Karen Paul (Greenpeace) – Wir stehen zwischen Innovationsrausch und gesellschaftlicher Verantwortung

In dieser Blogbeitrag-Reihe sprechen wir mit den Nominees des Confare ImpactAward – der Auszeichnung für IT-Entscheider:innen, die die IT in das Rampenlicht rückt. Unser heutiger Gast: Die IT-Leiterin bei Greenpeace Karen Paul. Sie verrät uns, welche Gedanken sich IT-Entscheider:innen machen müssen, wenn sie eine wirklich nachhaltige IT haben wollen.
Ihre Stimme für die IT ist gefragt! HIER können Sie täglich für Ihre Favoriten beim Confare ImpactAward voten. Verliehen wird der Preis beim Confare CIOSUMMIT in Frankfurt. Freuen Sie sich auf inhaltliche Top-Beiträge von CIOs aus renommierten Unternehmen aus ganz Deutschland. Nähere Infos zum Event finden Sie HIER.
Welche Rolle spielen IT und Digitalisierung im Management einer modernden NGO?
Greenpeace ist ja international aufgestellt, in 55 Ländern aktiv und auch unterwegs auf Schiffen oder an abgelegenen Orten. Internationale Zusammenarbeit und ortsunabhängiges Arbeiten setzen da einen Rahmen. Dies ist ohne Digitalisierung gar nicht mehr denkbar. Deshalb ist Digitalisierung für uns heute ein wichtiges Effizienz-Werkzeug, aber es hilft uns auch die Wirkung unserer Kampagnen zu steigern.
Für die Gesellschaft spielen digitale Technologien in vielen Bereichen eine zunehmend wichtigere Rolle und damit wird Digitalisierung selbst auch zum Kampagnenthema – z.B. wenn man auf die Umweltauswirkungen von KI schaut.
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Wie passen Ökologie und Digitalisierung heute zusammen? Wo gibt es dabei auch Interessenskonflikte?
Allgemein betrachtet finde ich, dass verantwortlich eingesetzte Technologie kein Feind der Ökologie ist. Im Gegenteil, sie ist oft die Voraussetzung für Effizienz. Erst mit ihr wird Kreislaufwirtschaft möglich und damit hilft sie, Materialverbräuche zu senken. Videokonferenzen und digitale Tools für die Zusammenarbeit reduzieren den Bedarf an physischer Büro-Infrastruktur und Dienstreisen massiv. Das spart CO₂-Emissionen in einer Größenordnung, die wir früher kaum für möglich gehalten hätten. Moderne Informationssysteme liefern datenbasierte Entscheidungsgrundlagen, die ökologische Auswirkungen und daraus resultierende Kostenvorteile transparent in Unternehmen machen. Digitale Lernmöglichkeiten demokratisieren Wissen – auch Wissen um Nachhaltigkeit und Klimaauswirkungen.
Gleichzeitig müssen wir jedoch ehrlich sein: Digitalisierung ist nicht virtuell. Die Infrastruktur braucht Hardware, massenhaft Rohstoffe und Energie. Das geht oft zulasten der Umwelt. Und dann gibt es noch den Rebound-Effekt: Wenn wir Technologie effizienter machen, sinken die Kosten. Die Folge? Wir nutzen sie einfach viel öfter. Die Effizienzgewinne werden heute durch ein massives Wachstum der Nutzung nicht nur aufgefressen, sondern ins Gegenteil verkehrt. Das können wir an den steigenden Emissionen der BigTech Konzerne direkt ablesen.
Wir dürfen Digitalisierung also nicht blind als Fortschritt feiern. Statt nur zu fragen, „Was können wir technisch tun?“ also öfter mal fragen „Was sollten wir technisch tun?“ und dient das wirklich langfristig dem Wohl der Gesellschaft oder fördert es nur den Profit von einigen wenigen Unternehmen.
Bei Greenpeace versuchen wir IT-Entscheidungen direkt aus unserer Mission – nämlich die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen zu verhindern – abzuleiten.
Im täglichen Doing heißt das permanent Ziel- und manchmal auch Wertekonflikte abzuwägen und zu entscheiden:
Eine Software-as-a-Service Lösung ist vielleicht kostengünstig, sehr benutzerfreundlich und sehr hilfreich für Kampagnenarbeit, läuft aber evtl. auf Servern, die nicht mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Die Alternative hat vielleicht weniger Funktionalität, bemüht sich aber dafür um Transparenz in der Lieferkette.
