
Der Moment, in dem Susanne Tischmann versteht, dass IT mehr ist als Software, kommt früh. Sie ist 24 Jahre alt, steht in einer ÖAMTC-Zentrale in Linz und bringt ein neues System in Betrieb. Offiziell ist es ein EDV-Projekt. In Wirklichkeit verändert es die Arbeit von Menschen.
„Als ich dann in der ersten Zentrale in Linz mit meiner Software daher gekommen bin, bin ich drauf gekommen: Jesus, da wird ja riesig umorganisiert“, erinnert sie sich. Neue Aufgaben, neue Rollen, neue Abläufe. Technik ist plötzlich nicht mehr nur ein Werkzeug. Sie greift in den Alltag ein. Und sie verlangt Verantwortung.
Heute, drei Jahrzehnte später, ist Susanne Tischmann CIO des ÖAMTC und Trägerin des Confare CIOAWARD. Ihr Weg in diese Rolle begann nicht mit einem Masterplan, sondern mit einer Entscheidung, die vieles vorwegnahm, was ihre Arbeit bis heute prägt.
Eine Entscheidung für Breite statt Spezialisierung
Anfang der 1990er-Jahre beginnt Tischmann zwei Studien gleichzeitig: Technische Mathematik und Wirtschaftsinformatik. Die Mathematik lässt sie schnell hinter sich. „Bin dann im ersten Semester schon drauf gekommen, dass die Technische Mathematik nichts mit Zahlen zu tun hat. Deswegen mir zu wenig hemdsärmelig war.“
Die Wirtschaftsinformatik hingegen bietet genau das, was sie sucht: eine Verbindung von Technik und Wirtschaft, von Systemen und Menschen. „Es war für mich so der Ausweg in eine breite Ausbildung und schon die Erkenntnis, dass ich auf der einen Seite gerne die wirtschaftlichen Grundlagen wissen möchte und auf der anderen Seite war schon klar, dass die IT ein bleibendes Thema sein wird.“
Diese Kombination wird zur Grundlage ihrer Karriere. Denn IT steht für sie nie für sich allein. Sie ist immer Teil eines größeren Ganzen.
Die ersten Daten – und das erste Change-Projekt
Während des Studiums arbeitet sie bereits beim ÖAMTC. Sie erfasst Geodaten, baut Grundlagen für Systeme, die später tausenden Menschen helfen werden. Was zunächst nach technischer Routine klingt, wird schnell zur Schule für Veränderung.
„Ich habe über ganz am Anfang als Ferialpraktikantin wirklich viele Daten erfasst, die die Grundlagen für die IT-Systeme damals geschaffen haben.“
Kurz darauf folgt das erste große Projekt: die Digitalisierung der Nothilfeprozesse. Und damit ihr erster Kontakt mit Change-Management.
„Ich war mitten drinnen im ersten Change-Projekt, das ich begleiten durfte mit 24 Jahren.“
Was sie dort erlebt, prägt ihr Verständnis von IT dauerhaft. Denn sie sieht, was passiert, wenn Technologie nicht zu den Menschen passt.
Der Kampf gegen Systeme, die Menschen bremsen
Viele IT-Systeme folgen ihrer eigenen Logik. Prozesse werden an Software angepasst, nicht umgekehrt. Tischmann entscheidet sich früh, diesen Weg nicht zu gehen.
„Es schmerzt halt so sehr, wenn man den Mitarbeitern erklären muss: Du musst jetzt fünf Klicks mehr machen.“
Diese Perspektive wird zu einem Leitmotiv ihrer Arbeit. IT muss unterstützen. Sie darf nicht belasten. Diese Haltung wird später durch Entwicklungen wie iOS und moderne Benutzeroberflächen bestätigt.
„Seit es begonnen hat mit Apple und iOS, dass nicht der Mensch die Technologie, sondern die Technologie den Menschen unterstützen soll.“
Es ist ein Paradigmenwechsel, den sie früh erkennt und aktiv gestaltet.
Komplexität akzeptieren – und trotzdem handlungsfähig bleiben
Die IT-Landschaften, mit denen Tischmann heute arbeitet, sind ungleich komplexer als früher. Systeme greifen ineinander, Prozesse werden global, Abhängigkeiten nehmen zu.
Die Antwort darauf ist für sie nicht Kontrolle, sondern Struktur.
„Das ist aber auch für mein Verständnis der einzige Weg, damit umzugehen mit der Komplexität: die Dinge immer klein zu teilen.“
Diese Denkweise verändert auch den Führungsstil. Große Transformationen werden in kleine Schritte zerlegt. Fortschritt wird sichtbar gemacht.
