Vorstand Andreas Stadler: Digitalisierung bei der Hypo Tirol Bank

by Cansu Karacan

Andreas Stadler, Vorstand der Hypo Tirol Bank, über Digitalisierung, KI und die Rolle regionaler Banken

Die Hypo Tirol Bank ist seit mehr als einem Jahrhundert ein fixer Bestandteil der Tiroler Wirtschafts- und Finanzlandschaft. Gleichzeitig steht sie – wie alle Banken – unter dem Druck von Regulierung, Digitalisierung, neuen Kundenerwartungen und begrenzten Ressourcen.

Im Gespräch mit Confare spricht Andreas Stadler, Vorstand der Hypo Tirol Bank, darüber, wie eine regionale Traditionsbank ihren Auftrag neu interpretiert, was KI in der Praxis bedeutet und warum es ohne Kulturwandel nicht geht.

Das gesamte Interview ist als Teil eines on demand Webcast zum Thema „Zwischen Legacy und Leadership – IT-Entscheidungen, die den Finanzsektor bewegen“.

Persönlich trifft man Andreas Stadler und 700 weitere hochkarätige IT-Entscheider:innen und Branchen-Profis auf dem wichtigsten IT-Management Treffpunkt Österreichs, dem Confare CIOSUMMIT.

Michael Ghezzo:
Andreas, die Hypo Tirol Bank wird oft als „Local Hero“ beschrieben. Wie würdest du das Unternehmen heute selbst charakterisieren?

Andreas Stadler:
Die Hypo Tirol Bank gibt es seit 1901, also nächstes Jahr sind es dann 125 Jahre. Gegründet wurde sie noch zu K&K-Zeiten mit einem klaren Auftrag: den Bauernstand in Tirol zu unterstützen, Eigentum zu ermöglichen und Verarmung zu verhindern.

Überträgt man das in die Gegenwart, hat sich unser Purpose im Kern nicht verändert. Wir sind zu 100 % im Besitz des Landes Tirol – damit gehören wir jedem Tiroler und jeder Tirolerin. Unser Auftrag ist es, die Bevölkerung zu unterstützen, die regionale Wirtschaft zu stärken und Wertschöpfung im Land zu halten.

Das heißt konkret:

  • ein verlässlicher Finanzpartner für Menschen und Unternehmen zu sein,
  • ein guter Arbeitgeber, insbesondere für junge Menschen,
  • und dafür zu sorgen, dass es einen lokalen Kapitalmarkt gibt – damit nicht nur große, internationale Player bestimmen, was in Tirol möglich ist.

Dazu gehört auch, dass wir uns über das klassische Bankgeschäft hinaus mit Kommunen, Bildungseinrichtungen, Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und anderen Organisationen vernetzen. Wir wollen dazu beitragen, dass Start-ups entstehen, dass Studierende Unternehmen gründen und dass diese Wertschöpfung hier im Land bleibt.

Alles, was die Hypo Tirol Bank erwirtschaftet, bleibt im Land Tirol. Damit werden Schulen und Kindergärten gebaut, Infrastruktur finanziert, usw. Alleine deswegen muss unser Anspruch sein, dass jede Tirolerin, jeder Tiroler Kunde ihrer/seiner Bank ist. Weil’s im Land bleibt.

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Michael Ghezzo:
Die Welt hat sich massiv verändert – gerade in Bezug auf IT und Digitalisierung. Welche Rolle spielen diese Themen in einem Traditionshaus wie der Hypo Tirol Bank?

Andreas Stadler:
Eine sehr große. Vielleicht sogar eine besonders herausfordernde.

Wir sind weder eine ganz kleine Bank noch ein internationaler Großkonzern. Wir haben eine flächendeckende Präsenz in Tirol, eine Niederlassung in Wien und ein Kredit- und Leasing-Portfolio in Italien. Diese „kritische Größe“ bedeutet:

  • Wir können uns nicht leisten, kein Wissen zu Digitalisierung und KI in der Bank selbst aufzubauen, also von extern zu beziehen.
  • Gleichzeitig haben wir ein breites Produktportfolio, daher benötigen wir strategische Partnerschaften.

Wir müssen also zwei Dinge gleichzeitig schaffen:

  1. Die gesamte Bank zu einem innovationsoffenen Institut entwickeln – wirklich alle Mitarbeitenden mitnehmen, auch jene, die mit IT und KI wenig Berührung hatten.
  2. Gezielt externe Expertise nutzen – Partnerschaften, Kooperationen und Vernetzung mit Hochschulen, Fachhochschulen und Studierenden, mit IT und Innovationsunternehmen und anderen Branchen sind für uns essenziell.

Wir arbeiten bewusst mit Studierenden an Projekten, holen Know-how ins Haus und rollen die Ergebnisse dann in die Gesamtbank und zu unseren Kund:innen aus. Die Erwartungshaltung – vor allem der jüngeren Generation – ist klar:

Banking soll modern sein, verlässlich funktionieren, „cool“ sein und über die bloße Transaktion hinausgehen.

