postdigital ist nicht das Ende der Digitalisierung, sondern seines Mythos

by Annecilla Sampt

“Wir werden als intelligente Menschen intelligente Maschinen intelligent nutzen.”

Bestseller Autor, Journalist und Research Fellow bei Weizenbaum-Institut Thomas Ramge entwirft in seinem Buch postdigital ein wissenschaftlich fundiertes, optimistisches Szenario für das Jahr 2030. Ein postdigitales Zeitalter, in dem die Synthese zwischen analog und digital gelingt. Während die KI produktiv als Intelligenzverstärker wirkt, behält der Mensch seine Souveränität und verweigert sich einer technologischen Bevormundung.

Wahre Digitalisierung stellt also den Menschen in den Mittelpunkt. Das gilt in allen Unternehmensbereichen. Daher spricht die Confare Konferenz #IDEE2020 digitale Pioniere aus unterschiedlichen Bereichen an. IT, Service, HR, Marketing und Sales haben dieses Ziel gemeinsam. Denn die human-to-human experience funktioniert nicht in klassischen Ab-Teilungs-Silos.

Auszug aus dem Buch postdigital von Thomas Ramge

Es gibt keinen Trend ohne Gegentrend, lautet eine alte Regel der Trendforschung. Am Techlash – dem wachsenden Unmut gegen digitalen Wandel und seine gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Folgeerscheinungen – ist allenfalls überraschend, wie spät er kam.

Die immer offenkundigeren Rebound-Effekte digitaler Technologie, die ihn hervorgebracht haben, werden der Ausgangspunkt einer neuen postdigitalen Diskussion sein. Hierfür braucht es eine neue Perspektive auf das Digitale. Wir müssen den Digitalismus, also die Verklärung von digitaler Technologie zur Passepartout-Lösung mit quasireligiösem Charakter, hinter uns lassen und Digitalisierung unter ein radikales Nutzenparadigma stellen. Wir müssen lernen, digitale Technologie insgesamt und Künstliche Intelligenz im Besonderen im Wortsinn souverän zu nutzen, also selbstbestimmt, selbstverständlich und gelassen. Aber vor allem müssen wir lernen, digitale Technik nicht zu nutzen, wenn sie uns nicht nützt.

postdigital ist nicht das Ende der Digitalisierung, sondern seines Mythos. Im postdigitalen Zeitalter nach dem Techlash entwickelt der Mensch eine radikal pragmatische Haltung zu allem Digitalen. Er nutzt digitale Systeme, wenn sie das Leben einfacher machen. Wenn sie es nicht tun, fliegen sie raus. Und wie in der Postmoderne werden neue Synthesen auf höherer Ebene möglich.

Der postdigitale Mensch hat verstanden, dass sein Gehirn nicht mit den vielen Reizen umgehen kann, denen es durch das Smartphone ausgesetzt ist, und erlernt die Kulturtechnik der mentalen Autonomie. Die Achtsamkeitsbewegung könnte einer der wichtigsten Vorboten dieser Entwicklung sein. Der digitalen Erschöpfung setzen wir ausreichend analoge Erholungsphasen entgegen. Die postdigitale Gesellschaft wiederum diskutiert das Politische nicht im Netz wie eine Urgesellschaft, die noch keine Moderationstechniken kennt, also gerade nicht nach dem heute in sozialen Medien vorherrschenden Prinzip: Wer am lautesten schreit, findet das meiste Gehör, während der Nüchterne eigentlich nur hoffen kann, dass sich die Trolls gegenseitig erschießen.

Zugleich ist das Digitale im postdigitalen Zeitalter vollkommen banal geworden.
Doch wie sähe eine postdigitale Welt konkret aus, in der Menschen als Individuen und Gesellschaften digitale Technologie souverän nutzen? Entlang Dimensionen zeichnete sich folgendes Zukunftsbild ab.

  • Wir griffen nur noch zum Smartphone, wenn es einen Grund dafür gibt und nicht aus einem diffusen Impuls heraus, bei dem jede rituelle Nutzung nur neue Anlässe für das nächste Entsperren des Bildschirms schafft.
  • Unternehmen digitalisierten ihre Herstellung, Prozesse und Kommunikation nicht mehr, weil Digitalisierung das Management-Gebot der Stunde ist, sondern überprüften jeden Digitalisierungsschritt hart auf das wichtigste Kriterium von Wertschöpfung: Was bringt diese Veränderung unter dem Strich wirklich? Scheininnovationen, welche die Dinge (also Herstellung, Prozesse und Kommunikation) in Wahrheit nur verkomplizieren, werden gestrichen. Gleichzeitig sorgte Politik mit intelligenter Regulierung dafür, dass auf digitalen Märkten wieder Wettbewerb einkehrt und die superprofitablen Superstarfirmen endlich Steuern zahlen. Damit ließen sich unter anderem die öffentlichen Infrastrukturen besser finanzieren, welche die digitalen Superstars für ihre hochprofitablen Geschäftsmodelle mitnutzen. Gegebenenfalls würden einige sehr wichtige digitale Dienste ähnlich reguliert wie heute Wasserwerke, Gasversorger oder andere Unternehmen der Daseinsfürsorge. In diese Richtung denkt zumindest der linke Flügel der US-Demokraten, angeführt von der kalifornischen Senatorin Elizabeth Warren.
  • Demokratischer Diskurs braucht online wie offline Moderation. Der Wert der Meinung im Diskurs ist deutlich geringer als jene meinen, die permanent ihre Meinung kundtun. Es wird weiter unmoderierte Foren geben. Rezo soll auf YouTube weiter seine Chance haben, ordentlich Bambule zu machen. Aber im postdigitalen Zeitalter fänden die politisch wesentlichen Debatten auf Diskursplattformen statt, auf denen ernsthaft diskutiert wird, faktenorientiert und differenziert, mit Klarnamen und zeitlicher Dämpfung. Faktencheck wäre selbstverständlicher Teil der digitalen Diskussionskultur, Wahrheit verhandelt auf einer Art Super-Wikipedia. Auf diesen Plattformen äußerten sich dann übrigens auch die Mächtigen, also nicht mehr auf Affekt-Medien wie Twitter oder Medien zur ästhetischen Selbstinszenierung wie Instagram. Vielleicht kämen dann auch Software-Produkte und Plattformen wie „Liquid Democracy” zum Einsatz, mit denen neue Formen direkter, basisdemokratischer Entscheidungsfindung möglich werden, besonders auf lokaler Ebene. Der Staat und öffentliche Verwaltungen sollten derweil gelernt haben, mit digitaler Technologie selbst besser zu werden.
  • Technologie ist nie gut oder schlecht. Es kommt darauf an, wofür wir sie nutzen. Diese von technologie-affinen Weltverbesserern immer wiederholte Aussage ist auf der einen Seite naiv. Technologie wird in einem soziotechnischen Kontext in der Regel für einen bestimmten Zweck entwickelt. Für diesen Zweck eignet sie sich besser als für andere und deshalb ist sie auch nicht „neutral”. Auf der anderen Seite stimmt natürlich trotzdem: Man kann Maschinelles Lernen nutzen, um den Abverkauf von neuen digitalen Endgeräten mit miserabler Ökobilanz zu befördern. Mit dieser Zielfunktion hat Amazon seine Empfehlungsalgorithmen nun einmal gezüchtet. Mithilfe sehr ähnlicher, aus Daten lernender Systeme ließe sich aber auch Angebot und Nachfrage in dezentralen Energienetzen besser zusammenführen.

