Rainer Karcher (Heartprint) – Sustainability ist tot! Und wir haben sie getötet!

Rainer Karcher ist CEO der Heartprint GmbH, CSO von SustainableIT.org und regelmässiger Referent zu den Themen Twin Transformation, Responsible AI und digitale Souveränität. Im heutigen Interview unterhalten wir uns über den Sustainability-Begriff, wieso er heute nichts mehr aussagt und was für konkreter Handlungsbedarf besteht.
Du hast vor Kurzem eine Vorlesung mit dem Statement „Sustainability ist tot“ eröffnet – was genau meinst Du damit in der Praxis von IT-Organisationen?
Ich meine das wörtlich – aber nicht pessimistisch. Der Begriff hat sich totgelaufen. Er steht im Jahresbericht des Ölkonzerns, auf der Fast-Fashion-Verpackung und im Leitbild von Unternehmen, die ihre Lieferkette noch immer nicht kennen. Ein Begriff, der überall ist, verliert seine Orientierungskraft. In IT-Organisationen beobachte ich das konkret: Nachhaltigkeit ist das Kapitel am Ende der Strategie – gut gemeint, selten priorisiert, oft delegiert. Was wir brauchen, ist kein neues Label. Wir brauchen eine neue Frage: Was hinterlassen wir? Nicht der Fußabdruck, sondern der Herzabdruck ist der eigentliche Maßstab.
Was hat sich in den letzten zwei Jahren verändert, dass Nachhaltigkeit heute anders diskutiert wird als noch zuvor?
Geopolitik hat sich in die Rechenzentren geschlichen. Die Straße von Hormuz beeinflusst Cloud-Preise. Der Ukraine-Krieg hat Energieabhängigkeiten sichtbar gemacht, die wir jahrelang ignoriert haben. Und Trump hat in den USA den ESG-Rückbau salonfähig gemacht – mit direktem Druck auf europäische Standards. Gleichzeitig: KI frisst Strom und Wasser in einem Ausmaß, das viele noch nicht realisiert haben. Bis 2030 könnten Rechenzentren weltweit rund 945 TWh verbrauchen – das ist mehr als Japans gesamter Stromverbrauch heute. Nachhaltigkeit ist deshalb keine Frage der Haltung mehr. Sie ist eine Frage der Systemstabilität.
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Welche Rolle spielt wirtschaftlicher Druck dabei, dass Nachhaltigkeit oft in den Hintergrund rückt?
Eine zentrale – und eine gefährliche. Wie ich bereits im letzten Confare-Beitrag geschrieben habe: Unternehmen sparen gerade an den falschen Stellen. Nachhaltigkeitsinitiativen werden zurückgefahren, Innovationsbudgets gekürzt, alles ohne 12-Monats-ROI landet auf der Streichliste. Das ist kurzsichtig – und hat konkrete Konsequenzen. Denn während der EU-Omnibus die direkte CSRD-Berichtspflicht für viele KMU entschärft hat, fordern Großkonzerne in Ausschreibungen längst Scope-3-Daten und Dekarbonisierungsstrategien. Wer glaubt, mit der Nicht-Berichtspflicht sei das Thema vom Tisch, sitzt in einer Falle. Der Markt ist strenger als die Regulierung.
Wie erklärst Du den Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und digitaler Souveränität aus CIO-Perspektive?
Die Verbindung ist direkt und wird noch viel zu selten hergestellt. Wer seine gesamte IT-Infrastruktur bei US-Hyperscalern betreibt, hat nicht nur ein Datenschutzproblem – er hat ein Energieproblem und ein Souveränitätsproblem zugleich. AWS, Azure, GCP: US-Recht gilt für deine Daten, egal wo der Server steht. GPT, Gemini, Claude: trainiert, gehostet und bepreist in Drittstaaten. Wer seine Rechenzentren stattdessen mit europäischem Wind- und Solarstrom betreibt, KI-Modelle auf europäischen Servern trainiert und Open-Source-Alternativen einsetzt, baut echte Resilienz auf – ökologisch, geopolitisch und strategisch. Nachhaltigkeit und Souveränität sind zwei Seiten derselben Medaille.
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Was bedeutet es konkret für IT-Entscheidungen, wenn man Nachhaltigkeit als Designfrage versteht?
