
Die Kontrolle über die eigene IT-Infrastruktur ist längst keine rein technische Frage mehr, sondern das Fundament unternehmerischer Handlungsfähigkeit. Wer heute die Weichen stellt, sichert sich die Optionen von morgen.
René Hauri, Senior Berater Digitale Verwaltung & Transformation bei der Stadt Zürich, bringt Licht in das komplexe Feld der digitalen Souveränität. Er zeigt auf, wie Organisationen Abhängigkeiten gezielt reduzieren, ohne dabei an Innovationskraft zu verlieren.
Lassen Sie es sich nicht entgehen, mit Branchenikonen über die Themen zu sprechen, die 2026 wirklich Gewicht haben beim Confare CIOSUMMIT Wien. HIER anmelden.
Worin liegt die entscheidende strategische Bedeutung der digitalen Souveränität? Wann kann man den wirklich von digitaler Souveränität sprechen?
Die strategische Bedeutung liegt in der Sicherung der Handlungsfähigkeit. Digitale Souveränität bedeutet, dass eine Organisation auch unter veränderten rechtlichen, wirtschaftlichen oder geopolitischen Bedingungen entscheiden und handeln kann. Es geht um Kontrolle über Daten, Systeme und Abhängigkeiten. Von digitaler Souveränität kann man sprechen, wenn Organisationen wissen, wo ihre Daten liegen, wer darauf zugreifen kann, wenn sie reale Wahlmöglichkeiten zwischen Anbietenden haben und wenn sie über ausreichendes eigenes Wissen verfügen, um Systeme betreiben, weiterentwickeln oder wechseln zu können.
Wie bewertest du die Geschwindigkeit, mit der der Markt für souveräne Technologien wächst? Reicht sie aus für die Bedürfnisse moderner Organisationen?
Der Markt wächst, aber nicht gleichmässig. Einzelne Bausteine wie Infrastruktur oder Kollaboration sind weit entwickelt, integrierte Gesamtlösungen weniger. Für moderne Organisationen reicht das Wachstum dann aus, wenn sie nicht auf vollständige Alternativen warten, sondern schrittweise vorgehen. Entscheidend ist nicht die Geschwindigkeit des Marktes allein, sondern die Fähigkeit der Organisation, Abhängigkeiten zu erkennen und gezielt zu reduzieren.
Welche konkreten Risiken entstehen für ein Unternehmen, wenn man auf „perfekte Lösungen“ wartet, statt jetzt Schritte Richtung Souveränität zu setzen?
Abhängigkeiten verfestigen sich weiter und werden teurer zu lösen. Technische und organisatorische Verflechtungen nehmen zu. Verhandlungsspielräume schrumpfen. Gleichzeitig fehlt es an Erfahrung im Betrieb souveräner Lösungen. Auch Sicherheits- und Steuerungsrisiken bleiben bestehen, weil Kontrolle und Transparenz nicht zunehmen. Warten erhöht langfristig Kosten, Risiken und Komplexität.
Navigieren in der Abhängigkeit: Das Whitepaper zur Digitalen Souveränität
Die Theorie ist die Basis, die Umsetzung in der Praxis die eigentliche Aufgabe. René Hauri hat ein Whitepaper veröffentlicht, das CIOs und IT-Verantwortlichen konkrete Orientierung bietet, wie digitale Souveränität steuerbar wird und in der Operationalisierung strukturiert werden kann. Zielgruppe ist primär der öffentliche Sektor.
Erfahren Sie mehr über die strategische Steuerung und diskutieren Sie mit: Hier geht es zum Whitepaper und zum Austausch auf LinkedIn
Wie schaffst man es, Innovation und Skalierbarkeit mit dem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit zu verbinden?
Durch klare Architektur und bewusste Steuerung. Offene Schnittstellen und Datenformate schaffen Beweglichkeit. Modulare Systeme verhindern neue Abhängigkeiten. Kritische Daten und Kernprozesse werden stärker kontrolliert, weniger kritische Leistungen flexibel bezogen. Wechseloptionen und Ausstiegsszenarien werden von Beginn an mitgeplant. So bleibt Raum für Innovation, ohne die Kontrolle zu verlieren.
Was erwartest du von europäischen Technologieanbietern, damit sie eine echte Alternative zu globalen Plattformen darstellen können?
Echte Interoperabilität, stabile Betriebsmodelle und transparente Verantwortung. Services und Produkte müssen skalierbar, verlässlich und gut integrierbar sein. Wechselbarkeit darf kein Zusatz sein, sondern muss Teil des Produkts sein. Dazu gehören saubere Datenexporte, klare Verträge und nachvollziehbare Sicherheits- und Betriebsstrukturen.
Was muss man als CIO heute bedenken, um künftig handlungsfähig zu sein?
Eine wichtige Grundlage ist die Kenntnis des Schutzbedarfs von Daten und Diensten. Governance, Verträge und Verantwortung sind gleichwertig zur Technik zu behandeln. Fähigkeiten in Architektur, Betrieb, Beschaffung und Steuerung müssen aufgebaut werden. Szenarien für Ausfall, Rechtsänderungen oder Anbieterwechsel gehören zur Planung. Handlungsfähigkeit entsteht durch Vorbereitung. Blinder Aktionismus sollte vermieden werden.
Wie stellt man sicher, dass Teams und Organisationen bereit sind, souveränere Wege zu gehen – auch wenn sie anfangs unbequem sind?
Es braucht einen klaren Auftrag aus der Führung mit realistischen Zielen. Der Einstieg erfolgt über überschaubare Schritte, Proof of Concept oder Pilotbereiche. Kompetenzen werden im Alltag aufgebaut, nicht nur über Konzepte. Wichtig ist offene und stetige Kommunikation über Mehraufwand und Nutzen. Akzeptanz entsteht, wenn Mitarbeitende verstehen, warum Veränderungen notwendig sind und wo sie konkret helfen. Betroffene früh zu Beteiligten zu machen unterstützt die Organisationskultur und ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg.
Wie wichtig sind für dich Kooperationen, Allianzen und gemeinsame Standards, um digitale Souveränität überhaupt erreichen zu können?
Sie sind zentral. Gemeinsame Standards reduzieren Integrationsaufwand und machen Wechsel möglich. Kooperationen stärken Verhandlungspositionen, Betriebssicherheit und Wissenstransfer. Ohne Zusammenarbeit bleibt digitale Souveränität fragmentiert. Kooperationen und Allianzen sind wichtige Treiber.
Was müsste politisch, wirtschaftlich oder technologisch passieren, damit Europa in puncto digitale Souveränität wirklich aufschließt?
Politisch braucht es klare Anforderungen für die Beschaffung, etwa zu Standards, Portabilität und Kontrolle. Hier spreche ich insbesondere die Beschaffung im staatlichen Umfeld an. Wirtschaftlich sind langfristige Investitionen in tragfähige Angebote nötig. Technologisch sollte der Fokus auf gemeinsamen Basiskomponenten liegen, die breit einsetzbar sind. Entscheidend ist ein funktionierendes Ökosystem aus Verwaltung (Staat), Wirtschaft und Forschung. Europa wacht gerade auf. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher, ob wir immer noch hoffen oder bereits nachhaltig handeln.
Bleiben Sie immer auf dem Laufenden mit einem kostenlosen Confare ConText Abo. HIER Ihr kostenloses Abo abschließen.



