Wolf Lotter: Strengt Euch An! Wir arbeiten weniger als je zuvor und sind trotzdem so erschöpft

by Anthony Torno

Wolf Lotter im Bloginterview:

Arbeit ändert sich drastisch. In den USA spricht man vom Phänomen der „Great Resignation“, eine Kündigungswelle, die im Zuge der andauernden Coronakrise viele Branchen erfasst hat. Für viele wichtige Aufgaben fehlen heute auch in Europa die Bewerber. Pflege, Lehre, IT, in vielen Bereichen herrscht Fachkräftemangel. Es sind aber nicht nur Spezialisten-Jobs betroffen. Zahlreiche Vakanzen bleiben oft für Monate offen. Die Arbeitswelt ist zur Home-Office, Gleitzeit und Work-Life Balance Komfort-Zone geworden und Arbeitgeber müssen sich mehr als je zuvor ins Zeug legen, um attraktiv zu sein. Will sich keiner mehr anstrengen? 

Es braucht mehr Leadership statt Management, fordert Autor und Transformationsexperte Wolf Lotter in seinem neuen Buch Strengt Euch An! mit dem Untertitel: „Warum sich Leistung wieder lohnen muss“. Wir wollten von ihm konkreter wissen, warum die gesellschaftliche Entwicklung jetzt so vehement spürbar ist und warum es besser ist, sich mit der Komplexität anzufreunden, als immer nur Wege zu suchen, sie zu reduzieren.

Sie beobachten die Entwicklung hin zur Wissens- und Netzwerkgesellschaft – Was macht das Neue in dieser Gesellschaft aus?

Wir leben kulturell noch im Industriezeitalter, in dem der Leistungsbegriff mit Fleiß und Disziplin gleichgesetzt wurde.   Man  musste sich ein- und unterordnen, um etwas zu gelten. In der Wissensgesellschaft geht es um das Wissen der Person, um die Entwicklung von Innovationen und neuen Ideen. Man könnte sagen: Die Industriegesellschaft hat die materielle Basis für die Wissensgesellschaft geschaffen. Wir haben Wohlstand für viele erreicht. Aber wenn wir jetzt nicht anfangen, zu denken und selbständig zu arbeiten, verlieren wir, was wir durch harte Arbeit gewonnen haben. Das ist deshalb schwierig, weil es uns erstens gut geht und zweitens die Ideale der Leistung immer noch so gelehrt werden wie früher. Heute gehts aber darum, dass wir uns mit dem Kopf anstrengen. Das ist übrigens viel mühsamer als einfach die Muskeln spielen zu lassen – deshalb geschieht es auch so selten.

Sie schreiben: »Noch nie haben die Menschen so wenig gearbeitet wie heute, und noch nie, so scheint es, waren sie dabei so erschöpft« Wie macht sich das im Alltag und im Wirtschaftsleben bemerkbar?

Wenn sie sich die Entwicklung der Arbeitszeiten ansehen, arbeiten wir – rein nach Stunden – deutlich weniger als früher. Wir sind aber mit mehr beschäftigt. Warum?

Erstens, weil es mehr Möglichkeiten und Varianten gibt als früher. Wir verbringen heute einen guten Teil unserer Zeit mit Suche und Orientierung. Das ist ein deutlicher Hinweis auf eben die Vielfalt als Ressource der Wissensgesellschaft. Komplexität muss erschlossen werden. Das ist harte Arbeit. Früher hatte man ja oft gar keine Wahl. Es wurde gegessen, was auf den Tisch kommt. Die Konsumgesellschaft zeigt uns schon, dass das nicht einfach ist. Selbst in der Freizeit haben wir viel zu tun. Viele verbringen mehr Zeit mit dem Suchen nach einem Film auf Netflix als mit dem Anschauen. Mit anderen Worten: Wir haben noch nicht ausreichend gute Werkzeuge entwickelt, um mit Vielfalt umzugehen, das müssen wir jetzt tun

Welche Probleme ergeben sich daraus?

Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Das führt zu Trugschlüssen, der berühmteste lautet: Weniger ist mehr. Aber das stimmt nicht. Tatsächlich lernen wir grade, mit Komplexität richtig umzugehen. Komplexität wurde ja bisher immer nur reduziert, es geht aber darum, sie zu erschliessen. Das ist eine andere Betrachtungsweise. In den Netzwerken und den Organisationen, die nicht mehr hierarchisch und nach industriellem Muster ausgerichtet sind, leben wir von dieser Vielfalt. Ganze Branchen wie das Web spiegeln das ja deutlich wider. Das Problem ist aber, dass viele eben noch aus alten Strukturen kommen, in denen Ordnungsmuster herrschen, die eine gewisse Sicherheit suggerieren, im Sinne einer Übersichtlichkeit. Und die werden von der Politik bevorzugt bedient, weil Politik immer Menschen braucht, um die “sie sich kümmern kann”. Das schafft allerdings viele Verkümmerte.

Warum ist der Leistungs-Gedanke so verpönt?

Weil niemand sich gerne anstrengt, außer, wenn er oder sie ein persönliches Ziel hat. Nehmen wir mal den Sport. Da ist es anders. Oder bei Hobbies. Da tun Leute ganz wahnsinnige Sachen, die körperlich und geistig enorm anstrengend sind. In der Firma, der alten Arbeitswelt, gilt hingegen die Devise: So gemütlich und so sicher wie möglich. Es gibt, wie das der große David Graeber gesagt hat, immer mehr Bullshit Jobs. Sachen, die keiner braucht außer denen, die sie zu ihrem Amt gemacht haben. Ständig werden neue Problemzonen geschaffen, um die sich jemand kümmern muss.

Raus aus der Komfortzone – das ist ein verbreiteter Slogan unserer Zeit – Wieso braucht es diesen ständigen Weckruf?

Das Gehirn ist eigentlich stinkfaul. Es will seine Ruhe haben. Das kennen alle aus ihrer Schulzeit, jedenfalls die meisten. Deshalb hören sie nach Schule und Ausbildung auf, weiter zu lernen. Das einzige Gegenmittel ist Neugier und Interesse, die persönliche Motivation, siehe oben. Wenn mich etwas interessiert, dann will ich es wissen. Selbstverwirklichung, die höchste menschliche Entwicklungsstufe, muss man sich so vorstellen wie jemand, der mit offenen Augen durch die Welt geht – nicht jemand, der schon “angekommen ist”.

Aufhören, es besser zu wissen. Aus dem Weg gehen. Weg vom Management, hin zum leadership, was bedeutet: Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Freiräume ermöglichen, nicht nur drüber reden. Wissensarbeiter wissen ohnehin besser über ihre Arbeit Bescheid als ihr Chef – das hat der schlaue Peter Drucker festgestellt. Also sollen sie aus dem Weg gehen – und die die Arbeit machen lassen, die sie können – dass würde schon sehr viel mehr Tempo und Performance ins Spiel bringen. Wenn ich aber meine Leute ständig frustriere, weil ich alles besser weiß, dann werde ich scheitern. Wir müssen die einzelne Leistung hervorheben, den Unterschied – darüber schreibe ich in meinem neuen Buch “Unterschiede. Wie Vielfalt für mehr Gerechtigkeit sorgt”, das im Frühjahr 2022 erscheint. Wir brauchen weniger Arbeitskreis und mehr persönliche Leistungsbereitschaft.

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