Licht am Ende des Tunnels?

by Alp Keser

Massive Einkommens- & Umsatzverluste, drohende Antriebslosigkeit und weshalb CIOs etwa die gleiche Herausforderung wie Gesundheitseinrichtungen haben. Keynote Speaker, Management Consultant & High Performance Coach Monika Herbstrith-Lappe über die neurobiologischen Auswirkungen der Corona-Krise.

Treffen Sie die Speerspitze des IT-Managements aus Österreich, Deutschland und der Schweiz bei Confare #CIO2020 am 20. Oktober 2020 in Frankfurt.

Gute Inszenierungen von Filmen & Theaterstücken halten das Publikum in einer Spannung zwischen Hoffen & Bangen. So gesehen ist die Corona-Krise höchst theatralisch. Das Problem: Wir sind nicht die sich in Sicherheit wiegenden Zuseher*innen, nicht einmal die auch noch gut gesicherten Schauspieler*innen sondern es ist reales Leben. Das gilt für uns alle – und für Menschen in IKT-Bereichen noch einmal ganz besonders.

Die neurobiologische Stressfalle

Die aktuelle Coronakrise ist gleich mehrfach für unser Hirn sehr fordernd. Massive Einkommens- & Umsatzverluste können tatsächlich existentielle Bedrohungen darstellen. Verlust von Arbeitsplatz ist ein massiver Verlust an Sicherheit. Darüber hinaus ist die Beschränkung der Ausgangsfreiheit für unser Hirn nur sehr schwer zu ertragen: schließlich bedeutet das evolutionspsychologisch, dass die Zugänge zu „unserer Höhle“ nur schwer passierbar sind. Flucht ist daher nur mehr sehr eingeschränkt möglich. Bleiben uns die beiden anderen in der Steppe überlebenssichernden Stressprogramme Kämpfen & Totstellen. Ersteres bedeutet ein höheres Aggressionspotential. Zweiteres führt zu Antriebslosigkeit bis zu lähmender Depression.

Home Office bedeutet für Menschen, die mit anderen zusammenleben, erzwungene – im Gegensatz zur frei gewählten, selbst entschiedenen – Nähe. Da prallen Interessen aufeinander. Was wiederum zu Konflikten führt. Im Stress sinkt der Serotoninspiegel im Hirn, was größere Amplituden unserer Emotionen bewirkt. D.h. Konflikte fallen emotionaler aus & eskalieren leichter. Daher ist jetzt empathische, lösungsorientierte Kommunikation besonders wichtig. Siehe mein Blog-Beitrag: Das Gespräch suchen bevor mich der Konflikt findet

Und für unser Hirn noch einmal extrem belastend: Der hohe Grad an Ungewissheit, wie lange es noch dauern wird & wie es danach weitergehen kann. Wenn wir wüssten, worauf wir uns einstellen müssen, wäre der Stresspegel deutlich niedriger.

Tipps, wie man sich der neurobiologischen Stressfalle entziehen kann, finden Sie in meinem Blog-Beitrag „Gutes Durchtauchen grimmiger Zeiten

Krise zwischen Bedrohung & Chance

In den Sozialen Medien kreist dzt. diese sehr treffende Karikatur:

Tatsächlich ist die jetzige Zeit mit einerseits einem plötzlich großen Anteil an Home Office im beruflichen Umfeld sowie andererseits der befohlenen räumlichen Distanz im Gegensatz zu unserem Bedürfnis nach sozialer Nähe ein unglaublicher Treiber der Digitalisierung. Dieser massive externe Push für digitale Lösungen ist im Förderlichen wie auch im Bedrohlichen mächtig.

Gesellschaftlich müssen wir darauf achten, dass wir die Digitalisierung inkludierend und nicht diskriminierend gestalten. Zum Beispiel wird durch Home Learning von Schulkindern der Unterschied zwischen Schüler*innen mit Eltern, die beim Lernen helfen können, und Kindern aus sogenannten bildungsfernen Elternhäusern größer. Abgesehen davon, dass ich mich frage, was mit jenen ist, die zu Hause kaum IKT-Ausstattung haben und deren Eltern auch nicht bei der Nutzung digitaler Plattformen helfen können.

Umgekehrt ist die Krise eine unglaubliche Chance, „digitalen Migrant*innen“ neue Medien wie z.B. Tools für Videokonferenzen, Teilen von Dokumenten, etc. schmackhaft zu machen. Die Krise betreibt hier Kick-Ass-Consulting: Sie gibt uns den Anstoß aus der Komfortzone des Vertrauten in die Komm-Vor-Zone der Möglichkeiten zu gehen. Ich bin davon überzeugt, dass viele diese Medien auch über die Krise hinaus nutzen werden, weil es viele Zugänge erleichtert. Zum Glück sind viele Tools auch schon höchst nutzungsfreundlich gestaltet und weisen daher geringe Hemmschwellen auf.