„Es ist wichtig, dass man zehnmal im Jahr kleine Dinge feiern kann.“
Denn die größte Gefahr in permanentem Wandel ist nicht die Veränderung selbst, sondern das Gefühl, nie fertig zu werden.
„Der Mensch möchte mit etwas fertig werden. Und da müssen wir als Führungskräfte helfen.“
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Leadership beginnt mit Vertrauen – und mit dem Mut, Dinge anzusprechen
Technologie verändert Organisationen. Aber sie verändert vor allem Menschen. Und damit wird Leadership zur zentralen Aufgabe.
Tischmann vermeidet Konflikte nicht. Sie spricht sie an.
„Wenn man negative Gefühle nicht anspricht, werden sie nur größer.“
Für sie ist Führung keine abstrakte Funktion, sondern tägliche Arbeit am Vertrauen.
„Die höchste Form der Zusammenarbeit ist, wenn Menschen einander so vertrauen, dass sie ihre Ängste aussprechen.“
Diese Offenheit dient nicht der Kulturpflege, sondern sichert die Handlungsfähigkeit der Organisation.
Eine Karriere in einer Welt, die nicht auf Frauen vorbereitet war
Als junge Frau arbeitet Tischmann in einer Branche, die stark von Männern geprägt ist. In Meetings sitzt sie oft als einzige Frau unter vierzehn Männern.
Resilienz wird zur Voraussetzung.
„Resilienz brauchst du, weil in diesen großen Männerrunden ein anderer Ton herrscht.“
Doch ihre Strategie ist nicht Konfrontation, sondern Kompetenz.
„Dadurch, dass ich die Prozesse so gut kannte, gab es keine Angriffspunkte.“
Mit der Zeit passiert etwas Entscheidendes: Die Kollegen sehen nicht mehr ihr Geschlecht, sondern ihre Expertise.
„Sie haben irgendwann mein Geschlecht vergessen.“
Es ist ein stiller Wandel, aber ein nachhaltiger.
Warum Veränderung nie endet
Für Tischmann ist Veränderung keine Phase. Sie ist der Normalzustand.
„Die einzige Konstante ist, dass es sich immer ändert.“
Diese Erkenntnis verändert auch die Erwartungshaltung an Technologie. Besonders bei Themen wie KI sieht sie ihre Rolle nicht darin, Erwartungen zu verstärken, sondern sie zu kalibrieren.
„Meine Aufgabe ist es, zu erklären, was man erwarten kann – und was nicht.“
Denn Technologie ist kein Selbstläufer. Sie entfaltet ihre Wirkung nur dort, wo sie sinnvoll eingesetzt wird.
Der CIOAWARD – und die Bestätigung eines Weges
Als Susanne Tischmann 2024 mit dem Confare CIOAWARD ausgezeichnet wird, ist es mehr als eine persönliche Ehrung. Es ist eine Bestätigung eines Weges, der oft unsichtbar bleibt.
„Das war die große Bestätigung, dass die Strategie in die richtige Richtung geht.“
Die Wirkung zeigt sich unmittelbar. Als sie kurz darauf eine Führungsposition ausschreibt, erhält sie 297 Bewerbungen.
„Das war sensationell. Unsere HR-Chefin hat gesagt, das ist meine Fiebertraum-Ausschreibungswelt.“
Der Award hat sichtbar gemacht, was intern längst Realität war: eine IT-Organisation, die als attraktiver Ort für Talent wahrgenommen wird.
Beim Confare Female IT-Mentoring in Wien hält Susanne Tischmann gemeinsam mit den anderen Confare CIOAWARD Preisträgerinnen einen Impulsvortrag und teilt ihre Erfahrungen mit der nächsten Generation von IT-Leaderinnen.
Technologie als Teil der DNA
Beim ÖAMTC arbeiten 4.500 Menschen mit einem gemeinsamen Ziel: helfen, wenn Hilfe gebraucht wird.
Technologie ist dabei kein Ziel, das für sich selbst verfolgt wird, sondern ein Teil eines größeren Versprechens.
„Wir sind 4500 Menschen, die gerne helfen. Und das muss man gut begleiten.“
Es ist ein Satz, der viel über Susanne Tischmanns Verständnis von IT sagt.
- Technologie ist kein Ziel. Sie ist ein Mittel.
- Ein Mittel, um Menschen zu unterstützen.
- Und ein Mittel, um Organisationen handlungsfähig zu halten – auch in einer Welt, die niemals fertig ist.