Die Zeiten, in denen ein Bankmitarbeiter in einer Filiale in irgendeinem Tal oder einer Region sitzt und wartet, dass der Kunde kommt, sind vorbei. Unsere Aufgabe ist es, einfache Tätigkeiten so weit wie möglich zu digitalisieren und als Self-Service anzubieten – damit wir Zeit für Beratung und Beziehung haben.

Michael Ghezzo:
Es geht also um Kundenerwartungen, aber auch um Effizienz und Skalierbarkeit?

Andreas Stadler:
Genau. In stark manuell geprägten Tätigkeiten stoßen wir schnell an Grenzen der Skalierbarkeit. Wenn der „Bottleneck“ der Mensch ist, dann steigt der Aufwand linear mit, Synergieeffekte können nur begrenzt gehoben werden.

Wenn wir wachsen wollen, wenn wir mehr in die Beratung investieren wollen, dann müssen einfache, standardisierte Prozesse automatisiert und digitalisiert sein. Sonst blockieren wir uns selbst.

Und hier kommt auch KI ins Spiel. Technologisch ist es heute nicht mehr das große Problem, KI-Systeme zu nutzen. Viele Bank- und IT-Aufgaben lassen sich damit stark vereinfachen. Die eigentliche Herausforderung ist eine andere:

Wie bediene ich KI so, dass am Ende das Richtige herauskommt?

Du brauchst das Know-how in der Bank, nicht nur zum Beispiel beim IT-Dienstleister. Das ist vergleichbar mit einem Mitarbeiter aus einem anderen Kulturkreis: Man muss lernen, wie man miteinander spricht, worauf man achten muss und wie man zusammenarbeitet.

Wenn wir uns nicht damit auseinandersetzen und nicht offen sind, geht die Schere zwischen technologischer Komplexität und dem, was uns als Regionalbank im Fundament ausmacht – nämlich Chancen aus technologischer Entwicklung, Erwartungshaltung der Kunden und persönliche, vertrauensvolle Beratung – immer weiter auseinander.

Michael Ghezzo:
In der öffentlichen Diskussion drehen sich viele Debatten um Risiken – Arbeitsplatzverlust, Fehlentscheidungen durch KI und so weiter. Wie blickst du darauf?

Andreas Stadler:
Die Weiterentwicklung der IT / KI ist ein Faktum. Es gibt keine Option dazu, es stellt sich nicht die Frage, ob es „passiert“ oder „nicht passiert“. Weder österreichische noch europäische Banken haben darauf wesentlichen Einfluss. Es passiert. Punkt.

Da das so ist, ist es das Wichtigste, sich aktiv damit auseinanderzusetzen:

  • Wo liegen Chancen?
  • Welche Anwendungen bringen echten Mehrwert?
  • Wie hilft KI dabei, dass die Bank ihre Ziele erreicht? Dass Mehrwert gestiftet wird.

Und das geht nur, wenn man alle mitnimmt – Mitarbeitende und Kund:innen. Wir setzen Programme auf, die genau das tun. Ein Beispiel:

Wir veranstalten in unserer Zentrale und den Geschäftsstellen Tage, an denen die IT vor Ort ist, Kund:innen einlädt und sehr konkret zeigt:

  • Was haben wir schon umgesetzt?
  • Wo wird KI eingesetzt bzw. ein Einsatz vorbereitet?
  • Was kann die App Neues?
  • Wie vereinbare ich Termine online?
  • Wie nutze ich Self-Service-Funktionen?

Das Ganze bewusst niederschwellig, mit Zeit für Fragen und nicht als einmalige Kampagne, sondern als kontinuierliche Begleitung. Genauso wichtig ist es, die eigenen Mitarbeitenden immer wieder abzuholen.

Die Prozesse – Finanzierung, Veranlagung, in der Geschäftsstelle oder im Self-Service – unterscheiden sich inhaltlich bei der Hypo Tirol Bank nicht wesentlich von anderen Banken. Entscheidend ist:

Wie schaffst du Mehrwert über die Bankprozesse hinaus, wie bringst du neues in die Organisation und wie erreichst du, dass sich die Investition für Bank und Kund:innen tatsächlich materialisiert?

Michael Ghezzo:
Du hast vorhin angedeutet, dass ihr stärker von Kundensituationen her denkt. Wie verändern sich Kundenerwartungen an IT und Digitalisierung bei euch?

Andreas Stadler:
Die größte Veränderung im Bankenbereich ist, dass wir wegkommen von der reinen Banktransaktion.

Eine Bank produziert nichts – wir bauen keine Autos, wir fertigen keine Schuhe. Wir ermöglichen Dinge: Eigentum, Investitionen, Unternehmen, Projekte.

