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Bob Blume: Die Schule brennt! Warum sich Schule und Bildungssystem so schwer mit Veränderung tun

by Yara El-Sabagh

Exclusive im #ConfareBlog Warum sich Bildungssystem so schwer mit Veränderung tut

Mit Livin IT Young Perspectives ermöglicht Confare in diesem Jahr erstmals Schüler:Innen den Besuch des Confare #CIOSUMMITs, des wichtigsten IT-Management Treffpunkts Österreichs. Sie erhalten einen Einblick in die Welt von IT und Digitalisierung, treffen hochkarätige Manager und können mehr über Perspektiven und Jobaussichten in diesem Umfeld lernen.

Im Zuge der Vorbereitung der Veranstaltung haben wir mit Bildungsexperten und Pädagogen über Schule und Digitalisierung gesprochen.

Sein Buch „Zehn Dinge, die ich an der Schule hasse und wie wir sie ändern können“ hat es nicht nur auf die Bestseller Listen geschafft, sondern hat eine gesellschaftliche Diskussion weiter angefeuert, die Angesichts von Lehrermangel, Transformation und Generationenkonflikt eine hohe Brisanz hat. Bob Blume, selbst Lehrer, attestiert: Die Welt hat sich geändert, die Schule nicht! Sein Podcast läuft unter dem Titel: Die Schule brennt. Im Bloginterview sprechen wir darüber, warum es in Bezug auf Schulreform nicht nur eine richtige Antwort gibt, und diese nicht zwangsläufig mehr Digitalisierung heißen muss.

Auch die CIO und CDO Community ist gefragt. Was können Unternehmen und ihre IT zu einer besseren Welt beitragen? Dafür gibt es die Confare #ImpactChallengeNominieren und Einreichen ist jetzt möglich!

bildungsystemWas sind denn die wichtigsten gesellschaftlichen Entwicklungen, die auf unser Bildungssystem Auswirkungen haben?

Normalerweise könnte man meinen, dass die erste Antwort Technologie lautet. Und natürlich hat diese Auswirkungen auf das Schulsystem, nicht erst seit ChatGPT. Aber ich würde sagen, dass die größte gesellschaftliche Entwicklung auf unser Schulsystem durch die Art und Weise geschieht, wie die Gesellschaft selbst aufgebaut ist. Das dreigliedrige System als Antwort auf die Frage, die in der Industrialisierung dafür gesorgt werden kann, dass jeder der Branche zugeführt wird, die für ihr am besten passt, ist nicht mehr zeitgemäß. Sie dient einem gesellschaftlichen Statuserhalt, der mit dem System zementiert wird. Man könnte also sagen, dass das Bildungssystem stark davon beeinflusst ist, wie die Gesellschaft selbst aufgebaut ist: Hierarchisch von oben nach unten. Und weil das Ganze von einem sehr rigorosen bürokratischen Apparat gesteuert wird, ist es so schwer, auf externe gesellschaftliche Entwicklungen wie zum Beispiel die Digitalisierung zu reagieren. Was aber allen klar sein muss: Hier muss ein massiver Wandel geschehen. Nicht nur aus rein menschlichem Interesse daran, dass wir uns als Gesellschaft es nicht leisten können, junge Leute einfach zu verlieren. Sondern auch hinsichtlich der Frage, wie wir dem entgegensteuern. Es gibt immer weniger einfache Berufe, die Automatisierung schreitet voran. Und mit dieser Entwicklung steigt der Bedarf an kognitiv anspruchsvollen Arbeiten. Das bedeutet, dass junge Menschen in die Lage versetzt werden müssen, in einer Gesellschaft zu leben, an der Kultur teilzuhaben und in einer Wirtschaft zu arbeiten, die immer höhere Ansprüche an den Einzelnen stellt.

Man hat den Eindruck, die Welt ändert sich rasant. Gleichzeitig scheint im Bildungssystem der Wandel nur sehr langsam zu passieren. Wie gut sind unsere Schulen denn wirklich an die Anforderungen unserer Zeit angepasst?

Das Problem ist, dass für Bildung nie eine einzelne Antwort richtig ist. Man könnte zurückfragen: Welche Schulen? Gymnasien? Geht so. Realschulen? Geht so. Hauptschulen? Gar nicht. Berufsschulen? Schon eher. Grundschulen? Kommt drauf an. Der kleinste gemeinsame Nenner ist wohl überall die Überfrachtung, die zustande kommt, wenn man gleichzeitig versucht, jede neue Herausforderung formal zu festigen, aber an der anderen Seite nichts wegfallen zu lassen. Man müsste also eher Fragen: Wie gut sind die höheren Steuerungsebenen an unsere Zeit angepasst? Denn an denjenigen, die dort arbeiten, wäre es ja, für strukturelle Veränderungen zu sorgen. Und da muss man sagen: Leider noch gar nicht. Wir hinken hinterher.

