei unsern Confare Events im DACH-Raum anbieten halte ich für eine wichtige Ergänzung, damit Frauen mehr auf Events gehen, sich vernetzen und sich besser positionieren. Du hast selber viele Mentees die Du begleitest, was ist so wichtig an dem Austausch?
Leider hatte ich, als ich jung war, keine Mentorin und auch jetzt gestaltet sich die Suche sehr schwierig. Ich habe mir in der Vergangenheit oft gewünscht, jemanden zu haben, den ich fragen kann, wie ich etwas machen könnte, was ich vielleicht falsch gemacht habe, oder auch einfach nur: Welches Buch kann ich über ein bestimmtes Thema lesen? Ich glaube, wenn man eine gute Mentorin hat, kann man sich sehr viel schneller entwickeln und das ist nicht nur für den Mentee eine gute Erfahrung. Es hilft auch dem Unternehmen und es ist zusätzlich für mich als Mentorin eine sehr große Bereicherung.
Ich sehe sehr gerne, wie Menschen wachsen, wie sie etwas Neues lernen und für mich zahlt sich mein eigener Lernaufwand, den ich ja hatte, bevor ich mein Wissen weitergeben konnte, dann doppelt aus: Einmal, weil ich selbst etwas mit dem Wissen anfangen kann, und dann nochmal, weil ich sehe, wie es auch anderen hilft. Ich denke, niemand sollte für sich allein, isoliert vor sich hin kämpfen. Es wird leichter und macht auch mehr Spaß, wenn man die Dinge gemeinsam angeht.
Das Motto 2025 lautet bei unseren Confare CIOSUMMITs: Balancing in challenging times – Enabling visions. Denkst Du zukunftssicher werden wir nur, wenn Teams durchmischt sind?
Gegenfragen, wurde mir beigebracht, sind unhöflich. Ich möchte trotzdem einige stellen: Wie wäre es wohl, wenn wir nicht durchmischt wären? Was passiert, wenn es keine durchmischten Teams mehr gibt? Wie langweilig wäre das? Wer will in so einer Welt arbeiten? Wer in so einer Welt leben? Wenn alle in dieselbe Richtung denken, gibt es immer nur eine Meinung. Das ist ein bisschen so, als ob man jeden Tag das Gleiche isst. Und noch ein wichtiger Punkt: Auch in diesem Bereich sind wir in der DACH-Region wieder weit hinter dem Rest der Welt. Wir haben hier ganz klar aufzuholen.
Was hast Du für Visionen für die Zukunft der IT. Was kann sie schaffen, verändern, gestalten?
IT ist nicht wegzudenken. Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Ich denke, wir werden nach und nach globaler werden, hoffentlich offener und hoffentlich gerechter. Die IT wird weiterhin die globale Kultur verändern. Aus meiner Sicht ist allerdings die größte und wichtigste Herausforderung, die uns direkt und unmittelbar betrifft, dass wir die KI, die uns allen so komfortabel und so bequem erscheint, so „erziehen“, dass sie Moral und Gerechtigkeit erkennt.
Wir haben jetzt die Möglichkeit, durch gezieltes Trainieren der KI, sozialen Benachteiligungen entgegenzuwirken. Wir haben die Chance, altbekannte Muster zu durchbrechen. Ich hoffe, wir verpassen diesen wichtigen, historisch vermutlich einmaligen Moment nicht.


