
In der IT-Welt sprechen wir oft über Cybersecurity, Firewalls und Zero Trust. Doch während wir die Unternehmensdaten schützen, übersehen wir oft den vulnerabelsten Ort unserer Gesellschaft: das Kinderzimmer. Pädagogin Ludmila Schindler, Initiatorin der Initiative DigiFö an Wiener Schulen, sieht täglich, was passiert, wenn die digitale Transformation ohne Leitplanken im privaten Raum stattfindet.
Als pädagogische Betreuerin unserer Initiative Confare Livin IT – Young Perspectives schlägt sie Brücken zwischen Technik und Menschlichkeit. Im ersten Teil unseres Interviews räumt sie mit der Illusion auf, dass digitale Verwahrlosung ein Problem der „anderen“ ist und zeigt auf, warum wir als Vorbilder in der Verantwortung stehen.
Dieser Beitrag ist der Auftakt eines intensiven Gesprächs. Lesen Sie hier im 2. Teil des Interviews, wie soziale Medien die Radikalisierung fördern und welche drei Regeln sofort helfen.
In Deinem Buch Tatort digitales Kinderzimmer beschreibst Du sehr konkrete Gefahren im digitalen Alltag von Kindern. Was hat Dich persönlich dazu bewegt, dieses Thema so klar und direkt aufzugreifen?
Dieses Buch ist tatsächlich das Ergebnis zahlreicher Beobachtungen der letzten vier Jahre, die mich sehr bewegt haben und in ihrem Ausdruck so schockierend klar waren, dass mir nichts anderes übrigblieb als sich meiner Verantwortung als Sonderpädagogin bewusst zu werden und die Entscheidung zu treffen, darüber was ich täglich sehe zu schreiben, um die Gesellschaft aufzurütteln. Die Schulpartnerschaft, also die Eltern, die Schulleitung, die Lehrkräfte, die Schulpsycholog:innen, die Sozialarbeiter:innen, die Schulärzt:innen, die Psychagog:innen, die Beratungslehrer:innen, aber auch die Elementarpädagog:innen in den Kindergärten können es sich nicht mehr erlauben, wegzusehen und so zu tun, als wäre das Verhalten und die Entwicklung der Kinder „normal“, wenn es das nicht der Fall ist.
Gleichzeitig sehe ich, wie machtlos genau diese hier genannten Berufsgruppen sind, wenn Eltern bzw. Erziehungsberechtigten nicht im Sinne der Kinder mit dem Schulsystem kooperieren. Die Zeit läuft uns davon, während das Kind digital verwahrlost.
Auslöser war auch der letzte tragische Fall eines gescheiten, jedoch offensichtlich durch zu frühen Konsum äußerst schädlicher und schockierender digitaler Inhalte besonders verhaltensauffälligen Jungen im Alter von 8 Jahren, der bereits massive Störungen im sozialen Verhalten aufwies. Dies äußerte sich darin, dass alles, was er bisher im Internet konsumiert hatte – ob sexuelle Inhalte oder Gewaltvideos – jeden Tag in der Schule nicht nur für andere sichtbar war, sondern seine weitere schulische Laufbahn massiv gefährdete und noch immer gefährdet. Dieses Problem wurde leider auch von der Kinder- und Jugendhilfe unterschätzt, obwohl es nicht nur um dieses Kind ging, sondern auch um den Schutz seiner Mitschüler:innen. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass solche Kinder für die Gesellschaft „tickende Zeitbomben“ sind. Wenn sich niemand um sie kümmert, dann geht die Bombe hoch. Hoffentlich nicht in einer Schule. Dem eventuell letzten Ort, an dem diesem Kind hätte geholfen werden können. Die Wut, die sich in seinen Gewaltfantasien niederschlägt und mit der dieses Kind täglich in die Schule kommt, wird sich eines Tages entladen. Die Frage ist nur wann, wo und an wem?
Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass die gravierendsten Folgen unkontrollierten Gewalt- und Pornovideos im Kleinkind – und Volksschulalter in den letzten vier Jahren bisher nur bei Buben zu beobachten war. Man muss sich fragen, warum Eltern und Erziehungsberechtigte digitale Medien als „typische Bubenspielzeuge“ betrachten, die sie als digitale Babysitter einsetzen, um die Kinder „still“ zu halten. So entdecken gerade diese lebhaften Buben während ihrer sensiblen Entwicklungsphase nur digitale Erlebnisräume und nicht reale, wo sie sich mit ihrem Drang nach Bewegung abreagieren könnten. Dieses übermäßige Abreagieren erfolgt dann in der Schule, was auch häufig als ADHS- Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitäts-Störung angenommen wird und einer klinisch-psychologischen Abklärung bedarf. Die Ansuchen um solche Abklärungen bezüglich ADHS bei Kindern erfolgen während des Schuljahres bei der Schulpsychologie fast schon wie am laufenden Fließband.
