Smart-Life-Balance – Ein Leben mit dem Smartphone

by Bianca Bogad-Frey

Sanem Keser-Halper: Smart-Life-Balance – Ein Leben mit dem Smartphone

Sanem Keser-Halper ist Marketing- und Kommunikationsexpertin mit langjähriger Berufserfahrung und aktuell bei der Gesundheit Österreich tätig. Im September 2025 veröffentlichte sie ihr Buch „Wieder mehr vom Leben – Du hast es in der Hand“ – ein Ratgeber für eine gesunde Smartphone-Nutzung. Gemeinsam unterhalten wir uns über die Risiken der Always-On-Mentalität, die Folgen für das menschliche Miteinander und vieles mehr.

Was hat dich persönlich dazu motiviert, dieses Buch zu schreiben?

Digitale Medien beschäftigen mich beruflich seit mittlerweile knapp 30 Jahren und sind essenziell in Marketing und Kommunikation. Im Zuge dessen wurde mir immer mehr bewusst, wie sehr sie auch unseren persönlichen Alltag in vielzähligen Lebensbereichen durchdringen und bestimmen und, dass viele Menschen – Kinder und Erwachsene – Herausforderungen im gesunden Umgang mit der meistgenutzten digitalen Technologie – dem Smartphone erleben.
Das bewegte mich dazu, einen Ratgeber für eine bewusste, selbstbestimmte und verantwortungsvolle Smartphone-Nutzung zu verfassen.

Welche Erfahrungen mit der eigenen Smartphone-Nutzung waren für dich prägend?

Gleich vorweg: Die Vorteile der Smartphone-Nutzung in der Kommunikation und Vernetzung, Organisation und Informationsbeschaffung sowie die Erleichterung im Alltag möchte ich nicht mehr missen.

Gleichzeitig habe ich aber auch festgestellt, wieviel Aufmerksamkeit wir unserem Smartphone schenken, wie schnell es zur Ablenkung genutzt wird und wie bedenkenlos wir digitale Medieninhalte – Content, Informationen, Nachrichten etc. – konsumieren. Erste Anzeichen von Auswirkungen auf mein körperliches und mentales Wohlbefinden und Erlebnisse in sozialen Interkationen waren ausschlaggebend und gaben mir zu verstehen, dass diese „Always-on“ Mentalität – ständig erreichbar und aktiv sein zu müssen und dieses „Always up to date“ nicht gesund sein können. So begann ich meinen eigenen Medienkonsum zu reflektieren und Veränderungen anzustoßen.

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Viele Menschen sind beruflich stark vom Smartphone abhängig – welche Tipps gibst du, um trotzdem bewusst damit umzugehen?

Die ständige Aktivität und Verfügbarkeit auf dem Smartphone (und weiteren zusätzlichen Devices) und auf unterschiedlichen digitalen Kommunikationskanälen erzeugt chronischen Stress aufgrund von Druck, die beruflichen Anforderungen zu erfüllen, Überlastung und digitaler Erschöpfung – noch mehr, wenn keine Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben gesetzt werden (können).

Um negative gesundheitliche Auswirkungen zu vermeiden oder weitestgehend einzuschränken, empfehle ich daher bewusst Grenzen in der Nutzung zu setzen, unwesentliche Benachrichtigungen zu deaktivieren, die Aufmerksamkeit dem Relevanten zu widmen, Pausen einzulegen (bspw. abends oder am Wochenende), gezielt offline Zeiten einzuhalten, redundante Informationsquellen zu reduzieren und zum Ausgleich analoge Aktivitäten einzuplanen – im Sinne einer „Smart-Life-Balance“ – einer ausgewogenen technologiebasierten Lebensweise.

Wie gelingt es, die Konzentrationsfähigkeit Schritt für Schritt wieder aufzubauen?

Dazu braucht es zunächst den Willen dazu und eine hohe Selbstdisziplin.