Die eigentliche Kundensituation ist zum Beispiel nicht „Kredit“, sondern:

  • „Wir bekommen Nachwuchs, wir brauchen mehr Platz.“
  • „Wir wollen bauen oder kaufen.“

Dort beginnt die Reise:
Immobiliensuche, Finanzierung, vielleicht Innenarchitektur, Umzug, Versicherung und vieles mehr. Wir sehen unsere Rolle darin, uns in solche Lebens- und Geschäftssituationen hineinzubewegen, uns mit anderen Branchen zu vernetzen und ganzheitliche Lösungen zu bieten.

Das verändert die Beratungsleistung fundamental. Es geht nicht nur um Lohnzettel, Zinsen und Laufzeit, sondern um ein vernetztes Denken über die Bank hinaus.

Andere Branchen sind diesen Weg bereits gegangen – die Reisebranche zum Beispiel. Plattformen bieten heute ein Gesamtpaket von Flug über Hotel bis zur Versicherung. Gleichzeitig ist die Informationsflut ein Problem: Was ist verlässlich? Wie sicher sind meine Daten in der digitalen Welt?

Bei komplexen Transaktionen ist das finanzielle Risiko für Kunden sehr hoch. Viele Kund:innen erwarten sich, dass jemand mit Expertise die gesamte Kundenreise orchestriert – und sind bereit, dafür zu bezahlen. Hier können Banken in vernetzten Ökosystemen eine wichtige Rolle spielen.

Michael Ghezzo:
Regulatorik, Legacy-Systeme, Innovationsdruck – wie lässt sich das alles unter einen Hut bringen?

Andreas Stadler:
Ich würde sagen: Die technologischen Herausforderungen sind lösbar – auch wenn es Aufwand und Risiko bedeutet, so gibt es dennoch Wege und Möglichkeiten, die vorstellbar und umsetzbar sind.

Es gibt heute Anbieter vielfältiger moderner Lösungen, und viele Provider investieren massiv in Modernisierung, um Legacy Hürden zu überwinden. Erneuerung braucht allerdings Aufmerksamkeit und Investitionsbereitschaft.

Regulatorik ist aus meiner Sicht kein Gegner, sondern Teil unseres Geschäftsmodells. Eine Bank ist tief in viele Branchen und Prozesse involviert, die Auswirkungen sind enorm, wenn etwas schiefgeht. Dass es hier klare Vorgaben gibt, ist richtig.

Wichtig ist:

  • Die Branche muss aktiv den Dialog mit Aufsicht und Regulatoren suchen.
  • Es muss klar sein, welches Ziel man mit Regulierung verfolgt und wie man dieses Ziel effizient erreicht.
  • Banken sollten sich nicht passiv verhalten und „abwarten, was kommt“, sondern eine aktive Rolle spielen.

Dazu braucht es Wissen im Haus und eine gute Vernetzung – etwa im Verbund mit anderen Banken.

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Michael Ghezzo:
Ihr habt bereits einige Digitalisierungsprojekte umgesetzt. Worauf bist du besonders stolz?

Andreas Stadler:
Am meisten stolz bin ich auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hypo Tirol.

Es braucht jemanden, der sagt:
„Das sind die Themen, die wir angehen. So machen wir das.“
Ob Vorstand, Bereichsleitung oder IT-Management – Führung heißt:

  • Richtung geben,
  • Ängste ernst nehmen,
  • eine klare Strategie formulieren.

Wir haben das in den letzten Jahren gut hinbekommen:

  • mit begrenzten Ressourcen,
  • mit einem positiven Zugang,
  • im Bewusstsein, dass man sich dabei auch einmal verrennen kann.

Aber kritischer Erfolgsfaktor war immer die Einbindung und aktive Gestaltung der Projekte durch die Mitarbeiter, und da hat sich die Stärke der Hypo Tirol Bank offensichtlich gezeigt, die Leidenschaft, Expertise und Offenheit unsere Kolleginnen und Kollegen.

Ein Beispiel ist unser neuer Wohnraumfinanzierungsprozess, den wir gerade in Produktion gebracht haben. Das wäre nie möglich gewesen ohne das Zusammenspiel von Vertrieb, Abwicklung und Kreditrisiko.

Natürlich gibt es Momente, in denen man zweifelt, ob man die Hürde schafft. Aber es geht darum, gemeinsam daran zu arbeiten und zu wachsen. Erfolg bedeutet nicht immer sofort messbare Kostenreduktion oder erfüllte KPIs. Oft ist das Entscheidende:

Innovationsoffenheit, Haltung und Kultur zu fördern – Räume zu schaffen, in denen man Dinge ausprobieren darf.

Und: Man muss Erfolge sichtbar machen. Menschen vor den Vorhang holen, die wesentliche Beiträge geleistet haben – das stärkt positive Begeisterung und Motivation.

Wenn man glaubt, „die IT wird das schon machen, und ich schaue von außen kritisch zu“, dann wird es nicht funktionieren. Digitalisierung ist eine Aufgabe der Gesamtbank.

Michael Ghezzo:
Andreas, vielen Dank für das Gespräch. Ich freue mich darauf, die Diskussion beim Confare CIOSUMMIT in Wien weiterzuführen.

Andreas Stadler:
Danke, ich freue mich ebenso.

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