Herausforderungen für CIOs

Vermutlich haben viele IKT-Bereiche die gleiche Herausforderung wie Gesundheitseinrichtungen: eine plötzliche massive Welle an Anforderungen, die es einigermaßen zu verteilen gilt.

Stress erzeugt Tunnelblick. Dabei geht uns häufig der Blick für das Wesentliche verloren. Das kommt z.B. in diesem augenzwinkernden Dialog zum Ausdruck: „Der Wind frischt auf, setzt die Segel.“ „Keine Zeit, wir müssen rudern.“

Keine Fragen: in akuten Krisen mit hohem Grad an Ungewissheit ist „Fahren auf Sicht“ eine angemessene Überlebensstrategie. Konsequent auf das achten, was JETZT überlebenswichtig ist, den NÄCHSTEN Schritt setzen, die JETZigen Ressourcen optimal einsetzen.

Die Gefahr besteht, dass die Herausforderungen der Gegenwart Investitionen erschweren, die zukünftig einen guten (Geschäfts-)Erfolg ermöglichen. D.h. es braucht eine gute Balance zwischen denen, die JETZT mit Rudern dafür sorgen, die anstehenden Klippen & Strömungen zu meistern UND jene, die dafür sorgen, dass auch die Passagen danach gut zu bewältigen sind. Auch ähnlich wie im Gesundheitssystem: Wenn jetzt alle OPs, die nicht unbedingt erforderlich sind, verschoben werden, könnte das zu einem Anstieg an schweren Erkrankungen in naher Zukunft führen. Auch dazu ein humorvolles Zitat: „Weil wir immer die Hühner fangen, kommen wir nicht zum Flicken der Löcher im Zaun.“ Ich nenne das auch PePsL: Problem erzeugende Pseudolösungen.

Ja, jetzt ist Ausnahmesituation. Blaulicht ist eingeschaltet. UND: es gilt darauf zu achten, es dann auch zeitgerecht wieder auszuschalten. Dann gilt auch wieder die Straßenverkehrsverordnung.

Eine andere Herausforderung besteht damit, dass Ängste unser Risikobewusstsein vernebeln. Die Diskussionen rund um Zoom haben gezeigt, wie eng verwoben Nutzungsfreundlichkeit & Anforderungen an IT Security sind.

Siehe dazu auch: „Die grüne Kokosnuss: Risikobewusst statt angstgetrieben

Gesunde Balance zwischen angemessenem Risikobewusstsein & stärkender Zuversicht

Diesen Witz habe ich auch Herrn Matthä, Vorstand der ÖBB-Holding AG erzählt: „Der Pessimist sieht das Dunkel im Tunnel. Der Optimist sieht das Licht am Ende des Tunnels. Der Realist erkennt, es ist der entgegenkommende Zug. Der Lokführer sieht 3 Idioten am Gleis.“ Ich erzähle das sehr gerne, einerseits um zu verdeutlichen, dass Zuversicht nicht mit naivem Leichtsinn verwechselt werden soll. Den Tatsachen ins Auge zu blicken kann überlebenswichtig sein. Gefahren zu verniedlichen, zu verharmlosen oder gar zu ignorieren, wäre kontraproduktiv. Ich lade ein, „Den Kopf in mein Möglichkeits-Meer statt in den Sand zu stecken.“ Andererseits verdeutlicht der Witz auch, dass wir vom Erkennen ins Handeln kommen müssen. Ein italienisches Sprichwort besagt: „Zwischen dem Regen und dem Tun liegt das Meer.“ Das ist auch eine wesentliche Idee meines Möglichkeits-Meeres, dass es die Wirkung der Worte mit entschlossenem Handeln verbindet.

Das Erfolgs-Trio zum Meistern kritischer Situationen besteht aus meiner Sicht:

  1. Realistische Einschätzung der Situation
  2. Heiter-souveräne Gelassenheit
  3. Zuversicht & (Selbst-)Vertrauen

Aus der Krise gestärkt herausgehen

Gleichzeitig bietet die Coronakrise auch eine große Chance: Seneca hat schon gemeint: „Den guten Steuermann lernt man im Sturme kennen.“ In kritischen Situationen hat man wenige Freund*innen – dafür gute. Beruflich & privat gilt, dass in Krisen Beziehungen einer Bewährungsprobe unterzogen werden. Eine gute Vertrauensbasis wird durch das gemeinsame Meistern von Herausforderungen noch weiter vertieft. Bei nicht so guten Beziehungen werden aus Rissen Brüche: Unter den Teppich gekehrte, latente Konflikte brechen in stressigen Situationen aus.

Jetzt können sich CIOs, CTOs & CDOs als unverzichtbare Partner*innen zum Meistern der aktuellen Herausforderungen & zum Gestalten des Business von morgen beweisen.

Monika Herbstrith-Lappe

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