Schule, Familie, Arbeit: Das Digitale dominiert Alles – Wie kommt man als Mensch damit zurecht?

by Anthony Torno

Dr. Sanem Keser-Halper ist Unternehmensberaterin, wenn es um Marketing und Kommunikation geht und unterstützt als Safer Internet Botschafterin dabei, ausgewogen und achtsam mit der digitalen Welt und dem eigenen digitalen Medienkonsum umzugehen. Auf www.sanementality.com bietet sie dazu auch Workshops an. https://www.sanementality.com/workshops.

Im ersten Teil unseres Bloginterviews geht es um Coronakrise, Lockdowns und wie das Digitale beginnt unseren sozialen Umgang zu dominieren. Schüler, Eltern, Lehrer, Arbeit, Selbstständige … einfach jeder und jeder Lebensbereich ist davon betroffen. Damit die psychischen und sozialen Folgen sich nicht negativ auf uns auswirken, empfiehlt Sanem mehr Achtsamkeit auf den eigenen Umgang mit Smartphone, sozialen Medien und digitaler Kommunikation.  

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Im Zuge der Coronakrise hat das Digitale in unserem Leben eine besondere Bedeutung gewonnen. Welche Folgen hat das für die Menschen im Alltag, in ihren Beziehungen, in ihrer Kommunikation?

Mit der Pandemie hat das Digitale einen höheren Stellenwert in unserem Alltag und Schul- bzw. Berufsleben eingenommen.

Die Coronakrise hat uns Menschen unseren enormen Informations- und Kommunikationsbedarf aufgezeigt, vor allem in Zeiten von Lockdowns und eingeschränkten sozialen Kontakten. Das Digitale hat uns „ermächtigt“ am privaten und öffentlichen Leben teil zu nehmen. Niemand stellte mehr die Notwendigkeit einer Anschaffung von Smartphones, Tablets und neuer Software für Videokonferenz-Lösungen in Frage, zumal sie erforderlich waren zur Ausübung nicht nur von home office und home schooling sondern auch von Fitnessprogrammen, die wir ins Wohnzimmer verlagerten.

Gleichzeitig wurden vielen Menschen erst die Vorteile digitaler Medien und Technologien bewusst. Durch das Entdecken und Erschließen neuer Anwendungsgebiete und Nutzungsmöglichkeiten hat das Digitale in einem enormen Tempo und binnen kürzester Zeit neue und erweiterte Zielgruppen und somit User erreicht.

In manchen Bereichen hat das Digitale durch die Krise seine endgültige Daseinsberechtigung durchgesetzt. Nämlich dort, wo man vor der Pandemie noch klare Grenzen ziehen konnte und wollte (beispielsweise in der Trennung von freizeitlicher und schulischer od. beruflicher Nutzung digitaler Angebote).

Die Etablierung der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien in der Gesellschaft und die Folgen für die Menschen und das Zusammenleben ist am Beispiel der Smartphone-Nutzung am besten ersichtlich und zu erklären.

Der vertraute Umgang mit dem Smartphone ist längst zur Selbstverständlichkeit und Gewohnheit und der multifunktionale digitale Alleskönner unser unverzichtbarer Begleiter und Bestandteil unseres Lebens geworden.

Es bietet uns unzählige Erleichterungen, auf die wir nicht mehr verzichten möchten.

Benutzerfreundliche Apps und ansprechende Funktionen machen es uns schmackhaft, einfach und bequem, alle Annehmlichkeiten voll auszuschöpfen. Oft wird uns das Denken abgenommen, es werden uns fertige Entscheidungen präsentiert. Das Smartphone ist „convenient“.

Zeit spielt keine Rolle! Wir schenken dem Smartphone unsere ganze Aufmerksamkeit. Soviel, wie eben notwendig und wie sie sonst nur wenige Bezugspersonen in unserem Familien- und Freundeskreis bekommen – als eine der Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Oft ist die große Sehnsucht nach persönlichen Kontakten (die wir in den Lockdowns gespürt haben) der Bequemlichkeit von online-Treffen oder Videochats gewichen, der Austausch und update der letzten Ereignisse hat auf Social Media oder in Kurznachrichten stattgefunden.

Die Bandbreite unserer Sinneswahrnehmung ist begrenzt und kratzt nur auf der Oberfläche des Bildschirms.
Das Vertrauen in digitale Inhalte, über Suchmaschinen abgefragte Informationen oder Meinungen und Empfehlungen auf Social Media millionenfach gefolgter Personen ist größer als in die Lebenserfahrung, den Rat oder in die Qualifikationen unserer nahen Mitmenschen.

In persönlichen Gesprächen fehlen uns oft die richtigen Worte, die wir aber so spontan, unbedacht und freizü(n)gig im Internet, auf Foren und in Kommentaren hinterlassen, ohne unser Gegenüber zu kennen oder je zu Gesicht bekommen. Die „Mensch zu Mensch“-Kommunikation ist im Wandel. Die Quantität unserer Kommunikation steigt durch die Kommunikationstechnologien. Der richtige Einsatz der richtigen Kommunikationskanäle entscheidet jedoch über einen guten Austausch und eine erfolgreiche Zusammenarbeit.
Die Qualität einer Konversation leidet oft unter dem „Phubbing“ – wenn sich der Gesprächspartner lieber mit dem Handy beschäftigt als sich seinem Gegenüber zu widmen.

