Rise of the Neoclouds – Wenn Wertschöpfung vom Code zur Infrastruktur wandert und was das für CIOs bedeutet

by Bianca Bogad-Frey

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Infrastruktur galt als gelöst.
Die Cloud hatte Server, Skalierung und Hardware abstrahiert. Rechenleistung kam aus dem Netz wie Strom aus der Steckdose. CIOs sollten Innovation treiben, Plattformen integrieren, Geschäftsmodelle digitalisieren – nicht über Megawatt nachdenken.

Mit dem Aufstieg der Neocloud-Anbieter kehrt genau das zurück, was man delegiert glaubte: physische Realität. Milliarden fließen in GPUs, Energie und Rechenzentren. KI wird zur industriellen Basis. Und der CIO steht plötzlich wieder vor einer Infrastrukturfrage.

Als Infrastruktur Commodity wurde

Die vergangenen 15 Jahre waren eine Epoche der Abstraktion. Hyperscaler versprachen Elastizität, globale Skalierung und nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit. Rechenzentren wurden zu einer Blackbox. Hardware war austauschbar, Infrastruktur ein Kostenblock – strategisch entkernt.

Wettbewerbsvorteile entstanden im Code: in Plattformlogik, API-Architektur, Integrationsfähigkeit. Wer die bessere Software baute, gewann. Infrastruktur war notwendig, aber nicht differenzierend. Diese Logik funktionierte – solange Rechenleistung im Überfluss verfügbar schien.

Neocloud bringt die Physik zurück

Mit generativer KI verschiebt sich dieses Gleichgewicht. Training großer Modelle, Simulationen, datenintensive Inference-Prozesse – all das erfordert spezialisierte GPU-Cluster. Und diese Cluster benötigen Strom. Viel Strom.

Hier treten Neocloud-Anbieter auf den Plan: spezialisierte GPU-Clouds, die nicht das gesamte Plattform-Ökosystem verkaufen, sondern vor allem Rechenleistung für KI.

Die Investitionssummen verdeutlichen die Dimension. Der US-Anbieter CoreWeave plant laut Reuters für 2026 Investitionen von 30 bis 35 Milliarden US-Dollar – nach 14,9 Milliarden im Jahr 2025. Das Unternehmen meldete zudem einen Auftragsbestand von 66,8 Milliarden US-Dollar und eine aktive Stromkapazität von über 850 Megawatt. Bis 2027 soll diese auf 3,1 Gigawatt steigen.

Gigawatt – eine Einheit, die man eher aus Energie- oder Industrieprojekten kennt als aus der klassischen IT. Auch andere Anbieter sammeln Milliarden ein. Lambda erhielt 2024 320 Millionen US-Dollar in einer Series-C-Finanzierung zur Skalierung seiner GPU-Cloud. Crusoe sammelte 2025 laut Reuters 1,38 Milliarden US-Dollar ein. Das Kapital fließt nicht primär in neue Softwarefunktionen. Es fließt in Hardware, Energieversorgung und Rechenzentren.

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Die Verschiebung der Wertschöpfung

Diese Entwicklung markiert eine strukturelle Verschiebung.

In der Plattformära entstand Differenzierung im Code. In der KI-Ära entsteht sie zunehmend in der Fähigkeit, Rechenleistung bereitzustellen. Wer Trainingskapazität kontrolliert, beschleunigt Innovationszyklen. Wer sie nicht hat, gerät ins Hintertreffen.

Die physische Infrastruktur rückt wieder ins Zentrum der digitalen Wertschöpfung. Infrastruktur ist keine Commodity mehr. Sie ist strategischer Engpass.

Der CIO zwischen Plattform und Produktionsmittel

Für CIOs bedeutet das eine leise, aber tiefgreifende Rollenveränderung.

Bisher ging es um Cloud-Strategie, um Integration, um Modernisierung. Jetzt geht es zusätzlich um die Sicherung eines Produktionsmittels: Rechenleistung. Wer KI-Anwendungen produktiv betreiben will, benötigt planbare GPU-Kapazitäten. Die Entscheidung betrifft Vertragsmodelle, Laufzeiten, Standorte, Energiepreise und regulatorische Rahmenbedingungen.

