
Ein Gespräch mit Roman Eckschlager – Direktoa der mAInufaktur – über KI, digitale Souveränität und die Frage, warum Europa seine Chancen nicht vergibt, aber verschläft
Das Erfahrungswissen verschwindet und niemand speichert es ab
Eine der größten wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit wird selten erwähnt: der Fachkräftemangel. Bis 2050 werden Millionen erfahrener Mitarbeiter in Pension gehen. Sie nehmen nicht nur ihre Arbeitskraft mit, sondern auch jahrzehntelang aufgebautes Wissen: Wissen, das nirgendwo dokumentiert ist.
Die Lösung klingt technisch einfach: Transkripte erstellen, Wissensdatenbanken aufbauen, Informationen semantisch verknüpfen und für Onboarding-Prozesse zugänglich machen. Technisch ist das alles möglich.
„Aber es ist kein technisches Problem, es ist ein menschliches Problem.”
Denn dieses Silo-Wissen muss freiwillig hergegeben werden. Das erfordert eine Kultur des Teilens, eine soziale und gesellschaftliche Verantwortung. Die Technik steht bereit, aber sind wir es auch?
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KI ist wie Feuer
„KI ist wie Feuer. Entweder du wärmst dich daran, kochst damit und tust etwas für deine Community oder du zündest damit die Welt an.”
Die gesellschaftlichen Herausforderungen durch KI sind enorm: Deepfakes, Regulierungsfragen, die Frage nach Wahrheit und Vertrauen in einer Welt, in der alles gefälscht werden kann. Wer trägt die Verantwortung dafür, diese Probleme zu lösen?
„Es kann nicht sein, dass das bei Unternehmen liegt, die damit Geld verdienen.”
Hier ist die Politik gefragt. Aber auch wir als Menschen müssen uns in die Eigenverpflichtung nehmen. Wir dürfen nicht mehr alles glauben, was uns vorgesetzt wird.
Die wirtschaftliche Realität: Verunsicherung trifft auf KI-Hunger
Die Gespräche mit Kunden haben sich verändert. Vor zwei Jahren kamen sie mit der Frage: „Wie fangen wir mit KI an?” Heute kommen sie mit: „Wir haben angefangen, es ist schiefgegangen, könnt ihr helfen?”
Das beschreibt die aktuelle wirtschaftliche Lage perfekt: Budgetabsagen, Verschiebungen, Unsicherheit allerorten. Aber gleichzeitig, wenn Geld in die Hand genommen wird, dann für Digitalisierung und KI. Beides existiert parallel.
Das Problem: Viele Unternehmen drehen sich in internen Labs und Gremien im Kreis. „Am liebsten würden alle investieren”, heißt es, „aber dann bleibt es in Gremien stecken und man dreht sich im Kreis.”
Der Grund? In unseren Breitengraden ist das Trial-and-Error-Prinzip nicht verankert. Wir wollen alles vorab definieren: ROI, KPIs, Genehmigungsketten. Während wir ein halbes Jahr auf Entscheidungen warten, ist die Technologie längst weitergezogen.
Der pragmatische Rat: Die Datenbasis sauber halten. Die bleibt konstant. Die Modelle und Tools kann man austauschen, aber ohne saubere Daten funktioniert nichts.
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Strategische Schwerpunkte 2026: Digitale Souveränität und der Mittelstand
Zwei Themen kristallisieren sich als zentral heraus:
Erstens: Digitale Souveränität. Europäische Lösungen, Open Source, unabhängig von amerikanischen Hyperscalern, nicht nur im Public Sector, sondern auch für Unternehmen.
Zweitens: KI für den Mittelstand. Die Konzerne können sich teure Experimente leisten. Aber der Mittelstand – das Rückgrat unserer Wirtschaft – braucht Lösungen, die von Anfang an funktionieren und bezahlbar sind.
Das Beispiel E-Mail-Klassifizierung macht es greifbar: Eine eingehende Mail automatisch analysieren, Anhänge auslesen, Rechnungen mit Bestellscheinen abgleichen, bei Übereinstimmung automatisch an die Buchhaltung weiterleiten. Technisch nicht schwierig, aber trotzdem beschäftigen viele Firmen Mitarbeiter, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als den Posteingang zu durchsuchen.
Diese administrativen Zeitfresser zu eliminieren und Menschen für wertschöpfende Arbeit freizuspielen: das ist greifbarer Mehrwert.
Europas Dilemma: Die Bausteine liegen da
„In Europa haben wir so viele gute Köpfe.”
N8N aus Berlin, Black Forest Labs aus dem Schwarzwald. Europäische KI-Startups, die weltweit Beachtung finden. Es gibt sogar ein österreichisches Small Language Model, das in Benchmarks mit den Großen mithält.