In meinen Fortbildungsseminaren für Freizeitpädagogen werden immer mehr Fragen zum Umgang mit Schülern gestellt, statt sich mit mir neue und kreative Freizeitideen für die unterrichtsfreie Zeit in Klassenräumen und im Freien auszudenken. Es scheint, als müssten sich alle, die im Schulsystem tätig sind, zu Schulpsychologen und Kinderpsychiatern fortbilden, die auf schwere Traumata spezialisiert sind, um die gravierenden Verhaltensauffälligkeiten nicht nur zu verstehen, sondern damit auch umgehen zu können.
Welche Situationen im „digitalen Kinderzimmer“ werden Deiner Erfahrung nach von Eltern am häufigsten unterschätzt?
Das „digitale Kinderzimmer“ ist ein Ort, an dem sich das Kind oft viel zu lange alleine aufhält, weil es keine Ansprechpartner unter den Bezugspersonen in den eigenen vier Wänden hat. Das digitale Kinderzimmer nehmen die Kinder überall mit. Es ist ihr Smartphone oder ihr Tablet.
Manchmal ist das digitale Kinderzimmer der Kinderwagen, in dem ein vierjähriges Kind sitzt, weil die Eltern „in Ruhe“ Schaufenster auf der Straße schauen. Das Kind macht keine Umwelterfahrungen – und beobachtungen. Hat nichts um sich herum gesehen, gerochen, erkannt, begriffen oder gehört. Es spürt die Natur um sich herum nicht. Immer mehr Kinder sagen, sie können nicht zeichnen. Wenn man ihnen nicht die Möglichkeit gibt, einen Baum genauer zu betrachten, dann kann es sich nicht vorstellen, wie man einen Baum zeichnen könnte.
Beim Skiurlaub beobachtete ich sechs Erwachsene an einem Esstisch mit einem 6-jährigen Kind, das Kopfhörer hatte und mit runterhängendem Kopf in sein Smartphone starrte. Keiner dieser erwachsenen „Vorbilder“ hat sich mit dem Kind unterhalten. Also darf man sich nicht wundern, wenn Avatare zu bevorzugten Gesprächspartnern von Kindern und Teenagern werden.
In einem Restaurant mit 6 Tischen, saßen Familien mit Kindern. An jedem Tisch spielte sich die gleiche Szene ab. Mit den Kindern wurde nicht gesprochen, weil sie alle aus nächster Nähe in einen kleinen Monitor schauten und ihre kleinen Finger entweder über den Bildschirm wischten oder hektisch auf der Tastatur tippten. Sie hörten den Erwachsenen nicht zu. Es gab keinen Blickkontakt. Das Handy wird nur kurz abgelegt, wenn das Essen auf den Tisch serviert wird. Wie die Speise aussieht, woraus sie besteht, wie sie schmeckt können die Kinder nachher nicht erzählen, weil sie währenddessen weiter in den kleinen Monitor gucken.
Ein einziges Kind, ein Mädchen im Alter von zehn Jahren, hatte kein Smartphone in der Hand. Sie saß da und schaute den anderen zu, weil sich mit ihr niemand unterhielt. Das war ein Kind mit Down-Syndrom. Ich bewunderte ihre Geduld mit allen um sie herum, mit den Kindern und mit den Erwachsenen. Sie schien mir am aufmerksamsten zu sein. Sie nahm ihre Umgebung mit allen ihren Sinnen wahr. Sie erinnerte mich an eine Schülerin mit frühkindlichem Autismus, die in der 2. Volksschulklasse besser kommunizieren, zeichnen und selbständig arbeiten konnte, als ihre sogenannten „gesunden“ Mitschüler:innen.
Kinder, die uns Pädagog:innen nicht länger ins Gesicht schauen und ein paar Minuten zuhören können, erlebe ich im Schulalltag täglich. Es dauert immer länger, bis man eine Gruppe von Kindern einer 2. Volksschulklasse dazu bringt, kurz nach vorne zu schauen. Dieses Verhalten kannte ich früher von Kindern im Kindergartenalter.
Der runterhängende Kopf ist bereits am Schuleingang vor Unterrichtsbeginn zu sehen – und nach Unterrichtsende. Die Kinder unterhalten sich nicht mehr miteinander. Erzählen sich nicht mehr ihre Abenteuer im Park oder im Wald, sondern tauschen sich nur über ihre letzten Scores aus. Dafür darf ich die Eltern regelmäßig darum bitten, Augenarztkontrollen zu absolvieren, weil immer mehr Kinder mit ihrem Gesicht viel zu nah im Heft schreiben.