Es bedeutet: Die Frage „Wie nachhaltig ist unsere Lösung?“ kommt nicht am Ende des Projekts, sondern in die Anforderungsanalyse. Konkret: Welche KI nutzen wir – und mit welcher Energie? Welchen Product Carbon Footprint hat unsere Infrastruktur? Haben wir Accessibility von Anfang an mitgedacht – nicht als Compliance-Anhang, sondern als Designprinzip? Der Curb-Cut-Effekt zeigt, wie das funktioniert: Was für Rollstuhlfahrende gebaut wurde, nutzt Eltern mit Kinderwagen, Lieferanten mit Koffern, Radfahrenden. Was für alle zugänglich gebaut wird, ist schlicht besseres Design. Nachhaltigkeit als Designfrage erzeugt Qualität – keine Mehrbelastung.
Welche Fehlannahmen begegnen Dir aktuell am häufigsten, wenn Unternehmen über nachhaltige IT sprechen?
Drei, immer wieder:
Erstens: „Der Omnibus hat uns gerettet.“ Nein. Großkonzerne fragen Scope-3-Daten über Ausschreibungen ab. Der Markt reguliert, was die Politik aufgeschoben hat.
Zweitens: „KI macht uns automatisch nachhaltiger.“ Nein. KI ist kein Freifahrtschein. Der Rebound-Effekt ist real: Effizienzgewinne werden durch wachsenden Verbrauch aufgefressen. GPT-3-Training erzeugte ca. 85 Tonnen CO₂e. Die Frage ist nicht ob wir KI einsetzen – sondern welche, für welchen Zweck, mit welcher Energie.
Drittens: „Nachhaltigkeit ist ein Thema für große Konzerne.“ Irrtum. Jede Veranstaltungsagentur mit 200 Mitarbeitenden, die an einem DAX-Konzern liefert, ist längst Teil der Scope-3-Kette. Die Kettenreaktion läuft nach unten.
Welche Rolle spielen regulatorische Entwicklungen wie CSRD oder EU AI Act?
Eine strukturierende – wenn man sie richtig liest. Der eigentliche Wert eines Nachhaltigkeitsreports liegt nicht im Dokument. Er liegt in dem, was ihn erzwingt: ein systematisches Durchleuchten des eigenen Geschäftsmodells, eine ehrliche Bestandsaufnahme von Risiken. Unternehmen, die das ernst nehmen, gewinnen strategische Klarheit – unabhängig davon, ob Brüssel gerade vorwärts oder rückwärts marschiert.
Ähnliches gilt für den EU AI Act. Wer ihn als Bürokratie liest, verpasst die Einladung: endlich verbindlich zu definieren, welche KI-Anwendungen welchen Zwecken dienen, welche Risiken sie tragen, wer haftet. Das ist keine Compliance-Aufgabe. Das ist Strategiearbeit.
Wie verändert sich die Verantwortung von Entwickler:innen und Architekt:innen durch diese Themen?
Fundamental. Wer Code deployt, ist möglicherweise „Deployer“ im Sinne des EU AI Acts – mit eigenen Pflichten. Wer KI-generiertem Code blind vertraut, übernimmt auch ihre Denkfehler. Ich habe das in der Gastvorlesung an der ZHAW live demonstriert: Die meisten Sprachmodelle beantworten die Frage „Soll ich zur 100 Meter entfernten Waschanlage laufen oder fahren?“ mit „Geh zu Fuß – gut für die Umwelt!“. Das Auto bleibt schmutzig. Pattern-Matching statt Reasoning.
Der Wert von Entwickler:innen liegt künftig nicht mehr im Schreiben von Code. Er liegt im Verstehen, Hinterfragen und Verantworten. Wer das nicht versteht, wird von seinen eigenen Systemen geführt. Und wer es versteht, ist genau das, was der Markt auch noch 2030 sucht.
Was unterscheidet die nächste Generation von IT-Fachkräften in ihrem Zugang zu Nachhaltigkeit?
Sie wächst mit dem Widerspruch auf – nicht trotz ihm. Zum Beispiel haben die Studierenden in Winterthur sofort verstanden, dass 945 TWh Rechenzentrumsstrom bis 2030 kein abstraktes Umweltthema ist, sondern eine Architekturfrage, eine Karrierefrage, eine ethische Frage. Was ich spüre: Die nächste Generation will nicht Compliance verwalten. Sie will gestalten. Und sie stellt Fragen, die meine Generation sich zu lange gespart hat – zum Beispiel: Für wen schreibe ich diesen Code eigentlich? Und was passiert, wenn er schiefläuft?
Genau das ist der Herzabdruck, den wir hinterlassen sollten. Kein Zertifikat. Eine Haltung.