Ziel muss es sein, die Ablenkung und ständige Beschäftigung am und mit dem Handy abzustellen und unser Gehirn vor „Dauerbespielung“ zu bewahren, wenn man sich voll und ganz einer bestimmten Aufgabe (oder auch einer Person oder Aktivität) widmen möchte. In der regelmäßigen Umsetzung erlernen wir wieder die Fähigkeit, uns auf eine Aufgabe zu konzentrieren und fokussierter zu sein.

Das gelingt, indem man bspw. das Smartphone außer Sicht- und Reichweite legt, Benachrichtigungen stumm schaltet oder für diesen Zeitraum nicht erreichbar ist.

Kritischer Medienkonsum ist ein wichtiges Thema – wie kann man das im Alltag üben, ohne ständig das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen?

Smartphone-Nutzung und Medienkonsum sind zur Selbstverständlichkeit geworden und das, was wir als selbstverständlich hinnehmen, hinterfragen wir nicht. Und genau das müssen wir tun.

Wir können unsere Mediennutzung reflektieren, in dem wir uns nach dem Lesen von Nachrichten, Scrollen durch unzählige Postings oder Anschauen von Reels Gedanken dazu machen, inwiefern sie für uns informativ, dienlich, bedeutsam oder wertvoll waren und was sie in uns auslösen. Das lässt uns feststellen, dass der Großteil an Medieninhalten nicht unsere Aufmerksamkeit verdient. Nur so kann sich das Gefühl einstellen, eigentlich kaum etwas zu verpassen.

Abgesehen davon erreichen uns viele Medieninhalte wiederkehrend oft auf unterschiedlichen Kanälen, sodass wir allein deshalb kaum etwas verpassen können.

Inwiefern trägt bewusste Smartphone-Nutzung zu einem wertschätzenderen Miteinander bei?

Im Falle von hauptsächlich digitalen Interaktionen mit Menschen verlernen wir den Umgang miteinander. Es schwächt unsere Fähigkeiten wie Empathie oder Konfliktlösung.

Über das Smartphone kommunizieren wir effizienter und unverbindlicher. Wir bevorzugen es zu texten (chatten) anstatt zu telefonieren oder nehmen über Social Media teil am Leben unserer (auch engsten) Mitmenschen. Echte Gespräche werden anstrengend aufgrund von verkürzten Aufmerksamkeitsspannen und sinkender Konzentrationsfähigkeit und Gesprächsinhalte haben oft auch keinen Neuigkeitswert mehr, da wir ohnehin bereits vieles digital erfahren, gelesen oder gesehen haben.
Eine bewusste Smartphone-Nutzung bedeutet auch, meinem Gegenüber mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen. Beim Lesen von Kommentaren zu diversen Beiträgen sehen wir eindeutig, dass Anonymität im digitalen Miteinander eine aggressive, verletzende oder diskriminierende Ausdrucksweise fördert.

Deshalb ist es wichtig, echten sozialen Interaktionen, so oft wie möglich, Vorrang zu geben und unseren Mitmenschen die volle Aufmerksamkeit zu schenken ohne vom Smartphone abgelenkt zu werden. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Nur so können tiefere Verbindungen entstehen.

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Was sind deine Lieblingsmethoden, um das Smartphone im Alltag „in die zweite Reihe“ zu stellen?

Der Griff zum Smartphone erfolgt bei vielen von uns mittlerweile „automatisiert“ wie beispielsweise um kurz auf die Uhr zu schauen. Dabei bliebt es, wie wir wissen, nicht. Denn schon befinden wir uns auf unserem Lieblingsmessenger-Dienst, beantworten ein, zwei Nachrichten, aktualisieren den Feed auf Social Media Plattformen etc.

Daher trage ich beispielsweise eine Armbanduhr, um nicht nach dem Handy greifen zu müssen. Ich vermeide es nach dem Aufstehen sofort mein Smartphone zu checken oder vor 10:00 Uhr Social Media Apps aufzurufen.