Warum ist es wichtig achtsam zu sein, wenn es um den eigenen Umgang mit der digitalen Welt geht?

Das Wort Achtsamkeit in diesem Kontext beinhaltet nach meiner Auslegung das „Achten auf“ und das „wachsam sein“.

Der Mensch ist eine Persönlichkeit mit all seinen subjektiven Eigenschaften und Besonderheiten, seinen Interessen und Bedürfnissen. Systeme und Daten wissen bereits mehr über seine Vorlieben, sein Kauf- und Entscheidungsverhalten, den Unterhaltungstyp und die Empfänglichkeit für Nachrichten zu bestimmten Uhrzeiten als er selbst. Der Mensch ist gut integriert in der Welt der Daten, die er mit jeder einzelnen digitalen Aktivität füttert.

In der digitalen Welt ist es von Bedeutung, sein eigenes „digitales Ich“ zu kennen.

Dies verhilft dem Menschen, seine digitalen Aktivitäten bewusst zu steuern und sich im Klaren zu sein, wie er in der virtuellen Gesellschaft agiert, wie er auf digitale Inhalte reagiert und was der „digitale Medienkonsum“ aus ihm macht. Ansonsten ist er ein von Daten und Informationen fremdgesteuertes, unkontrolliertes Wesen, was anfangs harmlos scheint aber schnell in eine Abhängigkeit übergehen kann und das Smartphone einen in der Hand hat.

Das eigene Smartphone-Nutzungsverhalten beispielsweise zu erkennen, heisst sich zu fragen, welches Bedürfnis möchte ich grundsätzlich stillen? Ist es rein die Unterhaltung, die ich suche oder habe ich einen konkreten Informations- und Kommunikationsbedarf. Ist es oft eine Ersatzbeschäftigung bei Monotonie, Langeweile und Ziel- und Orientierungslosigkeit? In welchen Lebensbereichen ist das Smartphone unentbehrlich, welche Lebensbereiche sind digital dominiert?  Welchen Grad an Relevanz und Dringlichkeit haben die Informationen? In welchen zeitlichen Abständen suche ich meine Lieblingsdestinationen, die favorisierten Apps oder Plattformen am Smartphone auf? Welche Menge an Informationen brauche ich und wieviel digitalen Medienkonsum vertrage ich?

Achtsamkeit erfordert auch die Darstellung und Abbildung des „digitalen Ichs“ im Internet. Welche Botschaft gebe ich mit meinen Kommentaren, Postings und mit meiner Selbstdarstellung ab? Welches Image baue ich damit auf? Entspricht sie meiner natürlichen Persönlichkeit und spiegelt sie meine Identität wider, bin ich noch gaubwürdig und vor allem authentisch?

Wachsam sein bedeutet die eigenen Verhaltens- und Nutzungsmuster am Smartphone zu erkennen – sich zu fragen, welchen Quellen vertraue ich, springe ich auf jeden Trend auf (bin ich ein Early Adaptor?) oder neige ich dazu, mich in meinem virtuellen sozialen Umfeld wohler zu fühlen als im realen Leben, vor dessen Interaktionen mit Menschen ich mich scheue?

Eine Überlegung sollte auch sein, über welche Kanäle die eigene Meinungsbildung stattfindet oder beeinflusst wird.
Es ist ebenso wichtig, die Trigger der eigenen digitalen Medienwelt zu entlarven. Auslöser können beispielswese Reizworte, Schlagzeilen, diverse Inhalte, visuelle Reize, akustische Signale o.ä. sein.
Vice versa muss der Mensch auch reflektieren, was seine digitalen Aktivitäten bei anderen auslösen oder verursachen.

Vielen Menschen ist die Datengenerierung, -sammlung und -auswertung und -verwendung von Systemen, Programmen und Prozessen auf Basis ihrer getätigten digitalen Aktionen nicht bewusst. Wachsamkeit bedeutet auch sich dessen bewusst zu sein, dass der Mensch ein potenzieller Kunde ist für Produkte und Dienstleistungen, die über online-Marketing Instrumente (dazu gehören auch Social Media) beworben werden. Nur wenige Menschen befassen sich genauer mit den Sicherheitseinstellungen ihrer Privatsphäre und den Entscheidungsmöglichkeiten über den Erhalt von Werbeeinschaltungen in ihrem Feed.

Die Bedienung von Maschinen bzw. Technologien erfordert immer eine Anleitung, Vorsicht und Achtsamkeit. Durch die Handlichkeit des Smartphones verharmlost der Mensch diesen Aspekt und es relativiert sich dieses Gebot. Die „Gefahrenquellen“ sind jedoch latent.

Grundsätzlich gilt: je mehr Beschleunigung im Außen, desto mehr Sicherheit und Ruhe bedarf es im Innern eines Menschen. Achtsamkeit muss auch für die digitale Welt trainiert werden.

Dieser Beitrag von Dr. Sanem Keser-Halper ist der erste Teil einer Interviewreihe. Nächste Woche folgt der zweite Teil über die Gefahren der Belastung durch Social Media und die Wohltat einer Digital Detox.

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