Thorsten Schmiady (CIOspirit): Moshpit-Mentalität in der IT – Warum Männer jetzt Platz für Talente machen müssen

Herausforderungen in der IT-Führung erfordern heute strategische Weitsicht und ein Umdenken bei traditionellen Strukturen. Thorsten Schmiady, Gründer von CIOspirit, positioniert sich klar zu der Frage, wie eine zeitgemäße Organisation aussehen muss. Im Confare Interview analysiert er die Hebel für faire Rahmenbedingungen und erklärt, warum das Aufbrechen alter Muster primär in der Verantwortung des Top-Managements liegt.
Am 23. Juni 2026 adressiert die Autorin Christina Sontheim-Leven in München unter dem Titel „Unter Männern. Über Macht. | Machtgebiete Male Only“ gezielt männliche Führungskräfte. Confare Gründer Michael Ghezzo und Thorsten Schmiady begleiten den Abend, um gemeinsam mit Male Allies Verantwortung für faire Strukturen zu übernehmen.
Nutzen Sie im September zudem die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe bei den Confare Female IT-Mentorings im Rahmen der CIOSUMMITs in Frankfurt, Salzburg und Zürich.
Was bedeutet es für Dich persönlich, ein „male ally“ zu sein, und warum braucht es mehr Männer, die sich aktiv für Gleichstellung in der IT einsetzen?
Für mich als Vater von zwei Töchtern und einem Sohn ist „male ally“ keine Pose, sondern Pflicht: Ich will, dass meine Mädchen in einer Welt aufwachsen, wo sie nicht gegen Gläserne Decken klettern müssen, sondern einfach die beste Lösung sind. In der IT brauchen wir mehr Männer mit Moshpit-Mentalität – nicht zum Schubsen, sondern zum Platzmachen. Wer da nicht mitmischt, lässt Talente links liegen und schadet allen.
Welche Hürden bremsen aus Deiner Sicht Vielfalt und Chancengleichheit in der IT noch immer?
Die größte Hürde ist oft nicht böser Wille, sondern Bequemlichkeit plus alte Gewohnheiten. Viele Prozesse sind historisch männlich geprägt, und wer da nicht ins Bild passt, muss sich viel mehr erklären als andere. Dazu kommen Netzwerkeffekte, unbewusste Vorurteile und die immer noch erstaunlich robuste Idee, dass Kompetenz am besten klingt, wenn sie mit tiefer Stimme vorgetragen wird. Kurz: Nicht die fehlenden Talente sind das Problem, sondern viel zu oft die Strukturen, die Talente nicht fair erkennen.
Warum wird Diversität in vielen Unternehmen noch immer zu wenig als Führungsaufgabe verstanden?
Weil Diversität für manche leider noch als „nice to have“ gilt, nicht als knallharte Frage von Qualität, Innovation und Zukunftsfähigkeit. Solange Führungskräfte denken, das Thema gehöre in HR oder in den Jahresbericht, aber nicht in ihre eigene Verantwortung, bleibt es kosmetisch. Echter Kulturwandel passiert nicht über Plakate, sondern über Entscheidungen: wen ich fördere, wie ich beurteile, wem ich zuhöre und welche Verhaltensweisen ich dulde. Diversität ist kein Deko-Thema. Sie ist Chefsache. Punkt.
Worauf kommt es in der Kommunikation rund um Gleichstellung an, damit sie glaubwürdig bleibt?
Auf Ehrlichkeit, Klarheit und Selbstkritik. Sobald Kommunikation klingt wie eine Hochglanzbroschüre mit zehn Buzzwords pro Satz, verliert sie sofort Glaubwürdigkeit. Menschen merken sehr genau, ob ein Unternehmen wirklich etwas verändern will oder nur gut dastehen möchte. Glaubwürdig ist Kommunikation dann, wenn sie nicht nur Erfolge zeigt, sondern auch Baustellen, Lernkurven und konkrete nächste Schritte. Wer Gleichstellung ernst meint, darf nicht nur die Sonntagsrede liefern, sondern muss auch die Montagshaltung zeigen.
Welche Rolle spielen Recruiting und Unternehmenskultur dabei, ob sich unterschiedliche Menschen in einem Unternehmen willkommen fühlen?
Eine riesige Rolle. Recruiting entscheidet, wer überhaupt reinkommt. Unternehmenskultur entscheidet, wer bleibt und wer innerlich schon nach drei Monaten wieder auf dem Absprung ist. Wenn im Recruiting nur auf „passt ins Team“ geschaut wird, landet man schnell bei Leuten, die alle gleich denken, gleich reden und gleich aussehen. Und wenn die Kultur dann noch Belohnung für Lautstärke statt für Substanz ist, fühlen sich viele Menschen schlicht nicht zugehörig. Willkommen ist nur dort wirklich willkommen, wo Vielfalt nicht nur eingeladen, sondern im Alltag auch respektiert wird.
Wie geht man mit Skepsis oder Widerständen gegenüber Gleichstellungsinitiativen um?
Mit Argumenten, Geduld und einer guten Portion Klarheit. Nicht jeder Widerstand ist böser Wille, manchmal ist es Unsicherheit oder schlicht mangelnde Erfahrung. Aber man sollte auch nicht jeden Einwand endlos adeln, als wäre er automatisch ein wertvoller Beitrag. Ich halte nichts davon, Gleichstellung permanent weichzuspülen, damit sich niemand unwohl fühlt. Wer Veränderung will, muss aushalten, dass sie Reibung erzeugt. Wichtig ist: zuhören, ernst nehmen, einordnen und dann konsequent weitergehen. Nicht diskutieren, bis der Wandel eingeschlafen ist.
Welche Verantwortung tragen Führungskräfte und Expert:innen dabei, mehr Frauen für IT und Technologie zu begeistern?
Sehr viel. Führungskräfte prägen Vorbilder, Sichtbarkeit und Rahmenbedingungen. Und Expert:innen haben die Aufgabe, technische Themen so zu vermitteln, dass sie nicht wie ein geheimer Club für Eingeweihte wirken. Frauen für IT zu begeistern heißt nicht, alles umzudekorieren oder künstlich zu vereinfachen. Es heißt, echte Zugänge zu schaffen, Entwicklung sichtbar zu machen und zu zeigen: Du musst nicht in ein Klischee passen, um in der Tech-Welt erfolgreich zu sein. Wer Talente will, muss auch die Türen richtig aufmachen. Nicht nur einen kleinen Spalt.
Gemeinsam Barrieren abbauen: Ermöglichen Sie Ihren Kolleginnen den Erfahrungsaustausch mit Top Mentorinnen. HIER geht es zur Anmeldung für unsere Female IT-Mentorings in Frankfurt, Zürich, Salzburg oder Wien.
Was erwartet die Besucher beim Event „Unter Männern – Über Macht“ konkret?
Ein Abend mit klarer Haltung, ehrlichen Perspektiven und hoffentlich auch der einen oder anderen unbequemen Wahrheit. Es geht um Macht, Rolle, Verantwortung und darum, wie Männer als Allies dazu beitragen können, dass Gleichstellung nicht nur auf dem Papier stattfindet. Die Besucher können eine Mischung aus Impulsen, Diskussion, klaren Standpunkten und Austausch erwarten – ohne Watte und ohne Moralkeule. Also kein wohltemperierter Networking-Abend mit Krawattenlächeln, sondern ein Format mit Substanz, Relevanz und einem echten Auftrag: nachdenken, mitreden und dann auch etwas verändern.