Wie sehr hat sich Corona denn auf unser Bildungswesen ausgewirkt?

Erst gar nicht, dann ganz viel, dann wieder wenig. Man muss sich das ja so vorstellen, dass alle ins kalte Wasser geworfen wurden. Dann hat man alle Kraftanstrengung gebraucht, um mit dem, was da war, irgendwie ins digitale Zeitalter zu kommen. Dafür wurden dann einige sogar bestraft, weil der Datenschutz oft wichtiger war als funktionierender Unterricht. Als sich dann alles eingependelt hatte, konnte man schon das Gefühl haben, dass hier etwas Neues passiert ist. Plötzlich gingen Dinge – von digitalem Unterricht zu Hybridformen – die niemals ohne die Pandemie möglich gewesen wären. Aber das ist das Problem: So, wie die Pandemie wieder verschwand, so verschwanden auch viele funktionierende Prozesse. Die Kräfte, die zurück zu einer nie definierten, aber als gut wahrgenommenen „Normalität“ zurückwollten, waren im BiIdungssystem zu stark.

Wo siehst Du am meisten Handlungsbedarf?

In der Stofffülle. „Wie bitte!?“, könnten jetzt viele schreien. Faktisch ist das größte Problem doch der Lehrermangel. Das stimmt schon. Aber viele tun so, als seien bestimmte Aspekte in Stein gemeißelt. Und dann kommt es drauf an, was man will. Wenn ich möchte, dass das Bildungssystem und damit die Schule wirklich den „Erziehungs- und Bildungsauftrag“ ernst nimmt, der in allen Schulgesetzen steht, dann ist es gerade zu viel Stoff. Das sieht man schon an der riesigen Nachhilfeindustrie. Und jetzt kommt es: Dafür haben wir zu wenige Lehrerinnen und Lehrer. Die können wir auch nichr einfach aus dem Hut zaubern, das ist ein Defizit aus vielen Jahren der Fehlplanung. Was wir aber tun können, ist, zu sagen: Was ist wichtig. Und was kann weg. Und eine Antwort ist: Was wichtig ist, dass Schülerinnen und Schüler, die die Schule verlassen, Lust haben, zu lernen. Und in der Lage dazu sind. Denn ansonsten bekommen wir in Deutschland ein Problem: Das leistet Schule aber gerade nicht, weil zu viel auf einmal zu tun ist bei zu wenigen Lehrern. Also: Stoff weg, Leute her und das Lernen ins Zentrum der Bildung.

Welche Perspektiven bietet die Digitalisierung für das Schulsystem?

Alle und nichts. Alle, wenn man genug Personen hat, um die Potenziale zu nutzen. Also Administratoren, die genügen Zeit bekommen, das System bestmöglich zu unterhalten. Ein Schulträger, der das pädagogische Konzept versteht, didaktische Leiter, die es umsetzen und so weiter und so fort. Dann, aber eben erst dann, kann die Digitalisierung bei all dem unterstützen, was in den letzten Jahren so lang und breit diskutiert wurde: Integration, Differenzierung, Individualisierung. Aber das sind alles Dimensionen, die sich erst öffnen, wenn alle ihre Hausaufgaben machen. Und da sieht es leider nicht überall gleich gut aus. Also kurz: Die Digitalisierung könnte die Schulen revolutionieren, wenn dies all jene, die verantwortlich sind, auch wollen.

Wo können zum Beispiel EduTechs wirklich etwas beitragen?

Dort, wo die Bedingungen bestehen oder entwickelt werden konnten, also sehr nah an der Praxis, könnten EduTechs assistieren, Impulse geben und begleiten. Dabei können sie eben das tun, was das KM und die Ministerien zu wenig tun: Schauen, wie die Realität aussieht und aus der Perspektive von vor Ort Möglichkeiten für die Weiterarbeit schaffen. Wenn das gelingt, dann profitieren am Ende alle. Aber dafür darf die Politik auch nicht die Türe vor den verschiedensten Initiativen verschließen. Der größte Vorteil von EduTechs ist natürlich, dass funktionierende Systeme eine so skaliert werden können, dass sie vielen helfen. Aber der Skalierungseffekt wird dort ausgehebelt, wo die Unterschiede so große sind, dass sie nicht für alle passen. Das heißt: Der Rückkanal bleibt eines der wichtigsten Instrumente, um zu verstehen, was genau benötigt wird. Da können EduTechs sehr viel von Social-Media lernen. Und das tun sie ja auch. Man würde sich wünschen, dass Schulen auch so interessiert daran wären, in diesem Bereich weiter zu kommen.

*Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Beitrag das generische Maskulinum verwendet. Die in diesem Beitrag verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.

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