Ein IT-Dienstleister hat hervorragende Kompetenzen und tolle Angebote, arbeitet aber auch für umweltzerstörende Ölkonzerne.
IT ist auch ein “Kampagnen”-Team, weil wir allein durch unseren Einkaufsprozess schon manche IT-Lieferanten bewegen, sich nachhaltiger aufzustellen. Oder es gibt Lösungen, für die initial etwas Aufwand getrieben werden muss, aber langfristig Geld gespart wird z.B. durch Nutzung von refurbished Hardware, die wir durchgängig bei Greenpeace Deutschland verwenden.
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Welche Rolle spielt AI dabei und was sind die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Unternehmen?
Bei Greenpeace haben wir letztes Jahr insbesondere die Umweltauswirkungen von AI tiefer analysiert und den aktuellen wissenschaftlichen Stand dazu in einem Report veröffentlicht. Künstliche Intelligenz ist eine ressourcenintensive Technologie. Bis 2030 wird der Strombedarf für KI-Systeme voraussichtlich elfmal so hoch sein wie 2023. Das führt dazu, dass wir weltweit vor der Gefahr stehen, fossile Kraftwerke länger am Netz zu lassen, nur um den Hunger der Rechenzentren zu stillen.
KI ist derzeit der stärkste Katalysator für den Konflikt zwischen ungebremstem wirtschaftlichem Wachstum und globaler Nachhaltigkeit. Wir stehen meines Erachtens an einem Wendepunkt, an dem wir entscheiden müssen, ob die Technik dem Menschen dient oder die Grundpfeiler unserer Gesellschaft untergräbt. Wenn man so will, stehen wir gerade zwischen Innovationsrausch und gesellschaftlicher Verantwortung.
Wie viel gesellschaftliche Verantwortung trägt man als Führungskraft in der IT?
Ich persönlich sehe als IT Entscheiderin für mich hier eine gesellschaftliche Verantwortung. Insbesondere KI ist nicht mehr nur ein technologisches Upgrade, sondern ein gesellschaftliches Experiment mit enormem Einsatz und unklarem Ausgang. Es geht um Macht, Demokratie, Gesundheit, Überwachung & militärische Nutzung, soziale Auswirkungen und die Grenzen unseres Planeten.
In vielen Bereichen wie z.B. dem Gesundheitssektor mit Arzneimittelzulassungen oder dem Straßenverkehr mit Führerscheinprüfungen und TÜV haben wir selbstverständlich Regulierungen zum Wohle der Gesellschaft. Auch in der Finanzbranche gibt es seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2007 verschärfte Regulierungen. Ausgerechnet bei KI wird aber die Regulierung permanent in Frage gestellt und es gibt massiven Druck auf die bestehende EU Gesetzgebung durch die US Tech Oligarchen.
Meines Erachtens muss heute auch der Tech-Sektor seine Verantwortung als gemeinwohl-fördernder Innovator übernehmen und ökologische und ethische Mindeststandards einhalten.
Hier kann ich als IT Entscheiderin ganz direkt in der IT Beschaffung Einfluß nehmen. Als IT-Verantwortliche kann ich klarstellen, wo Grenzen zwischen technologisch Machbaren und ethischen Leitplanken liegen. Ebenso kann ich in der Organisation beraten, wo energieintensive KI Technologie sinnvoll ist und wo klassische Automatisierungsansätze ausreichend sind.
Und nach außen kann ich mich als IT kompetente Person an gesellschaftlichen Debatten beteiligen, Technologieentwicklungen einordnen und Handlungsoptionen anbieten. Deshalb habe ich mit meinen Kolleg:innen vom Bildungsteam dazu auch verschiedene Bildungsmaterialien veröffentlicht.
Wie hat sich die Rolle als CIO verändert? Wo setzen Sie dabei Ihre Schwerpunkte?
Früher war die Kernaufgabe vom CIO für Fachanforderungen stabile, sichere und kostengünstige IT Systeme bereitzustellen. Heute sind wir zusätzlich wesentliche Treiber, um die Organisation fit für die Zukunft aufzustellen.
Ich mochte schon immer an meinem Beruf, dass es nie langweilig wird. Ich lerne permanent Neues, bekomme Impulse von Außen oder gebe auch gerne selbst Impulse nach Außen.
Für mich braucht eine CIO Kreativität und Fantasie, um sich die Zukunft vorstellen zu können. Das passt auch gut für mich, da ich in meiner Freizeit gerne Science Fiction und Fantasy-Bücher lese.