Das Weglegen des Smartphones hilft mir, wenn ich ein Buch lese oder fernsehe, um nicht verleitet zu werden, zwischenzeitlich danach zu greifen. Dann gibt es handyfreie Zeiten und Aktivitäten wie vor dem Schlafengehen, persönliche Gespräche, das gemeinsame Essen oder die Gassirunden mit meinem Hund.

Weiters habe ich mir angewöhnt, beim Warten bewusst nicht zum Handy zu greifen, um die Zeit zu überbrücken. Diese nutze ich meditativ, um meinen Atem zu beobachten oder um meine Gedanken schweifen zu lassen, zu sortieren oder meine Umgebung und die Menschen zu beobachten. Es tut gut, mehr im Moment zu sein.

Wie reagieren Jugendliche oder junge Erwachsene auf deine Empfehlungen?

Das Smartphone ist ein fixer und wichtiger Bestandteil der Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ihre Sozialisation fand bzw. findet zu einem beachtlichen Teil über die digitalen Medien statt. Dort findet auch die Identitätsfindung statt: es sind Fragen, wie: wer bin ich, wo will ich dazugehören, wo will ich mich abgrenzen, wo suche ich nach Anerkennung? Die digitale Welt ist der Ort, an dem sie sich mit ihren Gefühlen, Träumen, Ängsten und Wünschen auseinandersetzen können.

So ist verständlich, dass strikte Regeln oder gar Verbote bei der Smartphone-Nutzung nicht gut ankommen oder als Übergriff und Eindringen in ihre Lebenswelt eingeordnet werden – Unterstützung und Empfehlungen zur Einschränkung und bewussten Nutzung hingegen schon. Viele Jugendliche sind sich Ihrer Smartphone-Abhängigkeit bewusst aber schaffen es alleine nicht, wegzukommen.

Was müsste man denn gesellschaftlich verändern um zum Beispiel auch Kinder und Jugendliche mehr zu schützen?

Wir sind verpflichtet, unsere Kinder und Jugendlichen in der digitalen Lebenswelt zu schützen. Es braucht jedenfalls klare Regeln und Maßnahmen mehrerer Akteure, die in der Verantwortung stehen.

Eltern und Erziehende und im Grunde die breite Öffentlichkeit, muss zu Themen der gesunden und verantwortungsvollen Mediennutzung sensibilisiert und aufgeklärt werden und als Vorbild dienen. Vielen fehlt noch das Verständnis für die Notwendigkeit hierfür oder der Einblick in die Risiken, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind wie z.B. Schutz der Privatsphäre, Cybergrooming, unangemessene Inhalte, Fake News etc.

Im Lehrplan ist die digitale Bildung verankert, in Schulen finden Workshops zum sicheren Umgang mit dem Smartphone statt und ein Handy-Verbot in der Schule bis zur achten Schulstufe dient dazu, soziale Interaktion und ein wertschätzendes Miteinander zu fördern, den Fokus auf das Lernen zu ermöglichen und die Konzentrationsfähigkeit aufzubauen.

Ganz aktuell hat der ORF die Medienkompetenz-Initiative im Schulbereich angekündigt.

Die EU-Kommission hat kürzlich Leitlinien zum Schutz von Minderjährigen im digitalen Raum veröffentlicht. Der Digital Services Act regelt europaweit einheitliche Anforderungen an den Kinder- und Jugendmedienschutz auf Online-Plattformen. Das bedeutet auch, dass Anbieter digitaler Plattformen zu altersgerechten Angeboten und Einstellungen verpflichtet werden sollen.

Es tut sich was auf dem Gebiet, das ist erfreulich!

Wenn die Leser:innen nur einen einzigen Ratschlag aus deinem Buch mitnehmen sollen – welcher wäre das?

Übernimm DU wieder die Kontrolle über deine eigene Aufmerksamkeit, indem du deine Mediennutzung ehrlich reflektierst und dich bewusst dazu entscheidest, dir Raum für echte Begegnungen, Freude, Kreativität, Erfolgserlebnisse und Erholung zu schaffen, um dein Wohlbefinden zu steigern und mehr vom Leben zu haben.

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