In einer postdigital-grünen Welt ist der Kampf gegen den Klimawandel ein direktes, wahrscheinlich das wichtigste Ziel neuer Technologieentwicklung. Vielleicht bekommt Digitalisierung im Kampf gegen die Klimaerwärmung gar eine zweite Chance für radikale Weltverbesserung: mit dezentralen Energienetzen, autonomen, energieeffizienten Fahrzeugen und einer digital gelenkten Cradle-to-Cradle-Wirtschaft. Neue grüne Technologie könnte so den Klimawandel nicht nur verlangsamen, immer wichtiger werden digital gestützte Innovationen werden, die auf Resilienz abzielen, es Menschen also erleichtern, mit den auf jeden Fall eintretenden Klimafolgen besser zurecht zu kommen.

Confare #IDEE 2020
Create the human-to-human experience

Zukunft lässt sich nicht vorhersagen, aber gestalten. Konstruktive Technologiekritik wird uns helfen, digitale Souveränität in Europa zurückzugewinnen. Dies wird nur gelingen, wenn wir als Europäer digitale Technologie nach unseren Wünschen und Werten selbst entwickeln, unsere Nutzungskompetenz mithilfe digitaler Bildung erhöhen und zudem endlich den europäischen digitalen Binnenmarkt vom Konzeptstadium in wirtschaftliche Realität überführen. Etwas konkreter ausformuliert heißt dies:

  1. Europa muss massiv und koordiniert in eigene technologische Entwicklung investieren. In der Diskussion um den Aufbau der G5-Mobilfunknetze und mögliche chinesische Spionage oder gar Obstruktion durch Huawei kam eine Frage viel zu kurz: Warum gibt es keine europäischen Unternehmen, die bei Preis und Qualität mithalten können?
  1. Wir brauchen einen Kickstart bei der digitalen Bildung von der Grundschule an. Dazu gehört die Fähigkeit zu Coden und Datenkunde und zu verstehen, wie soziale Medien wirken und die Plattformökonomie funktioniert. Die pädagogischen Konzepte hierzu sind erprobt und nachweislich erfolgreich, doch leider kommen sie selten in staatlichen Schulen zum Einsatz, sondern eher in privaten oder gemeinnützigen Initiativen wie den digitalen Bildungsangeboten der Open-Knowledge-Foundation oder Jugend hackt.
  1. Das dritte große Handlungsfeld ist die innovative Förderung und Regulierung der digitalen Märkte. Ein wichtiges Element hierbei wäre eine konsequente, europa-zentrische Datenpolitik. Wie in Kapitel zwei des Buchs ausführlich beschrieben, müssen hierfür die Zugangsrechte zu Daten geöffnet werden, wenn Superstarfirmen Datenmonopole aufbauen. Doch das ist nur der erste wichtige Schritt. Offene technische Standards, gegebenenfalls vom Gesetzgeber erzwungen, zielen in die gleiche Richtung. Auch massive politische Anreize zum freiwilligen Datenteilen, Datenkooperationen und sektorübergreifende Datenpools sind ein regulatorisches Gebot der Stunde. Und natürlich müssen die großen Digitalisierungsgewinner angemessen Steuern zahlen, sei es in Form einer Digitalsteuer nach französischem Vorbild oder einer globalen Mindestbesteuerung mithilfe internationaler Abkommen, wie sie das deutsche Finanzministerium favorisiert.

Das alles ist nicht nur wünschenswert, sondern die notwendige Voraussetzung dafür, dass wir im postdigitalen Zeitalter die Rebound-Effekte des Digitalen in den Griff bekommen.

Ramges Texte zu den großen digitalen Veränderungen unserer Zeit erscheinen u. a. in brand eins, The Economist, Harvard Business Review und Foreign Affairs. Für seine Bücher und Reportagen wurde er mit diversen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Best Business Book Award on Innovation and Technology, dem Axiom Business Book Award, dem getAbstract International Book Award, dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis und dem Herbert Quandt Medienpreis.

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