Die Bausteine sind da. Die Köpfe sind da. Die finanziellen Möglichkeiten sind da. Die Rechenzentrumskapazitäten sind da.
„Nur wir verlieren Jahr für Jahr die Zeit dafür, das wirklich ordentlich aufzubauen.”
Der bekannte Spruch trifft ins Schwarze: Amerika innoviert, China skaliert, Europa reguliert.
Das Problem mit dem EU AI Act? Die Regulierungen betreffen nur Unternehmen in Europa, die KI entwickeln. Importierte amerikanische Software unterliegt diesen Regeln nicht. Ein struktureller Wettbewerbsnachteil, der vermutlich nicht beabsichtigt war.
Und die europäischen Startups? Die machen ihre Finanzierungsrunden in Amerika, nicht hier. Das sollte uns zu denken geben.
Die Trends, die 2026 wirklich prägen werden
Agentic AI wird das Jahr dominieren, aber mit einer wichtigen Einschränkung: Wir sind noch bei Agentic Workflows, also Agenten innerhalb sicherer Automatisierungsgrenzen, mit Human in the Loop. Vollautonome Agenten sind noch nicht Enterprise-ready.
Ein Agent ist dabei kein Chatbot, der nur antwortet. Ein Agent führt tatsächlich Aufgaben aus, hat Verbindungen zu Tools und macht Ausführungen in diesen Tools.
Reasoning-Modelle ermöglichen erstmals Use Cases in Finanzabteilungen, Buchhaltung und Controlling. Bereiche, in denen Zahlen stimmen müssen und Halluzinationen bisher ein K.O.-Kriterium waren.
Physical AI Wie wir mit Technologie interagieren werden, ob per Brille, Stift oder Sprache bleibt vorerst Vision für die fernere Zukunft.
Was CIOs jetzt wissen müssen
CIOs stecken im Spagat zwischen „das System muss laufen” und „wir müssen innovieren”. Legacy-Systeme, die über Jahre gewachsen sind, mit eigenen Schnittstellen, proprietärer Software und Open Source dazwischen: das ist technische Schuld, aber das System funktioniert.
Der Vergleich mit Startups hinkt: Die bauen auf grüner Wiese. Ein Konzern mit gewachsenen Strukturen kann nicht einfach alles neu machen, nur weil jemand mit Vibe-Coding eine schicke Demo gebaut hat.
Was hilft? Der Austausch unter CIOs. Wie haben andere das gelöst? Was funktioniert, was nicht?
„Nur weil etwas schnell geht, bedeutet es nicht, dass es gut, sicher und über die Zeit haltbar ist.”
Unabhängige Beratung plus Umsetzung
Ein interessanter Ansatz im Beratungsmarkt: Unabhängig von Produkten und Software beraten, aber dann auch umsetzen. Kein Produkt reinquetschen, das nicht passt. Den TechStack des Kunden verstehen und darauf aufbauen.
„Wir sehen uns nicht als klassische Beratungsagentur, sondern als von der Beratung bis zur Implementierung, aber ohne mit Produkten bei großen Projekten reinzudrücken.”
Das unterscheidet sich von vielen klassischen IT-Beratungen, die letztlich Reseller mit Beratungsmantel sind.
Von Software as a Service zu Service as a Software
Dieser Paradigmenwechsel fasst vieles zusammen: Jeder kann jetzt digital kreieren, ohne großes Vorwissen. Mit No-Code-Tools, mit Agenten, mit natürlicher Sprache.
Die Owner, die Produzenten, die Kreatoren: dieser Bereich wächst. Wir alle können jetzt digitale Produkte entwickeln.
Aber – und das ist entscheidend – wir brauchen trotzdem die Experten, die das absichern, die die Governance drumherum bauen, die wissen, wie Code wirklich funktioniert.
Fachabteilungen können jetzt ihre eigenen Prototypen kreieren. Die IT sollte sichere Räume für dieses Experimentieren schaffen.
„Es geht darum, dass wir die Rollen neu verstehen müssen.”
Der Mensch im Mittelpunkt, auch wenn er manchmal im Weg steht
Am Ende steht eine einfache, aber wichtige Erkenntnis: Diese ganze Transformation ist ein Change-Prozess, bei dem der Mensch im Mittelpunkt stehen muss.
„Auch wenn er bei vielen Unternehmen im Weg steht.”
Denn nur so kann eine ordentliche Transformation im Unternehmen gelingen. Die Verantwortungen, die Zuständigkeiten, die Rollen, die wir die letzten Jahrzehnte ausgeführt haben: sie werden sich ändern.
Das ist keine Drohung. Das ist eine Chance.
Vorausgesetzt, wir nutzen sie.