Gleichzeitig verschiebt sich das Risikoprofil der Anbieter. Während Hyperscaler breit diversifizierte Plattformunternehmen sind, operieren viele Neocloud-Anbieter hochkapitalintensiv. Milliardeninvestitionen, Energieabhängigkeit und Finanzierungskosten prägen das Geschäftsmodell. CIOs müssen Provider künftig nicht nur technisch evaluieren, sondern auch ihre Kapitalstruktur und Stabilität verstehen.

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Standort als strategische Variable

Im DACH-Raum erhält diese Entwicklung eine zusätzliche Dimension. Regulatorische Anforderungen wie AI Act, NIS2 oder DSGVO beeinflussen die Entscheidung über Datenverarbeitung und Compute-Standorte. Europäische Anbieter wie IONOS, OVHcloud, Scaleway oder Exoscale positionieren GPU-Angebote im EU-Rechtsrahmen und argumentieren mit digitaler Souveränität. Gleichzeitig konkurrieren sie mit Anbietern, die Investitionsvolumina im zweistelligen Milliardenbereich mobilisieren.

Die Frage lautet daher nicht nur:
Welcher Anbieter bietet die beste Performance?

Sondern auch:
Wo entsteht Abhängigkeit – und wo Resilienz?

Compute-Entscheidungen werden zu Governance-Entscheidungen.

 

Die verkürzte Preisdebatte

Ein Teil der Diskussion fokussiert sich auf mögliche Preisvorteile spezialisierter GPU-Anbieter. Analysen von McKinsey verweisen darauf, dass GPUs unter bestimmten Konfigurationen günstiger angeboten werden können als bei Hyperscalern.

Doch öffentlich zugängliche, standardisierte Total-Cost-of-Ownership-Vergleiche existieren nicht. Netzwerkarchitektur, Storage-Anbindung, Auslastung, Daten-Egress und Integrationsaufwand beeinflussen die tatsächlichen Kosten erheblich. Die relevante Kennzahl ist nicht die GPU-Stunde. Es ist der wirtschaftliche Output pro eingesetztem Compute.

Für CIOs wird der Preisvergleich zur betriebswirtschaftlichen Bewertung.

 

Chance oder neue Abhängigkeit?

Neocloud kann man als Beschleuniger lesen: Spezialisierte Anbieter erhöhen die Verfügbarkeit von KI-Compute, schaffen Wettbewerb und treiben Innovation. Man kann die Entwicklung aber auch als neue strukturelle Abhängigkeit verstehen. Die massiven Investitionen – wie die von Reuters berichteten Capex-Pläne CoreWeaves – zeigen ein Geschäftsmodell, das stark von Kapitalmärkten, Energiepreisen und Nachfrageentwicklungen abhängt.

Wenn KI-Compute zum Engpass wird, entsteht eine neue Form von Lock-in: nicht über APIs, sondern über Infrastruktur. Für CIOs liegt die strategische Herausforderung in der Balance. Diversifikation, Architekturentscheidungen und langfristige Planung werden wichtiger als kurzfristige Preisvergleiche.

 

Wirtschaftspolitische Dimension: Infrastruktur als Standortfrage

Für Deutschland, Österreich und die Schweiz hat diese Entwicklung eine wirtschaftspolitische Komponente. Wenn KI-Infrastruktur im Gigawatt-Bereich geplant wird, werden Energiepreise, Netzausbau, Genehmigungsverfahren und regulatorische Stabilität zu Standortfaktoren der digitalen Wirtschaft.

Die Frage, ob Europa eigene KI-Infrastruktur im großen Maßstab aufbauen will oder sich auf außereuropäische Anbieter verlässt, ist nicht nur industriepolitisch relevant. Sie betrifft Innovationsfähigkeit, Wertschöpfung und strategische Autonomie. CIOs agieren damit an einer Schnittstelle zwischen Unternehmensstrategie und Standortrealität.

 

Megawatt statt Megabyte

Infrastruktur war lange unsichtbar. Die Cloud hatte sie abstrahiert. Neocloud macht sie wieder sichtbar – nicht als technisches Detail, sondern als Grundlage wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit. Die digitale Wertschöpfung verlagert sich vom Code auf die physische Basis, auf der dieser Code läuft. Rechenleistung wird zum strategischen Rohstoff.

Für CIOs bedeutet das: Die Sicherung digitaler Produktionsmittel wird Teil ihres Mandats.

Nicht nur Systeme integrieren.
Sondern Infrastruktur verstehen.

Und wieder in Megawatt denken.

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