Am wichtigsten als CIO in der heutigen schnelllebigen Zeit ist vermutlich aber Empathie und Kooperationsfähigkeit. Es braucht ein menschliches Miteinander, damit nachhaltige Veränderung angstfrei und gemeinsam zielgerichtet passiert.
Was kann man als CIO machen, um den ökologischen Fußabdruck bewusst zu gestalten?
Gute Governance braucht mehr als Return-of-Investment oder Time-to-Market als Erfolgsmessung. Wir müssen auch fragen: Rechtfertigt der Nutzen die Umweltschäden? Und sich bereits bei der Konzeption überlegen: Skaliert unser Produkt ökologisch sinnvoll?
Ich kann schlicht und einfach damit anfangen, den digitalen Fußabdruck überhaupt erstmal zu messen. Dann weiß ich, ob meine größten Hebel im Bereich Hardware, bei energieintensiven Anwendungen oder bei bestimmten Lieferanten liegen.
Es gibt für alle Bereiche wirkungsvolle Maßnahmen, mit denen ich ohne großen Aufwand starten kann. Ob ich refurbished Hardwarekonzepte einführe, kleinere spezialisierte KI Modelle wähle oder IT Einkaufsprozesse so ändere, dass ökologische Kriterien stärker berücksichtigt werden.
Wenn ich in meiner IT Softwareentwicklung habe, kann ich alle Software-Entwickler in Green Coding schulen, damit sie effizienten Code schreiben und weniger Hardware-Ressourcen benötigen. Green Coding ist beim Vibe-Coding heute oft noch gar nicht berücksichtigt.
Welche Rollen spielen menschliche Aspekte für modernes IT-Leadership?
Technologie ist nur das ‘Was oder Wie’, aber unsere menschlichen Ziele sind ja das ‘Warum‘. Als IT Leiterin möchte ich eine Zukunft gestalten, in der wir alle gerne leben und arbeiten möchten.
Gerade in Zeiten von KI-Umbrüchen und Cyber-Unsicherheit ist Vertrauen die Qualität, die stabil bleiben kann. Digitalisierung ist für mich kein Sprint, bei dem nur die Schnellsten gewinnen, sondern eine Wanderung, bei der wir als Gemeinschaft ankommen müssen. Wenn eine Mitarbeiterin sieht, dass ein neues Tool wirklich hilft, anstatt zu bedrohen, wandelt sich Angst in Neugier. Dafür ein Umfeld zu schaffen, das Lust auf neues Lernen macht und jeden Einzelnen dabei unterstützt, sich zielgerichtet weiterzuentwickeln, ist für mich auch IT Leadership Aufgabe.
IT Leadership braucht heute auch radikale Fokussierung und dafür braucht es eine hohe Kooperationsfähigkeit: Alle IT Teams haben immer viel mehr zu tun, als umsetzbar ist. Um hier organisationsweit die wirksamsten Projekte umzusetzen, müssen IT Entscheidende Brücken zwischen Daten-Silos und manchmal auch menschlichen Egos bauen können.
Was bedeutet der Confare ImpactAward für Sie persönlich? Warum ist es wichtig verantwortungsbewusste IT vor den Vorhang zu holen?
Der Confare ImpactAward bedeutet für mich Anerkennung, dass man technologische Innovation mit Verantwortungsbewusstsein paaren kann.
Es ist von entscheidender Bedeutung, verantwortungsbewusste IT-Projekte und deren Macher:innen ins Rampenlicht zu rücken und durch diese Pioniere mit greifbaren Erfolgsgeschichten zu inspirieren. Wenn wir zeigen, wie eine CO₂-neutrale Cloud-Infrastruktur oder ein ethisch korrektes KI-Modell in der Praxis funktioniert, nehmen wir anderen die Angst vor der Komplexität.
Für unser gesamtes IT Team bei Greenpeace freut es mich, dass dieser Umgang mit zusätzlicher Komplexität und Anstrengung gewürdigt wird. Heutzutage eine flexible, moderne, schnell reagierende IT mit gleichzeitig stabilem, kostengünstigem und sicherem Betrieb umzusetzen, ist schon per se anspruchsvoll. Gleichzeitig dies auch noch nachhaltig und wertebasiert zu tun, braucht hochmotivierte und zukunftsgestaltende Menschen.
Der ImpactAward ist für mich ein Symbol, dass die Zeit reif ist für mehr Werteorientierung in der Tech-Branche: Jede technische Innovation muss die Frage beantworten : “Verbessert diese Innovation das Leben der Menschen? Und woran messen wir das?”