Wenn man Kinder fragt, was sie im Urlaub mit ihren Eltern erlebten, kommt lange nichts. Sie wissen nicht, was sie erzählen könnten. Was können Kinder auch erzählen, wenn sie sich nur noch in der virtuellen Welt erleben und nicht in der realen?
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Manipulation, Grooming oder Cybermobbing laufen oft sehr subtil und sind schwer für die Umgebung der Betroffenen zu bemerken. Wo beginnt für Dich echte Präventionsarbeit – im Elternhaus, in der Schule oder bei den Plattformen selbst?
Die ECHTE Präventionsarbeit GEHT JEDEN WAS AN. Alle Erwachsenen, die eine gesunde Generation prägen, (aus-)bilden und ihnen wichtige Werte vermitteln möchten. Die ersten und wichtigsten Bezugspersonen, die die Entwicklung der Kinder prägen, sind Eltern, der Kindergarten und die Schule. Nicht die Plattformen. Wobei man heute nicht mehr sicher sein kann. Institutionalisierung von Kindern mit einem ungeschulten pädagogischen Personal ist jedoch auch nicht die richtige Lösung. Das Bildungssystem muss für die BESTE QUALITÄT der Kinderbetreuung außerhalb des Elternhauses sorgen. Bei chronischer Personalknappheit und/oder nicht pädagogisch qualifiziertem Personal ist das Kind nicht in besten Händen. Ich weiß, wovon ich spreche.
Wenn ich als mündiger Bürger keinen Einfluss auf Plattformen oder die Politik (Digitalisierung, Familie, Gesundheit, Bildung) habe, kann ich als autonom entscheidende Erziehungsberechtigte darauf schauen, was ICH FÜR MEIN KIND machen kann! Es kann doch nicht sein, dass niemand für das, was in den eigenen vier Wänden passiert, verantwortlich ist! Wenn kleine ferngesteuerte, unterentwickelte Kinderroboter in die Schule kommen, denen in den ersten Lebensjahren die wichtigsten Körper- und Sinneserfahrungen fehlen, dann darf man sich nicht wundern, wenn der Begriff „digitale Autisten“ entsteht.
Die Eltern müssen sich wieder ihrer Erziehungspflichten bewusst werden. In einer Welt digitaler Transformation, muss der Erziehungsstil der Eltern angepasst werden, da sich das Freizeitveralten verändert hat. Eine neue Generation an Pädagog:innen muss sich mit einer neuen – digital geprägten – Kindergeneration auseinandersetzen.
Wer erzieht die Kinder von heute? Der Chatbot? Die Avatare? Die Influencer? Auf wen hören die Kinder und Jugendliche von heute? Auf die Lehrer nicht! Aber auch nicht auf die Eltern. Wo sind ihre Vorbilder? Kinder an die digitale Macht? Wohin soll das führen? Wir wollen Kontrolle über ihre Schulerfolge haben, aber haben keine Kontrolle über ihre Zeit außerhalb der Schule. 8-jährige gehen um 1 Uhr nachts schlafen, weil sie in ihrem Kinderzimmer stundenlang am Smartphone herumhängen. In der Schule sind sie nicht mehr aufnahmefähig, weil ihr Gehirn zu müde ist. Wie sollen solche Kinder Begeisterung für etwas entwickeln, wenn sie sich nicht mehr spüren? Dafür zeigte mir voriges Jahr mein ehemaliger Schüler, der seit der ersten VS-Klasse mit einer Ticstörung kämpft, stolz sein neues Videospiel – „Scary teacher“. Es dauerte noch ein Jahr, bis ich den Eltern klar machte, dass es einen Zusammenhang zwischen der Ticstörung und den diversen digitalen Inhalten, die ihm täglich Angst einjagen gibt.
So wie die Kinder zuhause auf den ersten Kindergarten und die erste Schule vorbereitet werden – oder eben nicht- so kommen sie bei diesen Institutionen an. Elementarpädagog:innen und Lehrkräfte haben aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung und Vergleiche mit anderen Kindern schnell einen Blick dafür, in welcher Verfassung der junge Mensch ist. Bei immer mehr Kindern muss man von „digitaler Verwahrlosung“ sprechen. Dieses neue Phänomen in der Entwicklung der Kinder stellt ein erstes Hindernis dar, um mit anderen Kindern mitzuhalten.
Wir haben jetzt Schuleinschreibungen für das nächste Schuljahr. Innerhalb von wenigen Minuten sehe ich, ob das Kind „sich spürt“ oder nicht. Wenn es seine fünf Finger der linken Hand betrachtet, als wären sie ein Fremdkörper, dann läuten bei mir die Alarmglocken. Wenn es keine Wörter findet für seine Körperteile. Wenn es Alltagsgegenstände auf Bildern nicht erkennt oder benennen kann, dann wurde es im gemeinsamen Haushalt nicht ausreichend miteinbezogen und eventuell zu lange vor dem Fernseher, Laptop oder Smartphone allein gelassen. Wer erklärt den Kindern die Welt? Manche Eltern sind stolz auf die ersten englischen Wörter, die ihre Kinder von sich geben. Nicht selten sind das unzusammenhängende Sätze eines Youtubers, die einfach wiedergegeben werden. Ich verstehe dann kein Wort von dem, was mir das Kind eigentlich sagen möchte. Das beobachte ich auch bei Kindern mit der Diagnose Autismus Spektrum. Und tatsächlich beichten mir früher oder später die Eltern der Kinder mit ASS, dass sie ihr Kind regelmäßig mit dem Smartphone oder Tablet spielen lassen, weil es dann ruhig ist.
Viele Eltern fühlen sich technisch ihren Kindern unterlegen. Was rätst Du ihnen ganz konkret, um trotzdem handlungsfähig zu bleiben?
Alles, was für Kinder und Eltern an technischen Fortschritt neu ist, Unsicherheiten auslöst und nicht verstanden wird, GEMEINSAM ERKUNDEN. Kinder begreifen bestimmte Abläufe schneller als ihre Eltern und können es stolz und selbstbewusst ihren Eltern zeigen. Eltern sollen digitale Medien kritisch als kreative Werkzeuge zur Entfaltung bestimmter Stärken der Kinder einsetzen und diese nicht als stundelange Zeitvertreiber in die Hand drücken. Die Frage, die sich hier also stellt ist nicht, ob wir digitale Medien verbieten sollten oder nicht, sondern, ob wir sie im 21. Jahrhundert richtig in unserem Alltag (Zuhause, Schule, Beruf) einsetzen! Warum wir so tun, als wären wir alle mit dieser Frage überfordert, sollte uns in der Menschheitsgeschichte zu denken geben. Führt der digitale Fortschritt zum humanen Rückschritt?
Nach dem Autoführerschein weiß der junge Mensch auch, was richtig und was falsch ist und welches Verhalten tödlich sein kann. Auf dem virtuellen Highway lassen wir unsere Kinder mit Vollgas und ungebremst gegen eine Mauer fahren und sprechen nicht über die Opfer dieses Crashs.
Oder anders formuliert: Wir lassen unsere Kinder auf der digitalen Autobahn jeden Anhalter in das digitale Kinderzimmer einsteigen, während der Fremde auf dem Rücksitz ihre Kindheit zerstört.
In meinem Buch rate ich den Eltern in erster Linie mit ihren Kindern hinauszugehen in die Natur. Mit ihren Kindern im Kleinkindalter die eigenen vier Wände als Erlebnis- und Entdeckungsräume zu öffnen. Mit meinen pubertierenden Söhnen damals habe ich viel Sport betrieben. Davon profitieren alle. Es muss nicht teurer Spitzensport sein. Basketball, Badminton, Schwimmen, Eislaufen, Joggen sorgen für gute Atmosphäre im Familienalltag.
Während der Coronapandemie stöhnten alle unter dem Ausgangsverbot. Studien belegen seit diesem Zeitpunkt eine Zunahme an psychischen Erkrankungen, Depressionen und Angstzuständen im Jugendalter. Also ist es an der Zeit, die Bedeutung der Bewegung im Freien zu erkennen. Auch im Hinblick auf die Zunahme an übergewichtigen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Gemeinsame Spaziergänge eignen sich hervorragend für Gespräche aber auch für Lernstoffwiederholung!
Eltern, die sich von sich aus für den technischen Fortschritt im Bereich der Informatik und der Digitalisierung interessieren, bilden sich auf diesem Gebiet selbst fort.
Eltern, die nach der Arbeit keine Zeit haben, empfehle ich Online-Kurse zu Themen der Medienerziehung, der Künstlichen Intelligenz und alles rund um das Thema „Sicherheit und Gefahren im Netz“. Hierfür bietet sich z.B. die Initiative von Safer Internet an.
Wie gehen wir mit der emotionalen Abhängigkeit und der Rolle von Tech-Giganten um? Hier geht es direkt zu Teil 2 des Interviews mit Ludmila Schindler.
Treffen Sie Ludmila Schindler und über 650 IT-Entscheider:innen am Confare CIOSUMMIT Wien im März!


